artechock: Wie geht es denn dem Herrn Wichmann jetzt?
Dresen: Soweit ich weiß ganz gut. Er ist Ende Januar
Vater geworden und mit seinem Jurastudium und dem Baby voll
ausgelastet. Politik macht er natürlich auch noch: Er sitzt
da oben in der Uckermark im Kreistag.
Sie hatten ihm davon abgeraten, bei der Premiere in Berlin
anwesend zu sein. War ihm nicht ganz klar, worauf er sich
mit dem Film eingelassen hat?
Das war nur vorsichtig von mir gedacht. Ich hatte den Film
noch nie mit Publikum erlebt und wollte ihm ersparen, möglicherweise
auf hämische Art ausgelacht oder von politisch andersdenkenden
Leute attackiert zu werden: Nach der Premiere hatte ich aber
überhaupt keine Bedenken mehr.
Es ist nicht für jeden leicht wegzustecken, wenn der
ganze Saal über einen lacht...
Henrik Wichmann kann damit sehr gut umgehen, weil er natürlich
weiß, dass so ein Wahlkampf in der Provinz auch seine
urkomischen Seiten hat. Man spürt auch, dass nicht über
ihn gelacht wird, sondern über das System, das dahintersteht.
Trotzdem war das Projekt für ihn nicht ohne Risiko.
Es kommt sehr darauf an, wie man die Sache anpackt. Ob man
jemanden verletzt, hängt von der Ethik des Filmemachers ab
und mit welcher Einstellung er an Leute herantritt. Ich persönlich
habe immer große Achtung vor den Menschen vor der Kamera.
Ob sie eine Szene vorspielen oder ob sie mir ihr wirkliches
Leben ausbreiten, macht für mich keinen Unterschied. Ohne
dass man Menschen wirklich liebt, ist es auf jeden Fall sehr
schwierig interessante Geschichten zu erzählen – für mich
jedenfalls.
Es gibt in der Naturwissenschaft die Theorie, dass man
allein dadurch, dass man einen Versuch beobachtet, das Ergebnis
verändert. Das gilt natürlich auch für Dokumentarfilmer:
In dem Augenblick, in dem Sie die Kamera draufhalten, verändern
Sie das Leben Ihrer Protagonisten.
Das ist natürlich immer ein Problem. Wenn man mit der Filmkamera
in die Realität hineingeht, verändert sich der Zustand dieser
Wirklichkeit. Ich persönlich würde niemals behaupten, dass
ein Dokumentarfilm die Wirklichkeit wiedergibt, er hat immer
nur den Anschein von Authentizität. Wer die Wirklichkeit sehen
will, muss aus dem Fenster gucken und darf nicht ins Kino
gehen.
Beim Dokumentarfilm verliert man schnell aus dem Auge,
wie subjektiv er ist. Das ist eine besondere Gefahr, aber
auch eine besondere Kraft des Genres.
Beim Dokumentarfilm ist natürlich eine größere Unmittelbarkeit
da als bei einer komplett inszenierten Spielfilmsequenz. Es
laufen Dinge ab, die man sich schwer ausdenken kann. Z.B.
die Szene im Imbiss, in der die Leute mit Heino die Nationalhymne
singen, und dann plötzlich Kinder mit Fackeln aufmarschieren.
So etwas hätte ich mir so nicht ausdenken können. Für einen
Spielfilm wäre das einfach zu dicke gewesen, davor wäre ich
zurückgeschreckt
Sie sind ohnehin ein Grenzgänger. Bei Ihnen sind die
Übergänge zwischen Dokumentation und Fiktion besonders
fließend. Halbe Treppe war größtenteils
improvisiert. Fühlen Sie sich in Spielfilmen freier,
Ihre Interpretation der Realität umzusetzen?
Ich kann natürlich bei einem Spielfilm in Grenzbereiche
rein, die man im Dokumentarfilm nicht berühren kann.
Den Grad der Intimität, die die Szenen bei Halbe Treppe
haben, kann ich im Dokumentarfilm nicht bedienen, weil es
sich um wirkliche Beziehungen zwischen real existierenden
Menschen handelt. Bei einem Dokumentarfilm lässt man
sich auf eine Reise mit unbekanntem Ausgang ein. Das macht
natürlich großen Spaß, manchmal ist es aber
auch schockierend.
Einen interessanten Weg geht der diesjährige Dokumentarfilm-Oscarpreisträger
Michael Moore. „Bowling for Columbine„ ist eine Art von
Dokumentarfilm, bei der die Inszenierung ganz offensichtlich
ist.
Das finde ich absolut klasse, wie das bei ihm in die Satire
hineingeht. Ich mag das, weil es ein politisches Statement
ist und eingreift, was ich wichtig finde. Was Moore macht,
ist wichtig für die amerikanische Gesellschaft und letztendlich
auch für unsere.
Er hat damit ungeheuren Erfolg, auch bei uns.
Ja, das ist sehr erfreulich, es sind inzwischen über
800 000 Menschen, die den Film hier gesehen haben. Das ist
verblüffend und ermutigend.
Sicher hängt das damit zusammen, dass seine Filme
bei aller Brisanz so witzig sind und nicht mit erhobenem
Zeigefinger daherkommen.
Kino ist keine moralische Anstalt, Kino ist dazu da Geschichten
zu erzählen und Leute zu unterhalten. Ich will ins Kino
gehen und unterhalten werden, wobei Unterhaltung nicht heißt,
dass man sich ununterbrochen auf die Schenkel haut. Ein Film,
der nicht auch unterhaltsam ist, ist bloß etwas für
ein paar Intellektuelle. Wenn man aber anderthalb Stunden
im Dunklen sitzt und eine Art von emotionaler Achterbahnfahrt
erlebt, bei der man lacht und weint und bei der es einen ordentlich
durchgeschüttelt wenn man dann rausgeht, und vielleicht
eine kleine, winzige Erkenntnis mitnimmt, die vom Bauch in
den Kopf hochrutscht, dann ist viel gewonnen.
Trotz aller Komik gibt es einige Momente in ihrem neuen
Film, in denen einem vor Hoffnungslosigkeit schier der Atem
stockt. Zum Beispiel die Szene vom Stimmenfang im Altenheim.
Das ging mir schon ans Herz. Ich finde den Film auch nur
streckenweise lustig. Hinter dem Lachen verbirgt sich ein
bitterer Ernst. Ich selbst war seit vielen Jahren nicht mehr
in einem Altenheim und war schockiert. Die Einsamkeit der
Alten spricht Bände über den Zustand der Gesellschaft.
Die Alten sind allein, weil die Jungen keine Zeit mehr haben.
Die Gesellschaft zwingt uns in eine Motorik, in der es keinen
Raum gibt, sich um Familie zu kümmern. Das sind Dinge,
bei denen man stark ins Grübeln kommt.
Die Fragen, die dabei hochkommen, kann kein Politiker beantworten
- auch kein Herr Wichmann.
Ich finde, wir machen es uns sehr einfach, wenn wir die Politik
als eine Art Dienstleistungsunternehmen begreifen. Wer sagt,
Wir haben Euch gewählt, und nun habt ihr euch vier
Jahre darum zu kümmern, irgendeinen Sinn in diese Gesellschaft
zu bringen, der stiehlt sich aus der Affäre. Über
den Zustand der Gesellschaft nachdenken und überlegen,
was man anders machen kann, damit sollten sich nicht nur Politiker
beschäftigen, sondern wir alle.
Natürlich sind wir schon gespannt auf ihr nächstes
Projekt...
Als nächstes mache ich eine Adaption nach dem Roman
Willenbrock von Christoph Hein. Ich arbeite wieder
mit Laila Stieler zusammen, der Autorin, mit der ich auch
Die Polizistin gemacht habe. Wenn wir Glück
haben und das Geld zusammenkriegen, würde ich das gerne
Ende des Jahres anfangen zu drehen - aber das ist noch ein
ungelegtes Ei.
Wir können schließlich nicht erwarten, dass
Sie in Zukunft bei jeder Berlinale dabei sind.
Nee, das ist auch nicht zu leisten. Ich kann nicht ununterbrochen
am Stück produzieren. Momentan bin ich einigermaßen ausgelaugt
und merke, dass ich eine Pause brauche, damit die Dinge sich
setzen und ich Lust auf neue Entdeckungen kriege. Wenn man
sich in so einer Atempause anfängt zu langweilen, entstehen
meist ganz interessanten Dinge.
Auf der Suche nach der Langeweile also...
Um Gottes Willen (lacht), ich hoffe nicht, dass das zum Schluss
im Film rauskommt! Das wäre ja grauenvoll! Langeweile
darf nur der Anfang des Schöpferischen sein, nicht das
Ende.
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