11.07.2019

Wir sind die Roboter

The Bull
Ein großes Talent:
Boris Akopovs The Bull

Ein Streifzug über das 54. Festival von Karlovy Vary

Von Sven von Reden

Kurz vor Weih­nachten. Auf einer verschneiten bayri­schen Baustelle verab­schieden sich die Arbeiter in die Feiertage. Der slowa­ki­sche Hand­werker Milan wird von einem deutschen Kollegen noch zu einem Schnaps einge­laden. Die Wohnung des Deutschen ist steril, die Partnerin des Mannes unfreund­lich, die Stimmung steif. Als Milan auf die eisblau beleuch­tete Toilette der Gastgeber geht, wird er von einem Aufkleber gemahnt, nicht im Stehen zu pinkeln. Seufzend nimmt er Platz. Immerhin gibt es zum Abschied eine wärmende Geste: Milan bekommt ein Geschenk für seine Kinder mitge­geben. Es ist ein Robo­ter­hund.

Wir sind die Roboter. Das tsche­chi­sche-slowa­ki­sche Drama Let There Be Light bietet gleich zu Beginn diesen Klassiker der Deutsch­land­kli­schees. Da hatten wir doch gehofft, das Sommer­mär­chen von 2006 hätte uns in den Augen der Welt mensch­li­cher gemacht. Von wegen.

Der im Wett­be­werb des 54. Festivals von Karlovy Vary gezeigte Film des Slowaken Marko Škop verlässt Bayern bald. Als der Arbeits­mi­grant Milan zu Weih­nachten zurück in seine Heimat kommt, wo seine Frau und seine drei Kinder auf ihn warten, hängt der Haussegen schief. Ein Mitschüler seines ältesten Sohns Adam hat Selbst­mord begangen und irgendwas scheint sein Junge damit zu tun zu haben. Nach und nach stellt sich heraus, dass Adam einer rechts­ra­di­kalen para­mi­litä­ri­schen Jugend­gruppe angehört, die den Mitschüler in den Tod getrieben hat. Der Grund: Er galt als schwul. Der gutmütige Milan, der selber Waffen­narr und streng gläubiger Christ ist, muss sich unan­ge­nehme Fragen stellen: Was hat er falsch gemacht, dass sein Sohn zu so einem Monster wurde?

Was Let There Be Light inter­es­sant macht – neben dem immer wieder lehr­rei­chen Blick aus dem Ausland auf Deutsch­land –, ist, dass der Film eine tsche­chisch-slowa­ki­sche Kopro­duk­tion der öffent­lich-recht­li­chen Fern­seh­sender ist. Zwei Länder mit popu­lis­ti­schen Regie­rungen, zwei Länder bei deren letzten Wahlen rechte und rechts­ra­di­kale Kräfte zu den großen Gewinnern gehörten. Es macht Mut, dass ein Film in öffent­lich finan­zierten Sendern entstehen kann, der so kritisch auf den Rechts­ruck blickt und zudem die Kompli­zen­schaft der katho­li­schen Kirche und – ange­deutet – auch des Sicher­heits­ap­pa­rats anpran­gert. Auf der anderen Seite zeigt Let There Be Light auch die Grenzen der Libe­ra­lität auf: Es wird im Film betont, dass der in den Tod getrie­bene Schüler nicht wirklich homo­se­xuell war, dass er einfach Opfer wurde, weil er nicht den Männ­lich­keits­idealen der Nazi-Heimat­schüt­zern entsprach. Offenbar traute man den heimi­schen (Fernseh)Zuschauern nicht zu, dass sie genauso viel Empathie für einen »echten« Schwulen aufbringen würde. Zudem wird das Abgleiten von Adam in den Rechts­ra­di­ka­lismus als direkte Folge des Fehlens einer Vater­figur darge­stellt.

Eine inter­es­sante Volte: Hier sind es nicht die Arbeits­mi­granten aus fremden Ländern, die Rechts­ra­di­kale mobi­li­sieren – in der slowa­ki­schen Provinz gibt es schlicht keine –, sondern die eigene Arbeits­mi­gra­tion steckt hinter der Radi­ka­li­sie­rung in der Heimat. Eine steile These. Am Ende gab es den Schau­spie­ler­preis für Haupt­dar­steller Milan Ondrík, der der Rolle des gutmü­tigen Waffen­narren von Nebenan tatsäch­lich Glaub­wür­dig­keit verleiht.

Wie sehr die Abwan­de­rung in den Westen die Gesell­schaften des ehema­ligen Ostblocks beschäf­tigen, kann man daran, fest­ma­chen, dass Arbeits­mi­gra­tion – neben Vergan­gen­heits­auf­ar­bei­tung – in den letzten Jahren immer zu den Haupt­themen der osteu­ropäi­schen Wett­be­werbs­filme in Karlovy Vary gehörte.

Ein Beispiel aus dem dies­jäh­rigen »East of the West«-Wett­be­werb, in dem erste oder zweite Filme aus Mittel-, Südost und Osteuropa sowie dem Mittleren Osten konkur­rieren, war die tsche­chisch-nieder­län­disch-lettische Kopro­duk­tion A Certain Kind of Silence. Im Film von Michal Hogenauer kommt ein tsche­chi­sches Au-Pair-Mädchen in einen nieder­län­di­schen Haushalt – wobei nicht genau auszu­ma­chen ist, welche Natio­na­lität die Eltern des Kindes haben, auf das Mia aufpassen soll. Gespro­chen wird meist Englisch, manchmal aber auch Nieder­län­disch oder Deutsch. Mia kommt in ein Leben voller Luxus, aber auch der rigiden Regeln. Emotionen scheinen hier verboten – die Eltern des jungen Sebastian wirken tatsäch­lich robo­ter­haft oder als seien sie von Aliens gekapert worden. Zunächst versucht die junge Tschechin, ihre Humanität zu wahren, doch mit der Zeit wird sie zu einem willigen Werkzeug ihrer sanft-diabo­li­schen Arbeit­geber.
In einer der wenigen komischen Szenen des Films geht Mia in ein Hips­ter­café und fragt nach der Karte. Die Bedienung erwidert, so etwas gebe es hier nicht, man könne einfach alles bestellen, was man haben wolle. Als Mia einen Café Latte ordert, erklärt die Bedienung mit fast mitlei­digem Lächeln, den hätten Sie leider nicht, aber dafür gäbe es Matcha Tee, den würde Mia sicher lieber mögen und der sei auch besser für sie. Was in anderem Kontext als Satire auf die Pseudofrei­heiten fort­ge­schrit­tener Konsum­ge­sell­schaften funk­tio­nieren würde, wirkt hier seltsam zwie­spältig. Let There Be Light und A Certain Kind of Silence verbinden ihr Werben für Toleranz und Libe­ra­lität mit »cautio­nary tales« darüber, die Heimat zu verlassen. Denn: Der Westen korrum­piert. Er bietet nur Geld, keine Mensch­lich­keit.

Sicher blickt man genauer und kriti­scher auf (Fremd)Darstel­lungen der eigenen gesell­schaft­li­chen Realität als auf Filme aus und über Länder, deren Alltag oder Geschichte man besten­falls touris­tisch aus erster Hand kennt. Univer­seller funk­tio­niert viel­leicht die filmische Sprache. Dass der Russe Boris Akopov, der im »East of the West«-Wett­be­werb mit seinem Debüt The Bull vertreten war, ein großes Talent ist, hat die inter­na­tional besetzte Jury erkannt und ihm den Haupt­preis der Sektion verliehen. Akopov erzählt die Geschichte einer Jugend­gang, die im post­kom­mu­nis­ti­schen, prä-Putin Russland für einen Mafiaboss einen Job erledigt – mit üblen Folgen. Er ist nicht der Erste, der das Bild einer von Gesetz­lo­sig­keit geprägten bruta­lo­ka­pi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft zeichnet, aber die Verve und das Zusam­men­spiel von selbst­be­wusster Insze­nie­rung, Musik und rasantem Schnitt machen The Bull zu einem großen Lein­wan­d­er­lebnis. Bisweilen fühlte man sich an den frühen Scorsese erinnert. Von dem ehema­ligen Ballett­tänzer wird man sicher auch noch im Westen hören.

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