11.08.2004

Letzte Horrorfilme

Belgische Passion: CALVAIRE

Letzte Horrorfilme

Zum 18. Fantasy Filmfest

Von Thomas Willmann

Wären Filmtitel wahr, dann hätte das Fantasy Filmfest ein massives Problem gehabt: Der letzte Horror­film, THE LAST HORROR MOVIE, wäre dann schon in der Mitte des Festivals gelaufen. Freilich war dieser Titel nur Teil (und nicht unbedingt der gelun­genste) des selbst­re­fle­xiven Spiels, das Julian Richards' neuester Streifen spielte. In Wahrheit will der Film das, was wir in Horror­filmen mit solchem insge­heimen Genuss sehen – das Sterben von Menschen – befreien von der ästhe­ti­schen Einklei­dung, ihm eine Realität zurück­geben.
Der Film ist das Homemovie eines Seri­en­kil­lers, der nebenbei sein Geld als Filmer von Hochzeits-Videos verdient. Oder, nein, genauer: Es ist das Schu­lungs­video, dass dieser Psycho­path (aus seiner Sicht) zum Fromm der übrigen Mensch­heit gedreht hat.

Das Programm des Fantasy Filmfests bemühte den Vergleich zu MANN BEISST HUND (C'EST ARRIVÉE PRÈS DE CHEZ VOUS), aber dieser Vergleich trägt besten­falls ober­fläch­lich, denn mit der Medi­en­kritik jenes Films hat THE LAST HORROR MOVIE wenig am Hut. Viel engere Verwand­schaft hat er zu MUXMÄUSCHENSTILL –
er ist so etwas wie der (noch) heftigere, bösere Cousin des deutschen Streifens. Was zugleich ein Beweis dafür ist, wie sehr die tech­ni­schen Gege­ben­heiten des Mediums den Inhalt prägen: Dass beide Filme (gewiss ohne vonein­ander zu wissen) eine ganz ähnliche Dynamik entwi­ckeln zwischen einem »Volks­er­zieher« und einem verdrucksten Langs­zeit­ar­beits­losen, der von diesem ange­stellt ist, ihn mit der Kamera zu begleiten, ist schlicht eine nahe­lie­gende Konse­quenz aus dem Einsatz eines Camcor­ders als Aufzeich­nungs­geräts (das auch IN der fiktio­nalen Welt der Filme als solches existiert). Anders als MANN BEISST HUND geht es bei Julian Richards' Film nicht nur um Gewalt – es geht um ein ganzes Weltbild. Der Psycho­path Max (die Namens­gleich­heit zum Prot­ago­nisten von MUXMÄUSCHENSTILL ist garan­tiert Zufall – aber auch Beweis, dass der Weltgeist gewisse Ideen eben doch gern doppelt verteilt) hat nicht nur was übers Sterben zu erzählen, sondern auch übers Leben. Und das ist fast noch trost­loser und erschre­ckender als seine Ausfüh­rungen zum Mord. Die Szenen bei Familie und Freunden, bei den Hoch­zeiten, dienen nicht einfach als beschau­li­cher Kontrast zum mörde­ri­schen Treiben – sie sind ein Blick auf den Horror der soge­nannten Norma­lität.

Das Ganze funk­tio­niert und trägt nicht zuletzt deshalb, weil Kevin Howarth in der Haupt­rolle genau die richtige Mischung aus Charmeur und Arschloch ist, er den gewin­nenden Verführer und den egoma­ni­schen Loser angst­ein­flößend echt rüber­bringt. Auf tiefere Weise vers­tö­rend, erschre­ckend (weil in Teilen viel leichter bei sich selbst wieder­erkennbar) als seine Gewalt­tä­tig­keit ist Max' Gewiss­heit, mit der er seine zynische Weltsicht, seine vermeint­liche Über­le­gen­heit heraus­po­saunt; mit der er sich zum Herrn über Leben und Tod ernennt und damit einem größeren Guten zu dienen meint.
Zumindest einmal ringt sich THE LAST HORROR MOVIE dagegen zur Selbst­er­kenntnis durch, dass der Tod, nimmt man ihn ernst, letztlich nicht seman­ti­sierbar ist: In der wohl heftigsten Szene des Films versucht Max verzwei­felt, aber von sich selbst völlig überzeugt, einem ster­benden Opfer klar­zu­ma­chen, dass es Teil einer GROSSEN Sache ist, dass sein Sterben einen Sinn hat – und Max ist furchtbar sauer, dass dem Opfer dafür offenbar jegliches Vers­tändnis abgeht.

Das, was THE LAST HORROR MOVIE zur Kompli­zen­schaft der Zuschauer zu sagen hat, ist im Vergleich fast konven­tio­nell, wenn­gleich doch immer wieder so über­zeu­gend und herb gebracht, dass es einen schlucken lässt. Leider aber ist der Film auch clever genug zu wissen, dass seine Zuschauer eine unschlag­bare Antwort haben auf seine immer wieder­keh­rende Frage: Why do you keep watching? Ganz einfach: Weil wir wissen, dass das alles nur insze­niert, gespielt, nur ein Film ist. Der Film will diese Antwort aber nicht akzep­tieren, er will auch diese letzte Vertei­di­gung durch­bre­chen. Ein von vorn­herein aussichts­loses Unter­fangen, bei dem er schließ­lich die Meta-Fiktions-Schraube eine mühsame Drehung zu weit anzieht.
Kann aber auch sein, dass dieser finale Dreh deswegen nicht richtig gewirkt hat, weil das Kino eigent­lich der falsche Ort ist, dieses Werk zu gucken. Das zentrale conceit des Films ist, dass er so tut, als sei er auf einer Verleih-Video­cassette über einen billigen US-Horror­streifen aufge­nommen worden. Diesem Spielchen kann man sich, sieht man THE LAST HORROR MOVIE auf Leinwand, natürlich bestens entziehen. Drum ist das wohl der erste Film, der mir gefällt, bei dem ich raten würde: Watch it on video.

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Man hat ja schon länger geahnt, dass die Belgier irgendwie seltsam drauf sind. Also nicht nur wegen der Sache mit den Kindern. (Von der offenbar THE ALZHEIMER CASE handelte, den ich aber nicht gesehen habe.) Sondern überhaupt. Weswegen man MADAME EDOUARD & INSPECTOR LÉON auch durchaus als Doku­men­tar­film gucken konnte – da war so ziemlich jedes Klischee, das es über das fran­ko­phone Ländchen gibt, drin verwurstet. Vom eigen­wil­ligen Essen über das eigen­wil­lige Bier (das – keine Erfindung des Films – »La mort subite« heißt) bis hin zu Renée Magrittes Melo­nenhut-Mann, der immer mal wieder durchs Bild marschierte. Leider lief sich all das skurill-verschro­bene Treiben mit all den bizarren Typen (ein stämmiger Trans­vestit im Putz­frauen-Kittel, eine Sekre­tärin mit einem Tick für extrem exzen­tri­sche Ohrringe, etc.) mit der Zeit ziemlich tot. Vor allem, weil Regis­seurin Nadine Monfils, die sich ausdrück­lich auf LE FABULEUX DESTIN D’AMÉLIE POULAIN beruft, im Gegensatz zu Jeunet wenig mit den Möglich­keiten des Mediums Film und seiner Apparatur am Hut hat und ihr Panop­tikum der Eigen­wil­lig­keiten einfach nur vor die Kamera postiert. Zudem nimmt sich das Ganze am Ende dann doch ziemlich ernst als Reflexion über die Kunst, das Leben und solch Dinge mehr, und an solcher Gewich­tig­keit verhob sich der poeti­sie­rende Klamauk dann doch.

War hier noch alles eher harmlos und possier­lich, bestä­tigte zwar auch THE ORDEAL (CALVAIRE) das Vorurteil, dass die Belgier anders ticken – aber auf eine Weise, die man in keinem Tim&Struppi-Heftchen (auch Hergé kommt selbst­ver­s­tänd­lich in MADAME EDOUARD vor) findet. Was ein FIESER Film! Der beweist, dass sich zwei Trends des fran­zö­si­schen Kinos nahtlos aufs Nach­bar­land über­tragen lassen: Nirgends sonst haben Jung­re­gis­seure und deren Kame­ra­leute solch ein Händchen für unheim­lich schöne, elegante Bilder. Und nirgends sonst gehen sie mit der Darstel­lung von Grau­sam­keiten derart hart an die Grenze echter Menschen­ver­ach­tung. CALVAIRE kann einem den Atem nehmen mit seinem wunder­baren Licht, mit den Aufnahmen, die die Atmo­sphäre der herbst­lich-winter­li­chen Land­schaft tief in der Provinz einfangen, dass man sie meint greifen, riechen zu können. Und er kann einem den Atem verschlagen mit seiner unge­bremsten Perver­sität.

Ein Film aus dem altehr­wür­digen Genre des »backwoods horrors«, der aber so konse­quent zu Werke geht, wie es sich selbst DELIVERANCE nie getraut hätte. Ein Film über eine Land­schaft, in der den Männern die Frauen fehlen; ein Film über die Suche nach Ersatz. Aber die Typen, die sich von Kälbchen einen blasen lassen, sind hier noch die gesün­desten.
Das alles ist um so schlimmer, als CALVAIRE mit so einem kauzigen, finster-absurden Humor beginnt, als er permanent einen beängs­ti­gend lako­ni­schen Blick behält, als er sich weigert, viel Antworten und Auflö­sungen zu bieten, als er über weiteste Strecken nicht mal Filmmusik als emotio­nale Ausflucht zulässt. Dafür gibt es die groß­ar­tige Nummer, in der im örtlichen Wirtshaus einer der dege­ne­rierten Typen ans Klavier schreitet, darauf sehr rhyth­misch, aber arg dissonant herum­drischt, woraufhin all die anderen dege­ne­rierten Typen aufstehen und mitein­ander stolpernd zu tanzen beginnen. Genau so haben wir uns belgische Dorfdisco-Abende immer vorge­stellt.

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Letzte (Horror-)Filme haben auf Festivals einen grund­sätz­li­chen Wett­be­werbs-Nachteil: Der fleißige Besucher (und womöglich auch noch Bericht­erstatter) leidet auf Film­festen tradi­tio­nell unter Schlaf­mangel, und die letzte Vorfüh­rung des Tages läuft deshalb gerne Gefahr, früher oder später nahtlos in die vorge­zo­genen Nachtruhe hinü­ber­zu­driften.

Nun sollte das Fantasy Filmfest in dieser Hinsicht weniger anfällig sein als, sagen wir, die Hinter­birn­ba­cher Tage des medi­ta­tiven Gebär­den­spra­chen­films – verspricht doch die »Midnight Madness«- Reihe immer besonders derbe Kost, scho­ckie­rende Spektakel. Und im Prinzip hält ein Film wie MUCHA SANGRE ja auch stel­len­weise, was der Titel verspricht. Will auch gar nicht behaupten, dass mich dieser spanische Leinwand-Kinder­ge­burtstag nicht immer wieder amüsiert hätte: Aliens im Basken­land (mit dem in Ehren ergrauten Paul Naschy als Oberalien!), getürmte Seri­en­killer, fliegende Scheiße – was will man mehr?
Tja, Rhythmus zum Beispiel. Das Problem mit fast all solchen wüst gemeinten, munter hand­ge­zim­merten Filmen, die absicht­lich mit der Niveaul­atte Limbo spielen (How low can you go?) ist, dass es verdammt viel Handwerk braucht, um über andert­halb Stunden »einfach nur« auf rüdeste Weise unter­haltsam zu sein. Außer Peter Jacksons program­ma­tisch beti­telten BAD TASTE und BRAIN DEAD wüßte ich spontan keine Filme, die das je wirklich über­zeu­gend geschafft hätten. Solche Streifen können gewöhn­lich nie das Tempo hoch genug, die Ideen- und Gagdichte auf dem nötigen Level halten. Und verfügen meist auch von film­sprach­li­cher Syntax und Grammatik nicht über das nötige Reper­toire, hinrei­chende Finesse. Da ist meist eine Sammlung an »Wäre es nicht cool, wenn...«-Ideen vorhanden, und die wird dann – ähnlich MADAME EDOUARD & INSPECTEUR LÉON – einfach brav vor einer Kamera ausagiert. In der Kunst ist aber nunmal der »Inhalt« (fast) nichts und die Ästhetik (fast) alles: Es gibt Regis­seure, die können das Schmieren eines Marma­la­den­brots aufre­gender insze­nieren als andere das moto­ri­sierte Zersägen von 17 Zombies.

Und so lustig beispiels­weise in MUCHA SANGRE die Szene ist, in der die drei »Helden« von Kopf bis Fuß mit liter­weise Blut besudelt sind, die eine von ihnen dann jedem ein Tempo­ta­schen­tuch zum Sauber­ma­chen austeilt und nach einem kurzen Umschnitt alle wieder propperer, blitz­blanker dastehen als der Weiße Riese: Zwischen solchen Bringern ist zuviel zäher Leerlauf. Und so glitt ich auch da nach ungefähr einer Stunde sanft in den Schlaf, tat ab und an ein prüfendes Äuglein auf, um dann z.B. einen abge­trennten Alien-Penis über die Leinwand wüten zu sehen, dachte mir: Auch gut. Und hatte nicht wirklich das Gefühl, dass da was war, was mich wach hätte halten sollen.

Der Kino­schlaf (über den, am Rande bemerkt, ein eigener Essay einmal Not täte) bedroht aber inter­es­san­ter­weise zu Festi­val­zeiten bevorzugt nicht nur den letzten, sondern auch den ersten Film des Tages – und das keines­wegs nur bei den 9 Uhr-Vorstel­lungen der Berlinale. Irgendwie will sich da das Hirn anschei­nend noch nicht an den Gedanken gewöhnen, dass es einen weiteren Tag seine ange­stammte Mütze voll Schlaf nicht bekommen soll und dafür extern mit (Leinwand-)Träumen versorgt wird. Das ist tenden­ziell noch nerviger als das Wegnicken bei den Spät­vor­stel­lungen, wo man ja wenigs­tens eh von vorn­herein damit rechnet und auch, nach getanem Kino-Tagwerk, eine gewisse Berech­ti­gung dazu verspürt.
Aber dieser Dämmer­zu­stand kann in seltenen Fällen auch produk­tive Wirkung zeigen, als da auf dem Fantasy Filmfest gewesen wäre Sogo Ishiis DEAD END RUN. Und der ist nun überhaupt ein trip­ar­tiges Cine-Poem, welches das Bewusst­sein ohnehin in andere Sphären beamt. Ich habe selten im Kino erlebt, dass ein Film so nah an einem Äqui­va­lent dran war zu dem, was für sprach­liche Medien die Lyrik darstellt. Der »Gegen­stand«, das »Erzählte« (drei Episoden über fliehende Menschen) sind nur vages Rohma­te­rial für die ästhe­ti­sche Beob­ach­tung, welche keine Zwänge des gewöhn­li­chen Zeit­flusses oder der »vernünf­tigen« narra­tiven Relevanz akzep­tiert – Bild und Ton verselb­stän­digen sich quasi, auf eine Weise, die noch viel radikaler ist als das »anything goes«, das sich der Film auf inhalt­li­cher Ebene gönnt, wo z.B. plötzlich das Musical ausbricht, die Toten zu tanzen und singen anfangen; oder jegliche Iden­ti­täten porös werden, zerfließen, sich auflösen.
Der Film frisst sich vielmehr, mit einem wilden Freestyle-Mix der Film­for­mate, -quali­täten, -farben etc., mitunter in Bewe­gungen, Rhythmen, Texturen fest, kann beispiels­weise Minuten damit verbringen, zwei mit gezückter Waffe gegen­ü­ber­ste­hende Männer zu zeigen – wobei eben »zeigen« eigent­lich das falsche Wort ist; wie einem Gedicht geht es ihm darum, an dieser Vorgabe, dieser Konstel­la­tion, alles mögliche zu entdecken; wie eine Jazz-Impro­vi­sa­tion nimmt er dieses visuelle Thema als Sprung­brett für schwin­del­erre­gende Ausflüge.

Und dass mich bei diesem Film dann trotz stand­hafter Versuchen der Gegenwehr stel­len­weise ein über­mü­dungs­be­dingter Halb­schlaf ange­fallen hat, der sekun­den­weise auch noch eigene Traum­bilder in das deli­rie­rende Lein­wand­ge­schehen inter­po­liert hat – das hat das Erlebnis nur noch gestei­gert.