14.07.2005

Der kleinste gemeinsame Nenner

Nicht überall wo Til Schweiger draufsteht
ist auch Hollywood drunter – äh – drin

Der kleinste gemeinsame Nenner

Fernsehpreise statt Kino und halbseidener Glamour – Die erstmals von der deutschen Filmakademie vergebenen Preise prämieren den Mainstream und zeigen eine gespaltene Filmbranche

Von Rüdiger Suchsland

Nein, eine Über­ra­schung waren die Entschei­dungen bei der Vergabe des Deutschen Filmpreis' am Wochen­ende nicht. Dass Dani Levys Film Alles auf Zucker! gehörig absahnen würde – damit konnte man schon nach Bekannt­gabe der Nomi­nie­rungen vor wenigen Wochen rechnen. Nun hat Levy nicht nur den angeblich besten deutschen Film des letzten Jahres gedreht, sondern auch das beste Drehbuch geschrieben, und die beste Regie geführt. Alles auf den größten Haufen – diese Tendenz zur Entdif­fe­ren­zie­rung eines Preises musste man erwarten. Denn bei einer Massen­ab­stim­mung unter künst­le­risch völlig unter­schied­li­chen Filme­ma­chern die ohne jede geschmack­liche oder inhalt­liche Diskus­sion einfach für einen Filmtitel stimmen, muss sich natur­gemäß der kleinste gemein­same Nenner durch­setzen – in diesem Fall eben die harmlos nette Komödie Alles auf Zucker. Zwischen­frage: warum muss »der beste film« eigent­lich zwangs­läufig auch den besten Regisseur oder das beste Drehbuch haben? Ist nicht ein Regisseur, der aus einem schwachen Buch was macht, der bessere? Nur zum Beispiel.

Alles auf Zucker war eigent­lich fürs Fernsehen entstanden – und dies ist die zweite Tendenz der dies­jäh­rigen Preis­ver­gabe: Das Fernsehen dominiert das Kino stärker denn je. Ohne die meist namen­losen Redak­teure der gebüh­ren­fi­nan­zierten Anstalten geht fast nichts mehr im deutschen Film. Der eigent­liche Sieger ist damit der WDR, der ironi­scher­weise lange dagegen angekämpft hatte, dass Levys Film überhaupt im Kino gezeigt wurde.

Was schon an den Nomi­nie­rungen über­raschte, setzte sich auch beim Preis­ent­scheid fort: Bernd Eichinger ist offenbar bei einem Großteil der deutschen Film­schaf­fenden nicht sehr beliebt. Denn »die Branche«, auf die sich der Münchner Produzent so gern beruft, versagte Eichin­gers Herzens­pro­jekt, dem Hitler-Melo DER UNTERGANG selbst den Schau­spiel­preis für Haupt­dar­steller Bruno Ganz, mit dem man fest gerechnet hatte.

Insofern hat es zumindest auf den ersten Blick den Anschein, als hätte sich Eichin­gers zweites Lieb­lings­kind, die Ausrich­tung des Film­preises durch die Deutsche Film­aka­demie, als Flop erwiesen. Nach jahre­langer harter Lobby­ar­beit hatte Eichinger diese Akademie vor zwei Jahren mit Hilfe der schwachen, film­po­li­tisch völlig unbe­leckten Kultur­staats­mi­nis­terin gegen wichtige Stimmen der Film­branche durch­ge­setzt. Sein offen benanntes Ziel war es gewesen, die unbe­quemen Entschei­dungen der unab­hän­gigen Jurys, die bis dahin den ältesten und höchst­do­tierten staat­li­chen Kultur­preis vergeben hatte zu vermeiden. Jetzt entscheiden die Mitglieder der vor allem zu diesem Zweck gegrün­deten Akademie. Immerhin 640 wichtige und weniger wichtige Film­schaf­fende gehören dazu – umgekehrt schrieben aller­dings etwa 1000 Filme­ma­cher Protest­re­so­lu­tionen gegen die Akademie, in der sie mit guten Argu­menten vor allem einen Selbst­be­die­nungs­laden einiger weniger sehen. Renom­mierte Ex-Film­preis­träger wie Peter Lili­en­thal, Christian Petzold und Fred Keleman gehören zu dieser Ableh­nungs­front, ebenso, wie fast alle ostdeut­schen Filme­ma­cher, die in der Akademie kaum vertreten sind.

Tatsäch­lich bot der dies­jäh­rige Filmpreis damit ein recht tref­fendes Bild des deutschen Films: Auf der einen Seite die Glamour­frak­tion, die sich vor allem selbst feiert, sich aber auch dabei höchst geschmacks­un­si­cher zeigt: Krampf­hafte Fröh­lich­keit – »Lola, du bist eine geile Sau!« brüllte zum Beispiel Daniel Brühl –, Bully im unsäg­li­chen Biene Maja-Kostüm als Verhöh­nung jeden Kunst­an­spruchs, ein Bernd Eichinger, der zuerst mit dem Auftritt beim CDU-Empfang schon mal Bezie­hungs­pflege bei den erwar­teten Wahl­sie­gern betreibt, und dann seine Laudatio eher stammelt – ausge­rechnet für Reinhard Hauff, mit dem er so viel gemeinsam hat wie Merkel mit Schröder. Und die sämtlich stotternd vorge­tra­genen Laudatios – etwa von Marie Bäumer oder Alexandra Maria Lara – belegten nur die Unsi­cher­heit im Unter­be­wusst­sein: Viele spürten am letzten Freitag offenbar selbst nur zu genau, dass sie sich hier nur ein Oscar-Gehabe anschminkten, hinter dem kein bisschen Substanz steckte.

Auf der anderen Seite stehen vor allem junge, filmisch inno­va­tive Regis­seure, die in der deutschen Szene keine Lobbys haben, und mit der Akademie nichts am Hut. Dafür laufen ihre Filme in Cannes, bekommen im Ausland Preise und Verleiher, oder sie unter­zeichnen wie gerade am Sonntag in Ludwigs­hafen geschehen, ein Manifest, in dem sie – »Der deutsche Film wird Kunst sein, oder er wird nicht sein!« – genau den kompro­miss­losen Kunst­willen einfor­dern, der aus dem deutschen Filmpreis verschwunden ist. Der deutsche Film sei doch auch Kommerz, jaulen da schon wieder die Berliner Sekun­danten. Aber dass Filme, die nur Kommerz wollen, ganz grund­sätz­lich gar nicht satis­fak­ti­ons­fähig sind, und schon gar nicht, wenn es um einen Film­kunst­preis geht, das genau ist ja der Punkt. Nur hat offenbar Joe Hembus' über 40 Jahre alte Einsicht »Der deutsche Film kann gar nicht besser sein. Der deutsche Film, er ist schlecht. Er will auch weiterhin schlecht bleiben.« weiterhin Gültig­keit.

Es hätte schlimmer kommen können, sagten manche nach der Preis­ver­gabe. Besser aber auch.