12.09.2019

Bücher besser als Bollywood

Kiran Nagarkar
Kiran Nagarkar (1942-2019), im Sommer 2018 in München (Foto: Axel Timo Purr)

Kiran Nagarkar, Liebhaber nicht nur des indischen Kinos, Filmkritiker und Drehbuchautor, der dann aber doch lieber Romane schrieb und zu einem der großen Schriftsteller Indiens wurde, ist vergangenen Donnerstag mit 77 Jahren in Bombay gestorben

Von Axel Timo Purr

»There is only one God and her name is Life. She is the only one worthy of worship.«
- Kiran Nagarkar, »God‘s Little Soldier«

»It was a marvelous sensation to be finally reco­gnized; to be wanted so inis­tently; to be a celebrity; to be told that Eddie and he could make or break a film.«
- Kiran Nagarkar, »Ravan & Eddie: The Extras«

Dass seine Beziehung zu seinem Heimat­land Indien eine höchst ambi­va­lente Beziehung war, eine Beziehung, in der immer auch Distanz eine Rolle spielen sollte, war Kiran Nagarkar wohl schon 1942 in die Wiege gelegt worden. Nicht nur durch einen verarmten, brah­ma­ni­schen Vater, der die Liebe zur eigenen Kultur – sei es klas­si­sche indische Musik und Tanz oder die reiche lite­ra­ri­sche Tradition Indiens – mit härtesten pädago­gi­schen Methoden weiter­ver­mit­telte, sondern auch durch eine fast schon ironische Lebens­mit­tel­all­ergie: Nagarkar vertrug keine Linsen. In einem »Linsen­land« wie Indien eigent­lich völlig undenkbar. Weshalb es wohl auch unzählige Rettungs­ak­tionen seines älteren Bruders brauchte, der den kleinen Kiran wieder­holt in die Notauf­nahme bringen musste, bis es die erwei­terte Familie tatsäch­lich akzep­tierte, dass der Junge sterben kann, wenn er Linsen, in welcher Form auch immer, zu sich nimmt.

Später waren es dann seine Freunde, die er auf der ganzen Welt hatte und regel­mäßig besuchte, die ihn immer wieder dem besten Arzt zuführen mussten, um eine der zahl­rei­chen poten­zi­ellen gesund­heit­li­chen Gefahren und Allergien in Schach zu halten. Um die kritische Distanz zu seiner Heimat und Kultur kümmerte sich Nagarkar aller­dings schon sehr früh selbst.

Wie viele Intel­lek­tu­elle seiner Gene­ra­tion fing Nagarkar nach seinem Studium an als Lehrer zu arbeiten, verdingte sich kurz danach als Jour­na­list und schuf zusammen mit seinem engen Freund, dem Lyriker Arun Kolatkar, als Dreh­buch­autor in der Werbe­in­dus­trie bahn­bre­chende Kampagnen. Zeit­gleich expe­ri­men­tierten Kolatkar und Nagarkar mit ihren bi-lingualen lite­ra­ri­schen Tradi­tionen, um damit wichtige Beiträge im post­ko­lo­nialen Lite­ra­tur­dis­kurs Indiens zu schaffen. Während Kolatkar Marathi-Kultur in englische Gedichte über­führte, schrieb Nagarkar in seiner Mutter­sprache Marathi 1974 mit »Saat Sakkam Trechalis« (dt. »Sieben mal sechs ist 43«) leiden­schaft­lich und innovativ gegen den lite­ra­ri­schen, in engli­scher Sprache verfassten bildungs­bür­ger­li­chen indischen Main­stream an. Sein Thea­ter­stück »Bedtime Story« (1978), zu dem er vor wenigen Jahren ein Drehbuch nach­lie­ferte (»Black Tulip«), war mit Episoden aus dem Mahab­ha­rata gespickt und hinter­fragte damit so subversiv die poli­ti­sche Gegenwart, dass hindu­is­ti­sche Natio­na­listen 17 Jahre eine Auffüh­rung verhin­derten. Nagarkar zog sich wohl auch wegen dieser aggres­siven Anfein­dungen, die er auch durch seinen unkon­ven­tio­nellen ersten Roman erfahren musste, ein wenig aus dem poli­ti­schen Fokus zurück und begann seiner Leiden­schaft für Film mehr Raum zu geben. Sein Freund Anil Dharkar stellte ihn Anfang der 1980er Jahre als Film­kri­tiker in seinem Magazin »Debonair« an und wurde mit scharf­zün­gigen, wuchtigen Film­kri­tiken und Essays dafür belohnt.

Nagarkar schrieb weitere Dreh­bücher und spielte dann auch vor der Kamera in einem der wegen seiner Kritik an Bombays Umgang mit seinen Wasser­res­sourcen, Pädo­philie und sexueller Unter­drü­ckung damals umstrit­tensten Filme New Bolly­woods, in Dev Benegals Split Wide Open (1999) auch vor der Kamera eine Rolle, doch war zu diesem Zeitpunkt schon klar, dass er seine Liebe für Bollywood, aber auch das west­ben­ga­li­sche Kino eines Satyajit Ray genau­sogut oder viel­leicht sogar besser in Romane fließen lassen konnte.

Romane, die in ihren epischen Histo­ri­zität, in ihrer ausdrück­li­chen Musi­ka­lität und mit ihren plas­ti­schen, flim­mernden Liebes­ge­schichten allesamt großes Bollywood sind, sich aber gleich­zeitig auch davon distan­zieren, indem sie das inkor­po­rieren, was heute als New Bollywood bezeichnet wird – die scho­nungs­lose Einbin­dung poli­ti­scher Inhalte und sozi­al­kri­ti­scher Elemente, wie etwa in Anurag Kashyaps »Black Friday« (2007), der einer der Lieb­lings­filme Nagarkars in den letzten Jahren war.

In seiner Roman­tri­logie »Ravan & Eddie« (1994-2015) etwa zeigt Nagarkar nicht nur scho­nungslos die Wohn- und Lebens­si­tua­tion der unteren Klassen in einem Bombayer Mietshaus und liefert mit dem zweiten Band »Die Statisten« ein opulentes Bild der Bollywood-Industrie der 1970er, sondern fordert mit dem Porträt einer Freund­schaft zwischen einem Hindu und einem Christen fast schon verzwei­felt – wenn auch immer humorvoll – dazu auf, doch das Indien anzu­er­kennen, das im Zuge eines zuneh­menden hindu­is­ti­schen Natio­na­lismus am Verschwinden ist – das der friedlich neben­ein­ander koexis­tie­renden Reli­gionen.

Dezi­dierter hatte Nagarkar diese Proble­matik bereits in seinem mit dem renom­mier­testen indischen Lite­ra­tur­preis ausge­zeich­neten, wunder­baren Roman »Cuckold« (1997, dt. »Krishnas Schatten«) ange­deutet, in dem er u.a. auf die reiche isla­mi­sche Tradition des indischen Kultur­raums verwies und ähnlich wie in seinem Stück »Bedtime Story« die Geschichte zum Spiegel der Gegenwart trans­for­mierte. Doch das reichte ihm schon bald nicht mehr. In seinem dichten, luziden Terro­ris­mus­roman »God’s Little Soldier« (2006, dt. Gottes kleiner Krieger), den er schon in den 1990ern konzi­piert hatte, stürzt sich Nagarkar auf die Gegenwart des reli­giösen Extre­mismus und ihrer biogra­fi­schen Essenzen, bindet aber gleich­zeitig, unscheinbar und zart, die Beziehung zu seinem älteren Bruder mit ein.

Aber auch die neben den poli­ti­schen, zuneh­menden ökolo­gi­schen Kata­stro­phen und Diskre­panzen zwischen Stadt und Land, Mann und Frau im indischen Alltag, ließen Nagarkar nicht ruhen. Er setzte sich offiziell für den öffent­li­chen Verkehr in Mumbai ein (das für ihn stets das noch nicht von Natio­na­listen verein­nahmte Bombay blieb), prangerte die rück­sichts­lose Wasser­po­litik Bombays an und schuf in seinem vorletzten Roman »Jasoda« (2018) einen Frau­en­cha­rakter, der nicht nur vom Leid der Frauen in Indien erzählt, sondern auch von einem völlig verwun­deten Land.

Gerade auch wegen seines steten lite­ra­ri­schen Einsatzes für starke, unab­hän­gige indische Frauen erschüt­terten ihn die Anschul­di­gungen von drei indischen Jour­na­lis­tinnen wegen sexuell unge­bühr­li­chen Verhalten, die im Furor der indischen #MeToo-Bewegung arti­ku­liert wurden, umso mehr.

Bei seinem letzten Besuch in München 2018 waren ihm seine wunder­bare Ironie und sein komplexer Humor, der bei aller harschen Kritik an Indien und seinen Verfeh­lungen nie ausblieb, nur noch in Ansätzen präsent. Er suchte verzwei­felt einen neuen deutschen Verleger, nachdem der A1-Verlag, der seine Bücher bis dahin in gran­diosen Über­set­zungen dem deutschen Kultur­raum vermit­telt hatte, den Betrieb einge­stellt hatte.

Die Zeiten, da er mit uns lachend, verängs­tigt und waghalsig zugleich zum ersten Mal nach 50 Jahren wieder auf einem Fahrrad fuhr, statt wie in seinen Studi­en­zeiten in Pune an der Mula entlang, nun als aner­kannter Schrift­steller in München die Isar hina­b­ra­delte und sich dabei fast den Hals brach; die Zeiten, da er uns wütend zurecht­wies, weil wir einen pater­na­lis­ti­schen, völlig verfehlten Film wie Slumdog Millio­naire genossen hatten, sich aber über einen gemein­samen Abend mit Michael Ciminos Deer Hunter und Heaven’s Gate genauso leiden­schaft­lich freuen konnte oder die mit trie­fender Selbst­ironie vorge­brachte Bitte, mal wieder ein paar Gegen­s­tände zurück­lassen zu dürfen, einen mit Kleidung gefüllten Koffer etwa; und dann seine Leiden­schaft für schöne Kurtas oder für das legendäre Restau­rant Brittania and Co. von Boman Kohinoor, und dessen nur zur Mittags­zeit ange­bo­tenen Berbe­ritzen-Pilaus – all das schien vorbei und kaum mehr relevant. Nur Kinder konnten ihn noch begeis­tern, das Lachen abringen, was ihm mehr und mehr im Halse stecken blieb.
Viel­leicht auch, weil er ahnte, dass ihm das, was er seinen Helden Ravan und Eddie in ihr fiktives Leben schrieb, nämlich die Aner­ken­nung und der tiefe Wunsch, etwas ändern zu können – in seinem Fall an der beängs­ti­genden sozio-poli­ti­schen Lage Indiens – am Ende verwehrt bleiben sollte.

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