25.05.2000

Kann Kant in Cannes Can-Can?

Cannes Plakat

Als neulich einmal wieder der ökonomische Diskurs über den ästhetischen triumphierte

Von Dunja Bialas Thomas Willmann

Hier ist er also: Der obli­ga­to­ri­sche Cannes-Artikel. Schließ­lich sind wir ein Kino-Magazin. Und da braucht man ihn einfach. Den Cannes-Artikel. Auch dieses Jahr kross wie ein fran­zö­si­sches Croissant auf dem Frühs­tücks­tisch, das nur darauf wartet, in den Bol mit Café crème getunkt zu werden.

RÜCKBLENDE:
So wie dieses köstliche Stück galli­scher Backkunst, das da vor uns lag, als wir auf der Terasse des Ritz Carlton saßen und den Blick über den Rand unserer Sonnen­brillen hinweg die Crois­sette entlang schweifen ließen. Völlig ermattet noch davon, wie wir unseren Weg durch die Phalanx der Plakate bahnten, uns nun am Panorama der Palmen erfreuend. Ach ja, die Côte d’Azur! Wie wir uns hier schon heimisch fühlen... Selbst der gleißenden Sonne sind wir schon über­drüssig geworden – verwehrt sie uns doch hin und wieder blendend den certain regard auf die Starlets, die sich dort am Strand bar jeder Scham und textiler Hülle den gierigen Objek­tiven der Kameras preis­geben. In der Hoffnung, da unbedeckt auf Film gebannt zu sein, um entdeckt zu werden – und doch nur die Cannes-Rolle spielend vom Starlet, das vergeb­lich von ihrem Titten­bild auf dem Titel­blatt träumt.
So wie Tag für Tag die Filme hoffen, uns zu bannen. Und doch im Kino-Dunkel unter unseren unver­blen­deten Blicken sich unver­meidbar Blößen geben. Ein jedes Mal, wenn sich der Vorhang über dem Ende des Abspanns schloss, kam wieder die Ernüch­te­rung: Nein, auch hier war sie nicht, die große Entde­ckung, auf die wir so sehn­lichst warteten. Er war es nicht, der Film der Filme. Ihn gab es nicht. Auch dieses Jahr: aufs Neue nicht.
Im Wett­be­werb schon zweimal nicht. Gewinner jedoch muss der trotzdem hergeben. Ganz klar.
Aber so? Was war die Kritik nur wieder gespalten! Zu Recht! Welch Entschei­dung! So geht es doch nicht! Wir freilich haben’s von Anfang geahnt...
Die wahren visi­onären Lichter freilich gingen ohnehin nicht auf der Leinwand des Grand Audi­to­rium Lumière auf. Die erhel­lende Aufklärung über die kommenden Stern­stunden des Kinos war wie immer Feuer­schrift am von Aufmerk­sam­keit unbe­leuch­teten Firmament der quali­tativ so gar nicht unter­be­lich­teten Neben­reihen.

ÜBERBLENDUNG:
Wir sehen Sterne. Stars. Im Blitz­licht­ge­witter. Der Teppich so rot. Und steil die Treppe. Schön. Uner­reichbar. So nah die Stars. Die Sterne so fern.

AUSBLENDUNG:
Aus der Nähe betrachtet: Auch die wahren Filme der Stars blieben fern. Da auf den ameri­ka­ni­schen Plakaten der Crois­sette: groß­for­matig versperrten sie uns den Blick auf das Wesent­liche – jetzt erscheinen sie als das wesent­lich Fehlende. Kulisse Europa, Dekor by Hollywood. Preview of coming attrac­tions. Die mit der massiven Macht der Multi­mil­lionen-Marketing-Budgets marschieren. Und dieses Festival nicht brauchen. Es sogar fürchten. Warum den Kritik­as­tern sich früher als nötig aussetzen? Einen Aussetzer riskieren – Double Zero: Vor, nicht hinter dem Komma. Weil kata­stro­phale Kritik manchmal doch Kassen-Minus kreïert. Doch ein Cannes-Gewinn selten große Gewinne garan­tiert.
Aber alles ohnehin eitel Fassade! Der Markt, der Markt! Der ist’s, der hinter dem potem­ki­schen Dorf der cine­as­ti­schen ars gratia artis die finstren Fäden spinnt und webt und knüpft. Der ist der wahre Grund der Zusam­men­kunft der Zunft, und auch wenn’s keiner sieht vor lauter Glamour und Glimmer und Glanz: Auf dem Markt glitzert lockend das Geld nicht für die hehre Kunst, sondern für den billigen Tand und Schmutz und Schund. Und wahrlich, wir aber sagen Euch: Es wird abermals kommen der Triumph des ökono­mi­schen Diskurses über den ästhe­ti­schen. Und wieder und wieder. Wie widerlich!
Ja, ja: Geld regiert die Welt!

ABBLENDE...

SCHNITT.

VERBLENDUNG:
»Die Party von Dings gestern, war'n Sie da auch? Ach nicht? Da war'n eigent­lich alle da. Wirklich alle. Da hätten Sie sein sollen. Ich kann noch nicht mal klar sehen, grad' stehen, von den Cocktails, Sie wissen...« ... »Die Dings? Ja klar, freilich war die schon auch da. Die hab ich gespro­chen. Die war furchtbar nett. Verschwand dann jedoch mit nem andrem im Bett.« ... »Der Dings? Dieser Typ? Ja freilich der auch. Der mit seiner Glatze und diesem Bierbauch? Ein Ekel, ganz gräßlich, und riecht aus dem Mund. Wie DER nur zum Star wurde – ich seh' keinen Grund!« ...
Gag: Beim Dritten fällt die Palme um.

Licht, Schatten, Sterne & Cocktails: Uns schwirrt der Kopf. Hier in der Hitze auf der Terasse an der Crois­sette. Das Croissant völlig aufge­weicht im Kaffee sans crème.
Aber wir alten Cannes-Hasen wissen: Morgen ist es wieder frisch. Und kross. Und der café wieder au lait.
Und Cannes wird Cannes sein. Unerkannt – werden wir sitzen. Hier. Und schreiben. Das Gleiche. Immerdar.

REWIND...

PS: Welch­sel­biger Titel von so über­wäl­ti­gender Schönheit und Herr­lich­keit ist, dass eine engere Bindung an den Inhalt des Textes von ihm zu verlangen des Guten zu viel wäre.