25.01.2007

Liegt München an der Spree? Der Bayerische Filmpreis als Kino-Barometer

Vier Minuten
Lichtblick des Jahres:
Vier Minuten von Cris Kraus
(Foto: Piffl Medien)

Eintopf am Familientisch

Von Rüdiger Suchsland

»Die Zukunft war auch schon mal besser.« – An Karl Valentin musste man denken, als am vergan­genen Freitag die Baye­ri­schen Film­preise, zum letzten Mal unter Edmund Stoiber, vergeben wurden. Und zu dem Berg der Aufgaben, die vor Stoibers Nach­folger liegen, dürfte es auch gehören, die baye­ri­sche Position in der deutschen Film­land­schaft wieder zu verbes­sern. Denn unge­achtet des bei solchen Veran­stal­tungen üblichen wech­sel­sei­tigen Schul­ter­klop­fens der Film-Amigos, ging in den letzten Jahren mehr und mehr Boden für den Freistaat verloren, vor allem an das immer stärkere – sprich kulturell wie wirt­schaft­lich attrak­ti­vere – Berlin. Und die richtige Antwort darauf haben die in Bayern Zustän­digen noch nicht gefunden – auch das symbo­li­sierte die gestrige Preis­ver­lei­hung gut.

Schon recht: Der Baye­ri­sche Filmpreis ist die zwei­höchst­do­tierte deutsche Kino­aus­zeich­nung, nach dem in Berlin von der Film­aka­demie verlie­henen, vom deutschen Steu­er­zahler finan­zierten Deutschen Filmpreis. Viel baye­ri­sches Steu­er­geld wird da unter kräftiger Mitsprache der Staats­kanzlei verteilt, und nicht ganz unbe­rech­tigt lästern manche über »verkappte Film­för­de­rung«. Denn der hoch­do­tierte, aber in der Branche nicht über Gebühr ernst genommene Preis dient vor allem als Bonus­scheck für Markt­er­folge und als versteckte Zusatz-Förderung für Filme, die bereits mit über­wie­gend baye­ri­schen Geldern finan­ziert wurden – allen Beteue­rungen zum Trotz ein reiner Wirt­schafts­preis, Standort- nicht Kultur­för­de­rung.

Aber so funk­tio­niert einst­weilen das deutsche Förder­system, dass sich neben dem »Kultur­auf­trag«, den gerade die Staats­re­gie­rung gern in blumigen Worten beschwört, auch offen regionale Stand­ort­po­litik auf die Fahnen geschrieben hat. Diese beiden Säulen gerieten schon in den letzten Jahren aus dem Gleich­ge­wicht. Doch auch als reiner Wirt­schafts­preis funk­tio­niert der Baye­ri­sche Filmpreis offenbar nach dem Gieß­kan­nen­prinzip und – von Ausnah­me­jahren abgesehen – nach immer denselben Prin­zi­pien eines selbst­ver­s­tänd­li­chen Freunderl-Finan­zie­rungs-Netzwerk aus Film­för­de­rung, BR, und Münchner Welt­ver­trieben das im für die Öffent­lich­keit weit­ge­hend Verbor­genen verankert ist: Jeder darf mal ran, und einige sind immer dabei, etwa Eichin­gers Constantin – als ob ausge­rechnet die einzigen baye­ri­schen Produ­zenten auf inter­na­tio­nalem Niveau das nötig hätten. Wenn Vilsmeier einen Film gemacht hat, bekommt der auch irgend­einen Preis, ebenso wie ein Film von Kloibers Firma Concorde (diesmal Die Wolke) – so ist das seit Jahren, so bere­chenbar wie lang­weilig. Ganz offen­sicht­lich gibt es in Bayerns Film­in­dus­trie zu wenig Konkur­renz und Wett­be­werb, um dieses real­so­zia­lis­ti­sche Suppen­küchen­prinzip einmal ernsthaft in Frage zu stellen.

Neben aller Selbst­feier des Film­wirt­schafts-Standorts Bayern gibt die alljähr­liche Preis­ver­lei­hung, die erste Auszeich­nung des Filmjahrs immer ein recht gutes Barometer fürs kommende Kinojahr, und liefert natürlich auch eine kultu­relle Botschaft, die einer­seits die Gegenwart spiegelt, und in die Zukunft weist. Gegen­warts­lage spiegelt, ande­rer­seits in die Zukunft weist. Einst­weilen geht es Bayern wirt­schaft­lich nicht schlecht, auch weil das Filmjahr 2006 in ganz Deutsch­land wirt­schaft­lich außer­or­dent­lich erfolg­reich war – wenn auch nur künst­le­ri­sches Mittelmaß wie Sieben Zwerge, Das Parfum oder Deutsch­land. Ein Sommer­mär­chen diese Ernte einfuhr. Zu verdanken ist der hohe Markt­an­teil auch der großen Zahl deutscher Filme. Es wird schwer sein, 2007 diese Erfolge zu wieder­holen. Vor allem aber sollte es für die Förderer zwingend sein, über Kassen­ein­nahmen ihren Kultur­auf­trag nicht völlig zu vergessen. Und hier hat Bayern besonders großen Nach­hol­be­darf. Während die Film­stif­tung in Nordrhein-Westfalen und das Medi­en­board in Berlin-Bran­den­burg auch schwie­ri­gere deutsche Filme und Inter­na­tio­nales von Lars von Trier, Ken Loach und Jim Jarmusch gefördert werden, sucht man derglei­chen Glanz und Wage­mu­tiges in Bayern vergebens. Hier herrschen Main­stream und biederer Geschmack vor.

Auch an den gestrigen Preisen war das zu sehen. Der Licht­blick in diesem Jahr ist Vier Minuten von Chris Kraus, der mit vier Preisen die meisten Auszeich­nungen bekam – eine »sichere Wahl«, die kaum Anstoß erregt, aber auch von fehlender Risi­ko­be­reit­schaft der Preis­stifter in der Baye­ri­schen Staats­kanzlei zeugt, aber zugleich eine origi­nelle, spannende, von den Haupt­dar­stel­le­rinnen Monika Bleibtreu und Hannah Herz­sprung heraus­ra­gend gespielte Story; ein Film, dem man einen ähnlichen Publi­kums­er­folg wünscht, wie ihn Florian Henkel von Donners­marcks Stasi-Schmon­zette Das Leben der Anderen erreichte, der im letzten Jahr vier Preise bekam. Der kleine feine Unter­schied in diesem Jahr ist freilich, dass der wich­tigste, weil höchst­do­tierte Produ­zen­ten­preis 2007 nicht an Kraus' Film ging, sondern an die Produ­zenten von Wer früher stirbt ist länger tot. Mit den zwei Preisen für Marcus H. Rosen­mül­lers altba­ckenen Retro-Heimat­film beweisen die Popu­listen im Auswahl­gre­mium zwar ihren Instinkt fürs Publikum, aber nicht ihren guten Geschmack.

Zugleich fällt auf, dass Bayern als Schau­platz für Geschichten gerade für jüngere Filme­ma­cher zunehmend unin­ter­es­sant wird. Für das neue Berliner »Hartz IV-Kino« ist der Freistaat zu reich und viel zu saturiert, für Dramen zu lang­weilig, und als Produk­ti­onsort zu teuer. Nur auf das Geld der reichen Sender und Förderer kann man kaum verzichten. Fast alle der Preis­träger leben heute in Berlin. Und die Preise sind nur ein weiteres, über­deut­li­ches Indiz dafür, wie sehr Berlin inzwi­schen München den Rang abge­laufen hat – auch in punkto Glamour.

Noch verrä­te­ri­scher ist, wer nichts bekam: Der gesamte Nachwuchs, der ein wenig unkon­ven­tio­nel­lere, anspruchs­vol­lere Filme macht, als Rosen­mül­lers Wieder­be­le­bung von »Opas Kino«. Entweder sie wurden längst von den kunst­feind­li­chen Bedin­gungen verjagt, wie zum Beispiel die Münchner Nach­wuchs­re­gis­seure Benjamin Heisen­berg und Christoph Hoch­häusler, die jetzt zur Gruppe der »Berliner Schule« gehören, oder sie versuchen es als Einzel­kämpfer weiter, wie Hans Stein­bichler, für dessen Film Winter­reise, auch ein Heimat­film, aber einer mit Anspruch und Distanz zum Thema, offenbar am baye­ri­schen Fami­li­en­tisch auch kein Platz ist. Dass sogar solche Filme – urbay­risch, anar­chisch, stur­köpfig – unver­s­tänd­li­cher­weise ignoriert werden, lässt für Bayerns Film­zu­kunft nichts Gutes ahnen.