24.10.1996

Komm, Pamela! Jaa, Komm!

Pamela Anderson
Pamela Anderson

Sind dicke Brüste auf einmal nicht mehr gut genug für die Münchner?

Von Richard Oehmann

Filmstart 17.10. war verspro­chen. Was haben wir uns alle gefreut. Pamela Anderson, die heilige Johanna der plas­ti­schen Chirurgie, wollte pünktlich zur einkeh­renden Herbst­lan­ge­weile wonnig auf uns nieder­prallen und uns mit segens­rei­chen Gaben großzügig eindecken in Form von einem abend­fül­lenden Farbfilm namens Barb Wire, einem wahren Meilen­stein der medi­zi­nalen Geschichte. Das patho­lo­gi­sche Museum in Wien hatte bereits Sonder­vor­füh­rungen angekün­digt, um dem Ereig­nis­cha­rakter dieses Filmes gerecht zu werden, denn wahrhaft Gigan­ti­sches war zu erwarten:
Detail­ge­naue Groß­auf­nahmen, geöffnete Lippen, nerven­zer­rüt­tendes Wimpern­auf­schlagen, Zell­klum­pen­ge­wabbel im THX-Sound, all dies wurde auch spannend erwartet von den tradi­tio­nell kunst­sin­nigen Münchnern. So manchem aufge­schlos­senem Poli­to­lo­gie­stu­denten ließ es schon das Wasser im Munde gerinnen, der Ford Escort-Club war schon seit Wochen tagungs­un­fähig, in den Bundes­wehr­ka­sernen erigierte sich die Vorfreude in nie gekannte Rekord­höhen hinein. Der FC Bayern geriet im Vorfeld in eine neue Krise aufgrund eines Kino­ver­bots durch Präsident Becken­bauer, der um die Kondition seiner Spieler bangte (»Freunde, da geht’s ihr mir nicht hin!«), worauf Assis­tenz­trainer Augen­thaler sich von dem Verein verab­schie­dete. Jürgen Klinsmann geriet in ein neuer­li­ches undurch­schau­bares Formtief, Christian Ziege und Mehmet Scholl wurden aus noch unge­klärten Gründen von Freundin bzw. Frau verlassen. Der bayrische Minis­ter­prä­si­dent Edmund, genannt „Bay Watch“, Stoiber sag te alle Termine zur Start­woche ab, und erhielt zur Strafe von seiner Gattin (Beim Sex nennt er sie Pamela!) nurmehr Schin­ken­nu­deln als Abend­essen.

Doch Fassungs­lo­sig­keit war das Resultat, als sich heraus­stellte: Der Start­termin wird verschoben.
Ausge­rechnet bei uns!
In der Filmstadt!
In MÜNCHEN!

Blicken wir doch einmal zurück: Sybille Rauch, Ingrid Steeger, Margot Mahler u.v.a., die unter­schied­lichsten Größen konnten schon bestaunt werden in der bayri­schen Landes­haupt­stadt, viele erotische Meister haben im hiesigen Film­busineß ihr beruf­li­ches Hand­werks­zeug gelernt, von Uschi Glas über Uschi Buch­fellner und Uschi Obermeier bis hin zu Konstantin »Uschi« Wecker. War es die Angst vor der Über­frach­tung des kultu­rellen Lebens, die keinerlei Raum mehr lassen könnte für kleiner geratene Events, oder vor den Protesten der immer noch mächtigen kirch­li­chen Gruppen oder vor dem sagen­haften Fisch­ge­ruch, den die Sogwir­kung Pamelas in den Kinosälen hinter­lassen könnte? Warum haben die Kino­be­treiber zurück­ge­schreckt vor einer der ganz, ganz Großen am ameri­ka­ni­schen Film­himmel?

Doch, Gott sei Dank, ein paar wackere Indi­vi­dua­listen der Münchner Kinoszene haben sich zusam­men­getan, das Werk den Münchnern zugäng­lich zu machen. Das schmucke »Stachus-Kino-Center«, das enga­gierte »Marmor­haus« und der gepflegte, charmante »Mathäser-Palast« retten ab Donnerstag, den 24.10. wieder einmal Münchens Ruf als Kultur­me­tro­pole; und das ist gut so: Ein Ort aus dem ein Frank Wedekind, ein Oskar Maria Graf, ein Patrick Süskind oder ein Florian Stiegl­bauer hervor­ge­gangen sind, darf nicht einfach die Augen verschließen vor den dicken Plastktitten einer Pamela Anderson.