18.01.2001

2001 und das Ende der Zukunft

HAL schaut zu

2001 und das Ende der Zukunft

Über die gegenwärtige Krise des Science Fiction Films

Von Michael Haberlander

Wie bereits 1984 wird man auch im Jahr 2001 die Gele­gen­heit nutzen, um künst­le­ri­sche Visionen aus der Vergan­gen­heit mit der heutigen Realität aufzu­rechnen. Fast immer kommt man bei einem solchen Abgleich zu der Einsicht, dass viele Erwar­tungen an die Zukunft weit überzogen waren (z.B. inter­ga­lak­ti­sche Raumfahrt, Beamen), während man von anderen Entwick­lungen in der Vergan­gen­heit nicht einmal träumte (z.B. die aktuelle Kommu­ni­ka­ti­ons­technik, Internet).

Die erstaun­lichste Erkenntnis, die man aber aus Kubricks 2001 jetzt ziehen kann, ist wohl die, dass in der heutigen Zeit scheinbar kein Interesse mehr an neuen Zukunfts­vi­sionen besteht.
Während die 70er und 80er Jahre noch laufend Science Fiction Filmen hervor­brachten, nahm diese Tendenz in den 90ern stetig ab. Es ist bezeich­nend, dass ausge­rechnet im symbol­träch­tigen und zukunfts­wei­senden Jahr 2000 keine zehn Filme dieses Genres in unsere Kinos kamen.

Dabei ging es in 2001, BLADE RUNNER, ESCAPE FROM NEW YORK oder SOYLENT GREEN noch nicht einmal ausschließ­lich um die Darstel­lung der möglichen Zukunft. Vielmehr bot die Unge­wiss­heit der kommenden Jahr­zehnte die Freiheit, (zum Teil altbe­kannte) Geschichten neu und ohne die einengenden Vorgaben der Realität, zu erzählen.
Heute erscheint den Regis­seuren diese Freiheit nicht mehr erstre­bens­wert. Vielmehr tendiert man zur Darstel­lung der Vergan­gen­heit, die einen zusätz­lich das Korsett der histo­ri­schen Authen­ti­zität zwängt (beispiel­haft etwa der Weg Ridley Scotts von BLADE RUNNER und ALIEN zu GLADIATOR).

Die Freiheit, die die Filme­ma­cher früher in der Zukunft suchten, finden sie heute immer öfter in den Köpfen. Denn ebenso uner­gründ­lich, uner­forscht und über­ra­schend wie das Weltall, ist der mensch­liche Geist (siehe THE CELL). Spielen auch viele dieser Virtual Reality Filme in der Zukunft (MATRIX, EXISTENZ, NIRVANA), so sieht man von dieser neuen Zeit doch kaum etwas, da man sich fast ausschließ­lich in künst­li­chen Gedan­ken­welt aufhält.

Der einzig inter­es­sante Aspekt der Zukunft scheint für Filme­ma­cher der wissen­schaft­liche Fort­schritt zu sein. Um die tech­ni­sche Glaub­wür­dig­keit zu wahren, versetzt man Filme zu Themen wie Gentechnik, Klonen oder Raumfahrt eben immer noch anstands­halber für einige Jahre in die Zukunft (siehe GATTACA, THE 6TH DAY, MISSION TO MARS). Das dies eigent­lich gar nicht mehr nötig ist, zeigen ARMAGEDDON oder SPACE COWBOYS, in denen ein Trupp Berg­ar­beiter bzw. eine Alther­ren­riege mit einer Selbst­ver­s­tänd­lich­keit ins Weltall fliegt, als würden sie den Bus zum Einkaufs­zen­trum nehmen.

Die Raumfahrt hat somit ihren Mythos verloren und ist im Film fast schon alltäg­lich geworden. Für Film­reihen wie ALIEN oder STAR TREK ist es dementspre­chend schwierig, heute die gleiche Faszi­na­tion auf das Publikum auszuüben, wie zu ihrem Beginn, als man die NASA noch für die Mond­mis­sionen bewun­derte und nicht für den Verlust von Satel­liten auslachte.
Wo man aber schon über das reale Vorbild lacht, da ist es nicht weit zum Spott über die davon abge­lei­tete Fiktion. Die Weltraum­par­odie GALAXY QUEST hat im letzten Jahr gezeigt, wie ernst die Welt des Science Fiction noch zu nehmen ist.

Jetzt STAR WARS als Ehren­ret­tung des Genres anführen zu wollen bringt wenig, da dessen Erfolg mehr mit Marketing, Ersatz­re­li­gion und Reali­täts­flucht als mit einer wahr­haf­tigen Zukunfts­vi­sion zu tun hat und ihm zudem das für sich selbst spre­chende Desin­ter­esse an Werken wie dem Trick­film­epos TITAN A.E. gegenüber stehen.

Ein nettes Gegen­ge­wicht zu diesem Zukunfts­mü­dig­keit bietet momentan nur die Zeichen­trick­serie FUTURAMA, die einer kommenden Kritik an ihrem Bild der Zukunft dadurch entgeht, indem sie ihre Handlung ins Jahr 3000 verlegt.
Soviel Ausblick war noch nie.