22.03.2001

Fritz Lang im Filmmuseum

Peter Lorre in M – EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER

Fritz Lang im Filmmuseum

Notizen zu M – EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER

Von Michael Wegscheider

Selten erlebt man das Kino derart über­wäl­ti­gend als Mani­pu­la­ti­ons­ma­schine wie bei einer Besich­ti­gung von Fritz Langs M. Wie eine Labor­ver­suchs­an­ord­nung funk­tio­niert dieser Film. Denn am Zuseher selbst wird durch­ex­er­ziert, was dem Plot als Schlüs­sel­erfah­rung zugrunde liegt: Die Moti­va­tion von Hand­lungen und Haltungen durch affekt­ge­steu­erte Iden­ti­fi­ka­tion.

Ironisch demons­triert der Film die Fragi­lität des ratio­nalen Urteils­ver­mö­gens selbst im wachsten Geist. Der Verlauf der Film­hand­lung lockt den Zuseher immer wieder in die Iden­ti­fi­ka­tion mit verschie­denen und bisweilen recht frag­wür­digen Figuren und deren Taten. Am eignen Leib muß man erleben, wie man willig der Argu­men­ta­tion folgt und sich einer kind­li­chen Begeis­te­rung für die reibungs­lose, effizient orga­ni­sierte und von einer dubiosen Führer­figur selbst­herr­lich ins Werk gesetzte Menschen­jagd nicht erwehren kann. Denn auch wenn man sich später, dem Dunkel der kine­ma­to­gra­phi­schen Höhle entstiegen, die Dinge rasch gera­derü­cken möchte, bleibt doch der beklem­mende Eindruck bestehen, daß man es hier bei sich selbst mit Reflexen zu tun hatte, die recht nahe bei jenen Motiven ange­sie­delt sind, die soeben noch den besin­nungslos geifernden Pöbel reagieren ließen.

Als rück­sichts­loser Argu­men­ta­ti­ons­ap­parat funk­tio­niert die Kamera. Stets nur genau so viel gönnt sie unserem Auge, als es zum willigen Glauben und eifrigen Ahnen gerade nötig hat. Und sie stellt die Dinge so besonders vor uns, daß wir sie nur in der Weise erkennen, wie es uns eben gerade zugedacht war. Das was nur ergänzt werden kann und nicht erzählt wird, das was außerhalb des Rahmens sich abspielt, das was nur als indirekte Reflexion zu erkennen bleibt: all dies weckt jene Bilder, die der eigene innere Projek­ti­ons­ap­parat auf die subjek­tive Leinwand der Gefühle wirft. Jene Ängste und Begierden, die sich umso mächtiger zeigen, als sie die intimsten sind: die, denen man noch nie wider­stehen konnte.

Dieser Apparat macht den Zuschauer zum Komplizen in einem Spiel, das so faszi­nie­rend in seiner reibungs­losen Mechanik funk­tio­niert, wie einer jener Matador Baukästen, die einmal im Verlauf der Handlung eindrucks­voll in einem Schau­fenster dekoriert erscheinen. Und da erlebt man es doch voll Dank­bar­keit, wenn am Ende das selbst­be­wußte Denken schock­artig wieder zu seinem Recht gelangt. Denn der beklem­mende Auftritt Peter Lorres vor dem Gangs­ter­tri­bunal erschüt­tert letzt­end­lich alle möglichen bestehenden Gewißheiten. Schlag­artig gelangt die scheinbar so fest gefügte Argu­men­ta­tion wieder in die Schwebe. Dem erstaunten Zuseher sind alle vorschnellen Urteile entrissen und nur eine Reihe von Fragen geblieben.