20.05.2016
69. Filmfestspiele Cannes

Brain manoeuvres in the dark

Der Vater und seine Tochter: Bacalaureat von Cristian Mungiu

Abi in Rumänien: Christian Mungius Film über eine ganze Gesell­schaft – Cannes-Notizen, 11. Folge – von Rüdiger Suchsland

Mich hat es immer schon, seitdem ich überhaupt begriffen hatte, was eine Musik­gruppe ist, und was sie tut, also etwa seit ich acht oder zehn war, faszi­niert, dass es da eine gab, die sich »Orches­tral Mano­eu­vres in the Dark« nannte. Ziemlich bald, ohne vom einen oder anderen etwas zu verstehen, war ich auf der richtigen Fährte: Horror und Intellekt, Esoterik und Genie. Wenn Albert Einstein ein Rock­mu­siker gewesen wäre, hätte er solche Musik gemacht.
Ich kann mich auch noch genau erinnern, wie ELP mal in einer deutschen Fern­seh­show auftraten, meine Mutter den Kopf schüt­telte und ich es cool fand. Viel­leicht auch nur wie der Moderator – oder war es »Disco«, also Ilja Richter? – das voller Pathos in den Saal rief: »Emerson! Lake!! and Pal-mer!!!«
Warum ich das hier hinschreibe? Hat keinen Grund, außer dem, dass es mir heute morgen einge­fallen ist. Cannes ruft die merk­wür­digsten Erin­ne­rungen wach – brain mano­eu­vres in the dark.

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Wie jeden Morgen ist auch heute wieder der dicke, nein, richtig fette Däne da, der immer im Lumière in einer der ersten drei Reihen sitzt, auch auf der linken Seite, wo ich gern sitze, und nie allein, immer im Gefolge.

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Baca­lau­reat heißt der neue Film von Cristian Mungiu, der 2007 die Goldene Palme gewann. Ich habe Mungiu bisher nie besonders gemocht – dieser Film gefiel mir gut. Es ist der inter­es­san­teste des Regis­seurs, dessen Werk im Unter­schied zu seinen Lands­leuten immer ein Element von Exploi­ta­tion besaß und zum Mora­li­sieren neigte.

Eine der Haupt­rollen in diesem Film spielt die deutsche Schau­spie­lerin Maria Dragus. Dragus, deren Familie rumä­ni­sche Wurzeln hat, weswegen sie die Landes­sprache hervor­ra­gend beherrscht. Dragus, die zur Premiere direkt aus Wien einge­flogen kam – dort hat sie die Haupt­rolle in Licht abgedreht, dem neuen Film von Barbara Albert, auf den wir uns schon ganz besonders freuen.

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Das erste Bild zeigt einen Plat­tenbau, daneben eine Baustelle, eine Grube wird gegraben. Wir sehen das alles durch ein Auto­fenster – und damit zeigt uns der Film schon: Hier guckt ein Mensch, und wir sehen mit seinen Augen.
Dann sind wir in einer Wohnung, und plötzlich fliegt ein Stein durch das Fenster. Die Drohung eines Unbe­kannten. So setzt der Film sich und seine Prot­ago­nisten von Beginn an in eine Stimmung von ungreif­barer Bedrohung und unge­rich­teter Angst, von Paranoia.

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Die Haupt­figur und Opfer des Stein­wurfs ist der Arzt Romeo, der mit Frau und fast erwach­sener Tochter Eliza in der Univer­sitäts­stadt Cluj lebt. Die Tochter, gespielt von Dragus, steht kurz vor der wichtigen Abitur­prü­fung. Deren Noten­durch­schnitt wird darüber entscheiden, ob sie ein begehrtes Stipen­dium für das Auslands­stu­dium in England erhält.

Romeo hat auch eine Geliebte, die ein bisschen aussieht, wie seine Tochter, und die deren Englisch­leh­rerin ist. Als er bei ihr ist, bekommt er einen Anruf: Die Tochter sei ange­griffen worden. Im Kran­ken­haus erfährt er von einem Verge­wal­ti­gungs­ver­such, einer der Poli­zisten ist ein Freund von Romeo – und schon hier verstehen wir: Man muss Freunde haben in diesem Land – wer weiß, wozu sie gut sind. Denn auf die Insti­tu­tionen allein ist kein Verlass.

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Eine Szene zeigt ein Gespräch Romeos mit seiner alten Mutter darüber, ob Eliza ins Ausland gehen solle: »Whats so good about there?« – »There you dont need connec­tions. Whats so good about here?«

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Doch der Überfall bringt nicht nur Eliza und ihre ganze Umgebung durch­ein­ander, sondern er gefährdet das Projekt des Auslands­stu­diums: Es wird nie ganz klar, wie sehr dieses vor allem der Plan von Eltern ist, die wollen, dass es ihr Kind »einmal besser hat«, und deren Wunsch obsessive Züge annimmt.
Also kommt der Vater, im Prinzip ein ange­se­hener, integerer Arzt, auf den Gedanken, den Noten seiner Tochter etwas nach­zu­helfen.
Und das sind die Passagen, in denen der Film am besten ist: Dies ist ein Lehrstück, mit hoch­in­ter­es­santen Debatten über Korrup­tion. Denn wo geht sie los? Die Idee: man hilft sich gegen­seitig, eine Hand wäscht die andere, ist ja auch sehr mensch­lich. Wir sehen diesen Mann im Stress, er bekommt Druck von der Gattin, der Geliebten, der Mutter, der Tochter, den Verhält­nissen. Wir fragen uns: Sollen wir ihn mögen? Ist er nett?

Wir sehen, wie alle daran verzwei­feln, dass »Freier Markt« und »Demo­kratie« längst zur Chiffre für die »Gesetze des Dschun­gels« geworden sind, von Verhält­nissen, in denen jeder nur noch an sich denkt.
Und zumindest ich verstehe Vater Romeo komplett, wenn er seiner mora­li­sie­renden, verwöhnten Tochter klar­zu­ma­chen versucht: »This is the world we live in. And sometimes we have to use their weapons.« »It's so easy to say you should not have done it.« In zehn Jahren werde sie ihren Puri­ta­nismus bereuen.

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So wird Baca­lau­reat untermalt von der Musik Händels und Purcells zu einem univer­salen Drama über mensch­liche Sünden, und Korrup­tion. Zugleich ist dies auch eine rumä­ni­sche Version von Michael Hanekes großar­tigem Caché, der eine eindeu­tige Referenz darstellt, wie überhaupt hier – auch in der Figur des kleinen Sohns der Geliebten, der ständig eine Wolfs­maske trägt, und in der Besetzung mit Maria Dragus – das Werk Hanekes über­deut­lich präsent ist. Es geht um Paranoia, um Über­wa­chung, um mora­li­sche Korrup­tion, um die Unmög­lich­keit, Fehler zu korri­gieren und um einen Mann jenseits des Nerven­zu­sam­men­bruchs. Wie Daniel Auteuil in Caché muss auch Romeo irgend­wann bitter­lich schluchzen.

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Für Dragus' Eliza ist dies eine Reife­prü­fung anderer Art, ein Abschied von der Kindheit, ein Abschied von den Eltern. Sie hat die Dinge selbst in die Hand genommen.

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Es ist erstaun­lich, wie gut das Kino aus Rumänien gegen­wärtig ist. Auch Cristi Puius Sier­ane­vada, der zweite rumä­ni­sche Wett­be­werbs­film, ist ein univer­sales Drama über die kleinen und größeren Sünden der Menschen. Beide Filme belegen, dass Rumänien das einzige post­kom­mu­nis­ti­sche Land ist, dessen Filme sich der Vergan­gen­heit wirklich stellen, sie gegen­wärtig behandeln, ohne zu verklären oder zu igno­rieren. Alle anderen, wie Polen, Ungarn, Russland tun im Kino gern so, als ginge sie dieser Teil der Vergan­gen­heit nichts an. Sie sind ja nur Opfer, wie die Polen, die von außer­ir­di­schen Kommu­nisten wider Willen 50 Jahre besetzt gehalten wurde.

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»That's no corrup­tion. That's human life«, sagt Ugo Busaporco aus Verona, als wir nach dem Kino über den Film sprechen, und ich das Wort Korrup­tion benutze: »In Italien haben wir Korrup­tion: Mafia, die poli­ti­schen Parteien, die Immob­li­li­en­branche. Aber sich einen Gefallen zu tun, das ist das normale Leben. Leben ohne Gefallen, das ist kein Leben.«

(to be continued)

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