12.02.2016

66. Berlinale 2016

Schmutzig und grob gleich Realismus

Meteorstraße
Ein guter Auftakt: Meteorstrasse

Männer­welten, Heimat­filme, schwarze Löcher: Die Sektion »Perspek­tive Deutsches Kino« diesseits und jenseits aktueller Moden – Berlinale-Tagebuch, 5. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Eine Männer­welt, Flücht­linge aus einem paläs­ti­nen­si­schen Lager im Libanon, im Berlin von heute. Und mitten drin ein junger Mann, Mohammed, gerade 18, der noch seine Orien­tie­rung sucht. Einer­seits zieht es ihn raus, weg, ins Offene, einer­seits ist er ein moderner Mensch, ande­rer­seits doch jenen unseligen Tradi­tionen verhaftet, nach denen die Älteren immer Recht haben. Mete­or­straße heißt dieser kraft­volle Film, mit dem am heutigen Freitag-Abend die Sektion »Perspek­tive Deutsches Kino« auf der Berlinale eröffnet wird.
Die Mete­or­straße, nach der er benannt ist, liegt nahe am Berliner Flughafen Tegel – also irgendwie Randlage, geprägt vom fort­wäh­rend brau­senden Fluglärm über den Dächern der Sozi­al­woh­nungen, aber auch irgendwie verheißend im Klang: Aufbruch, Start­rampe, es donnern die Rotoren in die Freiheit über den Wolken.
Regie in diesem Männer-Jungs-Film über die Frage, was es denn eigent­lich heißt ein Mann zu sein? – führte eine junge Frau: Aline Fischer, eine hoch­be­gabte Regis­seurin, die aus dem Elsass stammt, zuerst Sozio­logie und dann in Potsdam Film studierte, und jetzt nach je einem Doku­mentar- und Essayfilm ihren ersten Spielfilm vorlegt. Ein guter Auftakt der Reihe, dem man die Herkunft aus dem Doku­men­tar­film jederzeit anmerkt.

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Viel­leicht ist etwas zuviel Faszi­na­tion für das Raue, Schmut­zige, offen­kundig Reale in diesem Film, der zum Teil mit Laien gedreht wurde, – ansonsten ist dies ein sehr gelun­genes Debüt.
Man kann es sich auch auf einem inter­na­tio­nalen Festival gut vorstellen. Keinen Grund gibt es aber, hier von Cannes zu träumen, was hinter den Kulissen mal kolpor­tiert wurde, oder zu glauben, dieser Film gehörte in den Wett­be­werb – nein! Noch nicht einmal in einen, für den man verzwei­felt noch einen deutschen Beitrag sucht. Insofern hat die Berlinale richtig entschieden, den Film in der »Perspek­tive« zu zeigen. Um so erstaun­lich, dass der offenbar von der Kritik – »zu wenig deutsche Filme im Wett­be­werb« – erschüt­terte Berlinale-Leiter jetzt im RBB Kultur­radio erklärte, »Der Eröff­nungs­film Mete­or­straße, ein Film, der hier in Berlin und Babels­berg mit dem rbb zusammen produ­ziert worden ist, ist nicht nur ein sehr guter Film, er ist genau ein Berlinale-Film. Der hätte meiner Meinung nach auch in den Wett­be­werb gepasst.«

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Nun ist es bei Kosslick, wenn er über deutsche Filme redet, immer ein bisschen so, als rede er über die »Fisch­ge­richte aus der Region« (»Die Berlinale ist bis auf Fisch­ge­richte, die aus der Region kommen, vege­ta­risch.«), nämlich in Stück­zahlen und Regio­nal­ef­fekten: »Ich habe überhaupt kein Problem mit deutschen Filmen, denn sie sind im Kino erfolg­reich. Es wird viel Umsatz gemacht mit deutschen Filmen. Und beim Festival zeigen wir natürlich auch Kopro­duk­tionen aus Deutsch­land. Der deutsche Film kommt nicht zu kurz, auf keinen Fall.«
Wollen wir, dass so über deutsches Kino geredet wird?
Des Direktors Sicht auf die Sektion Perspek­tive ist auch... nennen wir es mal: unbe­küm­mert. »Insgesamt sind wir mit deutschen Filmen gut bestückt. Wir haben ja die Perspek­tive Deutscher Film, wo es nur um deutsche Filme geht.«
Zwölf Filme, darunter acht lange und vier mittel­lange Spiel- und Doku­men­tar­filme zeigt in diesem Jahr die »Perspek­tive Deutsches Kino«. Das dies die einzige Sektion des inter­na­tio­nalen Festivals ist, die ganz dem natio­nalen Kino vorbe­halten ist, macht sie zu einer Nische, und verdient besondere Aufmerk­sam­keit in einem Jahr in dem die deutsche Film­pro­duk­tion schwächelt, wie noch nie in den letzten Jahren.

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Diese für Mete­or­straße konsta­tierte Faszi­na­tion für Realität und deren Darstel­lung durch fast schon feti­schis­ti­sche Verehrung für das Dreckige, Grobe, vermeint­lich Wilde, mit Hand­ka­mera verwa­ckelte, damit man's auch wirklich glaubt, prägt viele Filme dieser Sektion – es handelt sich dabei natürlich nicht minder um eine ästhe­ti­sche Geste, als bei einem gelackten Star-Movie, oder bei den stili­sierten stillen Dramen der Berliner Schule, die vor ein paar Jahren das Nichts – mit großem »N« – und stati­schen Bildern insze­nierten.
Nur ist das Laien­hafte, Unfertige gerade größer in Mode – als ob erst im nicht-Schönen das Wahre, Gute beglau­bigt würde. Vor zehn Jahren gab es schon einmal in der Perspek­tive die Welle des »Hartz IV Kino«.
Das gilt zum Beispiel auch für Lotte von Julius Schult­heiß bei der Karin Hanc­zewski, die ein bisschen wirkt wie die Lidl-Version von Alice Dwyer eine junge Frau spielt, die jünger wirkt, als sie ist, eindeutig zuviel trinkt, auch nüchterrn ziemlich aggro drauf ist, und nicht erwachsen werden will.
Es wird berlinert, was das Zeug hält, die Menschen sind jung und wild, und Männer sagen zu Frauen: »Du bist wie nen schwarzes Loch.« Dann trifft sie ihre Tochter, die sie nie kennen wollte, und die jetzt erwachsen wird – Zwei geschun­dene Seelen freunden sich an.

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Von einigen Ausnahmen wie Mete­or­straße – der aber eben nicht zufällig eigent­lich von einer Französin stammt! – abgesehen, spiegeln diese Filme den zur Zeit eher durch­wach­senen, allemal verun­si­cherten Zustand des deutschen Gegen­warts­kinos: Die »Berliner Schule« ist kein Vorbild mehr, und der »Berliner Flow« des »German Mumble­core« wird es nicht werden – auch nicht wenn diese Filme ihre rührenden Momente haben, verspielt sind, und aus dem Desaster des deutschen Kinos, keine Haltung, keine Vorbilder, kein Selbst­be­wusst­sein und inzwi­schen auch kein Geld zu haben immerhin die Tugend einer Leinwand-Arte-Povera machen.
Von etablierten Regis­seuren wie Hans-Christan Schmid, Oskar Roehler, Tom Tykwer, Andreas Dresen oder Fatih Akin kommt zur Zeit auch wenig Anregung für andere, und auch Pro Quote produ­ziert mehr Erklä­rungen als Filme.
Dabei wäre es dringend nötig, das Nicht-Brave zu fördern und dem gras­sie­renden Natu­ra­lismus und den sozi­al­päd­ago­gi­schen Tendenzen des Kino-Main­streams eine Gegen­po­si­tion gegenüber­zu­stellen.

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Zu solchem Realismus-Hang passen weit besser die Doku­men­tar­filme: Etwa Valentina von Maxi­mi­lian Feldmann und Luise Schröder ist inhalt­lich wie ästhe­tisch eindrucks­voll: Es geht um das Fami­li­en­portät eines Roma Mädchens aus Maze­do­nien. Hoch­in­ter­es­sant und auch insbe­son­dere stilis­tisch über­zeu­gend ist Manuel Inackers Palasseum, die lako­ni­sche Bestands­auf­nahme eines Gebäu­de­kom­plexes in Berlin-Schö­ne­berg, die, obschon nur 25 Minuten lang, hier einen längeren Text verdient hätte. Der ist jetzt logis­tisch nicht möglich. Wir holen es nach, verspro­chen.

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Die Suche nach Identität, nach Zukunft, nach Sicher­heiten verbindet all diese Heimat­filme der beson­deren Art. Seit 15 Jahren gibt es die »Perspek­tive Deutsches Kino«, sie ist die erste Sektion von so vielen, die der Berlinale-Boss bei seinem Amts­an­tritt begründet hat. Die »Perspek­tive« will in ihren eigenen Worten »Anlauf­stelle« sein, erste »Aner­ken­nung« für den Film­nach­wuchs bieten.
Aber für den Nachwuchs ist die natürlich Berlinale besonders hart, denn ein Festival wie dieses könnte nie ein Refugium für junges Kino sein. Seit ihrer Entste­hung leidet die Sektion hieran, und ebenso leidet sie darunter, besonders konjunk­tur­ab­hängig zu sein und im Verdacht einer Rester­ampe zu stehen, nur das zu bieten, das in den anderen Sektionen und in Saar­brü­cken ein paar Wochen zuvor durchfiel.

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Aber ande­rer­seits zeigt der Rückblick, wer hier alles mit ersten Filmen lief: Robert Thalheim, Florian Schwarz, Dietrich Brüg­ge­mann, Sonja Heiss, Bettina Blümner, Lola Randl – die Perspek­tive zeigt trotz aller Moden auch die Möglich­keiten und die Vielfalt des deutschen Kinos – viel­leicht besser als alle anderen Sektionen.
Früher hatten es die Filme­ma­cher und mit ihnen die Perspek­tive selbst aber auch noch leichter, weil man nicht auf Premieren beharrte, sondern einfach nur ein offenes gut gelauntes Forum sein wollte.

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