23.05.2013
Kinos in München

»Wer Kino macht, muss jung bleiben«

Nicht nur deutsche Filme:
Das Sendlinger-Tor-Kino mit seinem großflächigen selbstgemalten Plakat

Mit freund­li­cher Unter­s­tüt­zung durch das Kultur­re­ferat München

Filme werden fürs Kino gemacht, hieß es mal in einer Kampagne. Weil dies im Zeitalter von DVD und erhöhten Kino­mieten mehr denn je keine Selbst­ver­s­tänd­lich­keit mehr ist, stellen wir hier besondere Kinos in München vor, die unbedingt einen Besuch wert sind.

Ein Besuch im hundert­jäh­rigen Film­theater Send­linger Tor

Von Dunja Bialas und Ingrid Weidner

Es ist ein goldener Montag Ende Oktober. Mitten am Nach­mittag hat sich in der schönsten Sonne eine Menschen­traube vor dem Film­theater Send­linger Tor gebildet. Sie wollen, den aufge­stellten Bier­ti­schen der benach­barten Wirt­schaften zum Trotz, ins Kino gehen. Der Film, den sie sich ausge­sucht haben, ist Exit Marrakech, eine filmische Reise ins Wüsten­land Marokkos von Oscar-Preis­trä­gerin Caroline Link und anschei­nend verheißend genug, um den warmen Tag und die helle Sonne zu verschmähen.

Wir sind zum Gespräch mit Fritz und Christoph Preßmar, den Geschäfts­füh­rern des Send­linger-Tor-Kinos verab­redet. Das elegante Kino mitten in der City Münchens hat vor wenigen Tagen, am 17. Oktober, seinen 100. Geburtstag gefeiert. Höchste Zeit, um ein wenig hinter die Kulissen der alten Dame zu sehen.
Gleich darauf sitzen wir im Büro von Fritz Preßmar, in dem es stark nach Popcorn riecht, und kommen uns vor, als wären wir gera­de­wegs im Bauch des Kinos gelandet. Die Fenster sind verdun­kelt, in den Büroräumen herrscht gedimmtes Kino-Licht. Genau die richtige Atmo­s­phäre, um sich auf auf eine Zeitreise zu den Anfängen des Send­linger-Tor-Kinos zu begeben. Später, als wir das Haus wieder verlassen und, erfüllt von den Erzäh­lungen der Kino­be­treiber, und noch einmal auf das hundert­jäh­rige Haus blicken, wird uns klar: Wir saßen direkt hinter dem großen, von René Birkner gemalten Kino­plakat.

Geschichte wird gemacht

Fritz und Christoph Preßmar, das sind Vater und Sohn, die gemeinsam das größte »Einz­el­theater« Münchens mit 400 Plätzen führen. Die Konstel­la­tion »Vater und Sohn« hat Tradition bei den Preßmars. Fritz Preßmar, der heute 68 Jahre alt ist, wuchs mit dem Kino auf und war lange Zeit »Junior« an der Seite seines Vaters. Er war erst ein Jahr alt, als sein Vater Fritz Preßmar 1946 das leicht krieg­be­schä­digte Kino am Send­linger-Tor-Platz übernahm, das damals unter dem Namen Central-Theater als Solda­ten­kino den G.I.s diente. »In Bayern gab es damals überall Solda­ten­kinos«, erzählt uns Fritz Preßmar. Sein Vater, der Kriegs­heim­kehrer Fritz Preßmar, hatte eine Ausbil­dung zum Film­kauf­mann in der Reichs­film­kammer absol­viert. Er betrieb das Kino zunächst im Auftrag der Ameri­kaner, bis es am 19. Dezember 1946 als »Film­theater Send­linger Tor« für die Zivil­be­völ­ke­rung wiederer­öffnet wurde.

Fritz Preßmar sen. führte das bereits vor dem Weltkrieg bei den Münchnern sehr beliebte Kino in eine goldene Zeit hinein. Mit über­wie­gend deutschen Filmen sorgte er für traum­hafte Besu­cher­zahlen bis Ende der 50er Jahre, meist war der Saal sogar zu 100 Prozent ausge­lastet. Der »junge« Fritz Preßmar holt bei diesem Stichwort alte Buch­hal­ter­hefte aus dem Schrank. Zwar wirkt der Einband leicht vergilbt, doch die exakt notierten Zahlen­reihen beein­dru­cken. Für jede Vorstel­lung wurden die exakte Besu­cher­zahl und Einnahmen einge­tragen. Auch wenn heute der Computer auf Preßmars Schreib­tisch über ein Netzwerk direkt mit dem Buchungs­system der Kasse verbunden ist, wird noch die alte Tradition gepflegt: Für jedes Kinojahr wird ein neues Heft angelegt und die Zahlen fein säuber­lich per Hand einge­tragen.

»Nach den Goldenen 50ern kam drei, vier Mal das Kinosterben«, kappt Fritz Preßmar kurz­er­hand das Schwelgen in der guten alten Zeit. Klobige Fern­seh­geräte eroberten die heimi­schen Wohn­zimmer und setzten den Kinos gehörig zu. Die Besu­cher­zahlen in den städ­ti­schen Kinos brachen ein, die ersten Kino­be­treiber gaben auf. Diesem ersten Kinosterben folgten der Angriff des Video­re­korder, der Multi­plexe, der DVD und des Internets und schließ­lich die Digi­ta­li­sie­rung, die als neue Kino­technik in allen Häusern kosten­spie­lige Umrüs­tungen erfor­derte.

Exklu­si­vität: groß­ge­schrieben

Obwohl das Send­linger-Tor-Kino die erste Kinokrise vergleichs­weise gut wegsteckte, entschieden sich die Preßmars, die Anzahl der damals 750 Plätze auf die heute noch beste­henden 400 zu redu­zieren. Das Send­linger-Tor-Kino hatte bis in die 80er Jahre hinein den wichtigen Stand­ort­vor­teil, Erst­auf­füh­rungs­kino zu sein, was ihm gute Besu­cher­zahlen garan­tierte. Es bekam Filme exklusiv von den Verlei­hern, die dann nur hier, am Send­linger Tor, zu sehen waren. Ein nicht zu unter­schätz­ender Vorteil gegenüber den Kinos in den Stadt­teilen, von denen die meisten unter dem Erst­auf­füh­rungs­verbot litten und denen die Einfüh­rung des Fern­se­hers besonders zusetzte.

Auch wenn sich später aufgrund eines Kartell­ur­teils, das das Exklu­siv­recht abschaffte, das Kino im Herzen Münchens die Erst­auf­füh­rungen mit den anderen Kinos der Stadt teilen musste, konnte das Send­linger-Tor-Kino immer gute bis sehr gute Besu­cher­zahlen vorweisen. »Kino ist ein Gemein­schafts­er­lebnis«, betont Fritz Preßmar, der das Kino seit den 70er Jahren betreibt. Und fügt hinzu: »Die Leute schätzen das histo­ri­sche Ambiente unseres Hauses.« Schließ­lich genießen die Besucher des Cuvilliés-Theaters oder der Staats­oper auch die besondere Atmo­s­phäre und nicht nur die Auffüh­rung, da ist sich Preßmar sicher. »Auch bei einem Kino­be­such am Send­linger Tor guckt man nicht nur auf den Film, sondern genießt das ganze Drumherum, auch vor dem Film.« Ein histo­ri­sches Kassen­häu­serl lädt beim Karten­ver­kauf auf eine kleine Zeitreise ein, im vornehmen Foyer mit gold­glänz­enden Messing­gelän­dern und roten Samts­es­seln lässt es sich gut auf den Vorstel­lungs­be­ginn warten. Irgendwie schmecken selbst die Süßig­keiten exklu­siver, die man an der gut sortierten Theke erstehen kann. Die Popcorn-Tüten, oft Zuge­ständ­nisse an die heutigen Konsum­be­dürf­nisse der Kino­be­su­cher, muten an wie eine nost­al­gi­sche Remi­niszenz an die Anfänge des Kinos.

Schon als das Haus am 17. Oktober 1913 als erster Münchner Kino-Neubau seine Türen unter dem Licht­spiel­be­treiber Carl Gabriel öffnete, wollte man das Kino­er­lebnis zu einem vornehmen Ereignis machen. Gabriel, der unter anderem als Schau­steller auf dem Okto­ber­fest mit Filmen für Unter­hal­tung sorgte, wollte Kino aus der Jahrmarkt- und Unter­hal­tungs­ecke heraus­holen und einem anspruchs­vollen Publikum nahe­bringen. Dement­spre­chend gab es einen Balkon, auf dem man wie in der Oper Überblick über das Geschehen im Parkett hatte. Ein pracht­voller Vorhang zog sich zur Vorstel­lung auf, und es gab sogar einen Orches­ter­graben – schließ­lich war Stumm­filmzeit. Eröffnet wurde mit Die Herrin des Nils, der durchaus markt­schreie­risch ange­priesen wurde: »Länge 2300 Meter! Spiel­dauer über 2 Stunden! Ein gewal­tiges Meis­ter­werk in höchster Voll­en­dung, über­trifft nach fach­män­ni­schem Urteil alles bisher dage­we­sene« prangte in großen Lettern auf dem Film­plakat.

Es darf gelacht werden

Auch heute program­mieren Fritz Preßmar und Sohn Christoph vor allem Filme, die für sie eine gewisse Qualität haben. »Wir schauen schon drauf, was in unser Haus und das Ambiente passt«, sagen sie. Das sind Arthouse-Filme und Lite­ra­tur­ver­fil­mungen, die ein breites Publikum anspre­chen, sowie gehobener Main­stream. Diese Strategie hat sich über die Jahre bewährt, denn alle Kino­krisen haben sie ohne größeren Schaden über­standen. Das besondere Geschick bei der Film­aus­wahl zeigt auch ein Blick in die Liste aller Filme seit den 1950er Jahren, die in der zum hundert­jäh­rigen Jubiläum erschie­nenen Fest­schrift zu finden ist. Deutsche und baye­ri­sche Film­pro­duk­tionen, so sehen wir an den Jahres­listen, zählen zum Markenz­ei­chen und Erfolgs­rezept des Kinos. »Und Komödien! Die Leute lachen einfach gerne«, fügt Fritz Preßmar hinzu, und in Gemein­schaft sei Lachen noch einmal viel anste­ckender. Deutsche und baye­ri­sche Filme hier im Herzen der Münchner Innen­stadt sehen zu können, in dem pracht­vollen Eckhaus mit denk­mal­ge­schüt­ztem Interieur und histo­ri­scher Fassade, auf der ein großflächiges Plakat des letzten baye­ri­schen Plakat­ma­lers prangt – das Frem­den­ver­kehrsamt hätte sich das nicht besser ausdenken können. Von Das Wirtshaus im Spessart über Laus­bu­ben­ge­schichten, Das doppelte Lottchen bis hin zu Man spricht deutsh, die Otto-Filme, Die Geschichte vom Brandner Kaspar und zuletzt Dampf­nu­del­blues: im Film­theater Send­linger Tor hat der deutsche und baye­ri­sche Film sein würdiges Zuhause gefunden.

Während sich die nahen Mulit­plexe Cinemaxx und Mathäser sich gegen­seitig Konkur­renz machen, wirkt das Send­linger-Tor-Kino wie ein Solitär: Stolz, selbst­be­wusst, stilvoll und mit einem untrüg­li­chen Blick für Qualität. Selbst im kino­be­geis­terten München sind solche markanten Häuser selten geworden. Vor kurzem wurde das Gloria-Kino am Stachus von der Kinopolis-Gruppe, die bundes­weit die Kino­land­schaft durch ihre Multiplex-Center ausge­dünnt hat (das größte mit 14 Lein­wänden ist das Münchner Mathäser), zum »Premium«-Kino umgebaut. Leder­sessel und an den Sitzplatz gereichte Canapées und Cham­pa­gner sollen seinem Konzept nach ein exklu­sives Kino­er­lebnis verleihen. All das Brim­bo­rium hat das hundert­jäh­rige Film­theater, das auf Historie setzt, nicht nötig. Außerdem genügt es selbst­ver­s­tänd­lich den Anfor­de­rungen des modernen Kino­be­su­chers: die Sessel sind bequem und die Technik stimmt, die Digi­ta­li­sie­rung ist abge­schlossen, aber es kann auch immer noch der 35mm-Projektor ange­worfen werden.

Neben den äußeren Qualitäten stimmen auch die inneren Werte: das Programm. Die Filme wählen Vater und Sohn gemeinsam aus, jeden Streifen haben sie vorab selbst gesehen, und immer haben sie ihr beson­deres Haus und sein Publikum im Blick. »Horror, Science-Fiction und Gemetzel passen nicht in das Ambiente des Hauses«, so Christoph Preßmar. Effek­te­filme finde man hier nicht, dafür umso mehr Inhalt, auch wenn Filme mit schwie­rigen Themen sich auf die Besu­cher­zahlen nieder­schlagen. Und James Bond natürlich, denn die tradi­ti­ons­reiche Filmreihe war schon immer am Send­linger Tor zu sehen.

Vermut­lich bleiben aufge­ta­kelte »Premium«-Kinos eine vorüber­ge­hende Mode­er­schei­nung und besetzen höchstens eine Nische. Schon allein die saftigen Eintritts­preise und das ganze Tamtam schrecken passio­nierte Kino­be­su­cher ab. Lieber soll man, so raten Vater und Sohn Preßmar, auf die Auswahl beson­derer Filme achten, und darauf, dass man sein Publikum nicht aus den Augen verliert. »Man muss beim Kino­ma­chen mit dem Zeitgeist gehen, sowohl was die Technik als auch die Inhalte betrifft«, sagt Fritz Preßmar und fügt mit einem Blick auf seinen Kollegen und Sohn hinzu: »Man muss jung bleiben, sonst geht es nicht.«

Zukunfts­aus­sichten

Jung und auf der Höhe bleiben, damit das Kino­ma­chen weiter­geht und man sich nicht selbst abhängt. Es ist Zeit zu fragen, wie die Zukunft ihres Kinos aussieht, ange­sichts der Konkur­renz durch DVD und Video on Demand. Wie wird es mit dem Kino am Send­linger Tor weiter­gehen? Haben sie keine Angst, dass auf einmal doch die Besucher wegbleiben? Christoph Preßmar, der BWL studiert hat, und zunächst im Bereich des Home Enter­tain­ments gear­beitet hat, betont: »Die Leute, die DVDs kaufen, sind meist auch Kino­gänger.« Hier besteht also eine sich eher gegen­sei­tige befruch­tende Konkur­ren­z­si­tua­tion, die das Kino nicht fürchten muss.

Mehr Gefahr birgt da die attrak­tive Lage des Kinos, über das schon seit längerer Zeit das Damokles­schwert der Zweck­ent­frem­dung hängt. Obwohl das Kino seinen Pächter an Umsatz und Gewinn beteiligt und als erfolg­rei­ches Kino eine mehr als ordent­liche Miete für den Standort bezahlt, kann für die Zukunft nicht ausge­schlossen werden, dass ein Investor kommt, und über das altein­ge­ses­sene Kino mit einem Batzen Geld trium­phiert. Aber braucht München wirklich einen weiteren Club oder einen gesichts­losen Flagstore an diesem histo­ri­schen Platz?

Es ist Abend geworden, als wir den Büroraum hinter dem Marrakech-Film­plakat verlassen und auf den Send­linger-Tor-Platz treten, der sich auf den Feier­abend vorbe­reitet. Hektisch vorbei­ei­lende Menschen tragen große Einkaufs­ta­schen nach Hause, während andere vor den Cafés neben dem Kino ein Feier­abend-Bierchen genießen. Wir nehmen uns vor, es ihnen demnächst gleich­zutun: Im Send­linger-Tor-Kino unbedingt einen deutschen oder noch besser, einen baye­ri­schen Film gucken und danach das Flair der Stadt genießen. Denn schöne Kinos in München leben nur, wenn wir sie besuchen.

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Zur Geschichte des Film­theater Send­linger Tor:
- Fest­schrift »Wir feiern 100 Jahre Film­theater Send­linger Tor – Eine Kino­ge­schichte. Die Chronik zu 100 Jahrn Film­theater Send­linger Tor«, von Gabriele Jofer, hrsg. Film­theater Send­linger Tor GmbH. Erhält­lich an der Kinokasse
Literatur zur Geschichte der Münchner Kinos:
- »Für ein Zehnerl ins Paradies – Münchner Kino­ge­schichte 1896 bis 1945«, hg. von Monika Lerch-Stumpf mit HFF München, Dölling und Galitz Verlag, 247 Seiten, 59 Euro
– »Neue Paradiese für Kino­süch­tige – Münchner Kino­ge­schichte 1945 bis 2007«, hg. von Monika Lerch-Stumpf mit HFF München, Dölling und Galitz Verlag, 368 Seiten, 42 Euro
– »Das Münchner Film- und Kinobuch – Die Biogra­phie der Filmstadt München«, hg. v. Eberhard Hauff, Edition Acht­ein­halb, 1988, 303 Seiten, anti­qua­risch
– »Hollywood in Neuhausen«, Band 1: Glanz und Nieder­gang der Kinos im Münchner Westen, hg. Geschichts­werk­statt Neuhausen, anti­qua­risch
– »Hollywood in Neuhausen«, Band 2: Die Stumm­filmzeit aus der Sicht eines Münchner Stadt­teils, hg. Geschichts­werk­statt Neuhausen, anti­qua­risch
– »Nie bedeutend ...aber immer noch da – Das Arena – 100 Jahre Kino in der Hans-Sachs-Straße 7«, von Winfried Sembdner, hg. v. Arena Film­theater Betriebs­GmbH, jezza! Verlag, 96 Seiten, 10 Euro