12.07.2001

Wahnsinn!

Klaus Kinski in der Titelrolle von Jess Francos
JACK THE RIPPER – DER DIRNENMÖRDER VON LONDON

Wahnsinn!

Kinski kehrt zurück

Von Thomas Willmann

Ange­sichts all der belang­losen Nasen, die sich heute hier­zu­lande schon »Star« nennen dürfen, vergisst man hin und wieder, welches Format, welche Größe deutsche Schau­spieler in Zeiten erreichten, als man sie sich noch nicht in grau­en­vollen Sumpf der Vorabend-Serien heran­züch­tete. Dabei ist es noch gar nicht so lang her, dass der leib­haf­tige Kinski zuletzt über unsere Leinwände tobte – wie kommt’s, dass viele sich heute mit den puber­tären Turnü­bungen eines blöden Bubs wie Ben Becker zufrie­den­geben (der jüngst meint, sich just an Kinskis lyrischem Output vergreifen zu müssen)? Sicher, Kinski hat einen großen Teil seiner Karriere und seines Lebens damit verbracht, den Wahn­sin­nigen zu spielen – und mit nichts läßt sich als Schau­spieler auf billigere Weise nach­hal­tiger Eindruck schinden. Aber Kinskis Exzess war stets auch wirklich gelebt – selbst, wenn er offen­sicht­lich nur die Erwartung an den Darsteller-Derwisch erfüllte, nur seine bis zur Perfek­tion erprobte Irrsins-Nummer abzog, selbst dann wusste man immer: Er kennt auch den echten Wahn; auch da, wo er (vor allem in den späteren Jahren) nur noch die Figur »Klaus Kinski« spielte, spürte man, dass es dahinter einen echten Kinski gab, der nicht weniger radikal an die Grenzen zu gehen bereit war.
Und Kinskis Wahnsinn hatte Methode – er hatte sich das Schau­spielen tatsäch­lich erst einmal mit Fleiß und Geduld beigebracht, bevor er dann auf die Bühnen stürmte und sich mit dem Nimbus eines »Natur­ge­nies« umgab. Wann immer Regis­seure an mehr inter­es­siert waren als dem wilden Wüterich, dem Irrsins-Clown Kinski, konnten sie aus ihm auch wesent­lich viel­schich­ti­gere, zurück­ge­nom­me­nere Leis­tungen heraus­holen. So eindrucks­voll die Filme bleiben, die in seiner legen­dären Zusam­men­ar­beit mit Werner Herzog entstanden – es ist ein wenig schade, dass ausge­rechnet sie das Kinski-Bild so nach­haltig prägen. Freilich konnte kaum einer Kinskis Affen so produktiv Zucker geben wie Herzog, aber dadurch drängt sich etwas zu sehr in den Hinter­grund, was Kinski als durchaus auch profes­sio­neller Schau­spieler zu geben im Stande war, wenn ihn mit dem Regisseur eben keine (filmisch statt sexuell ausge­lebte) sado-maso­chis­ti­sche Beziehung verband.
Zur derzei­tigen Kinski-Renais­sance, mit Ausstel­lungen, CDs, Lesungen, Büchern, liefert das Münchner Film­mu­seum nun die Film-Retro; vers­tänd­li­cher-, aber dennoch bedau­er­li­cher­weise bei weitem nicht volls­tändig. Das Angebot dürfte aber allemal ausrei­chen, um ein weniger einge­engtes Bild von Kinski zu bekommen, als es land­läufig kursiert. (Wer bringt norma­ler­weise z.B. Kinski und DR. ZHIVAGO in Verbin­dung?) Der schöne Neben­ef­fekt: Das Ganze wird zugleich zum Streifzug durch jene Jahr­zehnte, als es noch ein leben­diges, eigen­s­tän­diges, populäres europäi­sches Genre-Kino gab. Das Hollywood Paroli bieten konnte, in dem es sich auf ganz eigene Tradi­tionen und Werte besann und diese mit den ameri­ka­ni­schen Vorbil­dern produktiv verknüpfte, anstatt nur lächer­lich hilflose Kopien letzterer abzu­lie­fern. Seien es die bundes­deut­schen Edgar Wallace-Filme (die, es sei hier mit Nachdruck gefordert, schon längst eine eigene, umfas­sende Retro­spek­tive verdient hätten!) oder die Italo-Western (dito!), oder sei es des hyper­pro­duk­tiven Jess Francos Ausstoß an spanisch-italie­nisch-fran­zö­sisch-deutsch kopro­du­zierten Horror-Filmen (s.o.): Endlich sind diese großen Filme (weit­ge­hend noch immer zu wenig gewürdigt, zu wenig verstanden) wieder einmal im Kino zu sehen.
Wenn man dort dann einen wunder­baren Film wie DIE TOTEN AUGEN VON LONDON betrachtet und zum Vergleich das gegen­wär­tige deutsche Kino, dann wird einem auch klar, warum heute die anfangs ange­spro­chenen belang­losen Nasen das Ruder über­nommen haben: Selbst wenn Kinski noch lebte – wo, bitte, wäre für einen Großen wie ihn im derzei­tigen deutschen Film noch ein Platz?