12.01.2006

Das Mittelmeer ist größer, als man denkt

Das Mittelmeer – ein weiter Raum:
Un homme, un vrai von den Larrieus

Die 5. Mittelmeer-Filmtage sind eine Veranstaltung des Vereins Filmstadt München

Von Dunja Bialas

Mittel­meer-Filmtage, das klingt nach Sonne, Sommer, Strand, Cannes und Saint Tropez. Das Mittel­meer aber, das ist bekannt, ist jenes riesige Gewässer, das sich von Spanien über Frank­reich, den Balkan bis hin zu Israel und Palästina erstreckt, also durchaus Länder als Anrai­ner­staaten enthält, die etwas anderes bereit­halten als das Urlaubs­ge­fühl.

Die 5. Mittel­meer-Filmtage, die vom 13.-29. Januar 2006 in München im Gasteig abge­halten werden, haben dieses Jahr erstmals ihren Horizont um die Gebiete der Adria erweitert. Und dass das alles nicht unbedingt mit einem sommer­li­chen Gefühl zu tun hat, verrät schon der Titel des preis­ge­krönten, serbisch-monte­ne­gri­schen Eröff­nungs­films, A Midwinter Night’s Dream von Goran Paskal­jevic (Fr., 20:00, Carl-Orff-Saal, Gasteig). Mit Krieg, Nach­kriegs­zeit, Zeit der Heimkehr sind die Balkan­länder in einem emotio­nalen Winter ange­kommen, der nichts mehr mit der geogra­phi­schen, im südlichen Europa, gelegenen Situation zu tun hat, sondern in denen sich das Leben vor allem durch Politik und Geschichte bestimmt.

A Midwinter Night’s Dream ist der Traum, der inmitten der Nach­kriegs­wehen in Serbien geträumt wird von einem Neuanfang, von einem Aufbruch in einen Zustand der Besserung, der Gesundung vom Trauma des Krieges, der ausein­an­der­fal­lenden Struk­turen, gesell­schaft­li­chen, fami­liären, auch psychi­schen. Lazar ist Kriegs­heim­kehrer. Zehn Jahre, nachdem er sein Dorf verlassen hat, kehrt er in seine Heimat zurück und findet in seinem Haus eine Frau vor, die dort allein mit ihrer autis­ti­schen Tochter lebt. Lazar will für die bosni­schen Flücht­linge eine neue Heimat suchen, anfangs mehr, um sie loszu­werden, dann, um auch für sich ein neues Zuhause zu finden. Der Zustand des Autismus von Jovana führt ihn zurück an sein eigenes in sich gekehrtes Dasein und – meta­pho­risch – an den Zustand seines Landes. A Midwinter Night’s Dream ist ein Film, der seine Bilder doku­men­ta­risch verankert, der zu einem Sprechen über den Balkan führt, das fernab der klischee­haften Landes­ver­brä­mungen eines Kusturica statt­finden darf. Ein stiller Film, poetisch und dennoch sehr real, konkret in den Bildern, die er findet. Viel­leicht auch der Aufbruch zu einem neuen Balkan-Kino.

Grave­hop­ping von dem Slowenen Jan Cvitkovic steht dem entgegen, verspricht vergnüg­li­ches Balkan­kino, mehr im Sinne Kustu­ricas, aber nicht ohne die morbiden Momente der Existenz auszu­lassen. Pero ist profes­sio­neller Begräb­nis­redner, dem sein eigener Vater mit einer Vielzahl von Selbst­mord­ver­su­chen zusetzt. Er liebt Renata, die sich in ander­wei­tigen, unschönen Verwick­lungen befindet. Tragisch und komisch, mit einer Prise schwarzen Humors, stellt sich der Film dem Tod und dem Leben, der Existenz.

Doku­men­ta­ri­sche Formen spielen immer mehr in die Welt des fiktio­nalen Films hinein, wo sich die Wirk­lich­keit nicht mehr als endgültig fiktio­na­li­sierbar erweist, wo, wenn Geschichten erzählt werden wollen, immer auch ein »wahrer« Zustand des Landes miter­zählt wird. Der israe­lisch-paläs­ti­nen­si­sche Atash (dt. Durst) von Tawfik Abu Wael ist ein Beispiel, wo über die Geschichte einer paläs­ti­nen­si­schen Familie ganz viel von dem Zustand des Landes erzählt wird, ohne aber vorder­gründig den israe­lisch-paläs­ti­nen­si­schen Konflikt in den Fokus zu nehmen. Was poten­ti­elle westliche Geldgeber irri­tierte, die dem Film ihre finan­zi­elle Unter­s­tüt­zung versagten. Die Geschichte von den Kohle­flö­zern, die in einem verlas­senen Trup­pen­ü­bungs­platz ihr Dasein fristen, geht aber weit über den familiär-poli­ti­schen Plot hinaus.

Die älteste Tochter der Familie wurde verge­wal­tigt und hat nach paläs­ti­nen­si­schen Werten damit die Ehre der Familie verletzt. Die Tradition gebietet eigent­lich ihren Tod, der Vater aber hat entschieden, mit seiner Familie ins Exil zu gehen, fernab einer sozialen Gemein­schaft. Brisant wird der Kampf ums Wasser an diesem verlas­senen Ort. Weit von der Pipeline entfernt, wird die Frage nach dem Durst zum alltäg­li­chen Kampf ums Dasein. Ein Exis­tenz­kampf, der zeigt, wie sehr die Frage nach dem Wasser zur eigent­li­chen Proble­matik geworden ist in den Ländern, in denen die Sonne immer scheint. Das Öl, das wird ange­sichts der wichtigen Wasser-Pipeline klar, ist mehr eine Frage der inter­na­tio­nalen Verflech­tungen als alltäg­li­cher Garant für das Leben. Worum es in den östlichen medi­ter­ranen Ländern geht, ist der Durst. Und auch der Durst nach einem selbst­be­stimmten und freien Leben, jenseits der patriacha­li­schen Werte­ord­nung.

Wie unter­schied­lich das Leben und die Frage­stel­lungen der Existenz sein können, das zeigen die Mittel­meer­tage in ihrer eindrucks­vollen Rundschau über Grie­chen­land, Kroatien, Slowenien, Serbien und Monte­negro, Türkei, und natürlich auch in dem Blick auf die heilere Welt von Frank­reich. Un homme, un vrai von Arnaud und Jean-Marie Larrieu zeigt im Vergleich zu den östlichen Produk­tionen Leich­tig­keit und Müßiggang, darüber die Neuer­fin­dung von Wirk­lich­keit, die Selbst­krea­tion. Boris und Marilyne waren schon einmal ein Paar, als sie fünf Jahre später zufällig wieder aufein­an­der­treffen. Sie beschließen, ganz exis­ten­tia­lis­tisch, ihrer Liebe eine neue Chance zu geben und tun so, als würden sie sich eben erst kennen­lernen.

Das Mittel­meer ist eben ein weiter Raum. Und schön ist es, dass die dies­jäh­rigen Mittel­meer-Filmtage den Blick weit halten. Übrigens wurde – zumindest in Deutsch­land – zuerst 1984 auf der Berlinale der Blick auf die Mittel­meer­länder als Länder von Film­pro­duk­tionen gerichtet, die ganz eigene Themen haben, auch ganz eigene Weisen, diese zu erzählen. Damals wurde aus der »Info-Schau« das »Panorama«, abge­leitet vom damaligen »Mittel­meer-Panorama«. So sehen wir heute in München die »Mittel­meer-Filmtage« als ein Stück Panorama, Berlins und der Welt, am Mittel­meer.