25.11.2004

Traditionalismus im Kleid der Weihnachtskomödie

VERRÜCKTE WEIHNACHTEN
Verrückte Weihnachten im Anflug
(Foto: Sony Pictures Entertainment Deutschland)

Bad Santa vs. Verrückte Weihnachten

Von Thomas Schöffner

Zu schön, um wahr zu sein: Da schneit am Heiligen Abend die Tochter Blair doch noch ins Haus, obwohl sie eigent­lich dieses Jahr während der Feiertage auf Frie­dens­mis­sion in Peru sein sollte. Die Freude von Mutter Nora Krank kennt keine Grenzen, die chao­ti­sche Vorbe­rei­tung ist vergessen. Vater Luther kommt mit dem Trubel zwar noch nicht ganz klar, aber bald hat sich die gesamte Nach­bar­schaft um den Weih­nachts­baum versam­melt. Gemeinsam wird ein fröh­li­ches perua­ni­sches Weih­nachts­lied gesungen, hat doch Blair von der Reise nach Süda­me­rika gleich ihren Zukünf­tigen mitge­bracht. So singen und musi­zieren schwarz und weiß, US-Bürger und Ausländer, Priester und Poli­zisten bei den Kranks in ihrem bunt beleuch­teten Vororts­häu­schen, auf das ganz zart der Schnee rieselt. Das Fest der Liebe als gren­zen­lose Erfüllung aller Träume, davon erzählt Verrückte Weih­nachten.

Alljähr­lich kommen zur Weih­nachts­zeit ganz besonders fried­volle Fami­li­en­ge­schichten ins Kino. Mit beschau­li­chem Personal – Menschen wie du und ich erleben die Tage rund um das Fest – liefern sie glei­cher­maßen wunderbar gefilmte wie wohl überlegte Bilder von Gesell­schaft und Indi­vi­duum. Dieses Jahr gibt es zwei Werke dieses Genres, die unter­schied­li­cher nicht sein können. Neben Verrückte Weih­nachten von Joe Roth steht da Bad Santa von Terry Zwigoff. Dem Rothschen Konser­va­tismus scheint das obszöne Universum von Zwigoff erstmal komplett zu wider­spre­chen. Die Unter­schiede in der Heran­ge­hens­weise und im Stil sind funda­mental; beide Filme zeigen exem­pla­risch, in was für zwei Rich­tungen sich der Weih­nachts­komödie im Jahr 2004 bewegen kann. Beide stehen jedoch ebenso deutlich in der Tradition harmo­ni­sie­render Filme, die rund um Dickens' EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE immer wieder das gleiche Thema variieren: ein mehr oder weniger mieser Charakter, manchmal auch eine Vielzahl davon, zeigt sich zum heiligen Fest von seiner schlimmsten Seite, wird dann von herz­li­chen Menschen zum Guten bekehrt.

Setzten die ersten Verfil­mungen – 1935 Henry Edwards' Scrooge, dann vor allem 1951 A Christman Carol von Brian Desmond Hurst – noch die Moral groß in Szene, hat sich die Thematik im Laufe der Jahre publi­kums­wirksam verselbst­stän­digt. So auch beim für die 90er Jahre vorbild­haften Weih­nachts-Klamauk Kevin – Allein zu Haus (1990) von Chris Columbus. Hier trägt das Schlechte die Gesichter reuloser Einbre­cher und auch das, des frechen Kevin, der sich in seinem Ausschluss aus der Familie sichtlich wohl fühlt, am Ende aber zu aller Zufrie­den­heit wieder einge­mein­schaftet wird. Unter dem Dach der Familie sind alle sicher, so die simple Botschaft.

Jamie Lee Curtis und Tim Allen spielen in Verrückte Weih­nachten die Kranks, das typisch ameri­ka­ni­sche Ehepaar. Nora ist Urtyp aller Haus­frauen: eine begeis­terte Köchin; eine leiden­schaft­liche Super­markt­ge­herin; eine Frau, die auch ohne Job glücklich ist, die abgöt­tisch ihre Tochter verehrt, zum Einschlafen ein Buch liest, keinen eigenen Stil hat und zur neuro­ti­schen Hysterie neigt. Luther ist Urtyp eines leitenden Ange­stellten: geizig und herzlos; mürrisch bei der Arbeit; ein opfe­rungs­be­reiter Ehemann und ein liebe­voller Fami­li­en­vater. Jeweils Samstags haben Nora und Luther Sex, leben ansonsten zufrieden in ihrem Häuschen, mit ihrem kleinen Vorgarten und dem silbernen Auto. Genauso wie alle in der Straße, die von Dan Aykroyds Vic Froymeyer kontrol­liert wird. Als Tochter Blair Krank in diesem Jahr das Weih­nachts­fest scheinbar nicht zu Hause verbringen wird, stiftet Luther Nora zum Weih­nachts-Boykott an, das letzt­jäh­rige Fest hat sie schließ­lich über sechs­tau­send Dollar gekostet. Nun lockt die Luxus­kreuz­fahrt für nur drei­tau­send Dollar. Das Haus bleibt also unge­schmückt, die Kranks verbar­ri­ka­dieren sich gegenüber den Stern­sin­gern, gehen lieber ins Solarium und wehren die wütenden Proteste der Nachbarn im Stile eines Häuser­kampfes ab.

Das Lachen über das ameri­ka­ni­sche Idyll soll natürlich schon zu Beginn von Verrückte Weih­nachten Sympathie für seine Charak­tere wecken, vor allem für dieje­nigen, die der Gleich­för­mig­keit scheinbar den Rücken zukehren. Dass man Weih­nachts­muffel in sein Herz schließt, darauf baut auch Bad Santa, jedoch in weit stärkerem Maße. Denn Billy Bob Thornton als abscheu­li­cher Klein­kri­mi­neller Willie T. Stokes, der sich nur das Weih­nachts­mann­kostüm über zieht, um mit seinem klein­wüch­sigen Kumpanen Marcus die Kauf­häuser auszu­rauben, ist mehr als ein Anti-Weih­nachts­mann. Er ist Einzel­gänger, raucht, säuft, liebt Frauen mit dicken Hintern, hasst Kinder und Geschenke; er flucht während eines Advents­tages mehr, als andere im ganzen Leben. Stokes stellt keine bewusste Abkehr vom System Weih­nachten und Gemein­schaft dar. Er ist die perso­ni­fi­zierte Asozia­lität, die mit bitterer Ehrlich­keit die Ober­fläche der weih­nacht­li­chen Wohl­tä­tig­keiten einreißt, damit zugleich eine Gesell­schaft der Nächs­ten­liebe in Frage stellt. Stokes ist im Grunde ein spontaner Egoist, dem Ange­stellten Luther Krank nicht unähnlich: er verschafft sich Geld, wenn keiner aufpasst; er nistet sich in einem Haus ein, wenn ihn dort der 8-jährige Thurman, dessen Mutter tot und dessen Vater im Knast ist, als echten Weih­nachts­mann verehrt; er holt sich die Befrie­di­gung, wenn ihm ein Weih­nachts­mann-Groupie über den Weg läuft. In seinem Alko­ho­lismus ist Stokes letztlich aber eine arme Gestalt, die der Zuschauer mit ihren Rüpeleien gegen das Gut-Mensch-Sein ins Herz schließt.

Aufgrund des Protest-Themas mit Bad Santa identisch, macht jedoch Verrückte Weih­nachten auf allen filmi­schen Ebenen von Anfang an deutlich, dass es ihm nur um eine Stabi­li­sie­rung der scheinbar der Lächer­lich­keit preis gegebenen Gesell­schaft geht. Auch wenn Luther beim Einkauf für seine Frau seine Unlust an Festen entdeckt – das Hin und Her zwischen Auto und Laden endet für ihn völlig durch­nässt –, so ist dies hier als reiner Slapstick insze­niert. Das Wasser spritzt von allen Seiten wie bei Singin' in the Rain, schöne Kame­ra­ein­stel­lungen machen es zur herr­li­chen Unter­hal­tung. Ernsthaft bissig wird es nie. Kein Zufall, da als Produzent für Verrückte Weih­nachten Chris Columbus in der Verant­wor­tung steht, der außerdem noch das Drehbuch nach einer Roman­vor­lage von John Grisham verfasst hat. Die Nähe zu Columbus' eigener KEVIN-Reihe oder zu Mrs. Doubtfire ist dagegen frappant, vor allem was den körper­lich vorge­tra­genen Humor angeht.

Im Gegensatz dazu macht Bad Santa von Beginn an seinen schwarzen Humor deutlich: Wenn zur Off-Stimme von Billy Bob Thornton ein verträumtes Klavier spielt, haben auch hier die Produ­zenten kräftig mitge­wirkt. Und zwar die Coen-Brüder, die ihren The Man Who Wasn’t There auch mit Thorntons Off-Stimme und mit sehr ähnlicher Klavier­musik eröffnet hatten, was aber die Einlei­tung zu einem zeit­lu­pen­haften Schwarz-Weiß-Film mit einem zurück­hal­tenden Thornton war, also das genaue Gegenteil des schrillen Bad Santa. Ein doppelter Boden ist hier mit scharfer Ironie schon früh instal­liert.

Verrückte Weih­nachten gefällt sich in der üblichen Gag-Insze­nie­rung, etwa wenn Nora auf dem Bauch durch die Horde Nach­bars­kinder rutscht, die für das Aufstellen von Frosty, dem Schnee­mann, protes­tieren. Dagegen führt Bad Santa seinen Santa Claus da hin, wo das Weih­nachts­fest besonders weh tut: in die Shopping Mall. Dort, wo der Geschenk­idee Tempel erbaut sind, wo die Kinder die Dominanz des Mate­ri­ellen erfahren, da pisst sich der lustig kostü­mierte Stokes wegen des Dauer­kon­sums von Hoch­pro­zen­tigem in die Hose, da scheucht er angenervt die Kinder von seinem Schoß, da schreit und spuckt er Mutter und Kind an, die doch nur ihre Wünsche vortragen möchten – während ein Schlager samtig: »It’s the most wonderful time of the year« durch die Hallen flötet. Der Zuschauer ist bei den ganzen verkitschten Einfkaufs­ri­tualen längst auf der Seite des unge­ho­belten Fremd­lings, wenn er im Suff, von zahl­rei­chen Kinder­augen beob­achtet, in ein paar Pappesel fällt, auf diese dann mit größter Zers­törungswut eindrischt und sie in einer Gewalt­orgie zerfetzt.

Die Fallhöhe zwischen herz­li­chem und herzlosem Charakter ist bei Bad Santa viel höher, als bei einer gut ausba­lan­cierten Komödie wie Verrückte Weih­nachten. Natürlich soll auch Thornton als übler Rabauke bekehrt werden, was durch den kleinen Thurmon geschieht, der als dicker, rotz­na­siger Außen­seiter am Ende die Vater­ge­fühle von Stokes weckt. Auch wenn er Stokes beim Brett­spiel – durch den geschickten Wechsel von verschieden nahen Kame­ra­ein­stel­lungen als span­nendes Duell gefilmt – mit kind­li­cher Lust zur Weißglut bringt. Wo Thorntons Figur ab der Film­hälfte ganz langsam immer gefühl­vol­lere Züge zeigt, sich stets eine gesunde Portion Unver­schämt­heit bewahrt, dreht sich Verrückte Weih­nachten zur gleichen Zeit plötzlich um 180 Grad. Die Vorbe­rei­tungen für das Blitz-Weih­nachts­fest, weil Tochter Blair nun doch nach Hause kommt, vereint die Nach­bar­schaft wieder. Auch hier sind die Sympa­thien der Zuschauer eigent­lich auf der Seite der so aufop­fe­rungs­voll kämp­fenden Weih­nachts­gegner Kranks. Umso schmerz­li­cher ist dann die Mühe, mit der der Film seinen ersten Teil als scherz­hafte Verirrung darzu­stellen versucht. Die Nachbarn helfen auf einmal den Kranks, weil doch Nora »schon mal alle Kinder gesittet« hat. Und selbst der vorher noch so schön unge­sel­lige Luther wird bald zum großher­zigen Wohltäter. Einigen Slapstick hat sich Verrückte Weih­nachten dann auch noch für die Szenen der Restau­rie­rung von Eintracht und Gemein­schaft aufge­spart, die Wieder­her­stel­lung des anfangs in Frage gestellten Systems der Konsum-Weihnacht soll ja auch Spaß machen. Beide Filme handeln am Ende von Nächs­ten­liebe und Groß­zü­gig­keit, wobei Stokes bei einem Shoot-Out und einer Verfol­gungs­jagd seine Wohl­tä­tig­keit fast mit dem Leben bezahlt. Gegenüber diesen herrlich schroffen Film­zi­taten wirken die mit dickster Orches­ter­musik unter­malten Barm­her­zig­keiten von Luther und Nora fast irreal.

In beiden Filmen finden sich neue Paare, sogar kleine heilige Familien. Hier das kinder­lie­bende Weih­nachts­mann-Groupie Sue, das auf Stokes wartet und sich Thurmans annimmt. Dort die blonde, jung­fräu­lich erschei­nende Tochter Blair mit ihrem Enrique, zusammen das leere Abzieh­bild eines Paname­ri­ka­ni­schen Muster­pär­chens. Beide Filme feiern den Sieg von Gemein­schaft und Tradition. Überall sind Verbre­cher im Gefängnis gelandet, hat das Rechts­system ganze Arbeit geleistet. Bei Bad Santa ist es aber Stokes selbst, die geläu­terte Haupt­figur, auf dessen Rückkehr aus dem Knast hoff­nungs­froh gewartet wird. Zwigoff zeigt eine offene Gesell­schaft, deren Prot­ago­nisten gerade durch ihre ungehö­rigen Macken inter­es­sant sind. Dagegen lässt Verrückte Weih­nachten seinen Einbre­cher kurz am Wohl­stands­leben Teil haben, dann aber von einem kleinen Jungen und dem Weih­nachts­mann persön­lich wieder einfangen und abführen. Verbre­chens­bekämp­fung ist hier Kinder­sache. In dieser aalglatten Utopie einer (ameri­ka­ni­schen) Gemein­schaft haben Geset­zes­bre­cher nichts verloren, die Nachbarn feiern gemeinsam, nach Außen wird dicht gemacht.

Längst hat sich die Weih­nachts­komödie denje­nigen ange­kommen, die aus dem Gewöhn­li­chen heraus­bre­chen. Wer früher als unchrist­liche Gestalt das unvor­teil­hafte Nega­tiv­bei­spiel abgab, wird nun als Sympa­thie­träger einge­setzt und steht im Mittel­punkt der Geschichte. In welchem Maße er dann aber wieder in das Gesell­schafts­system zurück­findet, oder wie er dorthin zurück­ge­bracht wird, daran zeigt sich die Ideologie und eigent­liche Absicht des Films. Der dreiste Bad Santa steht da dem rühr­se­ligen Verrückte Weih­nachten deutlich gegenüber.