11.07.2019

Das Ende der Münchner Freiheit

Kino Münchner Freiheit
Bald nur noch ein Bild – die »Münchner Kino-Freiheit«

München hat in den letzten Wochen sechs Kinoleinwände verloren, vier zuletzt durch einen regelrechten Schildbürgerstreich im Amt

Von Dunja Bialas

Viel ist dieser Tage wieder die Rede vom »Kinosterben«, seit der Öffent­lich­keit bekannt wurde, dass die Kinos Münchner Freiheit schließen werden. In den sechziger Jahren, als die neue Fernseh-Tech­no­logie aufkam, gras­sierte eine regel­rechte Epidemie, die die Kinos dahin­raffte. In allen Stadt­teilen, an jeder Ecke wurde ein Kino geschlossen. Die Kino­dichte war nicht aufrecht­zu­er­halten, auch nicht deren Größe. Der Umbau der vergleichs­weise wenigen geblie­benen Häuser begann, und seitdem halten sie sich, mehr oder minder. Eine Epidemie hat es nicht mehr gegeben. Heute sind, wo die verschwun­denen Kinos waren, in der Regel Super­märkte zu finden. Das frühe Kinosterben spiegelt so auch das Sterben des Einzel­han­dels à la Tante Emma wieder. Umgekehrt, wo einmal ein Kino verschwand, hat sich keins mehr aufgetan.

Wenn man übers Kinosterben spricht, muss man sich so auch überlegen, was dies für die Gesell­schaft bedeutet. In welcher Gesell­schaft werden wir leben, wenn die »nieder­schwel­lige« Kultur für alle, das Kino (im Gegensatz zur teureren Hoch­kultur), verschwindet? Und man sollte sich auch fragen: In welcher Gesell­schaft wollen wir leben?

Kinos und Tante-Emma-Läden funk­tio­nierten einst wie Markt­plätze. Hier traf man sich, tauschte sich über Neuig­keiten aus, zog nach dem Film noch weiter, in ein Café, das alles gehört zur viel­be­schwo­renen kultu­rellen Praxis, die die Kinos bedeuten. In der »neuen«, kommer­zia­li­sierten Stadt geht es nur noch um Einkaufs­listen, Sonder­an­ge­bote, Kredit­karten, namenlose Kassie­re­rinnen.

Altka­pi­ta­lis­ti­scher Anachro­nismus

Die Orte der Stadt weichen so den Nicht-Orten einer abstrakten Gesell­schaft, in der nur noch die Funk­ti­ons­zu­sam­men­hänge gelten. Aber aufge­passt, Kauf­haus­be­treiber und Super­markt­ketten dieser Stadt: Auch Eure Tage sind gezählt. Denn bald braucht man auch keine gesichts­losen Konsum­tempel mehr. Online-Shopping ist das Gebot der Stunde. Die Verdrän­gung des Eldorado an der Münchner Sonnen­straße durch einen »dm« (gleiches Schicksal hat übrigens das Scala in Konstanz am Bodensee ereilt, Douglas Wolfsperger hat einen erhel­lenden Film, Scala Adieu – Von Windeln verweht, darüber gemacht, den man in München unbedingt noch einmal zeigen sollte) und die jetzt bekannt gewordene Ausbrei­tung des »Karstadt« an der Münchner Freiheit sind Phänomene eines altka­pi­ta­lis­ti­schen Anachro­nismus'.

Thomas Kuchen­reu­ther, Betreiber der nun vor der Schließung stehenden Kinos Münchner Freiheit, sagte einmal zu mir: Wenn er in einer fremden Stadt sei, erkundet er diese immer zuerst von den Kinos aus. So spricht natürlich ein Kino­be­treiber. Verläss­lich aber ist, dass in der Nähe Cafés, Restau­rants oder Bars zu finden sind, das Leben der Stadt, die Menschen mit ihren Gesprächen und Eigen­heiten.

Kultu­reller Offen­ba­rungseid

München hat nun binnen weniger Wochen sechs Leinwände verloren. Das ist kulturell ein Offen­ba­rungseid. Und nicht einfach zu verstehen. Denn die Stadt unter­nimmt alle möglichen Anstren­gungen, die Kinos zu erhalten, zu fördern. Wie zuletzt mit dem erst am vergan­genen Montag verlie­henen Kino­pro­gramm­preis. Thomas Kuchen­reu­ther bekam ihn für sein kleines ABC Kino, das ihm bleibt wie die Leopold-Kinos mit seinen drei Sälen. Die Kinos Münchner Freiheit aber waren der Hotspot der Schwa­binger, die Kuchen­reu­ther zu unter­halten wusste. Hier machte er keine Unter­schei­dung zwischen E und U, zwischen Crowd-Pleasern, Block­bus­tern und ange­sagtem Arthouse. Er zeigte 2- und 3D, Synchron­fas­sungen, aber auch Origi­nal­ver­sionen mit und ohne Unter­titel, Kinder- und Spät­vor­stel­lungen. Das funk­tio­nierte. Wo andere Kinos letztes Jahr Verluste im zwei­stel­ligen Prozent­be­reich machten, brummten seine Kinos Münchner Freiheit und verzeich­neten ein Plus von fast 3 Prozent.

München, was ist da los?

Erst vor wenigen Wochen hatte OB Dieter Reiter sich als inno­va­ti­ons­freu­diger Kino-OB gezeigt, als er einer Initia­tive von Till Hofmann, der schon mit dem Bellevue di Monaco ein Eckhaus in München gerettet hatte, und Regisseur Marcus H. Rosen­müller nachkam. Sie wollten Münchens ältestes Kino, das Gabriel, vor der Schließung bewahren, Reiter wollte es dem Stadtrat zum städ­ti­schen Ankauf vorschlagen. Kinovater Hans-Walter Büche grätschte dazwi­schen und schloss das Kino kurzer­hand über Nacht (artechock berich­tete). Jetzt winkt ihm ein Kauf­an­gebot in zwei­stel­liger Millio­nen­höhe, heißt es aus infor­mierten Kreisen.

Hier also ein Licht­spiel­haus, das nicht dem Druck hoher Mieten ausge­setzt ist, wie sonst bei den Münchner Verhält­nissen. Dort ein bestens gehendes Kino, das nicht über Zuschau­er­schwund klagen muss, wie sonst deutsch­land­weit.

Beide verschwinden.

Noch einmal: München, was ist los?
Es gibt in München eigent­lich nur zwei natür­liche Feinde des Kinos. Das eine ist das schöne Wetter, das die Leute in die Bier­gärten und an die Seen des Voral­pen­lands lockt. Vers­tänd­lich. Dagegen kann wohl kaum jemand ernsthaft etwas haben. Das andere: ist der Immo­bi­li­en­markt.

Das so oft herbei­ge­ru­fene Netflix hingegen ist es nicht. Es gibt mitt­ler­weile Studien, die heraus­ge­funden haben, dass sich die Gesell­schaft generell in Gucker und Nicht­gu­cker unter­teilt. Gucker gucken neben Serien auch Filme, und das tun sie sogar im Kino, während Nicht­gu­cker dem Kino fern­bleiben und eher auch keinen Strea­m­ing­dienst abonniert haben. Netflix ist also (momentan noch) nicht am Untergang des Kinos schuld. Auch gibt es Modelle wie »Mubi Go« in Großbri­tan­nien, die vormachen, wie Strea­m­ing­dienste mit Kinos zusam­men­ar­beiten können.

Gegen das schöne Wetter kann man nichts machen, und seien wir mal ehrlich, das finden wir ja auch wirklich schön, in unserer schönen Stadt. Bleiben also nur noch die hohen Immo­bi­li­en­preise, die die ganze Bevöl­ke­rung betreffen. Selbst die, die die Immo­bi­lien besitzen. Die Immobilie der Familie Büche erlaubt dieser, das Haus zu Höchst­preisen zu verkaufen. Die Erben freuen sich. Das Kino zu erhalten, wäre ange­sichts der ange­bo­tenen Millionen Idea­lismus gewesen, obwohl man keine stei­genden Mieten zu befürchten gehabt hätte. Also selbst dort, wo es keinen finan­zi­ellen Druck gibt, wirken die Kräfte des Kapi­ta­lismus.

Eine Stadt gefangen im Paradox

Bei Kuchen­reu­ther und seinen Kinos Münchner Freiheit ist die Sachlage etwas kompli­zierter (die »Süddeut­sche Zeitung« berich­tete).

Hier geht es um zweierlei Miet­ver­hält­nisse, bei der die Kündigung des einen (der Karstadt zuge­wandten Seite) wegen baulicher Beson­der­heiten (nur hier kann man alle vier Säle betreten) das Aus des zweiten Verhält­nisses (die erst vor wenigen Jahren hinzu­ge­kom­menen zwei Säle betref­fend) provo­ziert. Obwohl also das zweite Miet­ver­hältnis nicht gekündigt wurde, können diese beiden Säle nicht mehr betreten werden. Damit ist die Kündigung des ersten Miet­ver­hält­nisses ein Schild­bür­ger­streich, wie er im Buche steht.

Ihn zu verant­worten hat wiederum eine städ­ti­sche Behörde: Die Lokal­bau­kom­mis­sion.

Die »Süddeut­sche Zeitung« schreibt, sich auf Thomas Kuchen­reu­ther beziehend: »Mitte Juni dieses Jahres hat er [Kuchen­reu­ther] sich deshalb für die Eigen­in­sol­venz entschieden. Anlass war eine städ­ti­sche Nutzungs­än­de­rung jenes Gebäudes an der Leopold­straße 82, von der er wenige Tage zuvor erfahren hatte.« Kuchen­reu­ther berichtet: »Die Kinos wurden von der Stadt zur gewerb­li­chen Nutzung frei­ge­geben.« Hinter­grund ist eine Geneh­mi­gung, die laut »SZ« die Lokal­bau­kom­mis­sion am 4. April 2019 erteilt hat. Hierin heißt es wörtlich (zitiert nach der »SZ«): »Abbruch des Zwischen­ge­schosses und Anglei­chung der Geschoss­ebenen, Nutzungs­än­de­rung der Kino-, Büro-, Küchen- und WC-Flächen in eine erwei­terte Verkaufs­fläche mit Lager­flächen.« Dies hebelt wiederum die Regelung von 1994 aus, nach der Kuchen­reu­ther eine Nutzungs­ge­neh­mi­gung als Kino erwirkte.

Eine Stadt gefangen im Paradox. Da haben wir also OB Dieter Reiter, den Kino-Retter. Da haben wir das Kultur­re­ferat und die Stadträte, die sich weniger schlag­zei­len­kräftig, aber konti­nu­ier­lich und aufrecht um die erhal­tens­werten Kinos sorgen, um die Fami­li­en­be­triebe, die Arthouse-Kinos, die Stadt­teil­kinos. Da haben wir die Kino­pro­gramm­preise der Landes­haupt­stadt und auch die Film­kunst­wo­chen, die dieses Jahr zum 67. Mal statt­finden. Und wir haben den Denk­mal­schutz, der sich über die Theatiner Filmkunst und das Send­linger Tor Film­theater legt. Dies alles wird für die Kinos unter­nommen.

Und wir haben: Die Lokal­bau­kom­mis­sion. Die auf einen Streich all diese städ­ti­schen Anstren­gungen vom Tisch fegt.

Das ist kein Kinosterben mehr. Das ist Kino­ver­nich­tung.

Ist die Blindheit im Amt darauf zurück­zu­führen, dass es in dieser sensiblen Frage der Arthouse-Kinos keine allge­meine Hand­lungs­de­vise gibt? Dann muss dies seitens des Ober­bür­ger­meis­ters schleu­nigst nach­ge­holt und der Beschluss der Lokal­bau­kom­mis­sion korri­giert werden. Es ist an der Zeit, dass sich die Stadt­ver­wal­tung entscheidet, an welchem Strang sie zieht: München den freien Kräften des Kapi­ta­lismus über­lassen, Gewer­be­steuer kassieren und dabei billigend in Kauf nehmen, das Herz dieser »Weltstadt« zu zerstören. Oder sich schützend vor die Schüt­zens­werten stellen und den Verfüh­rungs­kräften des Marktes wider­stehen, um das zu retten, was vor dem Ausver­kauf steht: Die Kultur und unsere Münchner Freiheit.

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