artechock: Depression, Kälte, "kosmische
Unruhen" - ein futuristischer Alptraum. Wie sind Sie
denn darauf gekommen?
Thomas Vinterberg: Nach meinem Cannes-Erfolg mit FESTEN
dachte ich immer wieder über diese Art Leben nach, das
Menschen wie Sie und ich führen: Wir reisen andauernd
herum, füllen unser Leben mit immer neuen Projekten an,
immer neuen Flugreisen, Autofahrten, in unser beidem Fall:
Filmfestivals. Aber wie präsent sind die Menschen eigentlich
in ihrem Leben? Es ist alles so flüchtig. An was können
wir uns nach einem Festival überhaupt erinnern, wenn
wir nach Hause kommen?
An ziemlich viel, scheint mir...
Vielleicht können Sie das. Aber viele Leute können
das nicht, glauben Sie mir.
Was tun Sie, um sich an die Dinge in Ihrem eigenen Leben
zu erinnern?
Ich versuche, ein sehr körperliches Leben zu führen.
Ich mache zum Beispiel Karate. (lacht) Wirklich! Das gibt
mir ein bisschen Bodenhaftung. Und dann zwinge ich mich, nicht
zu beschäftigt zu sein, nicht zuviel zu arbeiten.
Aber: Um das Thema dreht sich mein Film: Darum, das Leute
daran sterben, dass sie in ihrem eigenen Leben nicht präsent
sind. um uns herum gibt es viele lebende Tote. Besonders auf
Filmfestivals. (lacht).
Haben Sie irgendein Kriterium, um herauszufinden, wer zu
diesen "lebenden Toten" dazugehört, wer so
ein Zombie ist?
Nun... eine gute Frage! Es ist sehr oft so, wenn ich darüber
spreche, dass sich manche Menschen stark angegriffen fühlen.
Das verrät sie!
Viele Leute, zumindest diejenigen, die Kinder haben, kennen
das Gefühl, dass man zuhause herumsitzt, und weg will,
um seine Arbeit zu machen. Und wenn sie dann im Büro
oder auf Festivals sitzen, dann sehnen sie sich nach zuhause.
Man ist sozusagen zugleich anwesend und abwesend. Dies entspricht,
denke ich sehr dem Lebensgefühl unserer Generation. (Lacht)
Man kann bei diesem vielen Herumreisen den Verstand verlieren...
Ja, das meine ich. Ich habe neulich mit einem Freund darüber
geredet: Der meinte, dass er es hasst, im Flugzeug zu sitzen:
Man kann überhaupt nichts machen, nicht arbeiten, auch
nicht richtig lesen. Das ist Zeit, die einfach vergeht. Nichts
hat Wert. ... Ich weiß nicht, warum ich jetzt damit
angefangen habe - vielleicht, weil darum mein Film geht.
Sie sind natürlich ein Künstler, sind frei, zu
tun, was Sie wollen. Trotzdem hat ihr neuer Film viele Ihrer
Fans schockiert: Er ist das absolute Gegenteil vom "Dogma"-Stil,
der FESTEN geprägt hat... Man hat etwas völlig
anderes von Ihnen erwartet...
Zuerst einmal: "Dogma" ist für mich kein "Stil".
Es war vor allem ein Gang auf dünnem Eis. Ein Forschungstrip
auf neuem Terrain. In einer sehr naiven, sehr arroganten,
sehr selbstbezogenen Weise. Aber immerhin: Die Eroberung eines
neuen Territoriums. Das habe ich daran wirklich gemocht.
Es war so befreiend, künstlerisch herausfordernd. Aber
gerade darum dachte ich: Das einfach zu wiederholen, wäre
pathetisch. Mindestens langweilig. Und viel zu sicher. Genau
alles das, was ich nicht sein wollte. Ich hatte also gar keine
andere Wahl, als mich genau auf die andere Seite der Parabel
zu begeben. Das fand ich extrem inspirierend.
Jetzt begreife ich, dass ich damit einige wirklich schockiert
habe, dass sie enttäuscht sind. Aber das wiederum überrascht
mich, ehrlich gesagt: Denn verdammt noch mal, warum sitzen
wir denn hier: Um etwas Neues zu erkunden.
Der allererste Gedankenschritt dieses neuen Films war: Wie
vermeiden wir den Erfolg hinter "Dogma"? Wie entgehen
wir der Falle? Wir mussten geradezu gewaltsam darum kämpfen,
etwas zu machen, das viele Requisiten hatte, Make-Up, Musik,
Kamera- und Bildertricks - das war sehr aufregend.
Das genau wollte ich fragen: Es war dies also auch eine
ganz andere Art, zu arbeiten?
Ganz und gar. Ich hab es genossen! Im Gegensatz zu "Dogma",
wo alles "hier und jetzt" war, ist in diesem Fall
alles Illusion: Nichts ist wahr, es gibt viele Computertricks.
Wenn die Schauspieler vermeintlich in New York herumlaufen,
haben wir das tatsächlich in Dänemark gedreht. Nichts
"stimmt"! Aber innerhalb diesem Rahmen aus Illusion,
gibt es genauso eine authentischeb Wahrheit wie in FESTEN.
Dieser Film spaltet das Publikum: 40 Prozent können nichts
damit anfangen, einige bleiben kalt, sie verstehen es nicht.
Aber die anderen sind sehr bewegt, gehen mit, heulen, denken
wochenlang über den Film nach.
Schauen wir den Tatsachen ins Gesicht: Das ist ein sehr fragiles
Projekt. Ein Kunst-Projekt! Mit all seinen Grenzen: Die Geschichte
lässt sich kaum erzählen, sie hat keine Lösung;
der Film stellt mehr Fragen, als er Antworten gibt. Als ob
er etwas suchen würde. Aber wir haben versucht, das Publikum
zu eskortieren, einen direkten Weg von A nach B zu erzählen.
Aber es gab darin etwas, das stärker und wichtiger war.
Darum mag ich den Film so sehr.
Auch FESTEN hat anfangs viele Zuschauer verstört.
Welche Reaktion würden Sie sich diesmal von den Zuschauern
wünschen?
Aber FESTEN mochten schon sehr viele von Anfang an. Das war
genau so ein emotionaler Weg von A nach B. Ich denke, ich
möchte immer eine Kommunikation mit dem Betrachter. Aber
diesmal geht es um eine Art tieferen Kontakt mit dem Publikum,
vielleicht mit weniger Leuten, aber dafür tiefer. Manche
reden über den Film, wie über einen Rotwein, der
noch weiter reift. Damit bin ich sehr zufrieden.
Aber sie wollten nicht provozieren...
Was ich mir wünschen würde, ist, dass man diesen
Film als einen Traum ansehen könnte. Dass man das verstehen
könnte, und alle Erwartungen aufgeben könnte. Seid
offen! Das wünsche ich mir. Denn dann wir man etwas Besonderes
erfahren. Ich würde mir wünschen, dass alle dazu
in der Lage wären - aber das sind sie offensichtlich
nicht. (Lacht)
Ich war schockiert: Viele Leute möchten nicht akzeptieren,
dass sie etwas nicht verstehen; sie können damit nicht
umgehen - es sei denn, dass es das Label hat: "Dies
ist unverständlich". Wie David Lynch...
Ja, der hat das Glück.
Gibt es eine Philosophie hinter Ihrer Arbeit? Wenn Sie
Karate machen: Fühlen Sie sich von asiatischer Philosophie
angezogen?
Ja. Meine Philosophie ist, so stark wie möglich darum
zu kämpfen, dass ich wirklich präsent bin. Wirklich
da zu sein. Und es funktioniert: Sie kennen das: Wenn Sie
im Café sitzen, und auf jemanden warten - dann sind
sie plötzlich ganz und gar anwesend. Es ist wie verliebt-sein.
Ich jage solche Momente! Hinter alldem steht so ein persönlicher
Mix aus Buddhismus, Selbsterfahrung, Karate-Lehren...
Wie gut sind sie in Karate?
Ganz ok. Nicht wirklich gefährlich. Man lernt etwas
fürs Leben, es hilft beim Filmemachen und beim Interview-geben:
Es ist ein Kampf. Besonders mit einem Film, wie diesem. Aber
man lernt: Großzügigkeit ist wichtig. Ich versuche,
immer großzügig zu bleiben. Das ist Karate!
Ihr Film ähnelt in manchem SOLARIS von Steven Soderbergh.
Ein Film voller 70er-Jahre-Anspielungen. Mit ähnlichen
Atmosphären: Langsam, ein Wegdriften, etwas psychodelisch...
In welcher Weise interessieren sie die 70er?
Nun, ganz gewiß blickt dieser Film in die Vergangenheit
zurück: In die 70er, die 60er - ich wollte die Sprache
dieses Kinos für mich zurückerobern und zum Leben
erwecken.
Es gibt auch eine Beziehung zu Hitchcock. Eigentlich ist
dies ein Thriller, eine Mischung aus Psycho-Traumspiel als
Thriller: Ein europäisches, fast philosophisches Traumspiel.
Das Kino damals wollte ja Traumfabrik sein...
Ja, das stimmt unbedingt. Für mich ist der Film eine
Reise in die Phantasien meiner Kindheit, und in diese Filme,
die ich damals gesehen habe.
Der Film hat auch einen Paranoia-Aspekt: Was ist Ihre persönliche
Paranoia? Können Sie sich mit der Paranoia Ihrer Figuren
identifizieren?
Ich habe vor ein paar Jahren aufgehört mich selbst zu
analysieren. Es wurde langweilig. Zu rational. Aber meine
Freunde finden auch, dass ich paranoid sei - ich verstehe
gar nicht warum. Vielleicht, weil ich schüchtern bin.
Aber von "lebenden Toten" zu reden, ist in gewissem
Sinn etwas Paranoides...
Ja. Obwohl es für mich eher bedeutet, einen traurigen
Sachverhalt zur Kenntnis zu nehmen.
Ich arbeite, seit ich 16 bin. Ich war früher sehr ehrgeizig.
Heute habe ich das Gefühl, eine Menge Zeit mit Unsinn
verschwendet zu haben. Und ich versuche nun, wirklich das
zu tun, was ich tun will.
IT'S ALL ABOUT LOVE ist ein Resultat dieses Versuchs. Was
ist Liebe für Sie?
In diesem Fall jedenfalls Kontinuität. Nicht das Funkenschlagen
der Pubertät. Sondern ein Gefühl für Verantwortung.
Da ich bereits seit 13 Jahren verheiratet bin, hat es wohl
auch etwas mit meiner Ehe zu tun.
Während der Arbeit am Drehbuch habe ich einmal - glauben
Sie mir! - bei Ingmar Bergman angerufen. Es war ein sehr witziges
Gespräch: Der hat mich für verrückt erklärt,
weil ich nicht viel schneller wieder einen Film gemacht habe.
"Man sollte immer schon am nächsten Projekt arbeiten,
bevor das letzte fertig ist", meinte er, und erzählte
einmal, wie er einst erst eine Woche später erfahren
hatte, dass er in Cannes gewonnen hatte. So sollte es sein.
Ich werde mir nie wieder zwei Jahre Zeit lassen.
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