11.02.2016

66. Berlinale 2016

Ave Cäsar, die Todgeweihten grüßen Dich...

Hail Caesar
George Clooney in Hail, Caesar!

36/66: Die Berlinale-Arena wird geöffnet, Wie lange müssen wir das noch ertragen? Und wo ist der Schnee vom vergan­genen Jahr – Berlinale-Tagebuch, 3. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Das kultu­relle und inno­va­tive Klima dieser Stadt fordert, wenn auch nur still­schwei­gend, dass selbst eine offi­zi­elle und insti­tu­tio­na­li­sierte Veran­stal­tung den Weg des Origi­nellen, des Neuen, des Schwie­rigen, des Expe­ri­ments suchen muss.«
Moritz de Hadeln, Direktor der Berlinale, 1980-2001, im Vorwort zum Katalog der 36. Berlinale, 1986

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Das kann ja gar nicht so schlecht sein. Mit Hail, Caesar!, einer Komödie des genialen ameri­ka­ni­schen Brüder­paars Joel und Ethan Coen, hat die Berlinale für die am Donners­tag­abend statt­fin­dende Eröffnung ihres 66. Jahrgangs bereits eine gute Entschei­dung getroffen. Das zumindest kann man unbesehen sagen. Denn es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn dieser Film nicht so ein witziges, intel­li­gentes Gute-Laune-Stück wäre, wie es bei den Coens bereits Routine ist – sie sind die besten Komö­di­en­re­gis­seure des Gegen­warts­kinos. Und dann noch George Clooney in der Haupt­rolle – da brodelt auch der Boulevard, und ein paar Film­kri­ti­ker­damen fallen ebenso bezaubert in Ohnmacht, wie der eine oder andere schwule Society-Herr.
Und dann geht es in dem Film auch noch um die Abgründe des Film­busi­ness – was könnte besser passen zur Eröffnung eines Film­fes­ti­vals, vor allem dieses Film­fes­ti­vals.

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Der Wett­be­werb sieht zumindest auf dem Papier in diesem Jahr inter­es­santer aus – das war auch dringend nötig nach den schlechten Kritiken, die das Aushän­ge­schild der Berlinale vor allem inter­na­tional bekommen hatte.
An den nächsten zehn Tagen werden wir den Kata­log­be­schrei­bungen und Direk­to­ren­ver­laut­ba­rungen zufolge viele fran­zö­si­sche Filme sehen – »in allen Sektionen … die Franzosen machen tolle Filme«. Jetzt hat er's also auch entdeckt. Es gibt auch viele Latein­ame­ri­kaner (man hängt sich also ein wenig an die Latino-Welle, die von Venedig ausging) man wird die Berlinale-üblichen brav bebil­derten Sozi­al­dramen begleiten, aber auch radikales Kunstkino, wie einen acht­s­tün­digen Film aus den Phil­ip­pinen von Lav Diaz, der vor zwei Jahren in Locarno gewann, davor mit seinen Sachen in Venedig – auch keine Entde­ckung dieses Festivals, aber die Zeit in der man hier noch Entde­ckungen machte, liegt halt eh lange zurück.

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Ansonsten Business as usual: Die bekannten Berlinale-Krank­heiten sind im 15. Jahr unter Leiter Dieter Kosslick längst so chronisch geworden, dass man es bald leid ist, immer wieder die gleiche Litanei anzu­stimmen. Ist aber trotzdem unver­meidbar: Viel zu viele Filme in viel zu vielen Sektionen, die inklusive Wett­be­werb unter­ein­ander fast völlig austauschbar geworden sind – selbst Experten finden sich nur noch schwer zurecht. Stilis­tisch zeigt die Berlinale oft zusam­men­ge­leimte Zuta­ten­filme und Inhal­tis­ti­sches, die Filmkunst bleibt dagegen gerade im Wett­be­werb zu oft auf der Strecke, auch weil man sich ja als »das poli­tischste« Film­fes­tival vermarktet, und unter Politik vor allem versteht, die Nach­rich­ten­themen auf der großen Leinwand wieder­zu­käuen.
Darum gibt es diesmal übers Festival verstreut viel über Flücht­linge und viel arabi­sches Kino. Das ist bestimmt hoch­in­ter­es­sant. Nur haben die Araber die Filmkunst ja nicht erst seit dem letzten Sommer plötzlich erfunden. Entweder waren sie also schon immer gut – kann sein, aber warum dann jetzt erst? – oder sie haben auch 2016 bei einem Kunst­fes­tival nichts verloren – sondern viel­leicht besser an einer poli­ti­schen Akademie.
Doch statt über Auto­ren­filme lässt sich der Festi­val­leiter lieber stun­den­lang über seinen Vege­ta­rismus, seine Yoga-Übungen und über die Papie­rer­sparnis der Berlinale aus. Das Festival ist unter Dieter Kosslick zu einer einzigen Cross-Section des life­sty­ligen Gutmen­schen­tums geworden, dessen Wellness noch durch Wohl­fühl­filme gestei­gert wird.
Sperriges, Irri­tie­rendes, zum Streit anre­gendes fehlt.
So sind die Verschleißer­schei­nungen unüber­sehbar. Und auch die selbst ernannte »Plattform des deutschen Kinos« bröselt. Dass das alles nicht so sein muss, sondern ganz anders sein könnte, zeigt der lohnende Blick in die Vergan­gen­heit.

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Im Februar 1986 war die Welt noch in Ordnung. Die Mauer stand noch, Tscher­nobyl tuckerte friedlich vor sich hin, nur die »Chal­lenger« war gerade am Himmel zerplatzt. Im Kino lief »Unter dem Vulkan« von John Huston. Ich las Moravia, »Tempo« und Christian Meiers Caesar-Biogra­phie.

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Wo ist der Schnee vom vergan­genen Jahr? Vor ein paar Wochen fiel mir durch Zufall ausge­rechnet in einem Saar­brü­cker Anti­qua­riat ein Berlinale-Katalog in die Hände. Und siehe da: Er war vom Jahr 1986, ich blätterte ein wenig und kaufte ihn. Denn, dachte ich, es sei doch bestimmt inter­es­sant, einmal das Festival von vor 30 Jahren mit dem Jetzigen zu verglei­chen.
1986 genügten 150 Filme, das Forum kam noch dazu, also knapp die Hälfte der heutigen 400. Dafür liefen auf der Berlinale Werke von zum Beispiel Fellini, Achtern­busch, Derek Jarman, Nanni Moretti, Sidney Pollack, von William Friedkin, und es gewann der West­deut­sche Reinhard Hauff. Außer Konkur­renz liefen zum Beispiel Eastwood und Gus Van Sant.
Im Vorwort sammelte der Direktor keine Spenden, wie heute, sondern Moritz de Hadeln sprach tatsäch­lich von Filmkunst, und davon, dass man sich dem Publikum nicht liebe­die­ne­risch anbiedern solle.

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Nicht nur der Inhalt, auch die Sprache, nicht nur die Strenge, auch der Anspruch, die Unbeug­sam­keit und Konse­quenz, die Anstößig­keit sind heute undenkbar. Sie zeigen, was man an der Berlinale schmerz­haft vermisst. Manches war nämlich früher wirklich besser. Echt wahr!
Wie lange also müssen wir das noch ertragen?

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Heute mischen sich Ermü­dungs­taktik – also Hoffnung auf den oben erwähnten Effekt, dass man das Gemeckere irgend­wann selber leid ist und die Berlinale einfach abge­stumpft über sich ergehen lässt – und Umar­mungs­taktik.
Zur Umar­mungs­taktik der Berlinale von heute gehört etwa, dass man einer der schärfsten Berlinale-Kritiker, den briti­schen Sight & Sound-Redakteur Nick James, kurzer­hand in die Jury einge­laden hat. Ein durch­schau­barer, aber kluger Schachzug, und erstmals seit mehr als einem Jahrzehnt ein Film­kri­tiker in der Jury – auch eine absicht­liche Aufwer­tung der Film­kritik, die sich ja vor einem Jahr mit der Gründung einer Woche der Kritik mit eigenen Veran­stal­tungen von der Berlinale unab­hängig machte.

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Immerhin steht eines schon fest. Der Goldene Bär. Es gibt nämlich ein heim­li­ches Berlinale-Barometer: Das heißt bekannt­lich: Filme gewinnen, die in der ersten Hälfte laufen und früh morgens: Also Rosi, Tanovic, der Portu­giese, der Tunesier oder der Exil-Iraner Rafi Pitts. Letzterer ist unwahr­schein­lich, weil nicht andauernd Iraner gewinnen können. Hier kommt das zweite Berlinale-Orakel zum Zuge: Michael Kölmel, Chef des früher als »Kinowelt« firmie­renden, sich durch Instinkt und Geschmack von der Konkur­renz wohltuend abhe­benden »Weltkino«-Film­ver­leihs, gelang es in den letzten Jahren immer, bei den jewei­ligen A-Festivals von Cannes, Venedig und Berlin den jewei­ligen Gewin­n­er­film zu erwerben. Bislang hat »Weltkino« nur einen einzigen Film aus dem Wett­be­werbs­pro­gramm gekauft: Den fran­zö­si­schen Film L'avenir (deutsch: »Die Zukunft«) von Mia Hansen-Lowe. Schön wär's, sage ich jetzt mal unbesehen, wenn Kölmel wieder recht hätte.

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»Ein verant­wort­li­ches Festival muss Risiken eingehen.«
Moritz de Hadeln, Direktor der Berlinale, 1980-2001, im Vorwort zum Katalog der 36.Berlinale, 1986

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