12.04.2012

Es ist alles faul und falsch!

Immer am Busen der Zeit
– die Filme von Klaus Lemke

Klaus Lemke über Quotensucht, das Geld der anderen und über Filme gucken mit drei Parisern

Teil 2 unseres umfassenden Interviews mit Klaus Lemke.
Wer Teil 1 verpasst hat, kann ihn hier nachlesen.

Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland.

artechock: Du finanzierst deine Filme ohne Filmförderung, aber mit Geldern des öffentlichen Fernsehens. Wie funktioniert das? Was kennzeichnet die Leute, mit denen du in den Sendern zu tun hast?

Klaus Lemke: Die Sender haben heute ein so junges, gutes Personal, mit dem ich auch zu tun habe, die haben so viel gelernt in kürzester Zeit, und diese Leute werden dermaßen gedrillt auf Erfolg...

artechock: Du meinst auf Quote, auf Quotenerfolg?

Lemke: ...und das ist etwas sehr sehr Gutes. Das ist viel besser, als würden sie auf politische Inhalte gedrillt. So war das nämlich vor 20 Jahren. Die müssen sich amerikanische Serien angucken, um daraus zu lernen.

artechock: Aber die Quotensucht macht doch das Fernsehen derzeit gerade kaputt. Die macht doch auch das Kino kaputt. Weil das deutsche Kino überhaupt nicht mehr funktioniert – insofern gebe ich dir ja recht –, außer von den nackten Zahlen her. Der Marktanteil des deutschen Kinos liegt bei 20 Prozent, manchmal höher – nur wenn man darauf guckt mit was diese Quote eingefahren wird, wird es zum reinen Horror: Schlechte Kinderfilme, oder Schweiger und Schweighöfer – insofern funktioniert es für die Förderer. Bloß die ganzen guten Filme machen in dem Sinn keine Zahlen – aus vielen Gründen: Verleihsituation, etc.

Lemke: Rüdiger, ich würde ja gerne Ja sagen zu dem, was du sagst. Aber tatsächlich kann nichts draus werden in Deutschland! Ich rede ja gar nicht davon, wie die Filme hergestellt werden: Mit ALG, »anderer Leute Geld«, was immer tödlich ist. Ich rede davon, dass sie dann, wenn sie in den Verleih kommen auch noch eine Verleihförderung bekommen – auch wenn sie bei Warner Brothers rauskommen. Manchmal 180.000 Euro! Und dann gibt's auch noch 'ne »Lola«, den Bundesfilmpreis, den auch der Steuerzahler bezahlt. Es ist alles faul und falsch. Wir müssten vollkommen von vorne anfangen. Und das würde auch klappen. Das beste wäre, wenn man alles einstellt: Diesen unfassbaren Unsinn – innerhalb von drei Jahren würde eine neue Generation kommen, weil der Markt dann frei wäre. Denn das ist ja der Punkt: Wir leben ja nicht in einem freien Markt: Wir leben in einem stalinistischen Filmkunstsystem. Wenn dieses feudalistische System weg wäre, würden ganz neue Leute kommen. Die würden das genau so machen, wie wir damals: Mit ihrer Freundin. Die würden nicht an die Filmförderung und ihre Anforderungen denken, nicht an Quoten, und es würde über Nacht ein neues Kino entstehen. Wir wären das modernste Land der Welt.

artechock: Ich glaube ja auch, dass du einen guten Punkt hast – ob's 100-prozentig klappt, weiß ich nicht, aber darum geht es auch nicht. Es wäre den Versuch wert. Aber nochmal zu dem, was du eben gesagt hast: Die Fernsehleute haben recht, wenn sie auf Quoten gucken. Ich wollte eigentlich sagen, dass das Fördersystem, das du angreifst, ja konform geht mit dem Quotensystem, das du verteidigst. Das sind ja die gleichen Leute...

Lemke: Wenn sie doch nur auf Quoten gucken würden! Aber jeder deutsche Film verbrät Unmengen an Geld. Anonyma verballert 17 Millionen! Jetzt Zettl!! Dörries Glück – das ist ja auch nur: Wie drehe ich einen Lemke-Film nach mit 4 Millionen!!! Mit einer Förderung dahinter – das kann man sich gar nicht vorstellen! Das ganze System ist bankrott. Und es gibt nicht einen deutschen Film, in den überhaupt einer rein geht – außer hoffentlich Schweighöfer jetzt. Die Leute gehen nicht mehr in deutsche Filme. Zu recht! Hast Du diesen unsäglichen Unsinn Hotel Lux gesehen? Unsäglich. Totaler Scheiß einfach.

artechock: Dabei ist Leander Hausmann der einzige, der richtig gute Komödie kann. Der will was.

Lemke: Ja, der will was. Aber der verkauft sich. Dem muss man nur ein bisschen mehr Geld geben, dann macht er alles. Selbst Shame – ich bin jetzt nicht so der Fan. Ich finde, der ist total überschätzt. Das ist eine absolut blöde Masche, ein Model mit 'nem geilen Schwanz hinzustellen und der hat plötzlich Probleme – wo kommen wir jetzt dahin! Dieses weinerliche Getue. Dann sieht New York aus wie London. Aber dennoch hat der Film etwas. Er hat etwas Radikales. Wenn die Schwester eine halbe Stunde lang »New York New York« singt, dann geht irgendwas in einem auf... man weiß nicht was, aber es passiert was. Auch wenn er joggt, dann sieht man nur blöde Geschäfte, aber es geht was in einem auf. Und solche Momente kennt man nicht im deutschen Film von heute.

artechock: Sie sind nie mal still...

Lemke: Ja, die sollen einfach die Fresse halten, diese blöden.

artechock: Hast du Drive gesehen?

Lemke: Ja, aber auch der geht bei uns nicht. Weil sie ihn auf Deutsch zeigen. Synchronisation, das ist wie über drei Pariser. Es ist einfach plötzlich nicht mehr da. Und das ist die Sprache, in der wir leben – die Weltmacht. Zum Glück verkaufen wir Autos und keine Filme. Denn bei Autos gibt es eine Fachsprache – da kann man nicht so blöd daherreden wie im Kino. Wie die Leute bei uns in den Filmen reden!

artechock: Was antwortest du denn zu dem, was Christoph Hochhäusler über dich gesagt hat: Manche Filme von dir mag er, aber im Prinzip lebst du von den gleichen Töpfen, die du angreifst. Auch Fernsehkohle ist öffentliche Kohle. Du willst zur Berlinale...

Lemke: Der Hochhäusler ist auch so ein abgefischter Storno. Der will alles ganz lieb haben. Aber was er sagt, ist Unsinn: Im Gegensatz zu Hochhäusler und allen anderen nehme ich mein eigenes Geld. Und fange einen Film an, ohne irgendjemand zu fragen. Ich frage niemanden. Ich frage noch nicht mal mich selbst. Ich fange einfach einen Film an. Und wenn der Film bei der Mitte ist, dann habe ich ungefähr 25.000 Euro ausgegeben – von meinem Film. Und jeden zweiten Film breche ich dann ab, weil mein System nämlich nicht immer klappt. Leider. Dann mache ich wieder Werbung, und dann fange ich wieder einen an.

artechock: Was heißt »Nicht klappt«?

Lemke: Es wird keine Geschichte. Ich weiß ja nicht vorher, wie der Film ausgeht. Ich will das so genau erleben wie die Leute im Kino – denn das macht diese Filme spannend. Und wenn ich merke, dass sich möglicherweise ein Film ergibt, dann drehe ich ihn zuende – auch von meinem Geld. Und dann schneide ich ihn – auf Kredit. Die Leute bekommen 50 Euro pro Drehtag. Jeder. Auch der Kameramann. Es gibt sonst nichts. Nichts zu essen, gar nichts – muss es auch nicht geben. Und wenn dann der Film zuende ist, dann zeige ich den dem ZDF. Und frage ob sie ihn haben wollen. In dem Moment. Und sie wollen ihn nicht immer. Das ist die Wahrheit. Wenn ihn das ZDF nicht will, dann würde ich zum WDR gehen oder nach Hamburg. Die Sender kommen mit dem System zurecht. Es bedeutet, dass mir nobody in meinen Film hineinredet, denn das macht meine Filme aus: Das dort Fehler drin sind. Dass die Fehler nicht in einem unmäßigen Maße korrigiert werden. Wenn ich einen Fehler nicht mag, dann korrigiere ich ihn. Aber ich züchte ihn nicht auf etwas hin, was möglicherweise erfolgreich sein könnte.

artechock: Drehbücher hast du nie?

Lemke: Nein, auch früher nicht. Rocker kann man nicht mit Drehbuch drehen. Da hörte das auf. Acapulco allerdings ist noch halbwegs mit Drehbuch gedreht. Ich kann auch gute Drehbücher schreiben, aber ich kann sie nicht verfilmen. Will ich auch nicht.

(Der dritte und letzte Teil des Interviews mit Klaus Lemke folgt in einer der nächsten Ausgaben.)

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