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Es gibt ja dann doch immer wieder Hoffnung. Diverse artechock-Alumni
waren ja schon auf dem Filmfest München 2005 hinreichend
über die bloße Existenz des Ausnahme-Glücksfalls
von deutschem Film begeistert, den DIE QUEREINSTEIGERINNEN
darstellt. Nun hat diese cineastische Rückkehr zur Besonnenheit
endlich auch einen mutigen Verleih gefunden. Aus diesem Anlass
präsentieren wir ein Interview mit den Regisseuren Rainer
Knepperges und Christian Mrasek - per e-Mail geführt.
Zudem sei der Besuch des Films allen Lesern ausdrücklich
befohlen.
artechock: Dürfte ich Euch zunächst um eine
typische Handbewegung bitten?
Rainer Knepperges & Christian Mrasek: Die glücklichen
Menschen, die in WAS BIN ICH? diese Bitte erfüllen
konnten, die hatten ja alle ein ordentliches Handwerk gelernt.
Wir haben ja noch nicht mal ein Filmschuldiplom. Wir könnten
allenfalls so ein nervöses Haareglattstreichen oder
Zigaretten-selber-dreh-gefummel anbieten.
Was war die größte Umstellung beim Umstieg von
Super8-Kurzfilmen zu einem (auf Video gedrehten) Langfilm?
Je nachdem wieviel Geld wir gerade hatten, waren manche
unserer Kurzfilme ja auf 16mm, andere bereits auf Video
oder eben noch auf Super8 gedreht. Das Gefühl, uns
umstellen zu müssen, hatten wir also nicht. Es galt
eher, die vielen Freiheiten des Kurzfilms beim langen Film
nicht falschen Ansprüchen zu opfern. Die körperliche
Komik unserer Super8-Filme ist zum Beispiel drin in der
absurden Verfolgungsjagd im Wald. Unser Kameramann, Matthias
Rajmann, hat ja sehr effizient dafür gesorgt, daß
dieser offene Film eine schöne Geschlossenheit hat.
Beim Lichtsetzen hat ihn unser Tonmann, Ralf Weber, unterstützt,
der selber ohne Assistent auskommen - also selber den Ton
angeln mußte. Den großen Umstieg zum Langfilm
- das heißt: mehr Team, mehr Aufwand, mehr Wartezeit
- konnten wir uns ja zum Glück gar nicht leisten.
Wie konkret funktioniert bei Euch das Co-Regieführen?
Keine Ahnung, es funktionierte ja schon bei einigen Kurzfilmen,
bei TOUR EIFEL und DAS NASSE GRAB DER GRENZBANDITEN. Und
zu zweit Regie zu führen ist ja kein großes Mysterium.
Bei Brüderpaaren hat das ja eine Tradition so alt wie
das Kino. Das Problem ist ja eher der einsam tätige
Filmkritiker, der zwei Namen zu nennen umständlich
findet. Unsere Vornamen zu verheimlichen und als "Knepperges
und Mrasek" aufzutreten, wie zwei tschechische Pianisten,
das hätte sicher verhindert, dass mal der eine - mal
der andere in Festivalprogrammen unerwähnt bleibt.
Aber innerhalb der Kölner Gruppe hatten wir beide auch
immer mal andere Regiepartner, Jukka Schmidt oder Bernhard
Marsch etwa, deshalb könnte es gut sein, dass wir auch
künftig Layoutern Schwierikeiten bereiten.
Habt ihr die "waghalsige" Einrichtung des Ferienhauses
einfach so vorgefunden, oder war da die Austattung tätig?
Und hingen die 70er-Kostüme auch noch so im Schrank?
Diese tollen Kleider hat uns die Kostümbildnerin,
Elena Wegner, besorgt. Die kleine Orgel hat uns Jacques
Palminger geliehen. Aber alles andere war tatsächlich
da, sogar dieses rote Plüschtier, das so zärtlich
gestreichelt wird. Unsere Ausstatterin, Claudia Stock, hatte
alle Hände voll zu tun, das Bildfeld einigermaßen
freizuräumen und farblich geschickt zu ordnen. Die
unglaublich netten Besitzer des Häuschens treten im
Film als Ehepaar Färber auf.
Wieviel an dem Film ist wirklich improvisiert, was wirkt
nur so? Und war es schwer, bei Letzterem am Eindruck der Improvisiertheit
zu arbeiten?
Sehr, sehr wenig ist improvisiert. Wenn es trotzdem den
Anschein hat - was uns freut - dann liegt das daran, daß
wir manche Szenen so oft wiederholt haben, bis eine kleine
Verdrehung im Satz oder ein Zur-Hilfe-kommen des Dialogpartners
oder ein Lachen oder irgendein "Fehler" plötzlich
allen das tolle Gefühl gab: das war's, was fehlte.
So hat zum Beispiel das zufällige Durchs-Bild-laufen
eines Joggers nicht zum Abbruch des Takes geführt,
sondern wurde gleich als Glücksfall erkannt: Dass der
Entführte diesen Passanten nicht zur Hilfe ruft, verrät
ja mehr, als mit Worten in dieser Szene zu sagen gewesen
wäre. Da fragt man sich: warum bin ich darauf beim
Schreiben nicht gekommen. Aber gut so, den joggenden Komparsen
hat man gespart.
Und unser Cutter, Kawe Vakil, hat ein wunderbares Gespür
für diese Lebendigkeiten, die beim Schnitt vielleicht
auch hätten getilgt werden können.
Es hat aber vielleicht auch grundsätzlich mit der Gewohnheit
zu tun, dass alles Gesprochene, zumindest in deutschen Filmen,
als Mitteilung zu verstehen sein soll, und recht selten,
wie bei uns, das Sprechen selbst frohe Tätigkeit ist.
Diese Freiheit interpretiert man dann vielleicht als Abweichen
vom vorgeschriebenen Text. Bei uns war sie aber da schon
drin.
Ganz entgegen dem Feeling des Films bringst Du, Rainer, als
Darsteller den "Harald Winter" ja doch so rüber,
als würde Dir das Autoritäre eigentlich ziemlich
gut liegen. Schauspielkunst oder Ausleben verdrängter
Wesenszüge?
Allerhöchste Schauspielkunst. Nein, ich fürchte,
es liegt nur an dem Anzug. Denn kurz vor Drehbeginn geriet
ich auf der Suche nach dem richtigen Hemd im richtigen Blau
mit dem richtigen Kragen so ins Schwitzen, das mir schlagartig
klar wurde: ohne die richtige Ritterrüstung, ohne die
richtige Brille mit der richtigen Verlaufstönung, als
Visier quasi, kannst du diesen Typ nicht spielen, aber:
Er selber könnte es auch nicht. Das Autoritäre
ist ja gar kein Wesenszug, sondern ein Panzer aus sehr dünnem
Material. Wirklich erstaunt war ich dann allerdings, als
man die eingetrocknete Suppe tatsächlich problemlos
abklopfen konnte.
Wenn man den Film sieht, stellt man sich die Dreharbeiten
unweigerlich als eingeschworen-fröhlichen Ferienhausurlaub
vor. War das wirklich so? Und wie lang und unter welchen Umständen
habt Ihr überhaupt gedreht?
Ich bin gar nicht sicher, ob man einem Film ansehen kann,
ob die Leute beim Dreh froh und glücklich waren. Wir
waren, Darsteller und Team - alle zusammen nur elf Leute,
untergebracht in zwei Familienpensionen ganz in der Nähe
des Drehorts. Siebzehn Tage, also etwa drei Wochen. Unser
Koch, Guy Nanetti, der im Film die Telefonzelle aufstellt,
hat uns anfangs zwei warme Mahlzeiten gekocht, zwei sehr
üppige Mahlzeiten, sogar das Frühstück kam
aus mehreren Pfannen. Davon konnten wir ihn glücklicherweise
abbringen, obwohl er sehr gerne kocht - und auch sehr gut,
aber zuviel ist zuviel. Das Besondere war aber folgendes:
dass Guys Mißfallen an einer bereits fertig gedrehten
Szene unsere eigenen Bedenken so verstärken konnte,
dass wir die Szene am nächsten Tag vollkommen neu angingen,
und ihm sehr dankbar waren, weil er gesagt hatte, was er
dachte. So was passiert, glaube ich, nur, wenn der übliche
Wettstreit um Aufmerksamkeit und Anerkennung am Set ausbleibt.
Eine der beiden Pensionen hieß Poppig, die andere
hieß Hornig. Und Claudia Basrawi hatte ihren schlimmsten
Lachkrampf, als sie eines Tages selber sagte: "Gehen
wir jetzt alle erst zu Hornig, oder direkt zu Poppig."
Damit will ich keinen falschen Eindruck erwecken, nur andeuten,
dass viel gelacht wurde.
Auf dem Münchner Filmfest hast Du, Rainer, Dich auch
sehr begeistert gezeigt von Lemkes großer Tirade gegen
die Filmförderung. Wie sah denn bei Euch konkret die
Erfahrung mit diversen Förderungsanstalten aus?
Eine Kurzfilmförderung, die es so inzwischen nicht
mehr gibt, und dazu noch ein kulturelles Gremium, in dem
zwei Frauen einen Mann überstimmt haben, - es fällt
der Filmförderung halt mal ein Groschen auf den Bürgersteig.
Weil eben seit vierzig Jahren mit vollen Händen Kleingeld
verteilt wird, damit das stete Klimpergeräusch ein
paar Geschäftsleuten Planungssicherheit suggeriert.
Aber so ehrlich wie Lemke kann man das Ganze nur dann attackieren,
wenn man nicht am Rande dieses - Gott sei Dank - unplanbaren
Geschäfts auf eine feste Stelle hofft.
Als wichtigste Einflüsse für den Film hat Rainer
mal Max Zihlmann, Howard Hawks und Waldfreibäder gennannt.
Könntet Ihr das noch etwas elaborieren?
Vielleicht weiß nicht jeder, dass Zihlmann Drehbuchautor
der ersten Filme von Thome und Lemke war. Howard Hawks und
Waldfreibäder sollte eigentlich jeder kennen.
Ein im Film nicht zu übersehendes Vorbild ist Klaus
Lemke. Wie kam der in Euren Film, wie war die Arbeit mit ihm,
was bedeutet Euch seine Mitarbeit?
Lemke hat 1999 einen Film gedreht, der nie ins Kino kam:
RUNNING OUT OF COOL. In dem klauen ein paar Leute bei Arri
in Schwabing eine Kamera, um ihren ersten Film zu drehen.
Martin Müller, Lemkes Regieassistent bei ROCKER und
bei AMORE, gab uns ein VHS-Band von der 35mm-Arbeitskopie
von RUNNING OUT OF COOL. Wenn wir diese VHS nicht bekommen
hätten und wenn wir Lemke nicht angerufen und in München
besucht hätten, dann wären uns vielleicht noch
ewig Ausreden eingefallen, und wir hätten unseren ersten
Film nie gemacht.
Ich habe mich in gewisser Weise auch an die hierzulande weitgehend
als Nonsense-Komödien unterschätzten Filme von Helge
Schneider erinnert gefühlt, speziell an den ziemlich
arthousigen, melancholischen, geerdeten JAZZCLUB. Seht Ihr
da eine Geistesverwandschaft?
Gibt es Geistesverwandschaft zwischen Gott und Messdienern?
Mag sein, ja.
"Harald Winter" scheint ja mehr noch als von allem
anderen insbesondere von der Unprofessionalität des ganzen
Entführungsunternehmens genervt zu sein. Als wäre
das die entscheidende persönliche Beleidigung ihm gegenüber.
Den Film selbst aber sehe ich geradezu als ein großes
Lob der Unprofessionalität. Würdet Ihr da zustimmen?
Na ja, lieber: eine Attacke auf die Pose der Professionalität.
Denn diese Unterscheidung zwischen Profi und Amateur betreibt
ja nur derjenige Profi mit solcher Inbrunst, der sich aus
Angst vor dem Amateur in die Hosen macht.
Wie bei Lemke hat man auch bei Euch das Gefühl, dass
das Filmemachen unter anderem auch ein Weg ist, mit Frauen
zusammenarbeiten zu können, auf die man irgendwie steht.
Ist da was dran? Und, wo wir grade beim Thema sind: Wie kam
überhaupt Nina Proll zu dem Film?
Wir hatten Nina Proll in NORDRAND bewundert. Und ein Zufall
wollte es, dass ihr Agent unseren Kurzfilm TOUR EIFEL kannte
und sehr mochte, deshalb gab er ihr wohl das Drehbuch, das
wir ihm schickten, und ihr gefiel's und sie sagte tatsächlich
zu. Welch ein Segen! Was soll man sagen.
An entscheidender Stelle im Film ist die Rede davon, dass
das (politische) Ziel Besonnenheit sei, und nicht simple Nostalgie.
Sagt doch mal ein bisschen mehr zum Unterschied zwischen beidem...
Nostalgie kann ganz schön langweilig sein.
Eine gewisse Sehnsucht nach den '70ern, und damit nach der
Zeit Eurer, unserer Kindheit lässt sich aber nicht leugnen,
oder?
Wir würden wohl keinen Lügendetektortest überstehen,
wenn wir sagen würden: Techno mögen wir auch ganz
gern.
Seht Ihr Eure Vision von "Besonnenheit", die uruguayische
Utopie, als eine reale Politikalternative, oder nur als schönen
Traum?
Dass die Leute in Uruguay den ganzen Tag im Cafe sitzen,
und alle Arbeit haben, das ist tatsächlich unwahrscheinlich.
Unwahrscheinlich schön.
Eine Eurer ungewöhnlichsten Alternativen zum heute üblichen
(deutschen) Filmbusiness ist unbezahltes (ich hoffe, das war
wirklich unbezahlt...) "Product Placement" aus Überzeugung.
Wie kam es dazu?
Mario Mentrup erzählte mir, dass Claudia Basrawi diesen
Werbemonolog mal eines morgens gehalten hatte, also nahm
ich einen Kassettenrekorder und bat sie, das zu wiederholen.
Auch all das über Uruguay und manches andere kam so
erst ins Drehbuch rein. Ihr Humor und ihre Art zu Sprechen
hat unserem Film sicher die Tonlage vorgegeben.
DIE QUEREINSTEIGERINNEN redet ja nicht nur von dieser "Besonnenheit",
vom Festhalten am Bewährten, er praktiziert das auch.
Glaubt Ihr, dass es schwer sein könnte, den Leuten klar
zu machen, dass ein Film nicht aus Unvermögen sondern
mit voller Absicht unmodisch ist, nicht am vermeintlich technischen
und ästhetischen "Fortschritt" teilhat?
Das könnte schwer sein, oder auch aussichtslos. Aber
zum Glück gibt es ja neben "den Leuten" noch
dieses seltsame Phänomen, das abends in dunklen Sälen
auftritt: das befreite Lachen des Publikums.
Und dann gibt es auf Festivals immer wieder welche, die
jünger als wir, gerade irgendwo Film studieren, und
uns mit strahlenden Augen danken, als ob wir mit unserem
Film von einem anderen Stern kämen. Das ist ein schönes
Gefühl.
Mit Rainer Knepperges & Christian Mrasek korrespondierte
vie e-Mail Thomas Willmann.
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