07.04.2005

»... und alle dürsten nach Liebe!«

Hotel
Großer Diagonale Preis:
»Hotel« von Jessica Hausner
(Foto: Neue Visionen Filmverleih)

Willkommen in der Wirklichkeit: Katerstimmung beim österreichischen Filmfestival »Diagonale«

Von Roman Urbaner

Im Kräf­te­messen mit dem Wiener Kunst­staats­se­kretär Franz Morak (ÖVP) hat sich die öster­rei­chi­sche Filmszene im Vorjahr mit einhel­liger Wider­s­tän­dig­keit durch­ge­setzt. Mit einem spontan aus dem Boden gestampften Gegen-Festival zwang man Morak, der die erfolg­reiche Diagonale-Intendanz gefeuert hatte und dem Grazer Festival – am Höhepunkt des öster­rei­chi­schen Filmbooms (mit Preisen in Cannes und Venedig) – eine inhalt­liche und kommer­zi­elle Neuaus­rich­tung verordnen wollte, in die Knie. Ein Jahr später ist jetzt der Rauch über den Grazer Kinos verzogen: Mit der »Diagonale 2005« konnte das neue Inten­dan­ten­kol­lektiv erstmals wieder mit vollem Budget und ohne Hektik ans Werk und das Festival wieder in gewohnter Ruhe über die Bühne gehen.

Nach der Euphorie des Vorjahres hat sich jedoch auch allge­meine Ernüch­te­rung breit gemacht. Die neue Festi­val­lei­tung hat ein schwie­riges Erbe ange­treten, und es war klar, dass die Rückkehr zur Norma­lität nicht ohne Reibungs­ver­luste vor sich gehen würde. Dennoch geht die Kritik mit der Diagonale im Jahr eins nach dem »Ausnah­me­zu­stand« hart ins Gericht: Von »ästhe­ti­scher Aufwei­chung und poli­ti­scher Entschär­fung« ist da die Rede (»Die Presse«) und davon, dass das Festival »program­ma­tisch unüber­sehbar ausge­dörrt« und »schon ziemlich zahnlos« geworden sei (»Der Standard«).

Das Programm­ni­veau ist in der Tat gegenüber früher merklich abgesackt. Den Mangel an Spiel­filmen und Höhe­punkten wollte man offenbar mit einem Über­an­gebot an Kurz­film­pro­grammen wett­ma­chen und hat dabei leider so manchen Fehlgriff riskiert. In einer über­schaubar kleinen Film­branche wie der öster­rei­chi­schen lässt es sich nicht so leicht kaschieren, wenn unter den Produk­tionen des jüngsten Jahrgangs einmal keine große Namen aufscheinen. Zudem hat es das ehemalige Inten­dan­tenduo meis­ter­haft verstanden, im Spagat der verschie­denen Formate, der zur Visi­ten­karte des Festivals geworden ist, die Balance zu halten und Video und Avant­garde, Kurz- und Langfilm, Doku­mentar- und Erzähl­kino unter einen Hut zu bringen; der neuen Leitung hingegen fehlt hier einfach noch die nötige Tritt­si­cher­heit.

Besonders schmerzt der Vorwurf, die Diagonale, die sich als regie­rungs­kri­ti­sche Plattform an vorderster Front profi­liert hatte, habe mitt­ler­weile den poli­ti­schen Rückzug ange­treten. Mit der etwas unglück­li­chen Auswahl des Eröff­nungs­films (»Crash Test Dummies« von Jörg Kalt) hat man tatsäch­lich die Chance zu einem politisch akzen­tu­ierten Auftakt vertan und mit dem Festi­val­motto »... und alle dürsten nach Liebe!« (scheinbar) die Parole zur Rundum-Entpo­li­ti­sie­rung ausge­geben.

Dabei war die neue Intendanz spürbar bemüht, an ihre von Morak aus dem Amt gejagten Vorgänger anzu­knüpfen. Nach wie vor bietet das Festival den Nachwehen des ener­gi­schen Poli­ti­sie­rungs­schubs, der Öster­reichs Film­schaf­fende nach dem Rechts­ruck Anfang 2000 erfasst hat, ein würdiges Podium (dass sich hier allmäh­lich Ermattung einstellt, ist schließ­lich nicht der Diagonale-Leitung vorzu­werfen). Und der – durchaus politisch verstan­dene – Blick über die Grenzen, der diesmal, neben der bekannten Schlag­seite Richtung Ost- und Südost­eu­ropa (von Albanien und Bulgarien bis Polen und Litauen), sogar den Bosporus überquert, bewahrt das Festival davor, zum belang­losen Fami­li­en­treffen der natio­nalen Filmszene zu verkommen, die ihre alljähr­liche Nabel­schau betreibt.

Die Entschei­dung, anstelle der bewährten Werk­schauen inter­na­tio­naler Regie­größen mit der Türkei einem Filmland Aufmerk­sam­keit zu schenken, das an der äußersten Peri­pherie der kino­ma­to­gra­fi­schen Weltkarte liegt, mag zwar zwei­fel­hafte Qualität auf die Leinwände gebracht haben, als Wagnis ist sie jedoch zu begrüßen. Der Großteil der hierfür ausge­wählten Produk­tionen gewährt Einblicke in die Span­nungen und Wider­sprüche der türki­schen Gesell­schaft: die Kluft zwischen Großstadt und länd­li­cher Tradi­ti­ons­ver­haf­tung, die Land­flucht, die Gene­ra­tionen und Familien ausein­ander reißt, den Konflikt in Kurdistan und Zypern und die staat­liche Repres­sion, die, wie in Tayfun Pirse­li­moglus »Hiçbi­ry­erde«, verzwei­felte Mütter nach ihren verschwun­denen Söhnen suchen lässt.

In auffal­lend vielen Filmen des regulären Programms wendet man sich den Lebens­um­ständen der Roma und Sinti zu: in der Slowakei (»Romane Apsa«), in Rumänien (»Dallas Pasha­mende«) und in Öster­reich (»Stefan Horwath – Zigeuner aus Oberwart«). Doch vor allem mit zwei Doku­men­tar­filmen wird die Diagonale dem Anspruch auf »schwie­rige, unbequeme Bilder«, zumindest inhalt­lich, gerecht: In »Artikel 7 – Unser Recht« zeigen Thomas Korschil und Eva Simmler das jahr­zehn­te­lange, vergeb­liche Tauziehen um die Durch­set­zung der – eigent­lich bereits im Staats­ver­trag von 1955 verbrieften – Minder­hei­ten­rechte der Kärntner Slowenen. Und in »Operation Spring« breiten Angelika Schuster und Tristan Sindel­gruber die Hinter­gründe eines öster­rei­chi­schen Justiz­skan­dals rund um die gleich­na­mige Poli­zei­ak­tion gegen afri­ka­ni­sche Asyl­werber minutiös und mit voller Wucht vor einem aus: ein Film, der bei einer etwas mutigeren Auswahl für den ange­mes­senen Knall­ef­fekt am Eröff­nungs­abend hätte sorgen können.