11.07.2002

Meisterwerke und andere Kleinigkeiten

Ein ZELIGes Lächeln...

Meisterwerke und andere Kleinigkeiten

Woody Allen im Filmmuseum

Von Michael Haberlander

Noch bis Mitte August zeigt das Münchner Film­mu­seum das fast komplette (es fehlen vor allem Fern­seh­pro­duk­tionen und Filme, bei denen Allen nur seine Stimme beigetragen hat, wie z.B. Antz) Werk von Woody Allen, sowie zahl­reiche Doku­men­ta­tionen über den Stadt­neu­ro­tiker, Manhattan-Süchtigen, Eroto­manen, Jazz­mu­siker und leiden­schaft­li­chen Filme­ma­cher.

Diese Retro­spek­tive bietet für jeden etwas. Junge Menschen können endlich seine frühen Werke entdecken, Filme, die man in den vergan­genen Jahren verpasst hat oder die es gar nicht in unsere Kinos schafften, kann man nachholen, Theo­re­tiker können Entwick­lungen und Konstanten im Schaffen Allens nachgehen und wir alle können endlich unsere Lieb­lings­filme (erfah­rungs­gemäß zählt jeder halbwegs Film­in­ter­es­sierte zumindest ein Werk von Woody Allen zu seinen Lieb­lings­filmen) auf der Leinwand und im engli­schen Original genießen.

Wenn auch jeder seine ganz persön­liche Auswahl trifft, so sei im Folgenden doch auf drei Filme hinge­wiesen, die oft im Schatten der bekannten, legen­dären und »kultigen« Werke wie The Sleeper, Manhattan oder Mighty Aphrodite stehen und die im Gegensatz zu den eben genannten nur sehr selten bis gar nicht im Kino oder auch nur im Fernsehen zu finden sind. Es sind dies Zelig (im Film­mu­seum am 23.7.), Verbre­chen und andere Klei­nig­keiten (Crimes and Misde­me­anors) (3.8.) und Schatten und Nebel (Schatten und Nebel) (6.8., Beginn jeweils um 21.00 Uhr).

Die Kunst hat immer wieder Figuren hervor­ge­bracht, die beispiel­haft für eine bestimmte Charak­ter­ei­gen­schaft sind. Der Oblomow aus dem gleich­na­migen Buch von Iwan Gontscharow ist etwa der Inbegriff der Faulheit, der von Sylvester Stallone darge­stellte Kämpfer John Rambo ging als Bezeich­nung für einen brutalen Menschen in unseren Sprach­ge­brauch ein und Leonard Zelig ist die extremste denkbare Form eines Oppor­tu­nisten. Auf dem Juden Zelig wurde so lange herum­ge­hackt, bis er zum mensch­li­chen Chamäleon wurde.
Vorge­stellt wird sein außer­ge­wöhn­li­ches Schicksal in einer Doku­men­ta­tion, die zwar absolut authen­tisch wirkt, aber (der echten Zeit­zeugen wie Susan Sontag zum Trotz) doch voll­kommen frei erfunden und erlogen ist. Klas­si­scher Fall von Mocku­men­tary.

Zelig ist eine der schil­lerndsten Figuren die Woody Allen je geschaffen (und selber darge­stellt) hat und das, obwohl das mensch­liche Chamäleon weit­ge­hend ein Phantom bleibt, das vor allem durch Erzäh­lungen und stumme Bilder zum Leben erweckt wird.
Die Zeit­zeugen und alten Film­auf­nahmen zeichnen dabei nicht nur das Bild eines unge­wöhn­li­chen Menschens, sondern auch das einer unge­wöhn­li­chen Zeit, die vom Aufstieg der Psycho­ana­lyse ebenso bestimmt wurde, wie von kultu­rellen und medialen Massen­phä­no­menen und die schließ­lich im Wahnsinn des 2. Welt­kriegs endete.
Zelig ist auch ein Beleg dafür, dass Allen seiner­seits ein Regie-Chamäleon ist, das sich die Gesetz­mäßig­keiten der verschie­densten Genres (hier der histo­ri­schen Doku­men­ta­tion) aneignen kann, um daraus seine eigene, parodis­ti­sche Version zu machen.
Die tech­ni­sche Perfek­tion, mit der Allen das macht, ist dabei ebenso beein­dru­ckend, wie die perfide Ironie, die in der Geschichte steckt. Auch ist der Film ein ewig gültiger Kommentar zu der Frage, wohin ein Zuviel an Anpassung führen kann.

Woody Allen ist ein Komödiant, also erwartet man von ihm komische Filme. Gegen diese Erwar­tungs­hal­tung kämpft Allen schon lange und immer wieder versucht er sich deshalb an ernsten Filmen (z.B. Innen­leben (Interiors) oder September), die jedoch von der Kritik und dem Publikum meist sehr verhalten aufge­nommen werden. Bei Crimes and Misde­me­anors löste er dieses Problem, indem er ein exis­ten­ti­elles Drama neben einer zynischen Satire erzählte und die beiden Geschichten erst ganz zum Schluß zusam­men­führte.

Der tragische Teil des Films handelt von Judha Rosenthal (Martin Landau), einem erfolg­rei­chen, beliebten Augenarzt mit einer glück­li­chen Familie, der unver­hofft diese heile Welt gefährdet sieht, als seine Geliebte (Anjelica Huston) droht, ihr geheimes Verhältnis publik zu machen, sofern er sich nicht von seiner Ehefrau trennt. Nach langem Zweifeln und tief­grün­digen Gesprächen mit einem langsam erblin­denden Rabbi (sehr gut Sam Waterston), gibt Judha seinem Bruder, dem »schwarzen Schaf« der Familie, den Auftrag, die Geliebte zu ermorden.

Auf der anderen Seite ist dagegen die Geschichte des erfolg­losen Doku­men­tar­fil­mers Cliff (W. Allen), der gezwun­ge­ner­maßen einen Film über seinen verhaßten (weil erfolg­rei­chen) Schwager (Alan Alda) dreht. Obwohl er verhei­ratet ist, verliebt sich Cliff bei den Dreh­ar­beiten in die Produ­zentin (Mia Farrow), die er auch für sein Lieb­lings­pro­jekt, eine Doku über einen uner­schüt­ter­li­chen, jüdischen Philo­so­phen, begeis­tern kann. Doch am Ende scheitert dieses Projekt auf tragische Weise, die Produ­zentin landet beim falschen Mann und der Film über den Schwager wird zum Desaster.
Es gibt wenig Hoffnung in Crimes and Misde­me­anors und die Guten sind dabei oft die Dummen, sofern die Guten nicht etwas Böses tun und dadurch doch wieder zu den Gewinnern zählen. Ein bemer­kens­werter Film, über ganz grund­sätz­liche Fragen des Lebens wie Schuld und Sünde und selten war Allens Humor so abgründig, bitter, wenn nicht sogar schmerz­haft.

»Im Kino gewesen – gelacht«, hätte wohl Franz Kafka in sein Tagebuch vermerkt, wenn er die Gele­gen­heit gehabt hätte, Shadows and Fog zu sehen. Mit einem erfri­schenden Eklek­ti­zismus kombi­niert Allen die Welt Kafkas mit dem Stil des deutschen expres­sio­nis­ti­schen Films, packt noch die knarrende Musik von Kurt Weill oben drauf und vermischt das Ganze zu einem pitto­resken Schwarz-Weiß-Traum voller unheim­li­cher Schatten und magischer Nebel.

Im Mittel­punkt steht der von Allen gespielte Kleinman, ein nervöser Duck­mäuser, der unfrei­willig Teil einer Bürger­wehr zur Jagd auf einen würgenden Seri­en­mörder wird. Plötzlich steckt Kleinman mitten in einem »großen Plan«, nur dumm, dass er nicht erfährt, wie dieser aussieht und welche Rolle er darin einnehmen soll. Bei seinem (natürlich) vergeb­li­chen Versuch, die ihm zuge­teilte Aufgabe heraus­zu­finden, verstrickt er sich mehr und mehr in das absurde Treiben, gerät zwischen die Fronten verfein­deter Bürger­wehren, entgeht nur knapp dem echten Mörders, wird schließ­lich selber für die Verbre­chen verant­wort­lich gemacht und gejagt und dann ist da auch noch die Sache mit dem Wettkampf um eine Beför­de­rung....
Der Film schwelgt in stim­mungs­vollen Bilder, in Zitaten und Anspie­lungen und beein­druckt darüber hinaus durch ein erstaun­li­ches Schau­spie­ler­en­semble, das von John Malkovich über Lily Tomlin und Kathy Bates bis hin zu Madonna und Donald Pleasence (großartig als beses­sener Arzt) reicht.

Abschließend sei noch auf den Doku­men­tar­film Wild Man Blues (14.8., 21.00 Uhr), der Woody Allen auf Tournee mit seiner Jazzband durch Europa zeigt, hinge­wiesen. Diese Doku bietet ungewohnt private Aufnahmen, stellt den begabten Musiker Allen vor, läßt einen ange­sichts der plap­pernden Fans oft an Stardust Memories denken und hat vor allem diese eine unglaub­liche Szene, die für sich alleine schon den Besuch des Films wert ist, und die so bizarr ist, dass man sofort an die gestellten Inter­views in Zelig denken muss.

Beladen mit zahl­rei­chen Preisen, die man ihm in Europa verliehen hat, besucht Allen in New York seine alten aber immer noch agilen Eltern und muss sich ernsthaft von seiner Mutter vorhalten lassen, dass er doch besser Apotheker geworden wäre.
Man stelle sich nur vor, es wäre wirklich so gekommen! Dann würde sich heute der 67jährige Apotheker Allan Stewart Konig­sberg wahr­schein­lich Gedanken über seine Rente und einen möglichen Umzug nach Florida machen und wir hätten keinen einzigen der wunder­baren Filme, die er unter dem Namen Woody Allen gemacht hat. So viele Pillen hätte der Apotheker Konig­sberg gar nicht verkaufen können, um die Menschen im gleichen Ausmaß glücklich zu machen, wie es die Filme des Regis­seurs Allen getan haben.