24.04.2002

Aus nächster Nähe

Frank Schnelle (Hrsg.) David Fincher
Hardcover, EUR 19,90, Bertz

Aus nächster Nähe

David Finchers audiovisuelle Angriffe auf das Kinopublikum

Von Michael Staiger

Wenn die Leute einem zuhören sollen, reicht es nicht, ihnen einfach auf die Schulter zu tippen. Man muss sie mit einem Vorschlag­hammer treffen. Erst dann können sie sich ihrer Aufmerk­sam­keit gewiss sein.
John Doe in Sieben

Die 90er Jahre brachten eine neue Gene­ra­tion von Filme­ma­chern mit sich, denn der Struk­tur­wandel des Fern­se­hens hin zu privaten Anbietern, Spar­ten­kanälen und Digi­ta­li­sie­rung und nicht zuletzt die rasanten Entwick­lungen des World Wide Webs beein­flussten nach­haltig die Ästhetik des Spiel­films. Im Kino sehen wir mitt­ler­weile immer mehr Filme, deren Regis­seure mit Werbe­spots und Musik­vi­deos ihre Karriere begonnen haben und oftmals verdanken wir ihnen die seltener werdenden Kino­er­leb­nisse, in denen wir uns voll­kommen der Audio­vi­sion hingeben, im Sog der Bilder und Töne. David Fincher ist sicher­lich einer der promi­nen­testen und begab­testen Vertreter dieses neuen Kinos, das sich nicht mehr an über­kom­mene drama­tur­gi­sche Muster klammert, sondern auf spie­le­ri­sche und manchmal atem­be­rau­bende Art und Weise dem Medium Kino auch im Zeitalter des digitalen Home Cinema seine Legi­ti­ma­tion verschafft. Obwohl die Filmo­gra­phie Finchers erst fünf »richtige« Spiel­filme umfasst, wird ihm heute eine solch breite Aufmerk­sam­keit gewidmet, dass man ihn zwei­fellos als einen der zur Zeit bedeu­tendsten Regis­seure bezeichnen darf. Der Medi­en­rummel und die teilweise über­zo­genen Erwar­tungs­hal­tungen in Bezug auf den Start von Panic Room haben das erneut gezeigt.

So wurde es wohl Zeit, dass sich auch die Film­li­te­ratur mit dem Phänomen Fincher ausein­an­der­setzt und einmal mehr ist es der Bertz-Verlag, der mit einem fundierten Sammel­band zum Oeuvre des Regis­seurs die Messlatte setzt. Der elfte Band der »film«-Reihe, heraus­ge­geben von Frank Schnelle, nähert sich Fincher in Essays zu seinem Gesamt­werk und seinen Spot- und Clip-Produk­tionen, sowie in ausführ­li­chen Einzel­be­trach­tungen seiner Spiel­filme, ergänzt durch detail­lierte Filmo- und Biblio­gra­fien. Die passende Eröffnung bildet hierzu ein Beitrag zu Finchers Vorspann-Philo­so­phie, denn die Film­an­fänge von Seven, Fight Club und Panic Room dürften zu den inno­va­tivsten Main Titles seit dem Schaffen von Saul Bass gelten. David Fincher ist sich der immensen Bedeutung des Vorspanns für die Film­re­zep­tion bewusst, als Experte für filmische Kurz­formen wie Werbe­spots oder Musik­vi­deos verliert er keine Zeit und zieht den Zuschauer von Anfang an in seinen Bann. Die Stories seiner Filme zeichnen sich meist durch komplexe Konstruk­tionen mit sehr künst­li­chen Momenten der Auflösung aus, sei es das unfrei­wil­lige Spiel des Nicholas Van Orton in The Game, die Mordserie nach der Vorlage der Todsünden in Se7en oder die dem Zuschauer lange vorent­hal­tene Schi­zo­phrenie des Prot­ago­nisten in »Fight Club«. Im Buch wird die Vorliebe des Regis­seurs für solche Geschichten unter den Stich­worten Tricks, Täuschungen und Doppel­stra­te­gien treffend zusam­men­ge­fasst. Zwei Inter­views reflek­tieren die Entste­hungs­pro­zesse von The Game und Fight Club und stellen eine bislang offenbar rare Text­quelle für die Inten­tionen und Hinter­gründe des filmi­schen Schaffens David Finchers dar, der offen­sicht­lich nicht besonders an Inter­views inter­es­siert ist. Lars-Olav Beier erhellt in seinem Beitrag zu den Spots und Clips die Wurzeln der Fincher-Ästhetik, dessen Filmo­grafie dieser Kurz­formen sich wie ein Who-is-Who der Popkultur der 80er und 90er liest: Sting, Paula Abdul, Aerosmith, Madonna, Billy Idol, George Michael, Iggy Pop, Michael Jackson, The Rolling Stones auf der Seite der Popstars und AT&T, Budweiser, Chanel, Coca-Cola, Converse, Honda, Levi’s, Nike, Pepsi als globale Trade­marks. Die Beiträge zu den Spiel­filmen gehen den Figuren, der Erzähl­struktur und den Motiven näher auf den Grund, unter­s­tützt durch zahl­reiche Bild­se­quenzen mit insgesamt 774 Abbil­dungen, die gerade für das Vers­tändnis eines so visuell geprägten Gesamt­werks von funda­men­taler Bedeutung sind.

Bei der Lektüre des Buches verge­gen­wär­tigt man sich immer wieder einen Gedanken, der einem nach dem Betrachten eines Fincher-Films verfolgt, nämlich die Verwun­de­rung darüber, wie sehr dieser Regisseur mich als Zuschauer im Griff hat. Diese Erfahrung geht über ein Spannungs- oder Thrill-Erlebnis im üblichen Maße hinaus, die Machart dieser Filme lässt einen Sog entstehen, dem man sich kaum entziehen kann, weder psychisch noch physisch. Denn was seine Filme letztlich erzählen, ist ja gar nicht so sonder­lich innovativ oder spannend – siehe jüngst in Panic Room –, es liegt vielmehr daran, wie er es umsetzt. Dies unter­scheidet ihn schließ­lich auch von den großen Filme­ma­chern der vergan­genen Jahr­zehnte und macht ihn zu einem Regisseur, der absolut auf der Höhe der Zeit ist. Einer Zeit, in der alle Geschichten längst erzählt sind und in der Kino ein Spiel mit den Zeichen und mit dem Zuschauer sein darf.