03.03.2011

Safari durch den Moloch

Itchiy City
Kgafela oa Magogodi/Jyoti Mistry
»Itchy City«
Video, 2010
© Kgafela oa Magogodi/Jyoti Mistry

»Afropolis. Stadt, Medien, Kunst« zeigt den radi­kalsten urbanen Zustand: Kairo, Lagos, Nairobi, Kinshasa, Johan­nes­burg

Matatu sind Gerüch­te­küchen. Zu tausenden jagen diese Minibusse durch die Straßen Nairobis, immer frisch aufge­motzt nach den neuesten Trends in Design, Musik und Technik. Ihr Name ist von »30 Cent« abge­leitet, dem früheren Fahrpreis von Nairobi zu seinen Vororten. Nicht nur Banden wie die Taliban, die illegal die Routen kontrol­lieren und »Schutz­geld« erpressen, sind um diese Sammel­taxis herum entstanden, sondern auch eine legendäre Matatu-Kultur und -Text­gat­tung. Unter anderem wegen der Konkur­renz dieser hippen, privat betrie­benen, Matatu hat Kenia seit den 1990er Jahren kein öffent­li­ches Nahver­kehrs­system mehr. Wenn man in Sam Hopkins` Tonin­stal­la­tion »Roomah« einsteigt, taucht man in die urbane Mytho­logie ein, die um die Matatu entsteht. Hopkins koor­di­niert auch »Slum-TV«, ein 2006 gegrün­detes Kollektiv von Video­ak­ti­visten in Nairobi, die Geschichten aus Mathare und anderen Slums doku­men­tieren und sie als Material für ein Archiv infor­meller Sied­lungen sammeln. Ihre Video­in­stal­la­tion »Upgrada­sion« zeigt die komplexen Macht­ver­hält­nisse und Ökonomien eines Slum-Entwick­lungs­pro­jekts, insze­niert im Stil zwischen Soap und Comic. Tatsäch­lich schei­terte das »Mathare 4 A Slum Upgrading Project«, das einem Elends­viertel mit über 500.000 Einwoh­nern zu Gute kommen sollte, absur­der­weise am Wider­stand praktisch aller Betrof­fenen, von den Immo­bi­li­en­be­sit­zern bis zu den Armen.

Diese Verflech­tung von künst­le­ri­scher Reflexion und wissen­schaft­li­cher Doku­men­ta­tion macht die Ausstel­lung (und den Katalog) »Afropolis. Stadt, Medien, Kunst« so spannend und lehrreich. Dem Phänomen der schrump­fenden Städte in Deutsch­land antwortet sie mit einem Reichtum urbaner Stra­te­gien und, in den letzten zwei Jahr­zehnten sich dynamisch entwi­ckelnden, Kunst­szenen in den wach­senden afri­ka­ni­schen Metro­polen Kairo, Lagos, Nairobi, Kinshasa und Johan­nes­burg. Wie funk­tio­nieren diese pulsie­renden Mega­or­ga­nismen, ohne ein alles zusam­men­hal­tendes Herz? Was bewegt und bewegen ihre Bewohner? In einem Schlüs­sel­text der Afrika-Stadt­for­schung beschreibt der Soziologe AbdouMaliq Simone das, was er als das »Konzept Menschen als Infra­struktur« fasst. Wenn es keine trag­fähige Infra­struktur und strengen Gesetze im west­li­chen Sinne gibt, dann bieten sich für die Fähig­keiten und Bedürf­nisse der Einwohner extrem mobile und provi­so­ri­sche Möglich­keiten, um sich den stetig wandelnden Umständen und Wider­s­tänden direkt anzu­passen. Durch ihre unmit­tel­bare Betei­li­gung an impro­vi­sierten, flüch­tigen Arten sozialen Verhal­tens erleben sie im urbanen Afrika neue Formen der Soli­da­rität. Die Innen­stadt von Johan­nes­burg, im Zustand ständiger Bereit­schaft und perma­nenter Rast­lo­sig­keit, sieht Simone als »eine Art Zwitter: teils ameri­ka­nisch, teils afri­ka­nisch«, wobei es vor allem die »ameri­ka­ni­schen« Merkmale seien, eine funk­tio­nie­rende physische Infra­struktur, soziale Anony­mität und ein immenser Konsum, die Johan­nes­burg für viele urbane Afrikaner so anziehend machten. Das Gedicht »Itchy City« des südafri­ka­ni­schen Autors und Spoken-Word-Perfor­mers Kgafela oa Magogodi ist eine bild­ge­wal­tige Ode an den Wahnsinn des Molochs Johan­nes­burg: »... and fire in the city of cold blood flows cheaply like pavement tomatoes the streets are red rivers dead bodies and gold-platted teeth five-star smile in the face of a corpse ...«. Ein fernes Echo von Allen Ginsbergs ameri­ka­ni­schem Großstadt-Albtraum »Howl«.

Lagos, mit seinen geschätzten 15 Millionen Einwoh­nern und der Prognose, 2020 die dritt­größte Stadt der Welt zu sein, galt als Sinnbild der Vergeb­lich­keit urbaner Planung. Als Ikone des Schre­ckens und Projek­ti­ons­fläche west­li­cher Zukunfts­ängste. Und damit als ideales Labo­ra­to­rium für den hollän­di­schen Archi­tekten und Stadt­theo­re­tiker Rem Koolhaas, der mit seinem Lagos-Projekt Ein- und Ausblicke auf die Welt von morgen gewinnen wollte. In Koolhaas` Analyse enthüllte das vermeint­liche Chaos eine verbor­gene Ordnung, orga­ni­siert und zusam­men­ge­halten nicht von einem durch Korrup­tion, Gewalt und Miss­wirt­schaft para­ly­sierten Staat, sondern von dessen Indi­vi­duen mit ihrer Krea­ti­vität, Impro­vi­sa­tion und Hand­lungs­macht. Koolhaas` »Lobrede auf die Selbst­or­ga­ni­sa­tion der Gesell­schaft« wurde als euphe­mis­tisch und unpo­li­tisch kriti­siert. Trotzdem gibt es dafür eindeu­tige Erfolgs­bei­spiele. So haben sich soma­li­sche Flücht­linge in Eastleigh, Nairobi, aus Not und wirt­schaft­li­chem Interesse, als perfekte Raum­planer der Praxis erwiesen, lange bevor die verkrus­tete Stadt­ver­wal­tung dazu kam. Als illegale Stadt­be­wohner bauten sie dieses einzig­ar­tige Viertel als eine Art extra­ter­ri­to­riale Haupt­stadt, als Außen­posten und Versor­gungs­basis der Flücht­lings­lager, und als eines der wich­tigsten Handels­zen­tren für ganz Ostafrika auf. Zwischen den extra­va­gan­testen Shopping Malls, samt Reise­büros und Klinik, leben heute etwa 100.000 Menschen in diesem »Klein-Moga­di­schu«.

Der »radi­kalste urbane Zustand« scheint, wo auch sonst, im Kongo zu herrschen. Sowohl das belgische Kolo­ni­al­re­gime als auch Mobutus Schre­ckens­herr­schaft schweben wie ein Spuk über Kinshasa und haben die doppelt trau­ma­ti­sierte Stadt zum Absturz gebracht. Am Beginn einer bizarren Chronik des Wahn­witzes stehen belgische Missio­nare, die unter anderem mit Cowboy-Filmen die jungen Kongo­lesen zu diszi­pli­nieren versuchten. Dies aber beflü­gelte die Jugend­ge­walt, nach dem Vorbild von Buffalo Bill formierten sich Banden, die Bills, deren Männ­lich­keits­kult die Jugend Kinshasas bis heute prägt. Mobutus Macht­ergrei­fung 1965 war das Ende der Bill-Bewegung, viele ehemalige Bills rekru­tierte er für Schlüs­sel­po­si­tionen in Militär und Regierung, andere Bills gaben ihr Banden­da­sein unter dem Einfluss von Pater Buffalos Erlö­sungs­pre­digten auf, der Jesus als den »Grand Bill« schlechthin gepriesen hatte. Heute leben die Lebenden auf dem Friedhof Kintambo neben den Toten, und die Jugend­li­chen, die sich selbst als »Kinder der Unordnung« bezeichnen, setzen auf dem Friedhof und im Rest der Stadt ihre eigenen Gesetze, die »Herr­schaft« der Unordnung durch. Bei Beer­di­gungen bemäch­tigen sie sich der Verstor­benen, spie­le­risch, gewaltsam und exaltiert, tanzend, mit obszönen Gesten, sexuellen Liedern oder entblößten Geni­ta­lien, als könnten sie damit der Ohnmacht in die Fresse schlagen und sich in ihrem verwil­derten Staat über die Allge­gen­wart des Todes erheben. Man kann den Friedhof von Kintambo als »Metapher für den zombi­fi­zierten Zustand einer Stadt und eines Landes« (Filip De Boeck) sehen. Dem müssen die Künstler in Kinshasa die verwe­gensten aller Utopien entge­gen­träumen. Bienvenue Nanga erschafft außer­ir­di­sche Dörfer aus Mate­ria­lien der Straße, mit dem 2006 gegrün­deten Kollektiv »Mowoso« aus Künstlern und Wissen­schaft­lern konstru­ierte er eine afro­fu­tu­ris­ti­sche Maschine aus Videos, Robotern und Raum­schiffen, deren Koor­di­naten Kinshasa mit der Wunschwelt Paris verbinden. Sollte Die Touris­ten­stadt von Pume Bylex einmal Realität werden, dann wäre man bestens aufge­hoben in dem roten Hotel, mit Anti-Kamikaze-Sicher­heits-System.

Sabine Matthes

»Afropolis. Stadt, Medien, Kunst«, bis 13.3.2011 Rauten­strauch-Joest-Museum Kulturen der Welt, Köln, danach Iwalewa-Haus der Univer­sität Bayreuth

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