15.11.2018

Mit der Faust aufs Auge des Betrach­ters

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Höchste Weihen: Herzog und Gorbat­schow eröff­neten DOK Leipzig

Über­le­gungen zur Frage: Was ist ein Doku­men­tar­film? – sowie bemer­kens­werte neue Filme von Werner Herzog und Vitaly Mansky und anderes im Programm der DOK Leipzig

Von Rüdiger Suchsland

»Der Zusam­men­bruch der Sowjet­union ist die größte Tragödie des 20. Jahr­hun­derts.«
Vladimir Putin

»Positive Distur­bance«, »positive Störung« – es wäre ein gutes Motto gewesen für die dies­jäh­rige Ausgabe der DOK Leipzig, dem Festival für Doku­men­tar­film und Animation. Viele vor Ort hielten es auch dafür; trotzdem war es das beileibe nicht, sondern ein Einfall der öster­rei­chi­schen Filme­ma­cherin Ruth Becker­mann, von der der Festival-Trailer stammte, in dem die Formu­lie­rung auftauchte – wobei Becker­mann selbst aller­dings nach meinem sicheren Eindruck nicht sehr glücklich damit war, dass das Festival dann mit ihrem Film recht frei umge­gangen war, ihn gewis­ser­maßen als Material benutzt hatte.
Da wird man in Zukunft in Leipzig wieder etwas vorsich­tiger agieren müssen. Wie mit so manchem.
Mit »Positive Distur­bance« war immerhin aber benannt, was Kunst überhaupt leisten sollte, auch der Doku­men­tar­film, dort wo er künst­le­risch ambi­tio­niert ist und sich nicht nur als jour­na­lis­ti­sche Reportage versteht: Irri­ta­tion, Störfeuer und produk­tive Erschüt­te­rung von Welt­bil­dern oder fest­ge­fah­renen Meinungen.

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Ande­rer­seits werden an Doku­men­tar­filme auch noch andere Ansprüche gestellt: Infor­ma­tion bis zu einem gewissen Grad, das Nicht-Ausge­dacht­sein, um mal das gefähr­liche Wort »Realismus« vermieden zu haben. Doku­men­tar­filme sollten bis zu einem gewissen Grad »zeigen, was ist«, zumindest aus der persön­li­chen Sicht des Filme­ma­cher-Autors. Das ist der unaus­ge­spro­chene, aber fest geschlos­sene Vertrag mit dem Zuschauer. Doku­men­tar­filme sollten keine alter­na­tiven Wirk­lich­keiten oder bewusst falschen Szenarien und Figuren kreieren. Ein Doku­men­tar­film, der das dennoch tut, ist mindes­tens ein schlechter Film, und wenn er lügt, dann ist er Propa­ganda oder Schlim­meres. Und wer einmal lügt, dem glaubt man nicht – darum riskiert der Doku­men­tar­film da, wo er Speku­la­tionen und Subjek­ti­vität nicht als solche klar macht, ein ganzes Genre. Aber für wen klar macht? Nur für den klugen Zuschauer? Oder auch – mit der Faust aufs Auge des Betrach­ters – noch für den letzten dösenden Trottel im Publikum?
Eine Mock­u­m­en­tary aber ist jeden­falls kein Doku­men­tar­film, und wenn sie auf einem Doku­men­tar­film­fes­tival läuft, schädigt das den Ruf des Festivals. Dieser Hinweis bezieht sich ausdrück­lich nicht auf die DOK Leipzig, sondern ist eher generell gemeint.
Doku­men­tar­filme sollten zugleich nicht an der Ober­fläche verharren, sondern tiefer schürfen als die Fern­seh­nach­richten, und mit all dem auch dem gras­sie­renden Hang zu »Fake News« und »Alter­na­tive Facts« klas­si­sche Wahr­heits­an­sprüche entge­gen­stellen.
Neben der Zers­tö­rung allzu einfacher Wahr­heiten kann ein Doku­men­tar­film es sich auch zur Aufgabe machen, Wahr­heiten überhaupt ans Licht zu bringen, oder an Einsichten zu erinnern, die mit der Zeit vergessen oder verzerrt wurden.

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Von seiner Geschichte her ist die DOK Leipzig ein Festival des tradi­tio­nellen Doku­men­tar­films: Politisch, auf relevante Themen fixiert und auf tech­ni­sche Präzision. Weniger offen für Expe­ri­mente und künst­le­ri­sche Capricen. Filme­ma­chen und -gucken als Arbeit, weniger als Kunst und Kunst­ge­nuss.

Aber auch Leipzig kann sich den neueren Tendenzen und Moden nicht verschließen. Zu diesen gehört die Aufhebung der klaren Trennung zwischen Doku­men­tar­film und Fiktion. Gerade jüngere Doku­men­tar­fil­me­ma­cher betonen die Subjek­ti­vität ihres Zugangs, sie wollen – und sollen wenn es nach den co-finan­zie­renden Fern­seh­sen­dern geht – Geschichten erzählen.
Aber wie weit darf das gehen? In Zeiten des »post­fak­ti­schen« Redens und der Allge­gen­wart mächtiger PR-Agenturen ist diese modische Aufhebung schon heute politisch überholt.

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Warum eigent­lich »die« DOK Leipzig, wurde ich vom Grammatik-Syndikat gefragt. Es wäre doch »das« Doku­men­tar­film­fes­tival. Das stimmt schon, jeden­falls in der Welt der Logik. Im Kino und auf Film­fes­ti­vals geht es aber nicht logisch zu. Darum sagen alle »die« DOK Leipzig, selbst auf meine Nachfrage, die ich dann ganz irritiert eingeübt hatte.

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Dass das Festival mit Werner Herzog eröffnete, war ein Coup: Denn Herzog ist welt­berühmt, und sein neuer Film Meeting Gorbachev passte ober­fläch­lich betrachtet ideal zu einem Festival, das bereits aufs kommende Jubiläum des Mauer­falls voraus­blickte, und sich tradi­tio­nell als Brücke zwischen Ost und West versteht, mit beson­derem Interesse für die Facetten des Staats­so­zia­lismus und seines Schei­terns.

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»Wie war Ihre erste Begegnung mit einem Deutschen?« fragt Werner Herzog sein Gegenüber Michail Serge­je­witsch Gorbat­schow. Offenbar erwartet er, von dem 1931 geborenen letzten Präsi­denten der Sowjet­union etwas über den Krieg zu erfahren, und das Verhältnis zu seinem Volk, das einen Krieg entfes­selte, bei dem über 25 Millionen Sowjet­bürger starben. Doch er bekommt etwas anderes zu hören: Die Geschichte einer Kind­heits­er­in­ne­rung: Man sei ins Nach­bar­dorf gefahren und habe dort bei einer befreun­deten Familie wunder­bare einge­legte Gurken gegessen. Das waren die ersten Deutschen, die Bewohner des Nach­bar­dorfes, die Schöpfer der Wunder­gurken. So weit so authen­tisch, obschon viel­leicht auch nost­al­gisch verklärt, obschon viel­leicht auch nur eine kluge, weil mit Erwar­tungen brechende Anekdote eines profes­sio­nellen Poli­ti­kers und Anek­do­ten­er­zäh­lers.

Dann schwebt die Kame­r­ad­rohne über ein ödes Dorf, irgendwo in den Weiten Russlands. Hier wuchs Michail Gorbat­schow auf. Die Kamera zeigt den Friedhof, und die Gräber von Gorbat­schows Vorfahren. Herzog kann sich nur für Dinge inter­es­sieren, die er sich einver­leiben kann, die ihm erlauben, »Ich« zu sagen. Also muss in den ersten Minuten die persön­liche Nähe zwischen ihm und seinem Objekt klar gemacht werden: Wie er, Herzog, sei auch Gorbat­schow in einem Dorf aufge­wachsen, eng dem Leben der Bauern verbunden, wie er, Herzog, sei auch Gorbat­schow als Kind barfuß zur Schule gelaufen, habe auf den Feldern arbeiten müssen.

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Herzog hat Michail Gorbat­schow für drei lange Inter­views getroffen. Mit ihnen garniert er seine chro­no­lo­gisch und konven­tio­nell erzählte Film-Biogra­phie. Auf den Flug über das Stop­pel­feld und das Dorf im Nirgendwo des russi­schen Middle-West folgt noch eine zweite Anekdote: Als der Vater, ein Front­kämpfer gegen die Nazi-Invasion, dann aus dem Krieg siegreich heim­ge­kehrt ist, blickte er seinem 15-jährigen Sohn tief in die Augen und sagte zu ihm: »Wir kämpften, bis uns der Kampf ausging. Genau so musst du dein Leben führen.« Der Sohn erzählt es ernsthaft, als habe der Satz Bedeutung für sein eigenes Dasein. Und wenn es nicht wahr ist, ist es gut erfunden.

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In den Inter­views dazwi­schen dominiert Belang­loses, das aber Gorbat­schows Person umreißen und greifbar machen soll. Die Einsam­keit ohne Ehefrau Raissa. Der zucker­freie Scho­ko­la­den­ku­chen, den der zucker­kranke Ex-Präsident vom Regisseur als Mitbringsel bekommt. Die Hoffnung des weit über 80-jährigen: »Ich wünsche mir noch drei Jahre« – vermut­lich um das 30.Jubiläum des Zusam­men­bruchs der UdSSR zu erleben.
Dann wieder Zeitreise: Der Hunger der Bauern in den 40er Jahren. Die Begabung des jungen Michail. Die Moskauer Studenten in den 50er Jahren. Alte Photos. Wieder ein Droh­nen­flug, diesmal um eine Lenin-Statue. Am Span­nendsten ist hier vor allem das alte, oft unbe­kannte Material aus jener Zeit, als Gorbat­schow erst zu dem Mann wurde, der mit »Glasnost« und »Pere­stroijka« den Kalten Krieg beendete.
Es geht schnell voran. Plötzlich studiert der junge Komsomol Jura, lernt die bild­hüb­sche Raissa kennen. 1971 ist er bereits ein bedeu­tender Funk­ti­onär. 1974 durfte er die Einwei­hung des unter Stalin begon­nenen Stawropol-Kanals über­nehmen. 1981 wird er vom bereits senilen Breschniew geehrt. Die UdSSR befindet sich zu diesem Zeitpunkt bereits in rasantem Abstieg.
Das aufstre­bende Mitglied des Polit­büros reist nach Ungarn, um von der dortigen Agrar­in­dus­trie zu lernen. Den Ungarn gelangen in den 70er und 80er Jahren gute Erträge, sie produ­zierten weit über Bedarf. Die Bauern der Sowjet­union taten das Gegenteil. Unga­ri­sche Funk­ti­onäre erinnern sich an Gorbat­schows Qualitäten: »Man konnte sehen: Da war einer mit offenem, wachem Geist, er war nicht korrupt, sondern in jeder Hinsicht gerade heraus. Ein guter Zuhörer, er stellte die richtigen Fragen. Und: Er trank keinen Alkohol.
In Moskau tuschelten zur gleichen Zeit unter den Konkur­renten die ersten: ›Dieser Mann wird das Grab für unser System graben.‹«

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Hier nun gestattet sich Herzog einen Moment der Real­sa­tire, in der filmi­schen Form fast Slapstick: Er schildert die rasche Aufein­an­der­folge der Beer­di­gungen und kurzen Regie­rungen von Breschniew, Andropow und Tscher­nenko. Dann hat Gorbat­schows Stunde geschlagen. Von Beginn an war klar, dass mit ihm ein neuer Wind wehte. Gegenüber dem jungen Staats­chef sah die Reagan-USA plötzlich alt aus. Es ist klar, dass Gorbat­schows Wunsch nach Offenheit und Restruk­tu­rie­rung ernsthaft war: Er redete mit den Menschen auf der Straße, hörte ihnen zu – das waren nicht nur werbe­wirk­same Bilder.
Und außen­po­li­tisch begannen sensa­tio­nelle Abrüs­tungs­schritte, die bis heute ohne Beispiel sind. Der Kalte Krieg war 1985 so kalt, wie er nur sein konnte. Aber Margaret Thatcher begriff und bekannte öffent­lich: »We can do business together.« Und zwischen Ronald Reagan und Gorbat­schow stimmte die persön­liche und damit auch poli­ti­sche Chemie. »That sort of clicked« berichtet US-Außen­mi­nister Shultz über das entschei­dende Treffen in Rejkjavik.
Dies ist ein Beispiel dafür, dass wirklich mal einzelne Männer Geschichte machen – es machte eben schon einen Unter­schied, ob Gorbat­schow oder Breschniew an der Spitze der UdSSR stand, ob sich zwei Präsi­denten mögen und vertrauen oder persön­lich verab­scheuen. Ob einer Mut hat oder ein Feigling ist. Ein weiterer Gedanke am Rand: Bush, Thatcher, Kohl waren im Vergleich zu heute bessere Führungs­po­li­tiker. Es waren Konser­va­tive, aber keine Voll­idioten, und man wusste mehr von ihnen als Menschen, als von Trump, Merkel und co. heute.

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Nur Lech Walensa, der intel­lek­tuell eher schlicht gestrickte polnische »Arbei­ter­führer«, hält Gorbat­schow offen­kundig für einen Idioten. »Dass er glaubte, den Kommu­nismus zu retten.« Es ist ein Augen­blick unglaub­li­cher, wenn auch nicht über­ra­schender Arroganz, mit dem der Pole in Herzogs Film zu sehen ist. Wenn er behauptet, »die Polen sind immer dagegen [gegen den Kommu­nismus] gewesen«, dann stimmt das nicht wirklich, aber vor allem formu­liert Walensa da auch einen der Gründe, warum es mit dem Kommu­nismus viel­leicht nicht so geklappt hat, wie es hätte klappen können. Man kann den Polen als Bundes­ge­nossen nicht trauen. Sie haben immer ihre eigene Agenda – wie sie gerade in Europa wieder demons­trieren.

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Man vergisst es leicht, was in einer Lebens­zeit möglich ist – was Gorbat­schow zwischen 1931 und 2018 alles erlebt hat.
Die Dynamik des Zusam­men­bruchs nahm dann in der zweiten Hälfte 1991 rasant zu. 1991 ging Gorbat­schow dann »der Kampf aus« – freimütig gibt er zu, Jelzin unter­schätzt zu haben: »Ich bin nicht diese Art Typ. Ich hätte ihn viel­leicht irgend­wohin schicken müssen.« Und wir Zuschauer sollen dann damit sympa­thi­sieren, dass er es nicht tat. Viel­leicht sollten wir besser einsehen, dass dem Politiker Gorbat­schow die entschei­denden Fähig­keiten fehlten, die Sowjet­union in dieser Krise zu erhalten. Putin wäre das nicht passiert.
Diesen Putin sehen wir einmal in diesem Film: Auf der Beer­di­gung von Raissa. Aller­dings bleibt Herzog hier wie insgesamt meist an der Ober­fläche. Etwas mehr Nach­fragen, ein bisschen weniger Hagio­gra­phie und Bewun­de­rung für Gorbat­schow und der Verzicht auf den Versuch, diesen außer­ge­wöhn­li­chen Politiker zum Philo­so­phen und zum Welt­weisen zu machen, hätten dem Film gut getan.
Aber Herzogs Filme handeln eben immer alle vor allem von Herzog.

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Von Anfang an konstru­iert Vitaly Manskys Film Putin’s Witnesses seine sehr eigene Wahrheit. Das Jahr 1991 beschreibt der Regisseur wie folgt: »Das Volk überwand die Roten und wählte Jelzin. Russland wählte den demo­kra­ti­schen Weg. Mit der Freiheit kam die Wirt­schafts­krise, der Tsche­tsche­ni­en­krieg und Jelzin wurde Zar.«
Dann geht es richtig los: Jelzin spricht im Fernsehen, es ist der 31. Dezember 1999. »Ich möchte Euch um Vergebung bitten.« Er klingt besoffen, die Stimme leiert. »Es stellte sich alles als schwie­riger heraus, ich habe dran geglaubt, ich hab getan, was ich konnte. Ihr verdient Glück.« Und aus dem Nichts heraus erklärt der russische Präsident seinen Rücktritt mit sofor­tiger Wirkung. Als amtie­render Präsident rückt verfas­sungs­gemäß nach: Vladimir Putin.
Das ist die Basis dieses Films: Vitaly Mansky beglei­tete Putin in den folgenden Monaten mit der Kamera bei seinem Wahlkampf, der offiziell gar keiner war. Aus dem Material entstand ein Film für das russische Fernsehen. Er wurde 2001 ausge­strahlt. Mansky nimmt sich das Material noch einmal vor, montiert es zusammen mit vielem, das unver­öf­fent­licht blieb, zu etwas Neuem. Ein faszi­nie­rendes Dokument.

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Schon an den ersten Tagen machte Putin alles das klar, wofür ihn manche lieben und andere verdammen. Putin sagt (und hier halten wir uns wörtlich an die englische Über­set­zung im Film): »Our main goal is to make people believe in ever­y­thing we say and do. That ours is a heartfelt position dictated only and solely in conside­ra­tion of the national interests. Solely that. This is the key to success. If people believe in it. This is the main thing.«
Und Mansky kommen­tiert: »Did you get it? The task is to convince the Russian people, that national interests are more important than the indi­vi­dual.« Er meint das kritisch. Aber sollte nicht jeder Politiker die Inter­essen des Ganzen, der Gesell­schaft und des Staates über die Inter­essen einzelner Indi­vi­duen stellen?
Putin brauchte keine Wahl­kam­pagne, er war ohnehin auf allen TV-Kanälen omni­prä­sent. Er besuchte alle Regionen und Städte, ohne seine Kandi­datur erklärt zu haben, ließ sich öffent­lich in Wolgograd mit den Stalin­grad-Veteranen sehen und dann mit Tsche­tsche­nien-Veteranen, zeigte sich mit Tony Blair in der Oper in Peters­burg, wo dann – eine schöne Szene – neben dem roten Teppich alte Weiber stehen und brüllen: »Leningrad«, und junge Männer »NATO go home!« Er besucht auch seine alte Lehrerin, die ihn einst förderte, und deren beson­derer Liebling er war. Deren Mann kommen­tiert, was man auch als Motto von Putins folgenden Amts­zeiten setzen könnte: »The state is like a garden: You have to destroy the weed so that something worthw­hile grows.«
Der Beginn von Putins Wahl­kam­pagne lag einige Monaten vorher. Man könne sie, so Mansky, ganz genau auf den 8.9.1999 um 11.59 Uhr setzen. Da gab es einen verhee­renden Bomben­an­schlag auf ein Moskauer Wohnhaus-Gebäude. Erst 22 Tage vorher war Putin Premier geworden. Er musste »Stärke zeigen«, und das tat er. Mansky fügt gleich ein Dementi zu dem hinzu, was sein Film in den Raum stellt: »Nur um das klar zu machen: Weder damals noch heute kann ich an Putins persön­liche Verstri­ckung glauben.« Aber er verweist darauf, dass die Armee kurze Zeit vorher ähnlichen Spreng­stoff einge­setzt hatte.
Während dieser Zeit rede­si­gnete Putin sein Image: Aus dem Mann mit der starken Hand wurde der Mann mit der glück­li­chen Hand. Wähl­er­wer­bung hin oder her – das Schlüs­sel­ele­ment von Putins Kampa­gnen­er­folg war seine Stützung auf die Armee und die vermeint­liche Bedrohung der Sicher­heit Russlands.

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Inter­es­sant sind Manskys Besuche bei Jelzin am Wahlabend. Der Exprä­si­dent guckt fern. Irgend­wann erscheint Gorbat­schow auf den Fern­seh­schirmen. Jelzin sagt: »Jungs, macht die Kamera aus.« Denn während seiner Präsi­dent­schaft war sein Quasi-Vorgänger nicht zu sehen. Die Kamera bleibt aber an. »Mich kotzt der Typ an.« sagt Jelzin. »Wie lange müssen wir dem noch zuhören?«
Mit Bildern von Putins privater Feier am Abend seiner ersten Wahl stellt Mansky auch die zentralen Personen in Putins Umfeld vor. Wir sehen da Mikhail Lesin, den Presse-Minister und Chef einer PR-Agentur, der RT gründete und 2015 von Unbe­kannten ermordet wurde; Gleb Pavlovsky, den ehema­ligen Chef-Berater des Kreml, der seit 2012 in Oppo­si­tion zu Putin steht; Ksenia Pono­ma­ryova, Chefin des Wahl­kampf­stabs, die kurz nach der Wahl in Oppo­si­tion ging und 2016 mit nur 54 Jahren starb; Mikhail Ksyanov, den ersten Premier­mi­nister Putins, später in der Oppo­si­tion und durch einen soge­nannten öffent­li­chen »Sex-Skandal« von unbe­kannten Kreisen als Politiker ausge­schaltet; Valentin Yumashev, der 2002 Jelzins Tochter Tatjana heira­te­tete; und Vladislav Surkov, ehema­liger Chef-Ideologe des Kreml und bis heute »Graue Eminenz«.

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Mit anderen Worten: Man erfährt ungemein viel in diesem Film. Dies ist Doku­men­tar­film­kino und Aufklä­rung at its best. Eine Lehre im genauen Hingucken, aber auch in der Doppel­deu­tig­keit der Bilder.
Nie denun­ziert Mansky sein Objekt, aber er verehrt Putin auch nicht und bleibt auf Augenhöhe. So besticht seine Darstel­lung von Putins Aufstieg im Jahr 2000 vor allem durch Neugier für Wider­sprüche.
Inter­es­sant sind auch die Gespräche mit Putin gegen Ende des Films. Wir erfahren da: »Der Zusam­men­bruch der Sowjet­union ist die größte Tragödie des 20. Jahr­hun­derts«.
Der Nach­folger distan­ziert sich von seinem Schöpfer Jelzin. Putin reagiert auf die depri­mie­renden Erfah­rungen während der Jelzin-Jahre. Jelzin und seine Entourage haben mit ihrem Markt-Bolsche­wismus alles abge­schafft und abge­wi­ckelt und ausver­kauft nach 1991. Was blieb, war ein Scher­ben­haufen. Putin hat an dessen Stelle allmäh­lich wieder etwas herge­stellt. Die Armee bekommt ihre Flagge des Sieges über den Faschismus zurück. Und das Volk seine Hymne. Gegen die Rückkehr zur sowje­ti­schen Hymne gab es eine Petition. Putin vertei­digt die Entschei­dung und zeigt sich hier als kluger Staats­mann: »Warum können wir bei der Hymne nicht an den Sieg im Zweiten Weltkrieg denken, statt an den Gulag? Warum müssen wir die Musik mit den schlech­testen Aspekten des Sowjet-Lebens verbinden? Die Mehrheit hat eine gewisse Nostalgie. Es ist nötig, das Vertrauen der Bürger in das Esta­blish­ment des Staates zu erneuern.«
Und es war der gleiche Autor, Alexander Michalkov, Vater des Putin-treuen Film-Regis­seurs Nikita Michalkov, der 1942 den stali­nis­ti­schen Text zur Musik schrieb, 1953 die Neufas­sung und 2000 die dritte Version. Das sind die wahren Konti­nuitäten Russlands.

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Später kommt Putin noch einmal auf die Hymne zurück: »Man kann nicht immer das tun, was die Leute wollen. Ich habe keine Angst, Vertrauen zu verlieren. Es gibt Entschei­dungen, die sind im Interesse des Staates. Egal ob man zustimmt oder ablehnt, man muss verstehen.« Putin macht klar, dass Politik mehr ist als die Kunst des Möglichen.
Der Präsident gibt zu: »Elemente der Auto­kratie sind aus der Vergan­gen­heit in die Gegenwart gewandert. Das kann uns nicht gefallen, aber es ist sehr schwer, dagegen anzu­kämpfen.«

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Diese zwei sowje­tisch-russi­schen Geschichten, gewis­ser­maßen von Stalin zu Putin, zeigen, dass jedes Zusam­men­spielen und Durch­ein­an­der­werfen von Fakten und Fiktion vermintes Terrain ist – seltenst produk­tives Zusam­men­spiel.
Es gibt aber einzelne Filme, wo Fiktion und Fakten, Poesie und prosai­sche Praxis sehr gut und konkret inein­an­der­greifen. Zum Beispiel der Schweizer Essay-Film »Chris the Swiss« von Anja Kofmel über einen Korre­spon­denten im jugo­sla­wi­schen Bürger­krieg. Dies war auch eines der wenigen Beispiele für die gelungene Verbin­dung von Doku­men­tar­film und Anima­ti­ons­film – Animation trägt »DOK Leipzig« zwar im Titel, de facto fristet sie aber eher ein Nischen­da­sein am Rand des Festivals.

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Unter rund 300 viel zu vielen Filmen in Leipzig gab es klarer­weise sehr viel Verschie­denes zu sehen – oft vermisst man in neueren Werken das Interesse für Geschichte, Politik und gesell­schaft­liche Macht. Viele zeit­genös­si­sche Doku­men­tar­filme bieten einen allzu indi­vi­dua­li­sierten Blick auf das Leben der Menschen, sie bieten viel Moral, aber wenig Analyse. Als ob das einzelne Indi­vi­duum so inter­es­sant wäre.
Struk­turen kommen weniger vor, ebenso wie sich kaum Doku­men­tar­filme über Histo­ri­sches im Programm finden. Gibt es sie nicht, oder werden sie nicht ausge­wählt? Wird der Doku­men­tar­film, viel­leicht auch durch die Finan­zie­rungs- und Förder­be­din­gungen, geschichts­ver­gessen?

Immerhin die hervor­ra­genden Retro­spek­tiven zu Lutz Dammbeck und Ruth Becker­mann wider­legen manche dieser Gedanken.

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