14.04.2005

Auf den Film gekommen

Die DVD-Sammlung der Süddeutschen Zeitung

Auf den Film gekommen

Anmerkungen zu den DVD-Reihen der ZEIT, der Süddeutschen und des Stern

Von Michael Haberlander

Innerhalb kurzer Zeit haben die Wochen­zei­tung DIE ZEIT, die Süddeut­sche Tages­zei­tung und das Magazin Der Stern jeweils eine eigene DVD-Reihe mit einer Auswahl an Spiel­filmen aufgelegt (ZEIT und Süddeut­sche mit je 50 Titeln, Stern mit 12). Auch wenn man davon ausgehen muss, dass dieser auffäl­ligen Häufung vor allem Marke­tingü­ber­le­gungen zu Grunde liegen, bieten die Reihen doch Anlass genug, sich einige Gedanken über ihren (cine­as­ti­schen) Sinn und Zweck zu machen.

Vorab muss man nüchtern fest­stellen, dass die Haupt­mo­ti­va­tion hinter allen drei Film­reihen eine rein wirt­schaft­liche ist. In der heutigen Zeit verdienen Tank­stellen das meiste Geld mit Lebens­mit­teln, leben Kinos vom Erlös ihrer Snack-Bar, verkaufen Baumärkte Beklei­dung und Geträn­ke­märkte Elek­tro­geräte. Diese soge­nannten Neben­ge­schäfte haben auch die Zeitungen und Zeit­schriften für sich entdeckt, weshalb man in deren jewei­ligen Shops vom Kaffee­be­cher bis zum DVD-Player eine Vielzahl von nicht­jour­na­lis­ti­schen Produkten erwerben kann.

Besonders erfolg­reich war dies­be­züg­lich im letzten Jahr die (im Ausland bereits bewährte) Idee der Süddeut­schen, Lite­ra­tur­klas­siker in einer einheit­lich gestal­teten Sammel­reihe unters Volk zu bringen. Ange­sichts des großen Erfolges zog bald die Konkur­renz mit ähnlichen Projekten nach. Eine Fort­set­zung dieser Erfolge verspre­chen sich die Zeitungen nun mit DVD-Serien, die einige (mal mehr, mal weniger) Klassiker der Film­ge­schichte vereinen.

Obwohl dieses Serien von film­kri­ti­schen Texten begleitet bzw. vorge­stellt werden, wollte doch keine der Zeitungen der Eindruck erwecken, hier werde eine Art Kino-Kanon aufge­stellt. Vielmehr habe man Filme ausge­wählt, die auf ihre Art bahn­bre­chend, stil­bil­dend oder sonstwie kino­ge­schicht­lich von Relevanz sind. Ange­sichts solch unbe­stimmter und viel­deu­tiger Begriffe ist es dann auch unmöglich, die Auswahl der Filme zu kriti­sieren. Tatsäch­lich finden sich unter ihnen aber zahl­reiche Meis­ter­werke, sehr viele gute Filme und der Rest ist zumindest diskus­si­ons­würdig.

Was ist nun aber der cine­as­ti­sche Anspruch dieser Reihen und was hat man als Film­in­ter­es­sierter davon?

Grund­sätz­lich sind diese Projekte zu begrüßen, da sie in jedem Fall etwas zur Verbrei­tung und Vermitt­lung der Filmkunst beitragen. Das ist wichtiger denn je, denn – so paradox es auch klingen mag – trotz der Omni­prä­senz von Film und Kino, verschwindet die Filmkunst langsam aus unserer Gesell­schaft. Das Medium Film und damit auch seine Bericht­erstat­tung und sein Einfluss auf unsere Gesell­schaft, leidet seit Jahren an einer inneren Spaltung, die zu dieser wider­sprüch­li­chen Entwick­lung führt.

So ist Film einer­seits eine ernst­hafte Kunstform mit dem selben Anspruch wie etwa Literatur, Musik oder die Bildende Kunst. Ande­rer­seits ist Film (bzw. Kino) aber auch Show, Unter­hal­tung oder »Event«. Das große Verhängnis besteht nun darin, dass eigent­lich jeder Film beide Aspekte enthält (selbst wenn das Verhältnis 98 zu 2 ist), man aber beides voll­kommen vonein­ander getrennt betrachten kann bzw. soll bzw. muss. Von der Allge­mein­heit werden aber zunehmend nur noch die Äußer­lich­keiten wahr­ge­nommen und disku­tiert, während die »inneren Wert«, also die künst­le­ri­schen Aspekte, immer mehr zu einem herme­ti­schen Spezi­al­ge­biet (von Kennern für Kenner) verkommt. So läßt sich z.B. erklären, dass die Bericht­erstat­tung über Film­fes­ti­vals wie in Berlin zwar große Aufmerk­sam­keit in den Massen­me­dien und bei deren Publikum findet, dass aber die dort preis­ge­krönten Filme bei ihrem Kinostart weit hinter den Besu­cher­zahlen von durch­schnitt­li­chen Main­stream­filmen zurück­bleiben.

Es stellt sich die Frage, ob die Sammel­reihen von Süddeut­sche & Co. tatsäch­lich den ernst­haften (was keines­wegs gleich­be­deu­tend mit akade­misch-freudlos ist!) Umgang mit der Kunstform Film fördern (wollen) oder ob sie ihrer­seits nur eine gehobene Form des kultu­rellen Devo­tio­na­li­en­han­dels darstellen. Denn so lobens­wert es ist, dass guten Filmen in aufla­gen­starken Zeitungen in einem anspre­chenden Rahmen und mit intel­li­genten Texten eine neue Aufmerk­sam­keit beschert wird, so fraglich ist es doch, wer sich davon ange­spro­chen fühlen soll und mit welchem Ergebnis.

Wer etwa glaubt, hier mit Hilfe der Meilen­steine und Eckpfeiler des Kinos einen Crashkurs in Film­ge­schichte machen zu können, der wird wohl enttäuscht werden. Ein Meilen­stein singulär betrachtet (selbst mit einem erklä­renden Text als Hilfe) bringt viel­leicht ein cine­as­ti­sches Erlebnis aber kaum einen Erkennt­nis­ge­winn über die Entwick­lung des Kinos. Wenn es wirklich so einfach wäre, könnte sich z.B. das Münchner Film­mu­seum seine umfang­rei­chen Werk­schauen und Themen­schwer­punkt sparen und nur noch die »Essenz« zeigen.

Gerade beim Programm des Film­mu­seums kann man lernen, dass das Setzen von Schwer­punkten (in welcher Form auch immer) in der Regel span­nender und aufschluss­rei­cher ist, als ein kunter­buntes best-of Programm.

Nun kann man natürlich alle film­theo­re­ti­schen Über­le­gungen hinter sich lassen und die Filme zum reinen Vergnügen sammeln, schließ­lich ist z.B. Kubricks 2001 voranging ein toller Film und eben darüber hinaus auch noch ein bahn­bre­chendes Kunstwerk. Aber auch zur privaten Film­bi­blio­thek für schöne Heim­ki­no­stunden eignen sich die Film­reihen nur bedingt, da sich (der unbe­strit­tenen Qualität der einzelnen Werke zum Trotz) durch die weit gestreute Auswahl eine Genre-, Stil-, Sujet­viel­falt ergibt, die selbst den Geschmack von leiden­schaft­li­chen Film­lieb­ha­bern stre­cken­weise über­for­dert.

Womit man zu der Frage kommt, an welche Perso­nen­gruppe sich die Film­reihen richten. Cine­as­tisch unbe­leckte Menschen werden von der anspruchs­vollen Auswahl vermut­lich über­for­dert, echten Cineasten dagegen bieten sich hier kaum neue Erkennt­nisse oder Erfah­rungen.

Am ehesten profi­tieren noch die moderaten und neugie­rigen Kultur­lieb­haber, die ihre filmi­schen Kennt­nisse vertiefen wollen und verstärkt nach dem viel­schich­tigen Vergnügen eines guten Filmes suchen. So ist es für Inter­es­sierte dann wohl auch am sinn­vollsten, weniger auf die gesamte Serie abzu­zielen, als vielmehr mit Hilfe der beglei­tenden Texte einzelne Werke für sich (wieder) zu entdecken und so einen ganz persön­li­chen Film­ge­schmack zu entwi­ckeln.

Dagegen das mit Abstand schlimmste Schicksal, dass die Film der DVD-Reihen von ZEIT, Süddeut­sche und Stern ereilen kann, wäre es, wenn sie um der Volls­tän­dig­keit willen oder aus kultu­reller Angeberei oder sonstigen niederen Gründen gesammelt würden, um dann im Regal ungesehen zu verstauben.