16.03.2006

Art Works

STAY
Stay: Sich auf das »Wie?« einlassen
(Foto: Studiocanal)

Das Kino als Schmelziegel der Künste: Betrachtungen zu den
Filmen STAY und ICH UND DU UND ALLE, DIE WIR KENNEN

Von Michael Haberlander

Die Eigenheit von guten Filmen ist es, alle anderen Künste in sich aufzu­nehmen und zu verschmelzen, ohne jedoch deren jewei­ligen Gesetz­mäßig­keiten zu über­nehmen. Wenn sich die Regeln der anderen Kunst­formen doch durch­setzen, ist das Ergebnis selten gelungen und wir sehen uns abge­filmten Theater, geschwätzig spröden Lite­ra­tur­ver­fil­mungen oder inhalts­leeren Bilder­fluten und Ausstat­tungs­or­gien gegenüber.

Die beiden zeit­gleich bei uns ange­lau­fenen Filme STAY und ICH UND DU UND ALLE, DIE WIR KENNEN bieten die seltene Gele­gen­heit, die Grenzen (und deren Über­schrei­tung) zwischen Bildender Kunst und Film zu studieren.

Marc Forsters STAY ist vorder­gründig ein weiterer Reali­täts­ver­lust­film, wie sie seit einigen Jahren immer öfter zu sehen sind (u.a. DER MASCHINIST oder DER MANCHURIAN KANDIDAT).

Ein Mann, hier der von Ewan McGregor gespielte Psych­iater Sam, verliert mehr und mehr die Sicher­heit darüber, was real ist. Was ist für ihn real, was für seine Mitmen­schen und was für den Zuschauer?

Forster bebildert diesen Verlust der Gewiss­heiten mit einer über­bor­denden Menge an visuellen Tricks und Techniken, die in dieser Konzen­tra­tion nur selten auf der Leinwand zu sehen sind. Nahezu zwangs­läufig muss es dabei zu Konflikten mit der narra­tiven Seite des Kinos kommen, was hier nur deshalb nicht zu stark stört, da Reali­täts­ver­lust­filme weniger an einer logische Handlung (die Auflö­sungen solcher Filme am Ende sind immer »zwei­fel­haft«), als am Vers­törungs­pro­zess eines Menschens (und indirekt auch des Zuschauers) inter­es­siert sind.

Somit sollte man sich als Zuschauer von STAY auch weniger Gedanken über das Wieso, Weshalb und Warum machen und sich statt­dessen voll und ganz auf das Wie einlassen.
Nur wenige der gezeigten Effekte sind wirklich neu oder über­ra­schend, doch die Art, wie sie hier verknüpft und inein­ander verflochten werden, erzeugt eine ganz eigene, abstrakte Stimmung, wie man sie sonst vor allem aus inno­va­tiven Werbe- und Musik­vi­deo­clips kennt.

Die wahre Kunst Forsters ist es dabei, sowohl eine dünne Visual Effects-Leis­tungs­show, als auch ein Video­kunst­sam­mel­su­rium als auch ein verkopftes Bilder­kunst­rätsel zu umgehen.
STAY ist deshalb ein sehens­werter Ausflug an die expe­ri­men­tellen Ränder der visuellen Kunstform Film.

Um wie viel schlichter kommt da rein äußerlich Miranda Julys ICH UND DU UND ALLE, DIE WIR KENNEN daher. In dem auf Video gedrehten Film sind einige vorsichtig einge­setzte Zeitlupen die Spitzen der tech­ni­schen Tricks und doch besteht auch hier ein unver­kenn­barer Kunst­an­spruch.

Der episo­den­haft angelegte Film erzählt eine weitere Geschichte aus Amerikas Suburbia, in der die verschie­denen Gescheh­nisse lose mitein­ander verbunden sind.
Im Mittel­punkt steht der Schuh­ver­käufer Richard, der sich nach der Trennung von seiner Frau um seine beiden Söhne kümmern muss, sowie die Künst­lerin Christine, die sich in Richard verliebt und nebenbei versucht, ihre Kunst­werke in einer Galerie unter­zu­bringen.

Übli­cher­weise entstehen aus solchen Vorgaben präzise Zustands­be­schrei­bungen des Alltags, doch in diesem Film scheint alles leicht entrückt und versch(r)oben zu sein.
Sind die Personen und Ereig­nisse auch absolut realis­tisch, liegt über allem doch ein magisch unwirk­li­cher Nebel, den man am ehesten noch in den Filmen von Paul Thomas Anderson findet.

Es sind gezielte, kleine Verschie­bungen, die diesen Effekt erzeugen, etwa unge­wohnte (aber nicht extreme) Kame­ra­ein­stel­lungen, abge­ho­bene (aber nicht skurrile oder unsinnige) Dialoge, uner­war­tete (aber nicht konstru­ierte) Wendungen der Handlung.
Die entschei­dende Verschie­bung aber liegt bei der Wahr­neh­mung des Zuschauer, der durch die Machart von ICH UND DU... die »Magie des Alltages« (in 95 % ist diese Phrase totaler Quatsch, doch hier stimmt sie) erkennt.

Man könnte sagen, dass ICH UND DU... ein filmi­sches Objet trouvé bzw. Ready-made ist. So wie Künstler wie Marcel Duchamp Gegen­s­tänden des Alltags zu Kunst erhoben, indem sie sie in einen anderen Zusam­men­hang stellten und so die Blick­weise darauf verän­derten, so verschiebt die Regis­seurin Miranda July (die als renom­mierte Künst­lerin mit solchen Techniken sicher vertraut ist) den Blick auf das unspek­ta­kuläre Vorstadt­leben und macht daraus (Film)Kunst.

Als Zuschauer glaubt man dabei ständig die üblichen Versatz­stücke des Kinos und seiner Geschichten zu erkennen, doch sowie man meint ein einzelnes Thema oder Motiv bestimmen zu können, erscheint es plötzlich unklar. Es ist somit unmöglich, eindeutig zu sagen, in ICH UND DU... gehe es um die Liebe oder um Familie oder um das Erwach­sen­werden oder Pädo­philie im Internet oder um Sehnsucht oder was auch immer.
Es ist ein wenig so, wie bei René Magrittes bekanntem Bild, in dem eine natu­ra­lis­ti­sche Pfeife zu sehen ist und zur allge­meinen Verun­si­che­rung darunter steht: »Ceci n'est pas une pipe« (Das ist keine Pfeife).

Es mag Zufall sein, dass mich die sonder­bare Stimmung in ICH UND DU... wie bei STAY immer wieder an verschie­denen Musik­vi­deos (hier allen voran Airs »All I need« von Mike Mills) erinnert.
Mögli­cher­weise ist die Video­kunst aber auch ein wichtiger, bisher zu wenig gewür­digter Trans­for­mator zwischen den Galerien und Kinosälen.