04.05.2000
Der Filmfreund rät:

Frauen schauen

The last seduction

Der Filmfreund rät: 15. Dokumentarfilmfestivel München, Kevin Smith, Buster Keaton, Linda Fiorentino

Von artechock-Redaktion

Ui, was ist das schön! Diese Woche können wir endlich mal wieder unter ein richtiges, ach was, nach­ge­ra­dezu veri­ta­bles und dabei ebenso griffiges wie reimendes (Sie wissen: Was sich reimt ist gut) Motto stellen. Jawoll. Und das tun wir dann auch gleich. Jeden Moment. Gemach. Sekunde noch. Sofort...
Jetzt aber: Ohne weitere Umschweife, Abschwei­fungen, Verir­rungen, Seiten­wege, Neben­pfade und -säch­lich­keiten, ohne langes Herum­ge­rede um den mehr oder minder heissen Brei (auch nicht um Mus, Grütze oder Hafer­schleim), also quasi ziel­strebig wie etwas, das ganz furchtbar ziel­strebig ist, also eins von diesen Dingens z.B., diese... na, Sie wissen schon, diese ziel­stre­bigen halt..., also ganz direkt und frei heraus, ruck zuck, ratz fatz und womöglich auch holleröh (da aller­dings sind wir nicht ganz sicher...)...
Gut, gut, wir hören schon auf. Hier ist’s, das Motto: »Frauen schauen.«
Ist doch ein schönes solches. Also Motto halt. Oder? Eben.

Nicht schwer zu erraten dürfte es fallen, was erste Inspi­ra­tion dazu geliefert hat: Ganz klar, das 15. inter­na­tio­nale Doku­men­tar­film­fes­tival, das seiner­selbst unter dem zwar veri­ta­blen, aber weitaus weniger griffigen und schon gar nicht gereimten Motto »Der weibliche Blick« steht. (Tja, hätten die mal zuerst uns gefragt...)
Eigent­lich würde das nun von uns fast schon zwingend verlangen, dass wir erstmal gaaaaaaaanz weit ausholen. (Viel weiter noch als zu Beginn!) Von wegen Geschlech­ter­dif­fe­renz-Diskursen und so. Da wäre zu so einem Motto ja doch dieses, jenes, das eine oder ander oder ganz andere (The Other?) zu sagen. Haben wir jetzt aber weder Platz, Zeit noch Lust zu. Hätten Sie was Gescheites studiert, eine halbwegs zeit­ge­mäße Kultur- oder Lite­ra­tur­wis­sen­schaft z.B., dann müssten wir Ihnen da eh nix dazu erzählen. So ist das eben. Äller­bätsch.
Wie dem/der auch sei: Ob jetzt zwischen Manderln und Weiblein tatsäch­lich eine nicht redu­zier­bare, essen­ti­elle Differenz besteht, wie unsere Kultur als eine ihrer Grund­wahr­heiten annimmt (selbst­ver­s­tänd­lich besteht sie nicht, Blödsinn freilich, aber das nur nebenbei...), oder ob das alles nur sozio-kultu­relle Konzepte sind, denen Körper unter­worfen werden – jeden­falls gibt’s zwei­fels­frei bei uns die Vorstel­lung von Mann und Frau, und weil wir alle brav gelernt haben, dass die sich auf ganz anderer und funda­men­ta­lerer, gott- oder natur­ge­ge­bener Ebene als beispiels­weise Blau- und Braun­äu­gige, Leute über 1,70m und unter 1,70m, Alte und Junge, Arme und Reiche radikal unter­scheiden gibt’s auch Verhal­tens- und Blick­weisen, die wir als recht eindeutig männlich und weiblich benennen. Und somit für Filme­ma­cherInnen auch die Möglich­keit, sich dieser – bewußt oder unbewußt, aus voller Iden­ti­fi­ka­tion oder als Strategie – zu bedienen. Ist halt so. Glauben Sie uns!
Und jeden­falls geht’s somit schon in Ordnung, wenn sich ein Doku­men­tar­film­fes­tival solchen Filmen widmet. Und überhaupt ist’s letzlich ja auch wurscht, warum wo wann welche Filme laufen, wenn sie denn inter­es­sant und/oder schön sind, diese Filme, und es kommen ja auch ganz viele Dokus auf dem Festival, die mit diesem Thema gar nichts am Herren- oder Damenhut haben, und überhaupt sollten im Kino wieder viel öfters auch Doku­men­tar­filme laufen, wobei ja die Unter­schei­dung zwischen Doku­mentar- und Spielfilm auch keines­wegs eine einfache oder klare ist und da jetzt eigent­lich auch JEDE Menge zu sagen wäre, zu den unaus­ge­spro­chenen Mythen, die hinter dem rheto­ri­schen Konzept »Doku­men­ta­tion« stehen, aber wir haben ja jetzt schon viel zu viel gesagt und wahr­schein­lich liest das eh keine/r mehr und mal schauen ob viel­leicht doch noch jemand wach ist, hallo, FICKEN, aha, sehen Sie, DA gucken Sie sofort wieder hin, haben wir uns gleich gedacht, ja ja, geben Sie’s nur zu und jeden­falls: Schauen Sie halt mal beim Doku­men­tar­film­fes­tival vorbei, lohnt sich gewiss, das wollten wir eigent­lich nur gesagt haben...
(15. inter­na­tio­nales Doku­men­tar­film­fes­tival, 5.- 14. Mai)

Irgendwo weiter oben waren wir mal stehen­ge­blieben bei »Frauen schauen«. (Und: Danke der Nachfrage, es geht uns jetzt wieder besser. Wirklich. Alles wieder in Orden­u­nung.) Für alle, die’s nicht sofort gemerkt haben sollten: Dieses unseres Wochen­motto ist selbst­ver­frei­lich nicht nur veritabel, griffig und reimend – es ist zu allem Überfluss (und grade so, als hätt' es wer absicht­lich so einge­richtet, schaus'an!) auch noch gar doppel­deutig und womöglich -bödig! Toll, gell? Wie die Frauen da poten­tiell zwischen Subjekt und Objekt schwanken, wanken, oszil­lieren! (Und: Meine­her­ren­und­damen, was könnten wir DA jetzt wieder anfangen, vonwegen Geschlech­ter­dis­kurs, au Backe!) Sinte­malen die Frauen da also nicht nur ihrer­selbst gucken (wahr­schein­lich in Schau­fenster oder Frau­en­zeit­schriften...), sondern auch (nur als Exemplum unter vielen möglichen: von uns) ange­schaut werden (mit einiger Sicher­heit lüstern und geifernd...).
Und also jeden­falls aber dann obwohl aha diese Woche nirgends die Gele­gen­heit zum Frauen schauen sich so lockend und bereit­willig bietet als wie im Werk­statt­kino. Wo jedoch vor allem eine spezielle Frau ange­stiert und -gegafft werden soll: Linda Fioren­tino. Der widmet unser aller Lieb­lings­kino eine seiner unre­gel­mäßigen »Frauen, die wir lieben«-Reihen, und das – wie üblich – zu recht: Die gute Linda fiel uns erstmals angenehm – trotz grausiger 80er Jahre-Frisur – auf in Martin Scorseses gröbst unter­schätztem After Hours (auf Deutsch – und so läuft er hier leider auch, buhuu – Die Zeit nach Mitter­nacht), als sexuell etwas abseits vom Main­stream veran­lagte Künst­lerin. Da war schon klar: Die ist keine von diesen Hollywood-Püppis, und die läßt sich so schnell nicht nahtlos in eine der bekannten Frau­en­bild-Back­formen gießen. Nicht, dass ihre bekann­teste und erfolg­reichste Rolle in The Last Seduction nicht etliche bestens vertraute Vorbilder hatte – eiskalte femme fatale, Schwarze Witwe. Aber mit soviel scham­losem Spaß an der Freud hatte man’s lange nicht gesehen, und dann war das Ende ja doch auch noch ganz anders als gewohnt aus tausend Männer­phan­ta­sien vorher. Dazu gibt’s noch einen Film, den wir selbst nicht kennen, aber Linda Fioren­tinos Mitwir­kung wird auch da den Besuch sicher­lich lohnen, zumal dann noch unsere Lieblings-Psychos Michael Madsen und Charlie Sheen mit von der Partie sind.
Und wer dann noch nicht genug von Linda hat (und warum sollte jemand?), kann gleich in Kevin Smiths Dogma und in (s.o.) Ordinary Decent Criminal gehen: Denn gott­seilo­bund­dank ist Frau Fioren­tino – für die Block­buster-Rollen einfach ein zu herber und selbst­be­stimmter Typ – derzeit mal wieder in Filmen beschäf­tigt, die’s auch hier­zu­lande zu einem Kinostart bringen.
(WERKSTATTKINO: »Frauen, die wir lieben – Linda Fioren­tion«)

Bei ihm, da schauen sie auch, die Frauen, besonders, wenn er seinen Kasper heraus­holt: Unser Herr Oehmann. Wenn der mal seine Auto­bio­gra­phie schreibt, na, die hätte was zu erzählen...! Erstmal aber schreibt er nicht. Sondern scholt (schalt? schiltete?) uns ob unserer unlängst began­genen Vernach­läs­si­gung des »Besten Films der Welt« (Herr Oehmann), Buster Keatons Der General, in diesen unseren Wochen­emp­feh­lungen. Auweh zwick! Aber anstatt, dass wir uns ordent­lich schämten (schämeten? schomten?), sind wir sofort zum Gegen­an­griff über­ge­gangen und haben ihn (den Herrn Oehmann) mit dem alten, billigen »Selber besser­ma­chen!«-Geraunze dazu gebracht – Trom­mel­wirbel! Licht aus, Spot an! Spannung! Exci­te­ment! Suspense! – uns so halb zuzusagen, dass ER selbst nächste Woche an dieser Stelle zur Tastatur und das Wort er-greifen und letzteres an Sie richten würde!!! Tusch!!! Noch sind wir nicht 100% sicher, ob er’s denn auch wirklich tut. Aber das wäre nicht nur DIE Chance, alle bösen (und – nicht weiter­sagen! – von uns selbst in die Welt gesetzten) Gerüchte zu wider­legen, dass es ihn in Wirk­lich­keit gar nicht gibt, den hier dauernd zitierten Herrn Oehmann, sondern dass er eine reine Kunst­figur ist wie Don Quixote, Josef Filser oder Helmut Kohl. Sondern auch für Sie alle eine groß­ar­tige Gele­gen­heit, ihn an dieser Stelle mögli­cher­weise endlich einmal etwas anderes empfehlen zu hören als:
»Samstags Fußball, Sonntag Linden­straße.«