BÖSE
ZELLEN, Alberts neuer Film, der am 1. April in die Kinos
kommt, schlägt nun eine neue Richtung ein: Ein Episodenfilm
mit Anleihen an Robert Altman und Todd Solondz über den
Tod und die böse Mehrheit, über Schicksal, Gnade und
Verzeihung, um die Chaostheorie des Lebens. In der latenten
Bedrohung und Trostlosigkeit, die im Hintergrund mitschwingt,
liegt eine genaue Momentaufnahme - zugleich lassen manche Einstellungen
ahnen, dass da noch mehr ist, Überirdisches vielleicht.
artechock: Du bist ja auch Mitproduzentin von BÖSE
ZELLEN... Das Projekt, hörte man, war schwierig zu
finanzieren?
Albert: Es war am Beginn der Arbeit nicht leicht gewesen,
das Buch zu verfilmen. Ich habe mit "Zero Film"
schon bei NORDRAND gearbeitet. Neben Österreich, der
Schweiz und Deutschland ist auch Europa mit beteiligt. Wir
haben ein Budget von 2,3 Millionen Euro gehabt.
BÖSE ZELLEN ist unter anderem ein Katastrophenfilm.
Ein Flugzeug stürzt ab, in einem Film aus Europa sieht
man so etwas selten. Wie hast Du den Flugzeugabsturz gedreht?
Die Szenen, die aufwendig scheinen, haben wir trotzdem versucht,
möglichst reduziert zu drehen. Der Flugzeugabsturz am
Anfang funktioniert sehr stark über die Tonspur. Wir
haben in einem stehenden Flieger auf dem Flughafen vom Ljubliana
gedreht. Die Wolken am Anfang sind per Computer digitalisiert
- der einzige Computereffekt im Film. Für die Innenaufnahmen
wurde die Kamera auf Gummibändern befestigt, um sie flexibel
zu halten, ihnen eine Weichheit zu geben. Dazu kamen dann
noch Rauch, Licht, Requisite...
Bist Du sofort sicher gewesen, dass das funktionieren
könne? Man kennt das ja: Bei kleinem Budget schauen
solche Filme im Vergleich zu internationalen Produktionen
oft peinlich aus.
Am Anfang war einiges größer konzipiert. Aber
aus Geldgründen musste ich reduzieren. Und ich bin froh.
Oft ist es gut, so eingeschränkt zu sein. Reduktion ist
immer der bessere Weg. Ich denke viel darüber nach: Wie
kann ich eine große Szene möglichst reduziert erzählen?
Man muss sich Alternativen überlegen. Ein guter Tondesigner
ist sauwichtig.
Ich habe auch von Anfang an gewusst, wie ich den Absturz inszenieren
wollte - welche Einstellungen ich wollte. Die Nahaufnahme
auf Manu war am Wichtigsten. Da arbeitet man dann mit den
Maskenbildnern, dass ihr im richtigen Moment das Blut aus
der Nase rinnt. Man muss dann halt an den Details arbeiten.
Aber in diesen Momenten, in denen ich noch überlege,
geht es mir noch gut - der wirkliche Stress und Angst kommt
dann erst später am Set.
BÖSE ZELLEN hast Du gesagt, sei im Vergleich zu NORDRAND
für Dich ein viel persönlicherer Film. Wie meinst
Du das, was steht Dir daran näher?
NORDRAND ist schon der autobiographischere Film. Da gibt
es Momente, die ich selbst erlebt habe, wenn auch nicht eins
zu eins. Ich habe sie trotzdem abgeändert. Bei BÖSE
ZELLEN sind, glaube ich, die Gefühle in vielen Momenten
extrem nachvollziehbar. Sehr wohl sind sie auf die Geschichte
übertragen und eben nicht autobiographisch. Aber interessanterweise
gehen die Gefühle hier für mich viel tiefer.
Zum Beispiel diese Angst vor dem plötzlichen Tod. Die
hat mich immer schon irrsinnig begleitet - wahrscheinlich
alle Menschen. Aber da merke ich, dass bereits beim Schreiben
Gefühle in mir hochgekommen sind, durch die ich gespürt
habe: Das hat viel mit Dir zu tun.
Dann gibt es Figuren, die ich sehr gut kenne. Sie sind mir
sehr nahe, sehr nachvollziehbar. Etwa ihr Alleinsein. Zum
Beispiel die Verlorenheit von dem kleinen Mädchen, die
nach dem Verlust der Mutter durch die Welt wie unter einer
Glasglocke wandert. Fast autistisch. Das sind Gefühle,
die mir vertraut sind. Insofern sind mir hier die Gefühle
eher nahe.
Das kleine Mädchen fällt einem ja schon auf,
bevor seine Mutter tot ist. Weil sie ein wenig ungewöhnlich
ist. Weil sie über Leben und Tod nachdenkt: "Wo
sind die Menschen, wenn sie tot sind?" fragt sie. Dann
die Tatsache, dass sie den Hasen orange malt und dafür
gemaßregelt wird.
Da müssen wir später noch drauf kommen: Dass es
in BÖSE ZELLEN auch darum geht, inwiefern Gesellschaft
ein System ist, das die Menschen einordnet. "Gleichschaltet"
ist vielleicht zu hart. Aber von der Tendenz her angepasst.
Mit NORDRAND verglichen wirkt es auf mich so: NORDRAND hat
eine Situation geschildert, BÖSE ZELLEN schildert eine
Weltsicht. Er hat etwas sehr Grundsätzliches... Dieser
göttliche Blick von oben, das Thema Religion und Jenseits.
Auch die Tatsache, dass Du Menschen zeigst, die ganz jung
sind, die ganz alt sind. Sozusagen Lebensphasen, Lebensmöglichkeiten
zeigst...
Ja: Es geht ganz stark um Systeme. Du nennst eh' schon alles
irrsinnig super, was und wie ich's wollte. Ja: Es ist ein
Film über die Gesellschaft und über Systeme. Und
über Modelle: Also über Modellvorschläge von
Seiten der Gesellschaft, wie man sich sicher fühlen kann,
wie man Sinn haben kann. Wie man sich sicher fühlen kann,
wie man sich in einem System aufgehoben fühlen, und einen
Platz finden und Sinn finden kann.
Du hast besonders Sinn, wenn Du zum Beispiel in einer TV-Show
auftreten kannst. Dann bist Du ganz wichtig. Oder: Es hat
Sinn, wenn Du etwas kaufst, dann bist Du wichtig.
Konsum ist für mich etwas ganz Absurdes. Dass Menschen
sich dadurch voll fühlen sollen, aber eigentlich nur
leer sind. Also: Diese Modelle wollte ich alle im Film unterbringen
- bis hin zu diesen Therapien, die auch eigentlich solche
Modelle sind...
...Du meinst diese "systemischen Aufstellungen",
die im Film vorkommen. Das kennen ja viele nicht...
In Deutschland geht es noch, aber im übrigen Ausland
versteht es tatsächlich keiner. Viele lachen auch drüber
- was auch ok ist, und mich überhaupt nicht stört.
Das kann man.
Hast Du das mal selber gemacht?
Ja. Ich habe es dreimal für mich selbst gemacht, und
einmal als Recherche.
Und das funktioniert? Du würdest sagen, dass das
was Seriöses ist?
Ja. Es ist seriös, aber man muss aufpassen, dass man
einen guten Therapeuten hat. Weil es auch sehr gefährlich
sein kann. Weil es so wirksam ist, Auswirkungen auf Dich haben
kann. Und Du darfst nie denken, dass das jetzt "die Wahrheit"
ist, die Du dort erlebst. Du kannst Dir ein System anschauen
als einen Vorschlag. Aber nicht denken: So ist es. Und dann
die Familie völlig anders sehen.
Aber ich habe es auch deswegen drin gelassen - im Vorfeld
hat man das bei Testscreenings kritisiert -, weil für
mich diese "Aufstellung" auch viel mit Film zu tun
hat: Figuren stehen in Beziehung zueinander in einem Raum.
So sehe ich überhaupt das Kino - und eigentlich auch
das Leben.
Es stimmt: Dieser Film ist weniger situativ, eher ein Blick
von Außen auf Systeme. Es sind sehr viele Figuren und
da tun sich manche Leute schwer, mitzugehen. Aber die, die
mitgehen, werden emotionalisiert.
Ich glaube, man kann mit allen Figuren in dem Sinn mitgehen,
dass man einiges an eigenen Erfahrungen wiederfindet. Wenn
ich eben sagte: Situation vs. allgemeinere Perspektive,
dann meinte ich damit auch nicht, dass es nicht etwas sehr
Konkretes, Erfahrungsbezogenes in BÖSE ZELLEN gäbe,
sondern dass es in NORDRAND eine sehr spezifische Erfahrung
war, in diesem Sinn auch eine begrenzte Erfahrung. Jetzt
in BÖSE ZELLEN ist der Anspruch allgemeiner: Du gehst
eine Ebene zurück, und eine Ebene höher.
Das wollte ich auch. Apropos Ebenen: Diese Geistebene, die
manche Leute nicht als Geistebene sehen...
Ach!
Es gibt viele Leute, die nur sagen: Da gibt es diesen Blick
von Außen, diesen komischen distanzierten Blick.
Aber dafür ist er zu subjektiv, ist die Kamera viel
zu bewegt...
Ja, finde ich auch. Aber die Leute, die das im Leben überhaupt
nicht akzeptieren, haben es völlig negiert.
Also: ich würde ja sagen, von meinen persönlichen
Ansichten her akzeptiere ich das auch überhaupt nicht.
Ich glaube nicht an Gott und nicht ans Jenseits. Aber ich
bekomme mit, dass Du mir etwas darüber erzählen
willst. Dass zumindest einige dieser Figuren dran glauben.
Weil diese Ebene ja dann auch nur bei manchen Figuren auftaucht.
Genau. Das war auch Absicht: Die Ebene kommt von den Figuren.
Aber als Filmemacherin traue ich mich zu sagen: Wer weiß...
Vielleicht...
Ja, Du gibst dem viel Credit. Du lässt Dich sehr
drauf ein. Selbst diese spiritistische Sitzung: Da denkt
man eine Weile noch, das sei ein Fake. Das Mädchen
tut nur so. Weil sie ja vorher noch Pläne schmiedet...
Da denkt man ja eine Weile noch, was kommt jetzt? Verarscht
sie jetzt die Anderen? Oder alle? Es ist alles möglich.
Und in dem Moment, wo ich am Schluss die Geisteinstellung
habe, da werfe ich mich als Macherin schon sehr hinein in
diese Haltung.
Würdest Du denn wirklich selber sagen: Es gibt mehr,
als man sieht, "the truth is out there"...
Ich bin gespalten. Das sieht man dem Film auch an. Ich schwanke
extrem zwischen einem sehr naturwissenschaftlicher Objektivität
und der Idee: Wir sind alles Tiere...
Das wäre ja auch ein naturwissenschaftlicher Blick,
nur ein biologistischer...
Ja, stimmt. Aber es sind eben auch in mir diese unterschiedlichen
Ansätze: Ich glaube nur, was ich sehe, und den Glauben
ans Jenseits. Man kann sagen, das sei eine sehr arrogante
Haltung: Dass es einen Gott geben muss, dass wir eben eine
Bedeutung haben, und auch den Tod überleben. Aber ich
habe trotzdem die Erfahrung gemacht, dass es Momente gibt,
in denen ich mich nicht mehr auskenne. Und ich denke schon:
Grundsätzlich gibt es mehr, als das, was ich anfassen
kann. Davon bin ich überzeugt. Ob das aber aus meinem
Hirn entsprungen ist oder von irgendwo anders her - das weiß
ich nicht.
Würdest Du denn sagen, dass Du Dich in diesem Film
ein bisschen von dem naturalistischen Blick aus NORDRAND
und ZUR LAGE weg bewegst? Dass Du mehr Welt konstruierst,
als Welt zeigst?
Ja. In dem Film auf jeden Fall. Er ist stilisierter, weniger
naturalistisch. Aber trotzdem nicht weniger realistisch. Ich
wollte eine Art Hyperrealismus. Aber das ist ganz schwierig,
das hinzukriegen. Diese Gerlinde mit dem beinamputierten Mann
ist für mich total realistisch. Und auf der anderen Seite
diese Geistebene. Die aber Teil des Realistischen ist. Ich
möchte, dass sich das vermischt, und beide Ebenen aufeinandertreffen
lassen. Weil ich mich auch nicht zu sagen traue: Nur das eine
ist Realität.
Aber Du gehst auch weg vom Dokumentarischen. Das meine
ich mit Naturalismus. Eine stilisierte Welt kann ja viel
wahrer sein. In dem Sinn auch realistischer, als die, die
nur abgebildet wird...
Genau. Das war neu für mich. Nur in Kurzfilmen habe
ich diese Ebene schon mal gestreift. Kennst Du meinen Kurzfilm
FRUCHT DEINES LEIBES?
Nein, leider nicht.
Schade. Na ja, jedenfalls: Ich habe auch schon mehr stilisiert
und anders gearbeitet. Aber es war auch ein Missverständnis.
NORDRAND ist extrem durchinszeniert, und wirkt dokumentarisch.
Aber es war immer inszeniert. Es ist für mich trotzdem
nicht so, dass ich jetzt immer so weiterarbeiten will. Es
wird sich für jeden Film immer verändern.
Die Leute, die BÖSE ZELLEN nicht so mögen, die
würden Dir einen Verlust der Unschuld attestieren.
Welche Rolle spielen für Dich Ironien?
Mir scheint, eine sehr große, und das die von Kritikern
immer unterschätzt wird, die wollen, dass Du jetzt
auf immer der brave Gutmensch von NORDRAND bleibst... Eine
Passage ist mir zum Beispiel besonders aufgefallen: Der
Lehrer spricht die Afroösterreicherin bei McDonalds
an. Davor hat er von "schwarzen Löchern"
gesprochen, danach singen die Schulkinder "Zehn kleine
Negerlein". Das ist eine gegenseitige Kommentierung
der Szenen, die man als sehr ironische wahrnehmen kann...
Das ist das allererste Mal, dass mich jemand darauf anspricht:
Ich habe das schwarze Loch nie so gesehen.
Für mich ist das Schwarze Loch extrem anders zu verstehen.
Das Lied dagegen hat sehr wohl mit der Sandra zu tun. Das
ist für mich schon sehr ironisch. Es gibt ein paar solche
Stellen. Das mag ich auch ungemein gern.
Ironie und Liebe sind ja vereinbar. Liebe zu den Figuren
in diesem Fall...
Natürlich. Ich bin überhaupt kein zynischer Mensch.
Ich werde auch oft in einen Topf mit ganz vielen anderen Österreichern
geworfen: Haneke, seidl, das die so zynisch seien. Ich empfinde
mich nicht so. Aber es soll so sein. Wurscht. Aber dieses
sich-gegenseitig-kommentieren der Szene - das mache ich schon
gern. Das ist Kino. Film ist immer das Gesamte.
Und den Verlust der Unschuld, den finde ich nur gut. Ich mag
ja BÖSE ZELLEN deshalb gern, weil er nicht so naiv ist.
"Nordrand" ist ok, aber das hat mehr gestimmt jetzt.
Und ich nehme an, man will auch als Filmemacherin mit
den Erwartungen des Publikums auch brechen, Irritationen
schaffen...
Ja, wobei erstmal nur ich das Publikum bin. Ich denke nicht
an Dritte. Sondern frage: Was für eine Geschichte kann
ich grad erzählen. Man kann Publikum überhaupt nicht
kalkulieren.
Würdest Du denn sagen, dass es so etwas wie einen
spezifisch österreichischen Blick gibt?
Die Sprache ist oft für Deutsche komisch, niedlich,
eigenartig oder lustig.
Das ist aber sehr oberflächlich jetzt...
Ja, aber damit müssen wir uns auseinander setzen. Die
Sprache trägt viel dazu bei, uns in eine Kategorie zu
werfen.
Ein zweiter Grund ist unsere Geschichte. Früher habe
ich mich dagegen gewehrt. Aber wir Österreicher haben
eine andere Art von Schuld- oder Nicht-Schuldbewältigung,
und eine andere Schwere. Das spürt man. Unbewältigtes.
Untergründiges. Und den Katholizismus. Ich glaube, dass
unsere Kulturen sich eigentlich sehr unterschiedlich sich
entwickelt haben. Und das macht viel aus, das verarbeiten
wir in den Filmen.
Hat BÖSE ZELLEN für Dich ein Happy End?
Das letzte Bild ist sehr neutral. Davor gibt es ein paar
Ansätze. Positive Momente. Mehr braucht's nicht. Um mehr
geht's eh nicht. Wir leben und wir sterben. Und das ist es.
Das ist versöhnlich: Wir wandeln dahin. Die zwei Figuren
am Schluss sind die nicht geordneten, die frei herumwandeln
dürfen. Sie haben dieses Autonome und dieses Verzweifelte.
Sind frei. Das mag ich gern.
Das nächste Mal müssen wir dann noch über
Shopping-Malls reden.
Oder über Österreich.
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