18.07.2019

Vergessener heiliger Akt

Reise zum Mond
Georges Méliès: Die erste Mondlandung

Der größte Film der Menschheitsgeschichte: Was hat das Kino aus dem Mythos der Reise zum Mond und der Weltraumbesiedlung gemacht

Von Rüdiger Suchsland

Am Anfang war der Mythos. Der Mond ist ein leben­diges Wesen, er hat ein Gesicht, und lächelt ein bisschen spöttisch, von oben herab eben. Er lacht über die kleinen Menschen da unten, ihr Gewimmel, und die Tatsache, dass sie offenbar ernsthaft glauben, sie könnte zu ihm rauf kommen mit ihren Raketen. Doch dann – autsch! – geht es voll ins Auge. Denn genau ins rechte Auge des Mondes trifft die Rakete der fran­zö­si­schen Astro­nauten, so wie eine Banane in eine Sahne­torte.

Le voyage dans la lune (Die Reise zum Mond) heißt der aller­erste Film der Geschichte, der im Jahr 1902 den Mensch­heits­traum einer Mond­lan­dung erstmals in bewegte Bilder fasst. Er stammt vom fran­zö­si­schen Film­pio­nier Georges Méliès.

Méliès war zuerst Zauber­künstler, und zauberte so den ersten Science-Fiction-Film der Welt. Bei ihm tragen die Astro­nomen noch spitze Hüte. Auf dem Mond fliegen die Kometen tief. Die Erdlinge steigen darum hinab ins Mond­in­nere und finden unter der Mond­kruste Mond­geister.
Ein absurdes, surreales und vor allem märchen­haftes Spektakel ist dieser Film.

Ein Vier­tel­jahr­hun­dert später ging es schon viel wissen­schaft­li­cher weiter. Nach seinem Klassiker »Metro­polis« drehte der deutsche Regisseur Fritz Lang 1929 Frau im Mond – als erster Regisseur zeigte Lang auch etwas geradezu Magisches, Unge­se­henes: Schwe­re­lo­sig­keit. Und er schickte die Deutschen auf den Mond. Ausge­rechnet der blutjunge Wernher von Braun, der später für die Nazis an Vergel­tungs­ra­keten expe­ri­men­tierte und noch später für die Ameri­kaner das Apollo-Programm entwarf und tatsäch­lich die echte Mond­lan­dung möglich machte, war bei Frau im Mond Langs Fach­be­rater.
Hier sieht man, wie 40 Jahre später bei Apollo 11 in Wirk­lich­keit abge­wor­fene Rake­ten­stufen, und einen Countdown. Es soll tatsäch­lich Fritz Lang gewesen sein, der die NASA dazu inspi­rierte beim Start rückwärts zu zählen.

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Am Anfang war der Mythos noch ein zweites Mal.

»First, I believe that this nation should commit itself to achieving the goal, before this decade is out, of landing a man on the moon and returning him safely to the Earth.«

Also sprach John F. Kennedy am 25. Mai 1961. Ein ehrgei­ziges Ziel: Binnen zehn Jahren wolle man eine bemannte Rakete auf den Mond schießen.

»No single space project in this period will be more impres­sive to mankind, or more important for the long-range explo­ra­tion of space; and none will be so difficult or expensive to accom­plish. We propose to acce­le­rate the deve­lop­ment of the appro­priate lunar space craft. We propose to develop alternate liquid and solid fuel boosters, much larger than any now being developed, until certain which is superior. We propose addi­tional funds for other engine deve­lop­ment and for unmanned explo­ra­tions--explo­ra­tions which are parti­cu­larly important for one purpose which this nation will never overlook: the survival of the man who first makes this daring flight. But in a very real sense, it will not be one man going to the moon--if we make this judgment affir­ma­tively, it will be an entire nation. For all of us must work to put him there.«

Und 1962 ging es weiter, eine zweite großar­tige Rede, filmreif, so wie dieser Präsident nichts mehr war, als ein Filmstar, und ein real gewor­dener, von der Leinwand herab­ge­stie­gener Filmheld.

»We set sail on this new sea because there is new knowledge to be gained, and new rights to be won, and they must be won and used for the progress of all people. ... There is no strife, no prejudice, no national conflict in outer space as yet. Its hazards are hostile to us all. Its conquest deserves the best of all mankind, and its oppor­tu­nity for peaceful coope­ra­tion may never come again.
But why, some say, the Moon? Why choose this as our goal? And they may well ask, why climb the highest mountain? Why, 35 years ago, fly the Atlantic?«

We choose to go to the Moon! We choose to go to the Moon...We choose to go to the Moon in this decade and do the other things, not because they are easy, but because they are hard; because that goal will serve to organize and measure the best of our energies and skills, because that challenge is one that we are willing to accept, one we are unwilling to postpone, and one we intend to win, and the others, too.

Der Rest ist bekannt: Das Welt­raum­rennen mit den Sowjets wurde gewonnen, weil es den Ameri­ka­nern vor genau 50 Jahren gelang, als erste Menschen auf dem Mond zu landen.

Im Kino war das wie gezeigt schon lange geschehen. Und Kennedy hatte eigent­lich nichts anders getan, als den uralten Mensch­heits­traum und Mythos mit neuem Leben zu füllen.

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Und dann kam es 1969, vor genau 50 Jahren zur tatsäch­li­chen Landung auf dem Mond. Wer alt genug war, erinnert sich an kris­se­lige grob­kör­nige Schwarz­weiß­bilder im Fernsehen.
Wer 1989 alt genug war, erinnert sich auch ans Münchner Filmfest. Im Carl-Orff-Saal lief da der Doku­men­tar­film »For All Mankind«, der mit Origi­nal­auf­nahmen im Groß­format glänzt. Und mit dabei zur Vorfüh­rung war Edwin E. Aldrin, der zweite Mensch auf dem Mond. Er erzählte zum 20-jährigen Jubiläum von der Rückkehr zum Mond, die eines Tages folgen müsste.

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Den echten Mond hatte man aber schon vorher auf der großen Kino­lein­wand in perfekten Bilder sehen können – in Farbe, zeigte sie Stanley Kubricks 2001 – Odyssee im Weltraum. Kubrick arbeitete mit der NASA zusammen. Dieses Meis­ter­werk enthält eine ambi­va­lente Botschaft: In seinen pracht­vollen Bildern zele­briert der Film zum Fanfa­ren­pa­thos von Richard Strauß' »Also sprach Zara­thustra« die Faszi­na­tion der Welt­raum­fahrt, die Leere des Alls in ihrer seltsam asep­ti­schen Schönheit.
Doch dann über­nehmen die Maschinen die Macht, und Kubricks Film driftet in eine Technik-Kata­strophe, die vom Regisseur noch dazu eine ironische Kommen­tar­note erhält: Nun ist es Johann Strauß zu dessen Walzer­klängen die Raum­schiffe durchs All trudeln.
Zuvor aber lässt Kubrick uns staunen, und gibt eine Ahnung von dem eigent­lich wahn­sin­nigen Schritt aus der Erde über sie hinaus, von dem Heiligen dieses Schritts. Eine Ahnung, die uns allen längst verloren gegangen ist.
Nach der Mond­lan­dung überwog bald auch in anderen Filmen der Realismus. Zunächst in Gestalt eines Helden­liedes: The Right Stuff, Der Stoff, aus dem die Helden sind, ein Porträt der Aufbruchs­stim­mung der Nach­kriegs­zeit ist zwar typischer Hollywood-Heroismus, aber der Film verbirgt nicht, wie hier Menschen von Behörden und Regierung wort­wört­lich verheizt werden im Feuer­sturm zerbers­tender Düsen­jäger und Raum­schiffe – Regisseur Philip Kauffman verklärt allen­falls, dass sie sich verheizen lassen.

Eine andere Mischung aus Desil­lu­sio­nie­rung und Heldenmut bietet Apollo 13 Ron Howards Drama über jenen berühmten Unglücks­flug, der fast in einem Desaster geendet hätte.

Die utopi­schen Träume der Mondfahrt sind spätes­tens hier – in der Wirk­lich­keit wie später im Film – wieder auf der Erde gelandet und im schnöden Realismus.

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Aber damit ist nicht das letzte Wort gespro­chen. Denn inzwi­schen ist die Skepsis selbst anti­quiert und zum schalen Klischee geworden. Heute ist der ein Spinner, der der Technik vertraut, und keine Angst vor ihr hat.

Neue utopische Hoffnung hat 2015 der in Hollywood arbei­tende Brite Chris­to­pher Nolan formu­liert – sein Inter­stellar ist Film über Zeit­reisen, schwarze Löcher und eine relativ realis­ti­sche Zukunft der Menschen im Weltall geworden. Das Zukunfts­pa­thos stimmt schon mal: Do not go gentle into that good night, all days you should burn and rave at close of day. Rage, rage, against the dying of the light.

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