24.02.2019

Der Mann, der das Kino neu gebar

Stanley Donen by Adam Schartoff
Stanley Donen im Jahr 2010 während einer Retrospektive im Q&A nach Funny Face in der Film Society of Lincoln. (Foto: Adam Schartoff)

Optische Täuschungen: Stanley Donen, der letzte überlebende Regisseur des klassischen Hollywood, ist tot

Von Rüdiger Suchsland

Kaum zu glauben, dass er noch gelebt hat! Stanley Donen war einer jener Fälle, bei denen man sich insgeheim ein bisschen wunderte: Ist der nicht schon längst tot? Eine optische Täuschung, so sehr schienen er und seine größten Erfolge schon einer anderen, lange vergan­genen Ära anzu­gehören. Donen war der letzte über­le­bende Regisseur des klas­si­schen Hollywood. Meistens freute man sich dann beim Gedanken an seine bis zum Schluss hell­wa­chen Auftritte in Cine­ma­teken und auf Film­fes­ti­vals, bei denen er irgend­eine Ehrung entge­gen­nahm und ironisch-nach­denk­liche Bemer­kungen machte und an den wahr­schein­lich sehr munteren 30-jährigen Lebens­abend in seiner Heimat­stadt New York, als sechs Jahr­zehnte lang welt­berühmter Regisseur und nach fünf Schei­dungen in einer Part­ner­schaft, die begann, als er 75 war. Denn Stanley Donen war nicht nur ein hoch­in­tel­li­genter und facet­ten­rei­cher Regisseur, er war auch ein sehr char­manter Mensch, dessen Liebes­be­zie­hungen – u.a. mit Elisabeth Taylor, als nur deren Mutter einer Heirat im Weg stand – jahr­zehn­te­lang die Boule­vard­schlag­zeilen der Traum­fa­brik fütterten.

Kaum zu glauben, dass er zugleich mit Mitte 40 eigent­lich schon wieder auf dem abstei­genden Ast war. Das lag nicht daran, dass Stanley Donen etwa nur eine früh verglühte Stern­schnuppe Holly­woods oder ein vorzeitig Vergreister gewesen wäre – nein, die Film­ge­schichte ging einfach ein bisschen über ihn hinweg, weil sich die Zeiten um 1970 änderten und weil der 1924 geborene Donen einfach nichts weniger war, als ein junges Genie, der immer noch jung schien, als sei er schon ewig dabei. Wie ein Alexander der Große des Kino hatte er schon als gerade mal 25-jähriger das Medium Kino, das zwar noch jung war, aber schon in den 40er Jahren von alten Männern regiert wurde, erobert. Und bald auch revo­lu­tio­niert. Denn die ersten eigenen Filme Donens, On the Town (1949) mit Gene Kelly und Frank Sinatra, Royal Wedding mit Fred Astaire und vor allem Singin' in the Rain (1952) wieder mit Gene Kelly und Debbie Reynolds, erfanden nicht nur das Musical-Genre neu, hier wurde das Kino zum dritten Mal neu geboren: Als Medium der reinen Bewegung, der Leicht­füßig­keit, als Ort, in dem Menschen wirbeln, die Kamera fliegt, und die Farben sprühen. Denn dem Tech­ni­color-Farbfilm und den neuen optischen Möglich­keiten der Kameras haben Donens Erfolge genau so viel zu verdanken wie ihre Stars. Das Besondere, Einmalige dieses Regis­seurs war aber sein Stil­ge­fühl und sein Einfalls­reichtum für gute Bilder.
Um zu würdigen, wie groß die Kunst Stanley Donens war, muss man nur einmal andere Musicals aus Holly­woods größter Zeit ansehen, die auch nicht schlecht waren, aber doch immer auf dem Boden der (Film-)Tatsachen blieben.

Dass Donen auf das Aussehen und die Schönheit seiner Film-Bilder mehr Wert legte, als deren auf Sinn und Inhalt, oder die heute so beliebte »psycho­lo­gi­sche Glaub­wür­dig­keit« seiner Figuren, dass er ein Stilist war, der durch Ästhetik wirken wollte, nicht pädago­gisch wertvoll bilden, haben ihm schon zu McCarthy-Zeiten manche übel genommen: »Zwar formal perfekt, aber zu kühl, reine Stilübungen und über­schätzt« – solche Worte, bekamen damals auch Kubrick und Hitchcock von ihren Zeit­ge­nossen zu hören. Aber wie deren Werke haben auch Donens Filme die Irrtümer ihrer Gegenwart über­dauert.

Seine Glanzzeit waren die Fünfziger, dementspre­chend wurde er dann gefeiert von den Cineasten der »Cahiers du Cinéma«. Als die in den Sech­zi­gern begannen eigene Filme zu drehen, war Donen schon zwei Schritte weiter: Es entstanden subver­sive Fremd­geh­komö­dien wie Indiskret und oder so großar­tige lustige Thriller wie Charade (1963), mit seinen Lieb­lings­schau­spie­lern Cary Grant und Audrey Hepburn und Arabeske (1966) – zusammen mit manchen Werken Brian De Palmas waren das die besten Hitchcock-Filme, die Hitchcock nie gedreht hat. In diesen atem­be­rau­benden Filmen sieht man immer wieder Blicke durch irgend­etwas hindurch: Gitter, Scheiben, Zäune, unscharfe Bilder, Spie­ge­lungen und optische Täuschungen zum Beispiel durch einen Fern­seh­bild­schirm.

Ab den 70ern, als dieses Fernsehen den Medi­en­krieg verloren hatte, das klas­si­sche Studio­system zusammen gebrochen war, und in »New Hollywood« eine junge Gene­ra­tion mit neuen Stars den Ton angab, hatte Donen zunehmend Probleme, neue Aufträge zu bekommen.

Dafür zog man ihn zu Rate, um die Fehler der Jungen in der Montage auszu­bü­geln: So stellte Donen Michael Ciminos Der Sizi­lianer im Auftrag der Produ­zenten fertig.

Bis ins hohe Alter wirkte Donen aufmerksam und frisch und viel jünger als er war. Es muss alles in allem ein tolles Leben gewesen sein – wir dürfen, wir müssen uns Stanley Donen als einen glück­li­chen Menschen vorstellen.

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