19.05.2016
70. Filmfestspiele Cannes

Ich möchte auf Dich kotzen, Marion Cotillard

Café Society von Woody Allen
Jupiter's Moon von Kornel Mundruczo – der einzige Film, der zwei Wettstimmen auf sich vereinigen konnte.

Die Filmkunst ist männlich, oder? Drei­er­be­zie­hungen, Anrufe bei Freund Putin, der lange Schatten Tarkow­skijs; Cannes-Notizen, 3. Folge – von Rüdiger Suchsland

Inzwi­schen ist es schon eine Art Tradition – am Abend vor Wett­be­werbs­be­ginn sitzen wir in größerer Runde im »Le Crillon« zusammen, gehen die – diesmal 19 – Filme im Wett­be­werb durch, und bewerten nach der Papier­form. Keiner hat irgendwas gesehen, die einzigen Indizien sind Trailer und Inhalts­an­gaben (die ich mir aus Prinzip nicht anschaue, um die Filme möglichst »unschuldig« wahr­nehmen zu können), das einzige, was man manchmal hört, ist der übliche Festi­val­klatsch. Tunc, Verleiher aus der Türkei berichtet, die Erwar­tungen der Branche seien eher niedrig, es solle kein so gutes Cannes werden.

Schaut man aufs Programm, möchte man anderes annehmen. Es gibt nicht nur die großen Namen im Wett­be­werb, sondern auch außer Konkur­renz – Agnes Varda, Takashi Miike, Barbet Schroeder, Hong Sang-soo, James Cameron Mitchell, Claude Lanzmann, André Téchiné, Roman Polanski. Auch Kristin Stewart hat nun einen Film als Regis­seurin gemacht. Ihr traut man das auch sofort zu. Oder in »Un Certain Regard«: Valeska Grisebach, Kiyoshi Kurosawa, Laurent Cantet, Santiago Mitre. Die »Quinzaine« wird heute Abend von Claire Denis eröffnet. Außerdem gibt es Filme von Phillippe Garrel, Werner Herzog, Abel Ferrara, Bruno Dumont.

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Drei Filme aus Osteuropa sind im Wett­be­werb. Der Ungar Kornel Mundruczo ist voll­kommen unbe­re­chenbar. Ein Filme­ma­cher der forcierten Didaktik, was nervt, was bei seinen früheren Filmen auch nicht aufge­gangen ist, bei seinem letzten, White God aller­dings schon. Sergeij Loznitsa, der davon profi­tiert, dass er von manchen für einen Ukrainer gehalten wird, von anderen für einen Weiß­russen, und der post­so­wje­ti­sche Filme macht, mag eigent­lich niemand wirklich in der Runde. My Joy Iwar einer der nervigsten Filme, die ich je in Cannes gesehen habe, Im Nebel nicht viel besser, und seine Doku­men­tar­filme sind mir viel zu tenden­ziös und ideo­lo­gisch, dabei immer vage genug, um sich zu keiner Debatte und keinem Problem wirklich irgend­etwas Subtan­ti­elles zu sagen zu haben. Damit bekommt man dann mehr deutsche Film­för­de­rung, als xdie meisten deutschen Regis­seure – was nicht natio­na­lis­tisch gemeint ist, sondern förder­kri­tisch: Es ist nur bezeich­nend, dass so ein diffuser Quatsch immer durch alle deutschen Gremien gewunken wird, obwohl hier nun wirklich das gern bemühte Argument der Markt­taug­lich­keit erwie­se­ner­maßen nicht greift, dass der Kunst erst recht nicht.

Einig sind wir uns, dass Andreij Zvya­gintsev einer der ganz und gar nicht geheimen Geheim­fa­vo­riten in diesem Jahr ist. Leviathan war ein starker Film, und wenn der Russe in dieser Art weiter­macht, ist ihm eine Palme sicher.

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Sympa­thisch ist aber auch Zvya­gintsev nicht. Wie leider die aller­meisten russi­schen Regis­seure schwitzt er das Bewusst­sein der eigenen Bedeut­sam­keit aus allen Poren und wirkt hoch­gradig einge­bildet. »He is full of shit, full of himself« heißt das im Cannes-Deutsch. Wo immer man ihn erlebt, gibt er den Groß­re­gis­seur. Der Schatten Tarkow­skijs ist offenbar lang.

Nil berichtet von ihrem Zvya­gintsev-Interview vor zwei Jahren: Sobald das Tonband aus war, habe da der Russe über seinen Kollegen/Konkur­renten Alexander Sukurov gelästert. Bei ihm sei es ja nicht so, dass er von der Regierung so leicht Geld bekäme. Sukurov hingegen habe, als ihm bei Faust das Geld ausge­gangen sei, einfach nur bei seinem Freund Putin angerufen, der ein paar Olig­ar­chen orga­ni­siert habe, und bald habe Sukurov nur so im Geld geschwommen.

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Ist die Filmkunst männlich? Muss wohl so sein, denn von den 19 Filmen stammen nur drei von Regis­seu­rinnen. Mag aber schon sein, dass das ungefähr dem Verhältnis der Filme­ma­cher-Geschlechter entspricht, und gegen Quoten bin ich auch.
Auch bei uns Kritikern saßen diesmal fast nur Männer. Gewettet wird dann auf die Goldene Palme, 5 Euro in den Topf, the winner takes it all. Die Wetten haben wieder keine klaren Favoriten. Ich wette auf den schwe­di­schen Beitrag von Ruben Östlund. Dieser Regisseur ist gleich­zeitig intel­li­gent und sehr humorvoll, eine seltene Kombi­na­tion – und ihm könnte eine Über­ra­schung gelingen. Frédéric Jaeger wettet auf Haneke. Ich hätte nichts dagegen, dass der dann für eine ganze Weile der einzige Regisseur mit drei goldenen Palmen sein würde. Michael Kienzl setzt auf Coppola. Der einzige Filme­ma­cher, der zwei Wett-Stimmen auf sich vereint, ist der Ungar Kornel Mundrucso. Ich fand dessen Filme bisher immer zu präten­tiös, und kann auch nicht glauben, dass das eher unin­ter­es­sante Filmland Ungarn, jetzt nach dem lucky punch der Berlinale gleich einen zweiten inter­na­tio­nalen Haupt­preis gewinnen wird.
Worauf ich mich freue, ist auch so eine Frage. Freuen tue ich mich auf einige Filme: Im Wett­be­werb besonders auf Sofia Coppola, auf Naomi Kawase, auf Ruben Ostlund, und auf den neuen Haneke ganz besonders.

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Worum sich die Gespräche dann auch noch drehen: Irgendwie kommt das Gespräch auf den Segen der Zwei­er­be­zie­hung. Ist Zwei­er­be­zie­hung roman­tisch, weil sie den Glauben an die eine, gültige Liebes­be­zie­hung ausdrückt, oder ist das Roman­ti­sche nicht gerade die Absage an die Zwei­er­be­zie­hung, die Utopie vieler gleich­zei­tiger Liebes­be­zie­hungen, und ihrer Möglich­keit. Utopie ist sie, weil dies kaum gelebt wird. Lukas zitierte Luhmann und wirft die Frage in die Luft: »Sollten wir uns viel­leicht von er Romantik verab­schieden? Weil der Code nicht mehr zu unseren Leben passt?« Das sind mal Fragen, ziemlich früh bei diesem Festival.

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Weit weniger roman­tisch ist dann das nahe­lie­gende Reden über die Berlinale. Nicht ob Cannes jetzt besser ist, das wissen wir, sondern wie man Dieter Kosslick endlich loswerden kann, obwohl der sich mit allen Mitteln an den Job klammert. Es gibt, jenseits von uns Film­kri­ti­kern auch unter den Filme­ma­chern in Berlin ein ziem­li­ches Gären und Rumoren über die offene Frage der Kosslick-Nachfolge. Pläne werden geschmiedet. Aber wie das so ist in Deutsch­land, werden sie bisher nicht ausge­führt, und nach meiner Erfahrung ist die Gefahr groß, dass sich »der deutsche Film« wieder mal verhed­dert, und nichts passiert, während die Gegner – Dieter Kosslick und seine Verbün­deten unter den Funk­ti­onären – längst Nägel mit Köpfen machen. Statt einfach offen zu sagen, dass man Kosslick loswerden will, und dauerhaft unüber­hörbar zu protes­tieren und öffent­lich an den Poli­ti­ker­pforten herum­zu­lärmen, treiben ein paar Westen­ta­schen-Machia­vellis ihre Hinter­zim­mer­po­litik, immer bedacht eigene Posi­tionen nicht zu gefährden und womöglich selber Kosslicks Nach­folger zu werden. So spielt man dem Gegner in die Hände.

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Gottlob kann man im Raum­schiff Cannes aber die Mühen der Ebene der deutschen Film­po­litik wenigs­tens ein paar Tage vergessen. Einen inter­es­santen Einfall hatten dieses Jahr die Freunde vom Filmkrant, dem besten nieder­län­di­schen Film­ma­gazin. In der erste Ausgabe ihres Cannes-Blogs. Da listen die drei Kritiker Filme nach drei Kate­go­rien: 1. Die höchsten Erwar­tungen, 2. die nied­rigsten Erwar­tungen, und 3. Der neue »Raw«, also die neue Entde­ckung, so wie es im letzten Jahr der Semaine-Film von Julia Decour­neau gewesen ist.

Die höchsten Erwar­tungen gelten Haneke und Coppola – das ist kaum über­ra­schend; dem Griechen Yiorgos Lathimos und dem Schweden Ruben Östlund – das verstehe ich gut; und Lynn Ramsey, was ich schon sehr erstaun­lich finde. Die nied­rigsten Erwar­tungen hat das Filmkrant-Team für Rodin von Jacques Doillon, Begrün­dung: Filme über Künstler sind selten gut. Das stimmt, denken wir nur an den Reinfall mit Paula in Locarno. Und fran­zö­si­sche Filme seien wie Deutsche in Berlin und italie­ni­sche in Venedig. Das kann man meiner Meinung nach nicht mitein­ander verglei­chen. Über Italiener in Venedig geht nix. Dann Aus dem Nichts  von Fatih Akin. Begrün­dung: Der Reinfall mit The Cut. Von Tschick haben Ronald und Kees offenbar nichts gehört. Auch von Abel Ferrara und Michel Hazana­vi­zius verspre­chen sich die Holländer nichts.
Entde­ckungen vermuten sie gleich dreimal in der Semaine. Man versteht hollän­disch ganz gut, wenn man es laut liest und in diesem Fall lohnt auch die rade­bre­chende Über­set­zungs­hilfe im Netz.

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Mit in der Holländer-WG wohnt auch noch Berent Johan, der kurz über den Eröff­nungs­film lästerte und dann mit mir lieber über Fußball redet: Nach 18 Jahren ist sein (und mein nieder­län­di­scher) Lieb­lings­club Feyenoord Rotterdam am Samstag endlich wieder nieder­län­di­scher Fußball­meister geworden. »Trotzdem« so Berent Johan, »müssen wir nächsten Mittwoch Fußball gucken und Ajax Amsterdam im EuroLe­ague-Finale gegen Manchester United unter­s­tützen. Wir sind ein so kleines Land, da müssen wir auch mit dem Erzfeind Amsterdam, dem hollän­di­schen Bayern München, zusam­men­halten.«

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Einen verläss­li­chen, in der Orien­tie­rung an Qualität klar über­durch­schnitt­lich guten Quer­schnitt des Festivals, bieten alle Jahre wieder zwei großar­tige, einander ergän­zende, ebenso bewährte, wie unnach­ahm­liche Kriti­ker­spiegel, bei denen ausge­wählte Kollegen mit Punkten oder Kreuzchen Schnell­wer­tungen abgeben. Bei beiden mache ich auch selber mit. Das ist natürlich eher ein Spiel, freilich ein ernstes, und ersetzt auf keinen Fall echte Film­kritik. Die Beur­tei­lung der Filme mag sich auch im Rückblick schon nach Stunden nochmal ändern. Das nur als Warnung an alle Leser, es nicht zu ernst zu nehmen. Aber unsere Wertungen geben all jenen, die nicht hier dabei sein können, doch eine erste Orien­tie­rung, wie die Filme ankommen.

Bei critic.de sind es in erster Linie deutsch­spra­chige Kollegen, bei »todas­la­scri­ticas«, das der Argen­ti­nier Diego Lerer orga­ni­siert, sind es mehr Teil­nehmer und viele sind inter­na­tio­naler verteilte. Die aller­meisten aber kommen aus Spanien und Latein­ame­rika, sind also spanische Mutter­sprachler. Und nicht alle hier sind Film­kri­tiker.

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Dass ich Marion Cotillard nicht mal zehn Prozent so attraktiv finde, wie viele anderen, das fällt wahr­schein­lich noch unter Geschmack. Dass alle, die mit ihr persön­lich zu tun haben, immer nur das gleiche berichten, nämlich, dass sie eine extrem anstren­gende, unan­ge­nehme Person ist, das finde ich, kann man sehen. Es fällt aber unter zu viel Insi­der­wissen. Dass Cotillard aber keine gute Schau­spie­lerin ist, ist eine objektive Tatsache. Man sieht es einfach.

Im gestrigen Eröff­nungs­film von Arnaud Desple­chin spielt sie die verschol­lene Frau des Titel­helden, die nach 21 Jahren aus dem Reich der Toten wieder­kehrt.
Marion Cotillard ist ganz passend für die Rolle der Carlotta, das Schöne an diesem Auftritt ist, dass sie eine entsetz­liche Figur spielt, und allein wenn man in die voller Entsetzen aufge­ris­senen Augen schaut, mit der Charlotte Gaisbourg hier mehr als einmal auf sie blickt, fragt man sich, ob dass der Figur gilt, oder nicht doch eher der Schau­spie­lerin.

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Mag der Regisseur seine Schau­spie­lerin, oder hat Arnaud Desple­chin die Cotillard hier trick­reich einge­setzt. »Ich muss kotzen, wenn ich sie sehe.« »Ich möchte auf Dich kotzen.« – mindes­tens dreimal sagt das jemand im Film zu Cotil­lards Figur, einmal erzählt sie über ihren Ex-Mann »He vomitted on me, he vomitted blood.« Es wird gesagt, dass sie schlecht rieche. Wenn wir ans Kino als an eine Sprache des Unbe­wussten glauben, ist Derar­tiges in seiner Häufung nicht bedeu­tungslos.
Wenn man Desple­chins Filme kennt, dann kann man nicht glauben, dass der Regisseur es nicht affek­tiert findet, wenn sie mit breitem, »verträumten« Grinsen in der Wohnung tanzt, dass die Figur nicht nerven soll, wenn sie in das Leben von Ismael und Sylvia eindringt, und es beinahe zerstört.
Ich gebe zu, ich kann nicht davon absehen, dass ich diese Schau­spie­lerin einfach nicht ertrage.

(to be continued)

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