03.05.2012

Neverland

Like Twenty Impossibles
Like Twenty Impossibles

Palästinensische Videokunst und Filme experimentieren in London mit dem Leben in der Warteschleife

Von Sabine Matthes

Wie fühlt es sich an, Paläs­ti­nenser zu sein? Hätten Jackson Pollock und Samuel Beckett die Frage mit den Mitteln des Action paintings und des absurden Theaters beant­wortet, sähe das Ergebnis wohl aus, wie Manar Zuabis Video »In Between« (2005). Die in Nazareth lebende Perfor­mance- und Instal­la­ti­ons­künst­lerin kompri­miert die über 60 Jahre andau­ernde Leider­fah­rung der Paläs­ti­nenser in ihrem 3-Minuten Video zu einem kraft­vollen Bild. In einem erdrü­ckend engen weißen Raum steht sie barfuß in einer glitschig ölschwarzen Pfütze und versucht sich, mit vergeb­li­cher Beharr­lich­keit, seil­sprin­gend daraus zu erheben. Die zähe Flüßig­keit hält sie am Boden, die niedere Decke verhin­dert den Spaß sich frei­zu­fliegen. Mühsam und umständ­lich, um nicht auszu­rut­schen, steigt sie über das Seil, das dann wie Peitschen- und Pinsel­hiebe gegen die Wände knallt und alles mit dem schwarzen Etwas besudelt, in das sie immer mehr zu versinken droht, je verzwei­felter sie sich daraus zu befreien versucht. Die Kraft eines uner­müd­li­chen Lebens­drangs, der sich gegen widrigste Umstände behauptet, steckt auch in Zuabis Instal­la­tion »Green Green Grass« (2008). Wie Gras schlän­geln sich rote Kabel­fäden durch feinste Mauer­ritzen ihren Weg ins Freie, ganz ohne Erlaubnis.

Welche Ernied­ri­gungen und Strapazen die Menschen tatsäch­lich auf sich nehmen müßen, doku­men­tiert Khaled Jarrars Video »Journey 110« (2009, 12 Min.). Heimlich schlei­chen sie, gefilmt während des Ramadan, durch die stinkende Dunkel­heit eines 110 Meter langen Abwas­ser­ka­nals von der abge­rie­gelten Westbank zu ihren Familien, Freunden und Feier­lich­keiten nach Jerusalem. Taschen und Kinder an sich gepresst, Schuhe und Beine notdürftig mit blauen Plas­tik­sä­cken umwickelt, ballan­cieren sie von Stein zu Stein durch die ekelige Sauce einem entfernten Licht­schein entgegen, als wäre es ein Todes­tunnel in einem Alptraum von Hier­onymus Bosch. Die unheim­liche Stille wird durch »Soldaten ... Soldaten ... geht zurück!«-Rufe unter­bro­chen. Inzwi­schen ist der Tunnel geschlossen, aber Jarrar hat beob­achtet, wie ihn 500 bis 600 Menschen in drei Stunden benutzten.

Für den in Jenin geborenen Foto­grafen, Video- und Perfor­mance-Künstler sind Fragen von Bewe­gungs­frei­heit und Beschrän­kung zentral. So parodiert Jarrar das israe­li­sche Grenz­re­gime, wenn er im zentralen Busbahnhof von Ramallah in die Pässe der Touristen als Will­kom­mens­geste seinen »State of Palestine« Stempel drückt: einen nektar­na­schenden Kolibri, der auf Englisch »Palestine Sunbird« heißt. Es soll eine Demons­tra­tion gegen Besatzung, gegen die Teilung Paläs­tinas und für eine Ein-Staat-Lösung sein. Viel­leicht war es diese subver­sive Unschuld künst­le­ri­scher Amts­an­maßung, die auch Slavoj Zizek, den slowe­ni­schen Philo­so­phen, gereizt hat, seinen Pass stempeln zu lassen und damit am Ben Gurion Flughafen eine Irri­ta­tion zu provo­zieren. Letzten Juli stempelte Jarrar Pässe am Berliner Check­point Charlie. Für die dies­jäh­rige 7.Berlin Biennale für zeit­genös­si­sche Kunst hat er sein Palästina Logo auf deutsche 0,55-Euro-Brief­marken drucken lassen, die man erwerben und verwenden kann.

Wenn Kunst Wünsche wahr machen soll, kann sie viel­leicht auch Uner­wünschtes verschwinden lassen. So dachte sich der 1961 in Jerusalem geborene, in Ramallah lebende, Künstler und Kurator Khalil Rabah, als er bei einem Berlin Besuch die Reste der Mauer als Souvenirs sah, daß er »seine« Mauer in Israel/Palästina bei einer Auktion einfach weg-verkaufen sollte. Am 13. März 2004 wurden in dem von ihm gegrün­deten »Palesti­nian Museum of Natural History and Humankind« in Ramallah acht Objekte verstei­gert, die natür­liche und künst­liche Mate­ria­lien aus der Mauerzone enthielten. Sein Doku­mentar-Video »The 3rd Wall Zone Auction« (2004, 6 Min.) zeigt die Auktion, wobei die Grenze zwischen Realität und Perfor­mance verschwimmt. Man sieht den Auktio­nator in Aktion: »Wer bietet 100.- Dollar? ... Ein bedeu­tendes Stück Geschichte Paläs­tinas von direkt unterhalb der Mauer für 300.- Dollar!«; draußen wartet der Liefer­wagen mit den erstei­gerten Kisten auf den Abtrans­port. Soll hier der Ausver­kauf Paläs­tinas gezeigt oder die Wieder­ver­ei­ni­gung a la Deutsch­land vorweg­ge­nommen werden? Zeigt sich hier die Meta­mor­phose des konkreten Lebens­raums Palästina in ein abstraktes, mythisch aufge­la­denes Kunst­pro­dukt, eine Fiktion die nicht mehr und noch nicht existiert? Die Irrea­lität dieses Schwe­be­zu­stands zwischen Wunsch­traum und Wirk­lich­keit, dieses zur Permanenz verdammten Provi­so­riums? Das Surreale des geogra­phi­schen Konstrukts, wo die Paläs­ti­nenser in der Westbank gleich­zeitig innerhalb israe­li­scher Grenzen einge­schlossen sind, aber – wie in Apartheid-Südafrika – außerhalb des israe­li­schen Staats­sys­tems leben? Los Nr.448 heißt »ALESTINIAN« und besteht aus elf Oliven­bäumen. Anwe­sen­heit, Abwe­sen­heit und Verdrän­gung sind bei Rabah wieder­keh­rende Themen, wobei für ihn der Oliven­baum als Verkör­pe­rung eines Museums der Seele fungiert. In einer Zeit, wo tausende Oliven­bäume für israe­li­sche Sied­lungen, Umge­hungs­straßen und die Mauer entwur­zelt werden, versetzte er einige paläs­ti­nen­si­sche Oliven­bäume nach Genf und pflanzte sie vor dem Haupt­quar­tier der Vereinten Nationen wieder ein – als eine Kunstform die ständig lebt und gedeiht.

Das Gefühl von Verlust und Sehnsucht, Nostalgie und Melan­cholie, für etwas auf immer Verlo­renes, wird in den poetisch-myste­riösen Videos von Basma Alsharif greifbar bewußt. »Ever­yw­here was the same« (2007, 11 Min.) erzählt in einer Diapro­jek­tion mit Unter­ti­teln die imaginäre Geschichte zweier Mädchen, die am Ufer eines präa­po­ka­lyp­ti­schen Para­dieses Zeugen eines Massakers werden. Bilder verlas­sener Orte mischen sich mit der eloquenten Eröff­nungs­rede von Haidar Abdel-Shafi bei den Madrider Frie­dens­ver­hand­lungen. Ein herz­zer­reißender Song von Fairuz gleitet über eine paläs­ti­nen­si­sche Stickerei. Die Stärke des Videos liegt in der Andeutung all seiner möglichen Inter­pre­ta­tionen, von der blutigen Vertrei­bung der Paläs­ti­nenser 1948, bis zu dem Massaker im Sommer 2006 an einer Familie, die am Strand von Gaza pick­nickte.

Die 28-jährige Basma Alsharif ist in Kuwait geboren, in Frank­reich aufge­wachsen, studierte in Chicago, lebte in Kairo und zog nach Beirut, aber ihre halbe Familie ist aus Gaza. So waren die Video­bilder des Massakers, das bei einer Explosion auf einen Schlag sieben Mitglieder einer einzigen Familie tötete und das 10-jährige Mädchen Huda Ghalia alleine, weinend und verzwei­felt am Strand umher­ren­nend, zurück­ließ, besonders prägend für sie. Varia­tionen von Ghalias Tragödie sind auch in die komplexen Schichten anderer Arbeiten verwebt. In »We Began by Measuring Distance« (2009, 19 Min.) klingen ihre stechenden Schreie wie eine unheil­volle Warnung zu den ruhigen Bildern einer bren­nenden Sonne, die sich über einer chao­ti­schen Stadt am Meer wie in einer Sonnen­fins­ternis zu einem Mond verdun­kelt. Eine anonyme Gruppe misst zum Zeit­ver­treib Entfer­nungen, die ihren unschul­digen Charakter verlieren und poli­ti­sche Brisanz gewinnen. Die Bilder oszil­lieren in verfüh­re­ri­scher Ambi­va­lenz , rosa Quallen schweben verletz­lich und verlet­zend durchs Wasser, Feuer­werke oder Bomben­ex­plo­sionen erleuchten eine nächt­liche Stadt, ein durch Zeitlupe zum Lachen oder Schreien verzerrtes Gesicht läuft uns entgegen. »An einem Tag wie jedem anderen,« sagt eine tiefe männliche Stimme, »würden all unsere Erin­ne­rungen nur im Rückblick bedeutsam werden.«

Die Frage, was es bedeutet, an einen Ort, ein Narrativ, eine Idee gebunden zu sein, an etwas das nicht wirklich existiert, steckte in all den Arbeiten der Ausstel­lung »Navi­ga­tions: Palesti­nian Video Art, 1988-2011«. Insgesamt wurden damit im Londoner Barbican Centre 15 Arbeiten von 12 Künstlern gezeigt. Es war die fünfte jährliche Ausstel­lung, die das »Palestine Film Festival« in London beglei­tete und die erste, die sich paläs­ti­nen­si­scher Video Kunst widmete.

Auf dem »Palestine Film Festival« gab es über 50 Arbeiten aus 16 Ländern zu entdecken – von seltenem Archiv­ma­te­rial aus der Zeit briti­scher Kolo­ni­al­herr­schaft in Palästina, über Susan Sontags einzigen Doku­men­tar­film »Promised Lands« (1974), einer eindrück­li­chen Medi­ta­tion über Zionismus, Mili­ta­rismus und Trauma, die in Folge des Oktober-Kriegs von 1973 entstand und zunächst von der israe­li­schen Zensur verboten wurde, bis zu Tawfik Abu Waels heiß erwar­tetem Nach­fol­ger­film seines preis­ge­krönten Debüts »Atash« (Durst). Nabil Ayouchs Doku­men­tar­film »My Land« (2010) zielte, ganz im Sinne der isra­li­schen Gruppe »Zochrot«, auf den Kern des Konflikts: er konfron­tiert jüdische Israelis mit den Video­zeug­nissen paläs­ti­nen­si­scher Flücht­linge, deren Land und Häuser sie in Besitz genommen haben. Unter den Rednern des Festivals waren Karma Nabulsi, Ilan Pappe, Eyal Sivan und Ella Shohat, die eine Neuauf­lage ihres von Edward Said geprießenen Buchs »Israeli Cinema« vorstellte – eine Analyse, wie Film zionis­ti­sche Politik und Kultur über ein Jahr­hun­dert vermit­telt, verbreitet oder gebrochen hat.

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