11.04.2019

Schauprozess per Dokupranger

White House Photo Office [Public domain]
Michael Jackson im Weißen Haus mit dem damaligen Präsidenten Ronald Reagan und dessen Frau Nancy (1984)

Wenn Dokumentarformate und True-Crime-Filme zu Fake-News mutieren: Die umstrittene Dokumentation »Leaving Neverland« über Michael Jackson

Von Rüdiger Suchsland

Er war der King of Pop: Michael Jackson, die erste globale schwarze Medi­e­ni­kone. Geht es nach der Fern­seh­do­ku­men­ta­tion Leaving Neverland des Regis­seurs Dan Reed, dann ist er bald ein König Ohneland. Schlimmer noch: Ein Monster.

»Leaving Neverland« erzählt vom Monster an der Arbeit, wie im Jahr 1987 Michael Jackson bei Dreh­ar­beiten zu einer Werbung den zehn­jäh­rigen Jimmy Safechuck kennen­lernte und ihn, so jeden­falls behauptet es der erwach­sene Safechuck in diesem Film, bald danach zum ersten Mal sexuell verführte.

Das ist ein unan­ge­nehmer Film, berstend voll mit ekel­haften Geschichten, mit Details, die kaum jemand wissen will und die niemand wissen muss, um sich ein Bild zu machen. Denn nach 20 Minuten hat der Film gesagt, was er zu sagen hat, danach wieder­holt und variiert er dies nur immer wieder.

Alles ist im Einzelnen unglaub­lich detail­liert und explizit in einer Weise, dass sich die Frage aufdrängt: Wen kann, wen soll das alles inter­es­sieren außer den direkt Betrof­fenen, und jenen Juristen, die darüber in einem Gerichts­ver­fahren entscheiden müssen?

Ein solches Verfahren hat es bereits gegeben. Michael Jackson wurde zu Lebzeiten frei­ge­spro­chen. Jetzt versucht der Film den Prozess, der im Gerichts­saal nicht wieder­auf­ge­nommen werden kann, ersatz­weise auf der Kino­lein­wand zu führen, um Jackson wenigs­tens in den Augen der Nachwelt symbo­lisch zu bestrafen.

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Die beiden jeweils zweistün­digen Teile, die am Samstag erstmalig im deutschen Fernsehen im nicht gerade für besondere Sensi­bi­lität oder soziales Gewissen bekannten Privat­sender ProSieben zu sehen waren, bestehen größ­ten­teils aus Inter­views mit Safechuck und Wade Robson, den zwei heute jungen Männern, die hier zu Kron­zeugen der These und zu Haupt­ak­teuren des Films werden. Dazu kommen öffent­liche Archiv­bilder und Nahauf­nahmen von den Gesich­tern Safechucks und Robsons und denen ihrer Mütter. Der Regisseur sugge­riert mit Droh­nen­auf­nahmen über dem ehema­ligen Anwesen Jacksons zugleich die gott­gleiche Perspek­tive eines allwis­senden Erzählers. Stilis­tisch ist dies ein schwacher Film, unter dem Niveau der großen ameri­ka­ni­schen Doku­men­tar­kunst.

Erstmalig gezeigt wurde der Film Ende Januar beim ameri­ka­ni­schen Sundance Film Festival. Seitdem nahmen Radio­sender in Kanada, in den Nieder­landen und in Neusee­land Jackson-Songs aus dem Programm. Und der Krea­ti­v­chef der fran­zö­si­schen Nobel­mo­de­marke Louis Vuitton beeilte sich, von Jackson inspi­rierte Entwürfe aus seiner zweiten Kollek­tion zu entfernen.

Auf den ersten Blick scheint das Urteil gegen Jackson gespro­chen.

Doch der Eindruck trügt. »Leaving Neverland« ist trotz alldem nämlich hoch­um­stritten, auch in den USA, und das hat seine guten Gründe. Denn Regisseur Dan Reed doku­men­tiert nicht, er plädiert.

Dieser Film macht Michael Jackson postum den Prozess. Er ist ein Dokument der Anklage. Er ist zu keinem Zeitpunkt ausge­wogen. Argumente und Plädoyers zur Vertei­di­gung werden nicht gehört, entlas­tende Indizien kommen nicht vor. Niemand aus Jacksons früherem Umfeld wurde vom Filmteam angefragt. Die einsei­tige Befragung von zwei Zeugen soll aussa­ge­kräf­tiger sein als die gesamten poli­zei­li­chen Ermitt­lungen und Erkennt­nisse mehrerer Gerichts­pro­zesse.
So hinter­lässt »Leaving Neverland« in jeder Hinsicht einen unan­ge­nehmen Nach­ge­schmack.

Gerade darum muss man noch einmal an die Tatsachen erinnern: Die bekannt­lich nicht zimper­liche ameri­ka­ni­sche Justiz hat Michael Jackson frei­ge­spro­chen. Das FBI hatte zuvor jahrelang ermittelt, ohne Erfolg, der 300-seitige Ermitt­lungs­be­richt der Behörde ist öffent­lich im Internet einsehbar.

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Man muss Michael Jackson trotzdem nicht mögen, man kann ihn »seltsam« finden – »a weirdo« (Richard Roeper), es »bizarr« und geschmacklos oder sogar »beun­ru­hi­gend« nennen, dass er sich mit Dutzenden von heran­wach­senden Jungen umgab – aber fast keiner von ihnen hat je von frag­wür­digem Verhalten des Stars berichtet. Dass Jackson ein Kinder­schänder ist, dass er auch nur pädophile Neigungen hatte, ist einst­weilen voll­kommen unbe­wiesen.

Zugleich gibt es massive Zweifel an der Glaub­wür­dig­keit zumindest von Wade Robson, einem der zwei angeb­li­chen Opfer. Nach der Premiere des Films gab es neben Beifall auch viel Kritik an Machart und Machern. In einer mehr­sei­tigen Reportage berich­tete das ameri­ka­ni­sche Magazin »Forbes« über Wayne Robson, den Kron­zeugen.
Während zweier Straf­pro­zesse hatten Robson und Safechuck – auch dort bereits im Erwach­se­nen­alter – als Zeugen der Vertei­di­gung Michael Jackson entlastet, und ausgesagt, von Jackson nie belästigt oder gar miss­braucht worden zu sein. Robson hatte seine Aussagen unter Eid und im Kreuz­verhör wieder­holt. 2009 schrieb Robson, immerhin mit 27, einen schwär­me­ri­schen Nachruf.
Was hat sich seitdem geändert? Einiges: 2011 bat Robson die »Michael Jackson«-Stiftung um eine Stelle. Sie wurde ihm verwei­gert. Film- und Buch­pro­jekte über Jackson schei­terten, wie überhaupt Robsons eigene Karriere als Tänzer und Schau­spieler.
»Forbes« kommt auch auf Michael Jacksons Lieb­lings­buch zu sprechen: »Wer die Nach­ti­gall stört« handelt von einem jungen Schwarzen, dessen Leben zerstört wird – durch falsche Anschul­di­gungen.

Dass »Leaving Neverland« monu­men­tale vier Stunden braucht, um diese Anklage aufzu­bauen und wieder und wieder zu repro­du­zieren, schwächt den Eindruck enorm. Es wirkt, als glaubten die Ankläger sich selber und ihren eigenen Argu­menten nicht, müssten durch Masse wett­ma­chen, was an Stich­hal­tig­keit fehlt.
Die Länge ist so über­trieben, wie die Einsei­tig­keit dieses Films monströs ist.

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Monströs ist auch die Neigung des inter­na­tio­nalen Publikums, sich zu schnellen und absoluten, voll­kommen einsei­tigen Urteilen aufzu­schwingen. Refle­xi­ons­ver­wei­ge­rung und ein Drang nach Verein­fa­chung halten Einzug in unsere Gesell­schaft. Deshalb glauben wir schnell und gern, was wir zu sehen glauben – dieser Film verbreitet Indizien einer bestimmten Sicht­weise und kommen­tiert sie so saftig wie selbst­ge­wiss – »Fake News« in Reinform.

Unab­hängig von der Frage, wem man am Ende Glauben schenken mag, ist es erstaun­lich, wie wenig Medi­en­kom­pe­tenz in der über­wie­genden Bericht­erstat­tung zu diesem Film erkennbar wird: Zeugen­aus­sagen und die suggestiv konstru­ierte Wirk­lich­keit eines Doku­men­tar­films werden als Tatsache wieder­ge­geben, die bisherige Prozess­ge­schichte wird überhaupt nicht beleuchtet, legitime Einwände werden ignoriert. Ebenso wenig werden in dieser Bericht­erstat­tung die – legitimen, aber eben vorhan­denen – massiven kommer­zi­ellen Inter­essen eines Doku­men­tar­films und eines Fern­seh­sen­ders berück­sich­tigt.

Dieser Befund stimmt traurig, wie auch die wachsende Bereit­schaft, rechts­staat­liche Grund­sätze über Bord zu werfen: »Im Zweifel für den Ange­klagten«; »Kein Urteil ohne Vertei­di­gung und fairen Prozess« – was wir gegenüber Dikta­turen selbst­ver­s­tänd­lich einfor­dern, ist im öffent­li­chen Schau­pro­zess des Trash-Fern­se­hens schnell vergessen.

Der Film beschreibt Prozesse der Abhän­gig­keit und der Verfüh­rung – der Verfüh­rung durch Ruhm wie durch Reichtum. Der erliegen auch jene, die hier versuchen, ein Spektakel zu insze­nieren über einen Toten, der sich nicht mehr wehren kann.

Dieser Film und die so oder so unan­ge­nehme, schmie­rige Kapi­ta­li­sie­rung des Themas Pädo­philie, Miss­brauch und allem, was es umgibt, sind eine Mahnung, inne­zu­halten. Und dazu, einen ange­mes­se­neren Umgang mit diesen Themen zu suchen.

Öffent­liche Hysterie und Schau­pro­zesse am Fern­seh­pranger, ohne Vertei­di­gung und mit dem Publikum als Richter schaden der Sache, so wie die Lust an mora­li­schen Schnell­ver­fahren unserem Charakter und der ganzen Gesell­schaft schadet.

Die Monster sind nicht nur auf einer Seite. Sie sind überall.

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