18.04.2019

Ein Leben für das Kino

Elisabeth Kuonen-Reich
Elisabeth Kuonen-Reich (1961-2019)
Foto: Catherina Hess

Ein Nachruf auf die Kinobetreiberin Elisabeth Kuonen-Reich, die den Rio Filmpalast in München in einen echten Ort zu verwandeln wusste

Von Dunja Bialas

Völlig über­ra­schend ist am vergan­genen Donnerstag die Leiterin des Münchner Rio Film­pa­lasts verstorben. Elisabeth Kuonen-Reich war unfassbar vital, und sie war eine in den 1960er-Jahren Geborene, somit war sie auch unfassbar jung, als sie aus dem Nichts der Tod ereilte.

Elisabeth Kuonen-Reich war das Herz des Rio Film­pa­lasts in München-Haid­hausen. Das Herz, das das Haus mit Leben füllte, aber auch das Herz, das alle überaus freund­lich aufnahm. Das war ihre Natur: alle zu umarmen, zu begrüßen, sich zu freuen, dass man sich zu ihr, in ihr Haus begab. Sie hatte Hotel­fach­frau gelernt, stammte ande­rer­seits aus einer länd­li­chen Familie, die eine Molkerei gehabt hatte, bevor sie mit dem Kino begann. Mit diesem Erbe beseelte sie das Kino, sie führte es resolut als Fami­li­en­be­trieb, fast wie einen Bauernhof, bei dem nun mal die Arbeit gemacht werden muss, sorgte aber gleich­zeitig dafür, dass sich der Stress und auch der ein oder andere Ärger nicht auf die Stimmung, auf ihre Mitar­beiter und Mitar­bei­te­rinnen, ihre Gäste übertrug. Wer ins Rio kam, merkte, dass hier in freund­li­cher Atmo­s­phäre gear­beitet wurde.

Auch die Münchner Filme­ma­cher und Filme­ma­che­rinnen waren ihr in Treue verbunden, wussten, wie sehr sie sich dafür einsetzte, dass alles reibungslos verlief, auch, wie sie in dem eng gezurrten Programm immer wieder einen Platz frei­ma­chen konnte. Wolf Gaudlitz zeigte hier seit den Anfängen seine Filme, Marcus H. Rosen­müller und Ralf Westhoff ebenso. Zu den Film­kunst­wo­chen München (die sie in ihrem Haus tradi­ti­ons­gemäß mit einem Film von Gaudlitz eröffnete) kamen auch Peter Goedel, Dagmar Knöpfel, Dominik Graf, Matti Bauer und viele andere mit ihren Filmen.

Ende der 90er Jahre hatte sie das Kino von ihren Eltern über­nommen. Schon damals war es das einzige Licht­spiel­haus in Haid­hausen, in dem Kino war sie groß geworden. »Wir waren Kino­kinder«, erzählte sie meiner Kollegin Natascha Gerold und mir im Gespräch, das wir für unser artechock-Kino­por­trait führten. Eine Kindheit im Kino, das ist ein Aufwachsen an einem Ort, an den ständig Menschen kommen, die man nicht kennt, ein Aufwachsen mit den Plakaten von Filmen, die man noch nicht sehen darf, wo man früh mithilft, wie in allen Fami­li­en­be­trieben, wenn die Arbeit nicht vom Leben getrennt ist.

»Arbeit, Liebe, Kino« heißt das bei Godard, auch bei Elisabeth Kuonen-Reich war das so, selbst ihr Mann half im Kino mit. Sie blieb dabei immer geerdet, überlegte gut, welcher Film für das Rio-Publikum passen könnte. So recht wusste sie auch nicht, selbstlos wie sie war, wofür ihr Kino eigent­lich stand, das mussten wir ihr, Ludwig Sporrer und ich, bei unseren gemein­samen Vorbe­rei­tungen zu den Film­kunst­wo­chen immer wieder sagen: Dass sie das Haus mit Leben fülle, mit ihrer Herz­lich­keit dafür sorge, dass gerne Gäste zu ihr kamen, um ihre Filme vorzu­stellen. Und, was sehr unge­wöhn­lich war und ihre herzliche Freund­lich­keit zeigte: auch beim Publikum, in dem andere Kino­be­treiber nur die »Kunden« sehen, sprach sie immer von ihren »Gästen«.

Sie war eine der wenigen Frauen, die früh einen Kino­be­trieb führten, auch das muss gesagt werden. Als älteste von vier Schwes­tern wurde sie in einer Zeit ins Kino hinein­ge­boren, als die Nouvelle Vague in Frank­reich gerade anbrach und ein Jahr vor dem Ober­hau­sener Manifest. »Kino« brachte damals keinen guten Stall­ge­ruch mit sich, hatte noch die Schau­stel­leras­so­zia­tionen, sie erzählte uns auch, wie sie in der Schule deshalb immer etwas schief angesehen wurde.

Das Kino machte sie aber bald zu etwas Besserem, von ihr kam die Idee, aus der benach­barten Würstel­bude ein Café zu machen, das sie dem Kino anglie­derte, noch bevor sie überhaupt den Betrieb leitete. Die Leute kommen gerne dorthin, trinken einen Kaffee, essen den selbst­ge­ba­ckenen Kuchen von Heidi Aron, der treuen Mitar­bei­terin und zweiten guten Seele des Hauses.

Jetzt reißt das frühe Ableben von Elisabeth Kuonen-Reich eine große Lücke in die Kino­fa­milie Münchens. Das Rio macht mit bei den Film­kunst­wo­chen, jedes Jahr mit einer rekord­ver­däch­tigen Anzahl an Gästen, das Haus beher­bergt die großen Münchner Festivals, das Filmfest München und das Dokfest. Bei ihren Kolle­ginnen und Kollegen war Elisabeth hoch­ge­schätzt und sehr beliebt, außerdem wirkte sie mit bei der Jury für den Baye­ri­schen Filmpreis, sah also auch genau hin, wenn es um die Beur­tei­lung von Filmen ging.

Wenn heute über lebendige Kino­kultur nach­ge­dacht wird und wie diese erhalten werden kann, dann sollte daran erinnert werden, wie Elisabeth Kuonen-Reich genau das vorge­macht hat: wie man ein Licht­spiel­haus zu einem beliebten Treff­punkt macht, wie Kino nicht nur Abspiel­stätte von Filmen ist, sondern ein echter Ort, an den man gerne zurück­kehrt.

Liebe Elisabeth, leider wirst Du an diesen Ort niemals mehr zurück­kehren. Noch können wir uns das Rio ohne Dich überhaupt nicht vorstellen. Du wusstest, was Du für eine große Aufgabe hattest, das »Fami­li­en­erbe weiter­zu­tragen«, wie Du uns erzählt hast, weil Deine Groß­el­tern für das Kino sogar ihren Bauernhof verkauft hatten. Wir alle, die Dich kannten, werden dafür sorgen, dass Dein Lebens­werk weiter pulsieren wird.
Verspro­chen.

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