11.10.2001

Sehnsucht und Zerfall

Georg Seeßlen: »Steven Spielberg und seine Filme« – Schüren Verlag, Marburg 2001

Sehnsucht und Zerfall

Neue Mythologie: Georg Seeßlen seziert das Universum des Steven Spielberg

Von Rüdiger Suchsland

Am Anfang war der leere Raum. Die Sprach­lo­sig­keit zwischen dem Anhal­ter­pär­chen in seinem Erst­lings­film Amblin'. Der unmo­ti­vierte, unbe­grün­dete Schock durch das Böse, das in Form eines unsicht­baren Verfol­gers in Duell einfach da ist – der Steven Spiel­bergs Durch­bruch begrün­dete. Oder die Leere zwischen den drei Jägern auf dem Boot. mit dem Der weiße Hai verfolgt wird – der erste Welt­erfolg des Regis­seurs. Viel­leicht hat Steven Spielberg diesen leeren Raum später zu oft gefüllt, um auch ein wirklich großer Regisseur zu werden. Ein ganz wichtiger ist er allemal.

Die Geschichte des US-Kinos der letzten 30 Jahre ist nicht zuletzt eine Geschichte seiner Filme: Kein zweiter reprä­sen­tiert so wie er den Gang der Dinge in seinen Stärken wie in seinen Schwächen – und dass er das tut, ist seine Stärke wie Schwäche zugleich. Immer nahe dran am Zeitgeist bestimmt er Diskus­sionen, beein­flusst in viel­fäl­tiger Weise Kollegen, prägt mit seinen Firmen die Produk­ti­ons­be­din­gungen.

Doch obwohl sich Themen und Stil seiner Filme gleichen, man ihm wohl auch eine eigene Hand­schrift zuge­stehen muss, hat Spielberg doch kein Werk geschaffen, dass einen ähnlich künst­le­ri­schen Anspruch erheben könnte, wie etwa die Filme von Martin Scorsese oder Francis Ford Coppola, um nur zwei Beispiele zu nennen – von einem Stanley Kubrick, dessen letzten Stoff A.I. er gerade verfilmt hat, ganz zu schweigen. Auch ist er in keiner Weise ein Autor­filmer (was immer das in Amerika überhaupt heißt), er reprä­sen­tiert vielmehr ein Anti­au­toren-Kino par excel­lence.

Aber nicht alle seine Filme sind schlecht. Man vergisst, was Spielberg alles in den letzten 30 Jahren gedreht hat: Nicht nur die beim Publikum beliebten, aber nichts­des­to­trotz in vieler Hinsicht frag­wür­digen drei INDIANA JONES-Folgen, nicht nur Schmon­zetten wie E.T. – Der Außer­ir­di­sche und The Coulour Purple nicht nur Popcorn-Movies wie Jurassic Park und The Lost World, sondern eben auch tief­schür­fend-geniale Seelen­ana­lysen seiner Heimat wie The Sugarland Express, abgrün­dige Komödien wie 1941, subtile Mythen­spiele wie der sympa­thisch verwor­rene Unheim­liche Begegnung Der Dritten Art, anrührend-sensible Dramen wie Empire Of The Sun (Das Reich Der Sonne) oder pathe­ti­sche Morals­tücke wie Schind­lers Liste, den man nicht mögen muß, um neben seinen guten Absichten auch zu respek­tieren, dass ihm immerhin das Kunst­stück gelang, den Holocaust in einer Weise ins Kino zu bringen, die neue Zuschau­er­schichten erreicht; um eine Diskus­sion um Massen­mord und dessen Darstell­bar­keit dorthin zu bringen, wo sie bis dahin nicht stattfand. Das alles zusammen macht ihn rätsel­haft. Polemiken, die nur sehen, was sie möchten, helfen da nicht weiter. Wer sich zum Beispiel wie auch in einem etwas zurück­lie­genden artechock Artikel über die Tatsache ärgert, dass Spielberg Kubrick- A.I. – Künst­liche Intel­li­genz-Vorlage verfilmt, sollte sich als Kubrick-Fan zumindest auch die Frage stellen, warum wohl der verehrte Meister ausge­rechnet Spielberg und keinen anderen für die Verfil­mung gewinnen wollte – was keines­wegs nur eine von diesem postum gestrickte Legende ist.
Jede Ausein­an­der­set­zung mit Spielberg wird es sich nicht zu leicht machen dürfen, wird diese Viel­schich­tig­keit in irgend­einer Form zu Kenntnis nehmen müssen – das Rätsel Spielberg.

»Spielberg hat nicht nur Hollywood wieder­erfunden, er hat vor allem Hollywood als mora­li­sche Anstalt wieder­erfunden«, schreibt Georg Seeßlen in seiner nun erschienen Mono­gra­phie des Regis­seurs. Diese Wiede­r­erfin­dung glückte freilich nur mittels einer Kinder­per­spek­tive, der »Rückkehr zu einer kind­li­chen Form der Unschuld. Er hat aus dem Kino wieder eine Heimat gemacht. Was viel­leicht in der Tat keine allzu moderne Idee ist. Aber auch keine schlechte.«
Von Seeßlen, einem der bekann­testen, wich­tigsten und produk­tivsten deutschen Film­kri­tiker, würde man ein Buch ausge­rechnet über Spielberg nicht auf den ersten Blick erwarten. Bisher schrieb er über David Lynch, Stanley Kubrick, Quentin Tarantino und die Coen-Brüder (gemeinsam mit Peter Körte), also über Regis­seure, die für die Verbin­dung von Popu­la­rität und Anspruch stehen. Aber es ist eines der Anliegen seines neuen Buches, eben nach­zu­weisen, dass auch in Spiel­bergs Filmen mehr steckt, als nur perfektes Unter­hal­tungs­kino, Block­buster, die geschickt tech­ni­sche Inno­va­tionen mit rück­wärts­ge­wandtem Gefühls­kitsch verbinden. »Kein anderer Regisseur hat so (scheinbar) gnaden­loses Enter­tain­ment verbinden können mit moralisch-künst­le­ri­schen Gesten wie Amistad oder Schindler’s List

Dabei leugnet er Spiel­bergs konser­va­tive Seiten, seine betont unre­bel­li­sche Haltung, die den 1947 geborenen von den meisten seiner Gene­ra­ti­ons­ge­nossen unter­schied, keines­wegs: »Spielberg gehört zu den jungen Filme­ma­chern, die sich mit der Sicht der Väter-Gene­ra­tion Holly­woods iden­ti­fi­zierten. Das Erbe war wichtiger als die Revolte, das Vers­tändnis bedeu­tender als die Reflexion.« Nur weist der Autor sehr über­zeu­gend nach, dass es sich all jene viel zu einfach machen, die in Spielberg nur einen furcht­baren Senti­men­ta­listen sehen wollen, ihn allen­falls als bril­lanten Hand­werker gelten lassen.

Es gibt unzwei­fel­haft Szenen bei Spielberg, anhand derer man zeigen könnte, wohin es gekommen ist mit Hollywood, anhand derer man alles erklären könnte, was falsch läuft im Kino der Gegenwart, das nicht zuletzt in seiner heutigen Gestalt Spiel­bergs Schöpfung ist. Etwa das Ende von A.I. – Künst­liche Intel­li­genz: Der Bär, der auf das Bett purzelt, in dem Mutter und Sohn einschlafen: ein Rettungs­haken gegen Gefühl, sozusagen als verkör­pertes Augen­zwin­kern einge­setzt. Das funk­tio­niert so nicht. Große Gefühle und dann das sich-nicht-trauen, das Rela­ti­vieren durch ein knuffiges, »süßes« Spaß-Element – das ist dann eben Kitsch, und im Ergebnis, der Feier des gedämpften Gefühls gegen die mögliche Ekstase auch ideo­lo­gisch.
Aber es gibt wiederum andere Momente, die enthalten alles, was den Zauber Holly­woods ausmacht. Und wer weiß, wo das US-Kino ohne ihn stünde.

Seeßlens Text weckt solchen Sinn für Diffe­ren­zie­rung. Er zeigt, dass Spielberg nicht anders will, wo ein Roland Emmerich nicht anders kann. Und dieser Unter­schied muss unsere Perspek­tive ändern. Spielberg will Kino für die breite Masse machen, und man kann kriti­sieren, dass er genau das tut. Aber es hat wenig Sinn, ihm immer wieder vorzu­halten, dass es ihm auch gelingt.

Seeßlen beschreibt Spielberg als Märchen­er­zähler, Schöpfer großer Aben­teu­er­ge­schichten (und es ist zwei­fellos der viel­leicht größte Vorwurf, dass er ALLES immer auch als Aben­teu­er­ge­schichte erzählt, selbst den Hollo­caust, der unter seinen Fingern augen­blicks­weise zum NAZI-PARK wurde), als gnaden­losen Plünderer der Kino­ge­schichte. Er geht gegen das Klischee des Harmo­nie­süch­tigen an: »Der Mann, der später für sein fami­li­en­freund­li­ches Weltbild bekannt werden sollte, beginnt seine Arbeit für das Kino mit einer der radi­kalsten Anti-Fami­li­en­filme der Film­ge­schichte.« (gemeint ist Sugarland Express). Nicht ein einziger Spielberg-Film würde, so Seeßlen, »den Kriterien entspre­chen, die in den populären Ragebern für erfolg­reiche Dreh­bücher aufge­stellt werden.« Auch histo­ri­sche Kontexte bilden einen wichtigen Bezugs­punkt für das Nach­denken des Autors. Für Seeßlen betreibt Spielberg zwar zumeist keine wirklich kriti­schen Analysen ihrer Themen im Kino, seine Filme spielen aber »in der Geschichte der Selbst­auf­klärung des Mediums eine größere Rolle, als ihnen die europäi­sche Film­ge­schichts­schrei­bung zuge­stehen will.«

Seeßlens Buch ist eine fundierte Analyse des Spiel­berg­schen Univer­sums, die weit über die üblichen Muster anderer Regis­seurs­mo­no­gra­phien hinaus­geht. Spiel­bergs über 20 eigene Filme (zuzüglich seiner Arbeit fürs Fernsehen, als Produzent und Dreh­buch­autor) werden nicht der Chro­no­logie folgend abgehakt, sondern in verschie­denen Themen­blö­cken mitein­ander verschach­telt und aufein­ander bezogen. So arbeitet Seeßlen die Leit­mo­tive des Spiel­berg­schen Opus konse­quent heraus.
Dabei liest Seeßlen Spiel­bergs Filme in erster Linie und kaum über­ra­schend als Versöh­nungs­an­ge­bote, als Versuch, »eine neue ameri­ka­ni­sche Mytho­logie« zu schaffen. Kinder und Erwach­sene verschmelzen in ihnen, so wie die Kinder oft allzu früh erwachsen werden müssen, dürfen die Erwach­senen immer wieder den Traum der Kindheit träumen, sind große Kinder wie Indiana Jones, oder zumindest nost­al­gisch schwan­kende Melan­cho­liker zwischen Zerfall und Sehnsucht. Doch dabei gelingt Spiel­bergs Filmen immer wieder, »mehr oder minder schmerz­hafte Erin­ne­rungs­schübe auszu­lösen.« Spiel­bergs Welt, das versucht Seeßlen zu zeigen, ist kein zucker­süßes Paradies, sondern »eine unab­än­der­liche Hölle, die dem Einzelnen dennoch immer wieder die mora­li­schen Entschei­dungen abfordert. Weder die Revolte, noch die Erkenntnis verspre­chen Befreiung.« Jenseits der funda­men­talen Abwe­sen­heit von Sinn in Spiel­bergs exis­ten­tia­lis­ti­schem Weltbild, gelingt dem Regisseur doch auch »das Einschreiben jüdisch-huma­nis­ti­scher Phan­ta­sien in den verdammten Main­stream.« »Spiel­bergs Filme suchen den Gerechten,« seine Helden sind »alle in Wahrheit Hyste­riker«, »Menschen, die nicht tun wollen, was sie tun müssen – also keines­wegs 'Helden' – und die nicht sind, wo sie sein sollten. Spielberg und seine Helden wollen nicht fort und hinaus. Sie wollen zurück.«
Hier deutet sich Seeßlens Lösung des Rätsels Spielberg an: Über­an­pas­sung und »Übermalen des Jüdisch-Seins«, der »anstän­dige Liberale« und Kritiker Amerikas will zugleich ein besonders guter Ameri­kaner sein.

Ein ausge­zeich­netes Buch: Klug und gut geschrieben, voll groß­ar­tiger Exkurse etwa zur jüdischen und christ­li­chen Religion, zur Bedeutung des Vietnam-Kriegs für das US-Kino, ein Buch, dass in seiner Haltung und Vorge­hens­weise, in Dichte und Tiefe der Analyse Maßstäbe setzt in der an guten Film­büchern leider viel zu armen deutschen Buch­land­schaft.
Und ein Buch, dem es gelingt, seinem Thema gerecht zu werden, ohne apolo­ge­tisch zu sein. Spielberg, auch daran lässt Seeßlen keinen Zweifel, betreibt »keine Aufklärung im Kino«; wer in Hollywood heute höhere Ansprüche stellt, arbeitet sich nicht zuletzt an einer Figur wie ihm, an seinen Filmen ab.