29.09.2005
artechock präsentiert

artechock präsentiert: Die Reihe im Herbst/Winter 05

Nacktschnecken

artechock präsentiert: Die Reihe im Herbst/Winter 05

Von Nacktschnecken und anderen Menschen

Von Magali Thomas

Wer nicht die Chance hat, auf Festivals herum­zu­reisen und sich die diver­sesten Filme anzu­schauen, muss sich mit dem zufrieden geben, was die deutschen Verleiher hier­zu­lande in die Kinos bringen. Dabei gibt es noch so viele andere Filme, die es mehr als wert sind gesehen zu werden.

Für artechock ist dies der Anlass, eine regel­mäßige Reihe zu veran­stalten, für die wir ganz bewusst Filme auswählen, die keinen Verleih* in Deutsch­land finden, auf die wir aber einen Focus setzen wollen. Um so etwas durch­zu­führen, braucht es jedoch Geld, denn wirt­schaft­lich ist so ein Unter­fangen ganz und gar nicht. Dafür macht es eine Menge Spaß.
Und wir haben Glück gehabt, denn die BMW Group zeigte schnell Interesse ein Arthouse-Programm in ihre Kulturstaffel mit einzu­be­ziehen. Mit dem Kino Neues Arena haben wir dazu einen Koope­ra­ti­ons­partner, der sich extrem flexibel und engagiert zeigt.

Ab Oktober 05 bis zum Mai 06 zeigen wir jeden zweiten Sonntag im Monat im Kino Neues Arena einen Film, der eine Ergänzung zum regulären Münchner Kino­pro­gramm ist.

Gestartet wird mit dem öster­rei­chi­schen Film Nackt­schne­cken (9. Oktober, 11h30) von Michael Glawogger. Ein Vorschlag unseres Redak­teurs Thomas Willmann, der sich als Fan des öster­rei­chi­schen Films outete und ihn folgen­der­maßen beschreibt: »Zwei ex-studen­ti­sche Slacker werden von einer deutlich paten­teren, geschäft­s­tüch­tigen Freundin auf die Idee gebracht, einen Pornofilm zu drehen: Lösung der noto­ri­schen Geld­sorgen und ihrer nicht minder noto­ri­schen Sexarmut zugleich. Aber schon das Casting gestaltet sich eher ungelenk, und die Dreh­ar­beiten im Haus der verreisten (Althippie-)Eltern zeigen vollends, wie weit die Jungs und Mädels von funk­tio­nie­renden Sexin­dus­trie­ma­schinen entfernt sind. Der Kopf steht dem Körper im Weg. Was im deutschen Kino todsicher zu einer zotigen Teenie-Klamotte verkommen wäre, gerät der Truppe aus dem Dunst­kreis des Grazer 'Theater im Bahnhof' zu einer ungleich fein-schwe­ben­deren, melan­cho­li­scheren (und manchmal einen Hauch surrealen) Art von Komödie.«

Auf dem Dokfilm­fest München 05 fiel uns besonders der Doku­men­tar­film
In The Shadow Of The Palms – Iraq (13. November, 11h30) des Austra­liers Wayne Coles-Janess auf. Coles-Janess ging im Frühling 2003, vier Wochen vor der Invasion in den Irak, nach Bagdad. Er mischte sich unter die Bevöl­ke­rung und es gelang ihm Szenen des alltäg­li­chen Lebens der unter­schied­lichsten sozialen Schichten zu einem einzig­ar­tigen Dokument zusam­men­zu­fügen. Einzig­artig deswegen, weil die Norma­lität des Alltags sich den uns bekannten Nach­rich­ten­bil­dern aus dem Fernsehen wider­setzt. Ein Kinder­ge­burtstag, eine Schul­klasse, ein Café der Dichter in Bagdad und alle anderen Prot­ago­nisten betonen weniger das Fremde, sondern sie geben die Möglich­keit der Iden­ti­fi­ka­tion. Diese Menschen stehen uns viel näher, als uns jede Landes­grenze oder Religion glauben machen möchte. Gleich­zeitig erleben wir auch die Propa­gan­da­ma­schine des Saddam-Hussein-Regimes.
Doch der Film geht noch weiter und zeigt die ersten Bomben und das Leid, das sie bringen. Der Krieg wird greifbar in seiner Unmensch­lich­keit, die vor allem die Zivil­be­völ­ke­rung trifft. Ein Film, der berührt, Perspek­tiven öffnet und mit dem Blick fürs Detail auch voller Humor ist.

Following Sean (11. Dezember, 11h30) von Ralph Arlyck ist dagegen eine doku­men­ta­ri­sche Zeitreise. Als junger ameri­ka­ni­scher Filme­ma­cher zog Arlyck Ende der 60er Jahre in San Fran­ciscos Viertel Haight Ashbury: Hochburg des Flower Powers. Im gleichen Haus wohnte damals der vier­jäh­rige Sean mit seinen Hippie-Eltern und seiner Schwester. Arlyck inter­viewte den Jungen, der ihm bereit­willig Auskunft über die Wochen­tage, seinen großen Zeh und auch über Drogen und Poli­zei­zu­sam­men­s­tösse gab. Daraus entstand damals ein erfolg­rei­cher Kurzfilm.
Dreißig Jahre später machte sich Arlyck wieder auf die Suche nach Sean. Was war aus diesem Jungen geworden, der Spröss­ling einer Welt­an­schauung gewesen war, die alle Tabus brach. Diese Suche nach Sean wurde für den Regisseur auch eine Suche nach sich selbst und ein Rückblick auf die eigenen Lebens­sta­tionen. Der Werdegang von Sean, der Gene­ra­tion seiner Eltern und des Regis­seurs selbst verblüfft, ist aber ungemein spannend und berührend in diesem doku­men­ta­ri­schen Essay umgesetzt.

Ab Januar geht es dann weiter mit neuen Filmen und wir hoffen, dass unsere Film­aus­wahl Euch gefällt. Jeder Film wird kurz einge­führt und danach gibt es die Möglich­keit zum Gespräch im Foyer.

*Ausnahme Nackt­schne­cken, den Senator Film im Verleih hat, jedoch noch keinen Start­termin.