Die Lebenden

Österreich/PL/D 2012 · 112 min. · FSK: ab 12
Regie: Barbara Albert
Drehbuch:
Kamera: Bogumil Godfrejów
Darsteller: Anna Fischer, Hanns Schuschnig, August Zirner, Itay Tiran, Winfried Glatzeder u.a.
Anna Fischer: ungemein direkt und mit quecksilbrigem Charm

Passage in die Vergangenheit

Barbara Alberts Die Lebenden ist ein intelligenter Film mit einer so großartigen wie bezaubernden Hauptdarstellerin

Ein rätsel­hafter Beginn: Ein Fern­seh­team dreht Inter­views, für eine billige Casting-Show namens »Super­ta­lent«. Unter den talent­losen Inter­view­part­nern ist ein Jüngling, der ein so frivoles, wie ihm selbst nur ansatz­weise bewusstes Spiel mit abgrün­digen Gewalt­phan­ta­sien treibt. Dann sieht man ein junges Mädchen das offen­kundig von kaum verar­bei­teten trau­ma­ti­schen Erfah­rungen in einem osteu­ropäi­schen Bürger­krieg gequält wird. Erst im Verlauf von Die Lebenden zeigt sich, dass hier fast alle Themen des Films in so symbo­li­scher wie subtiler Weise anklingen: Gewalt, Trauma, Erin­ne­rung und Verdrän­gung im Umgang mit Vergan­gen­heiten, die Verführ­bar­keit junger naiver Menschen, die heutige Medi­en­welt, der auch der poli­ti­sche Schrecken in erster Linie Enter­tain­ment-Material ist.

Die Inter­viewerin entpuppt sich als die Haupt­figur des Films: Sita, eine junge, quick­le­ben­dige Studentin aus Berlin, die mitten im Leben steht, sich ihr Studium mit dem Fern­sehjob verdient und Verstand und Urteils­ver­mögen mit unbe­fan­gener Lebens­lust verbindet. Als ihr hoch­be­tagter Großvater stirbt, zu dem sie ein inniges Verhältnis hatte, trifft sie durch einen Zufall auf Spuren aus dessen Vergan­gen­heit, die das positive Bild dieses Großva­ters radikal infrage stellen: Offenbar war er im zweiten Weltkrieg bei der Waffen SS, und lebte mit der Familie in Polen. Als Sita beginnt nach­zuf­ragen, und das bisherige Schweigen ihrer Familie kriti­siert, stößt sie auf Wider­stand, zugleich verfes­tigen erste eigene Recher­chen noch den Eindruck dunkler Fami­li­en­ge­heim­nisse.

Im Folgenden wandelt sich der Film zu einem Statio­nen­drama – Wien, Warschau, Sieben­bürgen, Berlin-, in dessen Verlauf Sita diesen Geheim­nissen auf die Spur kommt, ihr Verhältnis zu ihrem Vater klärt, und auf dieser Passage in die Vergan­gen­heit auch sich selbst entdeckt, und an ihr reift. Die Lebenden ist vor allem ein Film über Identität und Erwach­sen­werden, sowie über Rolle, die Vergan­gen­heit und der Umgang mit Iden­ti­täts­fin­dung spielt.

Für die Regis­seurin Barbara Albert (Nordrand, Böse Zellen) ist dies ein stark auto­bio­gra­phisch inspi­rierter Film, ausgelöst durch ihre Herkunft aus einer Familie von Sieben­bür­gern. Alberts Stärke eines direkten, so unbe­fan­genen wie neugie­rigen Blickes kommt auch diesem Film zugute, ebenso wie die Tatsache, dass kaum eine europäi­sche Regis­seurin gekonnter Musik einsetzt: Albert kombi­niert Klas­si­sches wie Schubert mit sehr modernen Stücken, spielt Popklas­siker und die Elek­tropop-Version einer Purcell-Arie. Dreimal sieht man Sita tanzen, so wie Alberts Heldinnen in ihren Filmen immer tanzen – Momente von Ausge­las­sen­heit und Befreiung, aber auch des in-sich-Ruhens. Alberts Kamera – Bogumil Godfrejów – ist relativ unruhig, pulsie­rend und subjektiv, sehr nahe an der Haupt­figur, und hat mit ihr oft einen suchenden Blick. Auch der Schnitt bringt bewusst eine Form zusät­z­li­cher Unruhe in den Film hinein, die der der Haupt­figur entspricht. All das vermeidet jegliche Gedie­gen­heit, die Filme mit histo­ri­scher Thematik oft eigen ist. Geprägt wird der Film daneben insbe­son­dere durch seine Haupt­dar­stel­lerin Anna Fischer in ihrer ersten großen Kino­haupt­rolle. Fischer ist von unge­meiner Direkt­heit und queck­silb­rigem Charme, sie spielt emotional und intuitiv, und gibt dem Film so eine ganz dies­sei­tige, zeit­ge­mäße Note – ein wichtiger Kontrast zur Schwere seines Themas.

Beein­dru­ckend ist auch Alberts Umgang mit Medien. In einer längeren zentralen Sequenz sieht man Sita vor einem Bild­schirm sitzend ein älteres Interview mit ihrem Großvater ansehen. Die Distanz dieser Konstruk­tion wird hier schnell vergessen gemacht durch die Inten­sität der Dialog­pas­sagen, in denen in sehr poeti­scher Sprache Tod, Mord und Sterben zum Thema gemacht werden, die »aller­in­timste Nähe« zwischen einem Opfer und seinem Mörder beschworen.

Ein paar Wendungen der Handlung wirken unnötig und mitunter – ein jüdischer Lover, eine Frau die Klaus Manns »Der Wende­punkt« liest und eine Herz-OP – allzu »dick aufge­tragen«, oder auch einfach unglaub­würdig: Dass Sita etwa bei ihrem Warschau-Aufent­halt gleich nach zwei Stunden von einer Gruppe Haus­be­setzer-Anti­glo­ba­li­sie­rungs-Wider­s­tändler aufge­nommen wird, und in deren Wohnung dann das Foto eines Märtyrers für die gute Sache wie ein Heili­gen­bild an der Wand hängt, wirkt unfrei­willig komisch. Derlei verkom­pli­ziert den Film ohne Gewinn.

Überz­eu­gend ist der Film aber um so mehr als Ausein­an­der­set­zung mit den Stereo­typen der Erin­ne­rung und des Vergan­gen­heits­dis­kurses. Verdränger-Sätzen wie dem man müsse »die Vergan­gen­heit auch mal ruhen lassen.«

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