09.05.2019

Talentschmiede für das Kino von Morgen

I Got My Things and Left
Großer Preis der Stadt Oberhausen: I GOT MY THINGS AND LEFT

Gegen Verengung unseres Kinobegriffs: Die Internationalen Kurzfilmtage von Oberhausen

Von Rüdiger Suchsland

Der nur knapp fünf­minü­tige »Elvis: Strung Out« vom Kanadier Mark Oliver ist ein filmi­scher Edelstein: Mit minimalen Mitteln spielt der Film mit Elvis-Klischees, dekon­stru­iert Pop-Mythen und vor allem das Pop-Publikum zwischen seiner Lust an Vergött­li­chung wie Ernied­ri­gung.
»Der Film lässt Elvis gegen Elvis antreten«, lobte die Jury, die dem Film gestern den Preis des Minis­te­riums für Kultur und Wissen­schaft des Landes Nordrhein-Westfalen zuer­kannte.

»Elvis: Strung Out« ist ein Beispiel für die Möglich­keiten und die Vielfalt des Mediums Kurzfilm.

Oft gerät dieses Potential in Verges­sen­heit.

Der Kurzfilm ist überall. Die ersten beiden Jahr­zehnte der Film­ge­schichte bestanden nur aus kurzen Filmen, von denen heute fast alle verschollen sind.
Die aller­meisten YouTube-Clips sind Kurzfilme, wenn auch nicht immer gute. Die meisten Handy-Filme, Musik­vi­deos und Werbe­filme im Fernsehen.

Zugleich ist der Kurzfilm ein prekäres Medium. Denn heute behauptet man, ein Film habe genau 89 Minuten lang zu sein, damit er in den Programm­schema genannten Setz­kasten der Fern­seh­sender passt.

Aus dem Kino, wo Kurzfilme einmal selbst­ver­s­tänd­lich waren, ist er verschwunden, abseits von Studen­ten­fes­ti­vals und den wenigen Spezi­al­ver­an­stal­tungen.

Unter diesen sind die Ober­hau­sener Kurz­film­tage nicht nur die wich­tigste in Deutsch­land – auch im welt­weiten Vergleich muss sich Ober­hausen nicht verste­cken, im Gegenteil: Vor nicht langer Zeit krönte es ein Fach­ma­gazin zu einem der 25 wich­tigsten Film­fes­ti­vals der ganzen Welt. Nicht nur Kurz­film­fes­ti­vals, sondern überhaupt.

Was Ober­hausen einmalig und den regel­mäßigen Besuch dort unver­zichtbar macht, sind zum einen die Filme selbst und ihre Macher. Es gibt regel­mäßige Gäste, die Gemeinde der auf Kurzfilm spezia­li­sierten Regis­seure, wie der Engländer John Smith, der auch in diesem Jahr mit seinem neuesten Film »A State of Grace« zu Gast war.

Die Andern sind die aller­meisten, die, die mit kurzen Filmen beginnen, hier frei expe­ri­men­tieren, bevor sie sich entscheiden, ob ihr Weg ins Kino, ins Fernsehen oder eher in den Bereich der Video- und Instal­la­ti­ons­kunst führt. Denn Ober­hausen ist eine inter­na­tio­nale Talent­schmiede: Die Französin Laure Prouvost, in wenigen Tagen einer der Stars auf der nächsten Kunst-Biennale von Venedig, begann hier ebenso mit ihren ersten Arbeiten wie die russische Doku­men­tar­fil­merin Alina Rudnits­kaya, deren neuster Film ab morgen beim Münchner Doku­men­tar­film­fes­tival Premiere feiert.

Die zweite Stärke dieses Festivals ist, dass es der Gegenwart immer mehr als eine Kurz­film­länge voraus ist. In der Zusam­men­schau der Filme, in den Diskus­sionen über das Programm und in sorg­fältig kura­tierten themenüber­grei­fenden Diskus­si­ons­po­dien begegnet man den Diskursen von Morgen und Über­morgen. »3 D« wurde hier disku­tiert, bevor alle Welt davon redete, und um Tierfilme ging es auch schon lange bevor alle Welt den Mensch im Tier entdeckte.

Diesmal ging es um den »Neustart von Zelluloid« und um »Video on Demand«

Ob es mit dem Kino, nicht dem Film, aber dem Abspielort, zu Ende gehen könnte, ist schon seit längerem eine Frage, die in Ober­hausen gestellt wird, verbunden mit der zweiten, wie sich das erhalten lässt.

Was kann Ober­hausen beitragen?

Die Antwort, die die Kurz­film­tage geben, lautet: Film­bil­dung. Und zwar in vielen Facetten. So lief eine Retro­spek­tive des bekannten russi­schen Regis­seurs Alexander Sukurow. Ebenso wie man Film­trailer analy­sierte.

Nur die Landes­re­gie­rung von Nordrhein-Westfalen scheint noch nicht zu verstehen, welche Vorlagen ihr in Ober­hausen alljähr­lich geboten werden.

Gleich mehrere Preise gingen an Filme aus Afrika. Den »Großen Preis der Stadt Ober­hausen« gewann »I Got My Things and Left« von Philbert Aimé Mbabazi Shar­an­gabo aus Ruanda – eine filmische Medi­ta­tion über Verlust und Vergäng­lich­keit. Der zweite Preis ging an »Zombies«, einen Musik-Thriller über die digitale Zombi­fi­zie­rung aus dem Kongo.

Man sei ein »kleines galli­sches Dorf«, meinte Lars Henrik Gass, der Leiter der Kurz­film­tage, zur Eröffnung und kriti­sierte die Verengung unseres Kino­be­griffs durch Forma­tie­rung und die indus­tri­elle Zurich­tung.

Man sollte Quote nicht mit Nachfrage verwech­seln, mahnte Gass. Der Unter­schied von Kultur zum Markt sei die Kraft des Angebots.

Gass formu­lierte eine radikale Kritik an der gängigen Kultur­po­litik: Geschäfts­mo­delle, die sich als nicht wirt­schaft­lich erweisen, dürften nicht gefördert werden, eine kultu­relle Praxis jedoch, deren Preis höher als die Nachfrage ist, müsse musea­li­siert werden, wie das für Theater und Oper längst der Fall ist.

Die Film­för­de­rung des Bundes gehe nicht konform mit dem EU-Vertrag und die Film­för­de­rung der Länder nicht konform mit der Verfas­sung.

Arne Schmidts Film »Stadt – Gegen­stadt« handelt auf den Spuren des Ludwigs­ha­fener Philo­so­phen Ernst Bloch vom span­nungs­rei­chen Verhältnis der Städte Mannheim und Ludwigs­hafen.
Hier sieht man im Kleinen, Konkreten den Unter­schied zwischen Kultur und Industrie, Moderne und Post­mo­derne, was passiert, wenn die Schild­bürger den Ton angeben.

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