12.07.2001

Komm, Herr Jesus, sei unser Gast...

Call Him Jess!

Komm, Herr Jesus, sei unser Gast...

Jess Franco besucht das Filmmuseum – und das Internet!

Von Thomas Willmann

Was, bitte, haben zwei solche gemeinsam?: Der eine hat den angeblich besten Film aller Zeiten gedreht, der andere einige der vorgeb­lich schlech­testen auf dem Gewissen. Der eine hat Jahr­zehnte um seine künst­le­ri­sche Autonomie gekämpft und dabei ein vergleichs­weise schmales Oeuvre zustande gebracht; der andere gedreht, was und wieviel ging, unter mehr Pseud­onymen, als er selbst wohl noch weiß – so um die 170 Filme inzwi­schen, eher drüber. Der eine ist von Kritik und Akade­mi­kern verehrter Götze, Gegen­stand zahl­rei­cher Biogra­phien, Mono­gra­phien, Essays ohne Ende, zählt unwägbar viel in der Cineasten-Elite; des anderen treueste Anhänger kennen zu einem nicht geringen Teil kaum andere Bewer­tungs­maßs­täbe für Filme als die gebotene Menge an nacktem Fleisch und vergos­senem Blut.
Was, also, soll zwei solche, soll Orson Welles und Jess Franco verbinden? Viel, sehr viel sogar. Da sind freilich erstmal die offen­sicht­li­chen Punkte, an dem sich beider Lebens- und Schaf­fens­wege kreuzen: Bei Welles' Dreh­ar­beiten zu CHIMES AT MIDNIGHT (FALSTAFF) war Jess Franco (eigent­lich auf Jesus Franco getauft, aber den Heiland UND den faschis­ti­schen Diktator im Namen zu tragen war ihm dann doch zuviel) Regisseur der Second Unit; 1992 hat er aus dem vorhan­denen Material zu Welles' nie fertig gestelltem Don Quichotte-Projekt eine in Cannes präsen­tierte Fassung montiert.
Aber es geht um mehr als solche eher zufäl­ligen Berüh­rungs­punkte.

Denn zwischen den Filmen von Welles und Franco können nur für dieje­nigen Welten liegen, die krampf­haft an bildungs­bür­ger­li­chen Vorstel­lungen von Kunstkino fest­halten. Wenn Franco Welles zu seinem großen Vorbild erklärt hat, dann ist das weit mehr als Anmaßung oder Koket­terie – in vielerlei Hinsicht sind sie tatsäch­lich Seelen­ver­wandte. Wie Welles hat Franco sich immer seine Nische gesucht, in der er künst­le­risch so weit als möglich freie Hand hatte. Franco fand sie im low-budget Kino, im Exploita­tion-Film, im Geschäft mit Sex und Gewalt. Seine Budgets waren fast immer so klein, dass die Produ­zenten wenig Grund hatten, sich in den Dreh der Filme einzu­mi­schen – meist war klar, dass ein reiße­ri­scher Titel allein, dralle Haupt­dar­stel­le­rinnen oder das Dran­hängen an filmische Mode-Erschei­nungen schon mehr als genügen würden, die Produk­ti­ons­kosten wieder einzu­spielen. Das schuf Frei­heiten, die sich teurere Filme nie leisten könnten. Dass Franco zum Spezia­listen für Horror und Erotik im unteren Preis­be­reich wurde, dahinter steckt aber mehr als nur Strategie – mit Herz und Seele hängt er an den dunklen, dreckigen Wurzeln des Kinos, an dessen Rummel­platz-Ursprüngen. Francos Kino ist noch der Tradition prole­ta­ri­scher Unter­hal­tung verpflichtet, dem geis­ter­bahn­haften Spiel mit den Urängsten und Ur-Trieben; es lebt vom Reiz des Verbo­tenen, Verdrängten. Wobei sich das bei ihm durchaus trifft mit dem Interesse sowohl des Stummfilm-Express­sio­nismus als auch der Surrea­listen (die in Spanien bekannt­lich große Tradition haben) für all das Finstre, das im Unter­be­wußt­sein lauert.

Wie Welles war Franco nie am soge­nannten »Realismus« oder gar »Natu­ra­lismus« inter­es­siert. Der Versuch von »getreuer« Abbildung der Welt, wie sie vermeint­lich ist, findet bei keinem von beiden statt. Und wie Welles sah Franco all die Absi­che­rungs-Regeln, all die bürger­li­chen Konven­tionen des klas­si­schen Erzähl­kinos nie als verbind­lich an. Beide schufen Kino, das voll Begeis­te­rung seine Gemacht­heit, seine Künst­lich­keit zur Schau stellt, das spielt mit den Möglich­keiten der Film-Apparatur. Beiden genügte oft eine Wand, eine kleine Ecke antik schei­nenden Gemäuers, ein Winkel im bota­ni­schen Garten als Set, um histo­ri­sche Szenerie, exotische Locations zu sugge­rieren; beide nutzten, was immer zur Hand war, um Illu­sionen zu erzeugen – Zauber­künstler, die mit dem Publikum ein Spiel der Sugges­tion spielen. Ein Spiel, das mit willigen Mitspie­lern rechnet – und nicht mit Krämer­seelen, die verkniffen auf jedes Detail sich stürzen, das die Illusion enttarnen könnte.

Im Gegensatz zu Welles jedoch hat Franco sich dafür entschieden, so viele Filme wie nur möglich zu drehen. Kein Wunder, dass da bei knapp 200 Werken manches dabei ist, das kaum noch zu vertei­digen ist- besonders, wenn Franco gele­gent­lich seiner misogynen, sadis­ti­schen Ader gar zu freien Lauf läßt. Aber er ist sich allemal stets bewußt, was er tut. Er kennt die Tradition, in der er steht, kennt die Film­ge­schichte, und wenn er beispiels­weise über einen seiner Ansicht nach über­schätzten »Film­künstler« wie Antonioni schimpft, dann weiß er – im Gegensatz zu manch anderen – stets genau, wovon er redet. Wenn Franco will, dann werden seine Filme durchaus auch intel­lek­tuell – ohne das je vor sich her zu tragen. Es steckt viel, steckt Komplexes in Filmen wie VAMPYROS LESBOS (eines seiner unbe­streit­baren Meis­ter­werke) – man braucht nur offene Augen, offene Ohren statt vorver­dauter Kate­go­rien von »Kunst« und »Schund«, das zu merken.

Orson Welles hat einmal gesagt, der synchrone Ton hätte das Filme­ma­chen ruiniert – Franco würde ihm gewiss zustimmen: Die angeb­liche »Perfek­tion« der Technik war beider Ding nie. Sie lieben vielmehr das Basteln, das Arbeiten gegen das dikta­to­ri­sche Regime der Indus­trie­stan­dards. (Welles hat man dann diese Standards nach­träg­lich aufok­tru­iert: Bei der angeb­li­chen »Restau­ra­tion« seines OTHELLO, die in Wahrheit eine pure Schändung des Werks darstellt, wurde u.a. mit viel Geld und Aufwand der Ton digital auf Lippen-Synchro­nität hinge­prü­gelt.) Rebellen, beide, gegen glatte Norm-Ästhetik, gegen die Diktatur der nur mit hohem finan­zi­ellen Aufwand zu befrie­di­genden Erwar­tungen an Aussehen und Klang von Filmen.
Wenn bei Franco der Ton nicht synchron ist, das Bild offen­sicht­lich sich weigert, »realis­tisch« auszu­sehen, dann hat das keinen anderen Grund als bei vergleich­baren Stellen im Werk von Welles oder auch Godard. Eigent­lich muss man nur EINEN wesent­li­chen Schritt der Erkenntnis voll­ziehen, um sich den Werken Francos ange­messen zu nähern: Die Einsicht, dass es andere Gründe gibt als Unver­mögen oder Dummheit, wenn Filme nicht so aussehen, wie wir es von mindes­tens 90% des üblichen Erzähl­kinos gewohnt sind. Selbst, wenn diese Filme nicht mit dem Prädikat »Avant­garde« oder »Kunst« daher­kommen.
Hin und wieder dreht Franco denn auch Sachen, die an der Ober­fläche als völlig normales Kino durch­gehen – nur um zu beweisen, dass er das kann, wann immer er mag. (In der – sehr empfeh­lens­werten – Doku CALL HIM JESS nennt er da Buñuel und dessen entspre­chende Äuße­rungen zu seinem TAGEBUCH EINER KAMMERZOFE als Referenz.) Nein, es ist alles andere als Unver­mögen, was Francos Filmen ihre Ästhetik diktiert. Ohne den geringsten Zweifel: Wenn er wollte und er das nötige Geld bekäme, Franco hätte keinerlei Probleme, einen Hollywood-Sommer­block­buster zu insze­nieren so gut wie jeder andere. Die »Eins­tür­zenden Neubauten« haben’s schön auf den Punkt gebracht, in dem program­ma­ti­schen Eröff­nungs­song des »Haus der Lüge«-Albums: »Wir könnten, aber...«

Jess Franco ist einer, der so wie alle anderen könnte, wenn er nur wollte – den jedoch das »aber« treibt; der lieber eigene Wege geht.
Seit das Kino immer sauberer wird, in seinen sterilen Multi­plexen, seit immer mehr die Vertriebs­kanäle austrocknen für das Exploita­tion-Kino, seit auf dem Gebiet des Genre-Films in den Köpfen des Publikums Hollywood immer mehr einen allei­nigen, absoluten Geltungs­an­spruch hat, sind die Zeiten auch für ihn schwie­riger geworden. Es ist verdammt lange her, dass einer seiner Filme einen regulären deutschen (oder auch inter­na­tio­nalen) Verleih gefunden hat – in den letzten Jahren dreht er praktisch ausschließ­lich für den Video­markt; inzwi­schen auch (mit zunehmend expe­ri­men­tellen Resul­taten) meist gleich auf DV.

So sehr man froh sein muss, dass es einen wie ihn überhaupt noch gibt – für einen KINO-Fan (und eben nicht VIDEO-Fan) ist diese Situation mehr als unbe­frie­di­gend. Um so beglückter darf man ob jeder Gele­gen­heit sein, wenigsten hin und wieder einen von Francos Filmen auf veri­ta­bler Leinwand präsen­tiert zu bekommen.
Letztes Jahr hat das Fantasy Filmfest (s.u.) ihm eine kleine Retro­spek­tive gewidmet – in der der Meister selbst aber nur in der oben erwähnten Doku­men­ta­tion zu Wort kam. Diese Woche nun ist Jess Franco im Film­mu­seum zu Gast.
Am Freitag gibt es, aufge­merkt!, um 23:00 Uhre eine Ergänzung zum gedruckt vorlie­genden Film­mu­seums-Programm: Francos NECRONOMICON – GETRÄUMTE SÜNDEN.(Eine erotische Phantasie, die zu Francos stärksten Filmen zählt – mit, kein Witz, Kostümen von Karl Lagerfeld!) Am Samstag wird er vor Welles' genialer Falstaff-Verfil­mung CHIMES AT MIDNIGHT aus dem Nähkäst­chen plaudern, was seine Zusam­men­ar­beit mit Orson betrifft. Am Sonntag dann bringt er noch Lina Romay (seine Ehefrau und Darstel­lerin in zahlloser seiner Filme) und den großen Herbert Fux mit (der alle Höhen und Tiefen des deutschen und öster­rei­schi­schen Nach­kriegs­kinos mitge­macht hat, der HEXEN BIS AUFS BLUT GEQUÄLT hat, in Herzogs WOYZECK mitspielte, und mitt­ler­weile bis in die TV-Vorhölle des »Berg­dok­tors« abge­stiegen ist). Da geht es dann um Kinskis Klaus (s.u.), den er genauso gerne als Haupt­dar­steller nutzte wie Werner Herzog es tat, nur dass bei Franco daraus keine psycho­lo­gisch verquere Beziehung wurde sondern reine Film-Arbeit. In Jack the Ripper – Der Dirnen­mörder von London entlockt er Kinski eine seiner zurück­ge­nom­mensten, ruhigsten, konzen­trier­testen Auftritte überhaupt, und gerade damit einen seiner gruse­ligsten. Wie der Film prin­zi­piell mehr als Beweis genug für Francos Meis­ter­schaft ist – ohne Zweifel einer seiner gelun­gensten Streifen; ein bitter­böses, eine erbar­mungs­lose Welt sezie­rendes Werk.

Für alle, die von Franco nicht genug bekommen können, oder die nicht ins Münchner Film­mu­seum pilgern wollen oder können, gibt’s dann am Sonntag auch noch einen Live-Internet-Chat mit Jess Franco und Herbert Fux! Von 16:00 bis 16:45 steht der Herr Jesus Rede und Antwort, von 17:00 bis 17:45 das gute Herbertl. Also, einloggen, und zwar unter http://de.chat.yahoo.com.