04.08.2005

Das Kino ist keine Scheibe

DVDs
DVDs

Stürzt die DVD das Kino in die Krise?

Von Michael Haberlander

In der Ausgabe Nr. 31 der Wochen­zei­tung DIE ZEIT eröffnet Deutsch­lands Vorzeige-Film­theo­re­tiker Georg Seeßlen unter dem Titel »Angriff der Killer­scheiben« das Feuil­leton mit einem weit­schwei­fenden Artikel, in dem – verein­facht gesagt – der DVD die Schuld an der Krise des Kinos gegeben wird. Er schreibt darin u.a. von einer »visuellen Vertrau­ens­krise«, vom »Ausein­an­der­bre­chen der Erzähl­ge­mein­schaft« und von der möglichen Unfähig­keit der Medien (hier: des Kinos) weiterhin Konsens in der Gesell­schaft herzu­stellen, worauf die Gesell­schaft in »geblen­dete Horden, verirrte Kinder, wahn­sin­nige Sektierer« zerfallen wird. Gerade deshalb »haben vor dem Sterben des Kinos selbst Menschen Angst, die seit zwanzig Jahren keines mehr betreten haben.«

Ach was!? möchte man ange­sichts eines solchen Szenarios mit den berühmten Worten Loriots erwidern und wundert sich, warum man trotz regel­mäßiger Kino­be­suche nichts von dieser cine­as­ti­scher Kata­strophe bemerkt hat.
Krisen­dis­kus­sionen haben in Deutsch­land Konjunktur (immerhin ein Bereich, dem es gut geht), darum begeben auch wir uns auf die Suche nach der Kinokrise unter beson­derer Berück­sich­ti­gung der DVD als möglicher Auslöser.

Krise des Kinos? Ist damit eigent­lich die Krise eines Wirt­schafts­zweiges, einer Kunstform, eines Mediums oder einer gesell­schaft­li­chen Einrich­tung gemeint?
Irgendwie alles zusammen und das eine ist das Symptom des anderen, die als Folge das dritte hat. Oder umgekehrt. Also besser der Reihe nach.

Wenn es um die wirt­schaft­liche Situation der Film­in­dus­trie geht, sollte man gewis­sen­haft die Berichte der Film­för­de­rungs­an­stalt in Berlin, kurz FFA, lesen (kostenlos im Internet erhält­lich). Dann sieht man etwa, dass in den letzten Jahren die Besucher- und Umsatz­zahlen keines­wegs drama­tisch gesunken sind (von 2003 auf 2004 sogar plus 5 %). Und wenn (wie Seeßlen schreibt) die Umsätze diesen Sommer tatsäch­lich zurück­gehen, dann hat das vermut­lich ganz unspek­ta­kuläre Gründe, wie dem Fehlen von großen Block­bus­tern oder dem generell gebremsten Konsum­ver­halten, unter dem viele Wirt­schafts­zweige leiden.

Auch ein Trend weg vom Kino, hin zum Home-Enter­tain­ment (also DVD und Video) lässt sich nur durch geschickte Inter­pre­ta­tion der Statis­tiken hervor­zau­bern. So ist es zwar korrekt, dass das Heimkino seinen Anteil am »Gesamt-Film­budget« (= Umsätze Video/DVD-Verleih– und –Kauf + Kino­um­sätze) der Bundes­bürger seit 1998 von 51 % auf 66 % (in 2004) erhöht hat (alle Zahlen wieder FFA). Das heißt aber nicht, dass deswegen weniger Menschen ins Kino gegangen wären. Vielmehr ist das Gesamt­budget erheblich größer geworden, so dass der Anteil der Kino­um­sätze, bei leicht stei­genden Besu­cher­zahlen, prozen­tual trotzdem gesunken ist.

Wer diesen kalten, nackten Umsatz­zahlen nicht traut, sollte sich viel­leicht Gedanken über die aktuelle und zukünf­tige Moti­va­tion der Kino­gänger machen.
Auch hierzu hat die FFA einige inter­es­sante Zahlen, etwa dass 2004 im Durch­schnitt 60 % der Kino­be­su­cher einen Film nach Thema und Story auswählten, 25 % wegen der betei­ligten Schau­spieler, 25 % weil sie etwas mit anderen unter­nehmen wollten, 25 % richteten sich nach dem Wunsch der Begleit­person, 12 % inter­es­sierten sich für die Special Effects und 18 % wollten den Film sehen, weil er allge­meines Gesprächs­thema war (Mehr­fach­nen­nungen waren möglich).

Film­lieb­ha­bern mögen manche dieser Beweg­gründe als »nieder« erscheinen, doch beweisen diese Zahlen einmal mehr, dass das Kino immer in einem Span­nungs­ver­hältnis zwischen (Film)Kunst und sozialem Event, dem die Inhalte relativ egal sind, steht.
Entschei­dend aber ist, dass jemand, der ins Kino geht, um etwas mit anderen zu unter­nehmen oder weil ihn das allge­meine Gerede neugierig gemacht hat, auch in Zukunft nicht im stillen Kämmer­lein vor seinem DVD-Player sitzen wird.
Für die »echten« Kinofans wird die DVD ohnehin nie ein Ersatz (höchstens eine Ergänzung) für das Kino sein.

Wo also ist die Krise? Sicher nicht im künst­le­ri­schen Bereich (das behauptet nicht einmal Seeßlen), denn nach wie vor werden (allem Gejammere zum Trotz) jedes Jahr viele gute und einige sehr gute Filme gedreht. Das Problem besteht vielmehr darin, diese Filme auch sehen zu können. Über die Schwie­rig­keiten – aber keines­wegs drama­ti­schen Zustände – des aktuellen Kino­an­ge­bots habe ich mich an dieser Stelle vor einem Jahr unter dem Titel »Von Menschen und Kinos in München« bereits ausführ­lich geäußert, weshalb ich hier nur auf einen Punkt, den Seeßlen mit großer Emphase angeht, anspre­chen möchte.

Es ist dies der wieder einmal bemühte Vergleich zwischen den teuf­li­schen Multiplex-Kinos (die in der »Hartz IV- und working poor-Welt Orte des Unbe­ha­gens geworden sind«) und den heime­ligen Klein­kinos (»Orte des Zusam­men­rü­ckens, der emotio­nalen Wärme...«).
Solche Aussagen sind gutmensch­liche Wunder­waffen, die das Kunst­stück voll­bringen, dass ihnen (echte und vermeint­liche) Intel­lek­tu­elle voll­kommen unre­flek­tiert zustimmen, obwohl sie faktisch jeder Grundlage entbehren oder aber total am kriti­sierten Ziel vorbei schießen.

Etwa den Besuch eines Block­buster-Films in einem Multiplex-Kino mit den Augen eines Cineasten zu betrachten, mag einen durchaus schaudern lassen. Doch wenn man von der Allge­mein­heit des Kinos und dessen angeb­li­cher Krise spricht, dann muss man sich auch einge­stehen können, dass für die Mehrzahl der Menschen andere Moti­va­tionen als der reine, kultu­relle Film­ge­nuss gelten und die Multiplex-Kinos für sie deshalb keines­wegs »Orte des Unbe­ha­gens« sondern Orte des Frei­zeit­ver­gnü­gens sind. Sollten man diesen Menschen vorwerfen, sie wären aus den falschen Gründen glücklich und zufrieden?

An diesem Punkt driftet Seeßlens Text schließ­lich vollends in die (natur­gemäß schwer zu wider­le­gende) mora­li­sche, ästhe­ti­sche, philo­so­phi­sche, medi­en­theo­re­ti­sche Kritik ab, die dem aktuellen Kino unter­stellt, nur noch nichts­sa­gend aufge­blähte Bilder zu fabri­zieren, die die Leute nicht mehr im anti­quierten Kinosaal, sondern am eigenen Fernseher mit unzäh­ligen DVD-Extras sehen wollen. Packt Seeßlen das alles auch in schwer­ge­wich­tige Worte, so ist die Grund­aus­sage doch altbe­kannt. Denn wenn er sich heute beschwert, dass alles schlimm und verkommen und dumm ist, dann muss es bisher bedeutend besser gewesen sein, ergo: Früher war alles besser.
Und schon stimmt der liberale Leser dieser gefühlt richtigen Allge­mein­kritik wieder heftig nickend zu.

Nüchtern betrachtet kann ich aber nicht den geringsten Beleg dafür finden, warum das Kino im Jahr 2005 auch nur einen Deut schlechter (in welchem Sinne auch immer) sein sollte, als etwa das des Jahres 1985. Auch damals gab es schon hirnlose, dafür erfolg­reiche Massen­ware und weniger erfolg­reiche Quali­täts­filme, das Publikum hatte immer schon einen Hang zu Ersterem und die gesell­schaft­liche Relevanz des Kinos war auch damals nicht besonders (vermut­lich gab es diese Relevanz ohnehin nur während einiger weniger Jahre in den 1970ern oder viel­leicht gab und gibt es sie auch nur in den Köpfen von profes­sio­nellen Film­men­schen). Aber als Spät­ge­bo­rener lasse ich mich da gerne eines Besseren belehren.

Hinter all dem nun eine aktuelle Krise des Kinos zu erkennen, will mir beim besten Willen nicht gelingen. Vielmehr scheint diese drama­ti­sche Lage­ein­schät­zung nur dem allge­gen­wär­tigen Krisen-Chic zu folgen und in Abän­de­rung des legen­dären 80er-Jahre-Spruchs gilt nun: Aber gut, dass wir mal darüber gejammert haben.