19.10.2017

Things fall together

Cool Mama
Peter Hellers Cool Mama – eindrucksvolles Plädoyer dafür, gegen die Konvention das bestmögliche Leben zu suchen...

Auch die 17. Tage des Ethno­lo­gi­schen Films in München sind ein filmi­scher Aufruf, das Fremde zu suchen und Heimat zu hinter­fragen; sie zeigen außerdem eine Werkschau des Münchener Doku­men­tar­film­re­gis­seurs Peter Heller 

Von Dunja Bialas und Axel Timo Purr

Viel­leicht würde die Welt ja eine andere sein, wenn wenigs­tens ab der 5. Klasse an deutschen Schulen auch Ethno­logie unter­richtet werden würde und über­re­gio­nale, ethno­lo­gi­sche Empathie eine echte Chance hätte. Aber da an baye­ri­schen Gymnasien in der 10. Klasse selbst Geschichts­un­ter­richt nur mit einer Stunde angesetzt wird, sind wir noch Licht­jahre von dieser Utopie entfernt. Statt­dessen bleiben immerhin die Tage des Ethno­lo­gi­schen Films, in ihrer inzwi­schen 17. Auflage, die wieder eine Reise durch die Kulturen der Konti­nente außerhalb Europas unter­nehmen. Und keine Frage: der offene, neugie­rige Blick auf fremde Kulturen ist in einer Zeit zuneh­mender euro­zen­tris­ti­scher Bewe­gungen mehr als wichtig.

Ein Schwer­punkt der 17. Tage des Ethno­lo­gi­schen Films ist in diesem Jahr einem Land im Aufbruch gewidmet, dem lange Zeit abge­schot­teten Myanmar. Dementspre­chend eröffnen die Filmtage mit der München-Premiere von My Buddha Is Punk (Di. 24.10. 19 Uhr), Andreas Hartmanns faszi­nie­rendem Porträt einer rebel­li­schen Jugend­kultur inmitten einer restrik­tiven, konser­va­tiven und zutiefst religiös geprägten Gesell­schaft. Hartmann wählt für diesen Streifzug den 25-jährigen, in Myanmar lebenden Punk­ro­cker und Akti­visten Kyaw Kyaw, für den die Symbiose zwischen Buddhismus und Punk eine treibende Kraft in seinem Leben darstellt. Gemeinsam mit seinen Freunden reist er quer durchs Land um sich mit Musik und Demons­tra­tionen gegen den immer noch statt­fin­denden Bürger­krieg, gegen die Verfol­gung der ethni­schen Minder­heiten und gegen jegliche reli­giösen und poli­ti­schen Dogmen aufzu­lehnen. Andreas Hartmann verfolgt in My Buddha Is Punk Kyaw Kyaws einsamen Kampf gegen die mächtigen, radikalen Mönche, die in der jungen und fragilen Demo­kratie Furcht verbreiten und Gesetze erzwingen, die zwei­fel­haften und extre­mis­ti­schen Posi­tionen Raum geben.

In Sehnsucht nach Myanmar (Mi. 25.10. 19 Uhr) reist die Filme­ma­cherin Seng Mai Kinraw zu den Stationen ihrer Kindheit quer durchs Land und erkennt, dass man manchmal die Heimat verlassen muss, um die Sehnsucht danach zu spüren. Die in Myanmar geborene und aufge­wach­sene Regis­seurin hat ihre Heimat für ein Film­stu­dium im Ausland verlassen – nun kehrt sie zurück, um ihre Familie zu besuchen. Für Seng Mai ist der Besuch aber mehr als nur die Auffri­schung von Kind­heits­er­in­ne­rungen, es ist eine Suche nach ihren Wurzeln und ein Bekenntnis zu ihrer Sehnsucht nach Heimat und Gebor­gen­heit. Sehnsucht nach Myanmar ist ein leiser und gefühl­voller Doku­men­tar­film über eine Reise in ein Land, das immer noch gezeichnet ist von der jahre­langen Militär­dik­tatur – und zugleich ein sehr persön­li­ches Porträt des modernen Myanmar.

Myan­market (Do. 26.10. 19 Uhr) erzählt von den ersten span­nenden Berüh­rungen der Burmesen mit, dem Weltmarkt‘. Denn Myanmar gilt als einer der momentan aufre­gendsten und viel­ver­spre­chendsten neue Märkte der Welt. Weltweit hegen Inves­toren und multi­na­tio­nale Konzerne Hoff­nungen auf gute Geschäfte, denn hier warten 53 Millionen poten­ti­elle neue Kunden. Doch wie sieht es in dem Land nach fast 50-jähriger Isolation heute wirklich aus? In ihrem Doku­men­tar­film Myan­market geht Regis­seurin Eva Knopf dieser Frage nach und taucht ein in das Leben Myanmars, dem früheren Burma. Anhand intimer Porträts der Bewohner erzählt sie Geschichten von der Fein­me­chanik einer Begegnung – den ersten Berüh­rungen zwischen den Burmesen und ‚dem Weltmarkt‘.

Untitled (So. 29.10. 19 Uhr), den die Tage des Ethno­lo­gi­schen Films in memoriam Michael Gloggower zeigen, der während seiner Reise quer durch Europa und Afrika 2014 an Malaria starb, ist ein faszi­nie­rendes, synäs­t­he­ti­sches Filmessay über Macht und die Poesie des Zufalls. Am 3. Dezember 2013 brach Michael Glawogger zu einer Weltreise auf, um einen Film zu drehen, der Land und Leute so zeigen sollte, wie sie ihm entge­gen­treten würden. Im April 2014 starb Michael Glawogger auf dieser Reise in Liberia an Malaria. 2017 reali­sierte Monika Willi einen Film aus dem Material, das während der Reise Glawog­gers durch den Balkan, Italien, Nordwest- und West­afrika entstanden ist.

Kurz vor seinem Tod verfasste James Baldwin einen Text, der sein Leben als homo­se­xu­eller Schrift­steller im Kontext der schwarzen Bürger­rechts­be­we­gung reflek­tiert. In I Am Not Your Negro (Sa. 28.10. 19 Uhr) setzt sich Raoul Peck in Form einer filmi­schen Collage mit James Baldwin und dem weißen Rassismus in der ameri­ka­ni­schen Gesell­schaft ausein­ander.

Das Roadmovie Angry Monk – Eine Reise durch Tibet (Fr. 27.10. 19 Uhr) folgt den Spuren des berühmten buddhis­ti­schen Mönchs Gendun Choephel und stellt unser verklärtes Bild Tibets radikal in Frage. Regisseur Luc Schaedler begibt sich auf eine Spuren­suche nach den Stationen im Lebensweg des legen­dären buddhis­ti­schen Mönchs Gendun Choephel. 1903 in Tibet als Inkar­na­tion eines Lama geboren, begehrt Choephel als junger Mann gegen die Regeln des Mönchs­le­bens auf: Er ist wiss­be­gierig und stellt Konven­tionen in Frage. Mit seiner frei­geis­tigen Haltung erregt er die Gemüter der tibe­ti­schen Obrigkeit und avanciert im Lauf der Jahr­zehnte doch zu einem Symbol und Hoff­nungs­träger für ein freies Tibet.

In Zyklop (Mo. 30.10. 19 Uhr) entdeckt der deutsch-türkische Musiker und Komponist Marc Sinan in Kasachstan nicht nur die tradi­tio­nelle Musik des Landes, sondern auch seine eigenen arme­ni­schen Wurzeln und macht sich auf die Suche des berühmten türki­schen Epos ‚Dede Korkut‘, das die Legende von der Verge­wal­ti­gung und Schändung einer Nymphe durch einen Oghusen erzählt. Als die Nymphe schwanger wird und ein Kind zur Welt bringt, steinigt es ein Hirte so lange, bis es zu einem Monster, einem Zyklopen wird. In ihrem Doku­men­tar­film begleitet die Regis­seurin Aysun Bademsoy Marc Sinan auf seiner Reise nach Kasachstan, wo er dem Epos nachspürt, Musi­ke­rinnen und Musiker besucht und deren Lieder und Gesänge aufzeichnet. Am Ende wird diese Reise zu einer sehr persön­li­chen Begegnung Sinans mit seiner arme­ni­schen Vergan­gen­heit.

Werkschau Peter Heller

Seit den 70er Jahren macht Peter Heller Filme. In ihnen geht es meist um das Mitein­ander fremder Kulturen, unseren Blick auf die Anderen, oder darüber, dass andere zu „uns“ kommen. Zu uns, das ist in die westliche Zivi­li­sa­tion. Jedes Jahrzehnt hat er meist über 15 Filme gemacht, kraft­volle Bestands­auf­nahmen, über sechzig sind es mitt­ler­weile geworden. Auch heute hält Peter Heller nicht still. Derzeit arbeitet er an gleich zwei Film­pro­jekten, eins geht über einen bayerisch-italie­ni­schen Spaghetti-“Impe­ria­listen“ (PASTA IMPERIALE), das andere über eine Heimat, der Peter Heller viel verdankt: das Maxim-Kino in Neuhausen. Maxim Leben ist der Arbeits­titel, der Unter­titel das Motto des Ex-Kino­be­trei­bers Sigi Daiber: „Wer den Tod nicht scheut, zeigt Zelluloid.“ Ein Foto, das den Film ankündigt, zeigt Peter Heller neben dem Kino-Betreiber, es drückt Verbun­den­heit aus. Im Hinter­grund ist auf einem Plakat zu lesen: „Werkschau Peter Heller“.

Angeblich möchte ja Sigi Daiber, der das Kino bis letztes Jahr vierzig Jahre lang geführt hatte, ein neues „altes“ Maxim in Haid­hausen aufmachen. Bis es soweit ist, hat sich ein anderer Film-Veteran des Vermächt­nisses von Sigi Daiber ange­nommen. Peter Neugart, Gründer der Medi­en­gruppe München und von manchen wegen seiner Leiden­schaft „Kino-Peter“ genannt, zeigt seit ebenfalls vier Jahr­zehnten in München Filme. Jetzt präsen­tiert er bei seiner erfolg­reichsten Filmreihe, den Ethno­lo­gi­schen Filmtagen, eine kleine Werkschau zu Peter Heller aus vier Filmen der letzten Jahre, die auch einen „Hit“ seines jüngsten Film­schaf­fens bereit­hält: Cool Mama – Afrika a la Schwabing. Über fünfzehn Jahre lang hat Peter Heller für den 2016 fertig gestellten Doku­men­tar­film das Bezie­hungs­leben einer Multi-Kulti-Patchwork-Familie in München beob­achtet. Wie jede Familie weist auch die Konstel­la­tion aus einer Mode­schöp­ferin, einem Nige­rianer, fünf Kindern (aus erster Ehe) und der Erstfrau, die alle in München zusam­menleb(t)en, so manche Probleme, aber auch Chancen auf. Ein eindrucks­volles Plädoyer dafür, auch gegen die Konven­tion das best­mög­liche Leben zu suchen, auch wenn es nicht immer gut geht. (Mittwoch, 1.11., 19 Uhr)

Afrika ist Peter Hellers zweiter Kontinent. Von seinen über sechzig Filmen hat er ihm einen großen Teil gewidmet, und dabei nie den Blick verleugnet, den er als Weißer auf den schwarzen Kontinent hat, oder die Geschichte, die er als Erbe der Historie zwangs­läufig mitbringt. Oft geht es um Post­ko­lo­niales und um die Kritik von „Entwick­lungs­hilfe“ (Süßes Gift – Hilfe als Geschäft, 2012). Eindring­lich ist in diesem Zusam­men­hang Kolo­ni­al­mama (2009), in der er seine persön­liche Geschichte mit der Kolo­ni­al­ge­schichte verwebt und die Spuren der eigenen Familie auf dem afri­ka­ni­schen Kontinent in einem Gespräch mit seiner damals fast 100jährigen Mutter freilegt – ziemlich scho­nungslos.

Das gegen­wär­tige Wirken des Post­ko­lo­nia­lismus, das sich auch in einem miss­ver­stan­denen Pro-Afrika-Gefühl nieder­schlagen mag, macht Markt der Masken (2015) anschau­lich, ebenfalls bei den Ethno­lo­gi­schen Filmtagen (Dienstag, 31.10., 19 Uhr). Der Film basiert auf der Kultu­ra­lität, die seit den 1910er Jahren zu einem erhöhten Afrika-Interesse, auch fran­zö­si­scher Ethno­logen und Intel­lek­tu­eller geführt hat. Masken und andere kultische Fetisch-Objekte fanden damals den Weg in europäi­sche Museen und Samm­lungen. Die kollek­tive Regie­ar­beit von Alain Resnais, Chris Marker und dem Belgier Ghislain Cloquet Les statues meurent aussi (1963) ist eine berühmte kritische Ausein­an­der­set­zung mit dem Phänomen. Markt der Masken verfolgt den Beutezug von Sammlern und Kunsträu­bern von den ärmsten Schnit­zern in West­afrika bis zur Gale­ris­ten­messe in Brüssel, wo die kultlos gewor­denen Objekte Höchst­preise erzielen.

Eines der dring­lichsten Themen des schwarzen Konti­nents ist heute Europa. Als Festung, als Sehn­suchtsort, viel­leicht auch als Notwen­dig­keit. Life Saaraba Illegal (2016) begleitet über einen Zeitraum von zehn Jahren zwei Brüder einer west­afri­ka­ni­schen Fischer­insel. Einer von ihnen hat es in einem Boot nach Spanien geschafft. Kaum ange­kommen, musste er unter­tau­chen, wie viele andere auch. Jetzt will ihm sein Bruder folgen. Peter Heller hat hier in Co-Regie mit dem sene­ga­le­si­schen Musiker Saliou Waa Guendoum Sarr gedreht. Er ist Cousin der beiden Brüder und lebt als Musiker in Dakar. Mit Liedern und persön­li­chen Kommen­taren öffnet er den europäi­schen Kino­be­su­chern als Begleiter, Interpret und Mittler den Blick auf das Schicksal der Brüder. (Donnerstag, 2.11., 19 Uhr, gezeigt mit Barça ou Bassa – Barcelona oder Tod)

17. Ethno­lo­gi­sche Filmtage. Noch bis 2.11.2017 im KIM – Kino im Einstein, Einstein­straße 42, 81675 München. Eintritt: 6 € (5 € ermäßigt). Peter Heller ist zu Gast.
Mehr Infor­ma­tionen und das ganze Programm findet man unter www.ethno­lo­gi­sche-filmtage.de.
Die Ethno­lo­gi­schen Filmtage sind eine Veran­stal­tung unter dem Dach der Filmstadt München e.V., die das ganz­jährig das Angebot der Münchner Kino­land­schaft erweitert und ergänzt.

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