17.09.2003

Klasse oder Masse?

Ein paar Einwände gegen die Privatisierung des Deutschen Filmpreis durch die Bundesregierung

Von Christoph Hochhäusler

Vergan­gene Woche trafen sich im Berliner Hotel Adlon eine Reihe verdienter Damen und Herren des Deutschen Films, um einen Verein zu gründen. Dieser Verein soll »Deutsche Film­aka­demie e.V.« heißen und hat hehre Ziele.

Laut Einladung möchte man »denen, die in heraus­ra­gender Weise daran beteiligt sind, dass Jahr für Jahr wichtige, preis­wür­dige deutsche Filme entstehen, eine Orga­ni­sa­tion anbieten, in der sie sich wieder­finden können.« Die Deutsche Film­aka­demie wolle »die insti­tu­tio­nelle Mitte« sein, »die Gemein­schaft, in der sich die Film­künstler dieses Landes zu Hause fühlen«. »Darüber hinaus«, so schreiben die Initia­toren bescheiden, soll der Verein »im Zusam­men­wirken mit der Bundes­re­gie­rung« auch den Deutschen Filmpreis vergeben.

Dahinter verbirgt sich der weniger beschei­dene Plan, den Deutschen Filmpreis, der heute ein Preis des Bundes­tages ist, mit Haut und Haar zu priva­ti­sieren. Das Modell ist dabei einmal mehr Amerika und seine Academy of Motion Pictures, Sciences and Arts, die jedes Jahr den Oscar vergibt.

Man wolle »wieder stolz sein können auf den Deutschen Film«, erklärte dazu Bernd Eichinger, einer der Initia­toren, im Bundes­kul­tur­aus­schuss. Und die Kultur­staats­mi­nis­terin Frau Weiss sekun­dierte, der deutsche Film stehe nicht unter „Arten­schutz“, sondern müsse »seine Exis­tenz­be­rech­ti­gung vor dem Publikum nach­weisen« – deshalb wolle sie „Klasse und Kasse“ verbunden wissen. Inter­es­santer Weise aber ist der Deutsche Filmpreis ein Instru­ment der kultu­rellen Film­för­de­rung. „Stolz“ oder „Kasse“ sind bislang keine Kriterien für diesen Kunst­preis. Vielmehr geht es um »heraus­ra­gende Leis­tungen im deutschen Film« – und die werden mit beacht­li­chen Preis­gel­dern von insgesamt über 2,8 Millionen Euro gefördert.

Über­rum­pe­lung und Desin­for­ma­tion

Es geht also um öffent­liche Gelder, die die ganze Branche betreffen, und die bislang in eine funk­tio­nie­rende Förder­praxis einge­bunden sind. Vor diesem Hinter­grund ist die bis heute anhal­tende Geheim­di­plo­matie, die Tatsachen schaffen möchte, bevor eine echte Diskus­sion statt­finden konnte, mehr als nur Unhöf­lich­keit und Form­fehler. Vielmehr verbirgt sich hinter dieser Taktik ganz offenbar die Angst, eine mehr­heit­liche Zustim­mung der Branche nicht anders orga­ni­sieren zu können, als durch Über­rum­pe­lung und Desin­for­ma­tion. Trotzdem wird immerfort von dem Austausch gespro­chen, den man verbes­sern wolle, von Gemein­schaft und Gespräch. Es ist diese Doppel­stra­tegie, mit der sich die Akademie verdächtig macht. Ihre Initia­toren sprechen von Kommu­ni­ka­tion, sind aber nicht in der Lage, ihre Pläne offen zu Tage zu legen. Sie sprechen von und für die ganze Branche, ohne sie in die Diskus­sion einzu­be­ziehen. Sie schreiben Ideale auf ihre Fahnen, die sie längst hätten umsetzen können – aber das Flattern der bunten Wimpel soll offen­sicht­lich von dem eigent­li­chen Ziel ablenken: Der Übernahme des Deutschen Film­preises.

Nun kann man sich natürlich wie die Minis­terin freuen, dass die Film­wirt­schaft überhaupt Initia­tive zeigt. Der Vorschlag der Akademie, den Deutschen Filmpreis zu über­nehmen, hat aber unüber­seh­bare Mängel. Zwar ist der Satzungs­ent­wurf bis heute (8.9.2003 – mitler­weile ist die Satzung unter www.deutsche-film­aka­demie.de online) nicht öffent­lich, was für sich schon Skandal genug ist. Fest steht aber immerhin, dass die Nomi­nie­rungen und Auszeich­nungen des Deutschen Film­preises in einem drei­stu­figen, hoch­büro­kra­ti­schen Prozess bestimmt werden sollen, der in seiner letzten Phase 2500 Mitglieder oder mehr invol­viert. Fest steht weiterhin, dass sowohl die Auszeich­nungen (über die alle Mitglieder abstimmen), als auch Nomi­nie­rung und Vorno­mi­nie­rung, (über die die jewei­ligen Berufs­gruppen abstimmen) nicht auf Basis einer gemein­samen Kino­sich­tung fallen werden. Es ist vielmehr davon auszu­gehen, dass viele der Dele­gierten die Filme, über die sie abstimmen, nicht aus eigener Anschauung kennen. Aber selbst wenn alle Akademie-Mitglieder die knapp 100 deutschen Filme sähen, die jedes Jahr in Deutsch­land produ­ziert werden, wären es die Filme der großen Werbe­bud­gets und Zuschau­er­zahlen, die von dem neuen System profi­tieren. Dieser Vers­tär­ker­ef­fekt ist aus den Akademien anderer Länder bekannt. Was bei »Demo­kra­ti­sie­rungen« dieser Art notwen­diger Weise auf der Strecke bleibt, ist Vielfalt und Eigensinn. Die Mehr­heits­wahl war noch nie ein taug­li­ches Mittel, künst­le­ri­sche Qualität zu bestimmen – nicht ohne Grund wählen wir weder die Bilder in unseren Museen noch die Musiker in unseren Orches­tern.

Marketing für den Main­stream

Ein von einer Akademie verlie­hener Filmpreis wäre also vor allen Dingen eine Marke­ting­ver­an­stal­tung für den Main­stream, mit populären Preisen und tollen Fern­seh­quoten, aber ohne künst­le­ri­sche Autorität. Die Industrie mag daran ein legitimes Interesse haben – Gelder der kultu­rellen Film­för­de­rung dürfen hierfür nicht umge­widmet werden.

Die jetzige Praxis mag verbes­se­rungs­würdig sein – im Prinzip ist sie richtig. Eine kleine quali­fi­zierte Jury, die ihre Entschei­dungen in inten­siver Diskus­sion sucht, wird immer enga­gierter und mutiger Entscheiden, als ein Wahlvolk von 2500 oder mehr Personen. Dabei ist es völlig gleich­gültig, ob sich dieses Volk aus Preis­trä­gern, Profes­soren oder Tennis­spie­lern zusam­men­setzt. Es kann eben nicht um den kleinsten gemein­samen Nenner gehen, sondern es muss um die Kultur gehen, die wir brauchen, die unsere Identität schärft, unsere Gegenwart heraus­for­dert, unsere Zukunft beleuchtet. Diese Filme heraus­zu­fil­tern, ist einer unab­hän­gigen – also auch: nicht betrof­fenen – Jury eher zuzu­trauen, als der Film­branche in ihrer Gesamt­heit, die natür­li­cher Weise von Egoismen geprägt ist und niemals zu einer Entschei­dung wie der von 1993 käme, in der die Jury den Haupt­preis – das Filmband in Gold – nicht vergeben hat, weil das Niveau »nicht preis­würdig« war. Eine solche Entschei­dung, die eben auch Kritik sein wollte, Heraus­for­de­rung und Kommentar, würde eine Akademie niemals getroffen haben. Eine Akademie will sich selbst feiern, und genau dafür muss sich der Deutsche Filmpreis zu schade sein.

Christoph Hoch­häusler stammt aus München und hat die Münchner Film­hoch­schule besucht. Er gehört zu den Gründern und Redak­teuren der schönen Film­zeit­schrift revolver. Sein erster Langfilm MILCHWALD lief mit großem Erfolg im »Inter­na­tio­nalen Forum des Jungen Films« auf der Berlinale 2003, sowie auf dem Film­fes­tival von Montréal.

Christoph Hoch­häusler stammt aus München und hat die Münchner Film­hoch­schule besucht. Er gehört zu den Gründern und Redak­teuren der schönen Film­zeit­schrift revolver. Sein erster Langfilm Milchwald lief mit großem Erfolg im „Inter­na­tio­nalen Forum des Jungen Films“ auf der Berlinale 2003, sowie auf dem Film­fes­tival von Montréal