21.01.2016

Die verborgenen Seiten der Seele

Jules und Jim
Zärtlicher Blick in die Ferne: Intimacies (2012)

Die Münchner Reihe »Neues asia­ti­sches Kino« zeigt die Filme von Hamaguchi Ryusuke in einer Werkschau

Von Dunja Bialas

Happy Hour des japa­ni­schen Regis­seurs Hamaguchi Ryusuke war nicht nur einer der schönsten Filme der Viennale, er war mit über drei Stunden auch einer der längsten. Bevor wir im Juli beim Münchner Filmfest das elegische Werk mit Bezügen auf Ozu Yasujirō, Hirokazu Koreeda und Anklängen an die asia­ti­schen Meister Jia Zhangke (China), Hong Sang-soo (Korea) und Hou Hsaio-hsien (Taiwan) sehen können, kann jetzt im Werk­statt­kino bei der Reihe »Neues asia­ti­sches Kino« in einer kompletten Werkschau sein bishe­riges Film­schaffen entdeckt werden. Die deutsch-korea­ni­sche Filme­ma­cherin Susanne Mi-Son Quester hat vor einem Jahr das Festival gegründet, um dem asia­ti­schen Film einen konzen­trierten Blick in München zu geben. Im Zentrum ihres Programms steht jeweils ein junger Regisseur (oder eine Regis­seurin), dessen Filme es zu entdecken gilt.

Nach dem Koreaner Whang Cheol-Mean, der im ersten Jahr beim Festival zu Gast sein konnte, nimmt sie sich diesmal den Filmen des 1978 in Japan geborenen Hamaguchi Ryusuke an.

Hamaguchi zeigt in unspek­ta­ku­lären, stillen Filmen ein sehr alltäg­li­ches Japan. Die Arbeits­welt ist für ihn ein Thema, auch die Bezie­hungen zwischen den Menschen. Ganz allgemein. Liebes­be­zie­hungen kommen eher am Rande vor, und auch nicht in der großen Tragik eines Hirokazu Koreeda, der viel deut­li­cher noch als Hamaguchi Ryusuke mit den Filmen Ozus Bezug aufnimmt. Hamaguchi gehört zu einer neuen Welle des digitalen asia­ti­schen Kinos, das ohne großes Budget auskommt und ohne große Plots. Unter seinen acht zum Teil über­langen Filmen ist fast die Hälfte Doku­men­tar­filme: Hamaguchi ist ein Beob­achter, der an dem »realen«, unver­kün­s­telten Leben inter­es­siert ist. Dementspre­chend arbeitet er über­wie­gend mit Laien­dar­stel­lern, bei denen er es schätzt, dass sie »sie selbst sein wollen«, einen unver­stellten Blick auf ihre Persön­lich­keiten und »die mensch­liche Natur frei­zu­legen« erlauben, wie er im Interview erzählt.

Nun kann an den kommenden sieben Tagen das Werk Hamaguchi Ryusuke erkundet werden. Den Auftakt macht Sound of the Waves, der erste Teil der »Tohoku Docu­men­tary Trilogy« über die Tohoku-Region auf der Insel Honshu im Nordosten Japans. Sie wurde über die Jahre von horrenden Natur­ka­ta­stro­phen heim­ge­sucht, darunter die Tsunamis von 1933 und 2011. Hamaguchi reist mit seinem Co-Regisseur Sakai Ko, mit dem er alle Doku­men­tar­filme reali­siert hat, auf die Insel, um den Spuren von Verwüs­tung und Wieder­aufbau nach­zu­gehen und die Erfah­rungen der Über­le­benden in vielen Gesprächen zu sammeln (Do. 21.01. und Mi. 27.01.). Auch die anderen beiden Teile der Trilogie suchen vor allem den Kontakt mit den Über­le­benden von Kata­stro­phen. Voices from the Waves: Shin­chi­machi (Mo. 25.01.) und Voices from the Waves: Kesennuma (Mo. 25.01.) sammeln beide die Zeugen­be­richte der Erdbeben-Über­le­benden Ostjapans, die übli­cher­weise mit »Fukushima« verschlag­wortet werden. In den Inter­views kommt zum Ausdruck: Sie fühlen sich schuldig, weil sie überlebt haben, tragen aber die Hoffnung in sich.

Die verbor­genen Seiten der Seele sind auch in den Spiel­filmen Hama­gu­chis die stillen Drama­turgen. Einen Bezie­hungs­reigen setzt in Passion ein Liebes­ge­ständnis in Gang, was, wie bei vielen anderen asia­ti­schen Film­au­toren auch, fran­zö­si­sche Einflüsse à la Rohmer deutlich macht (Fr. 22.01. und Di. 26.1.).
Der Fotograf, sein Model und der Zuhälter: Das homo­ero­ti­sche, in japanisch-korea­ni­scher Co-Produk­tion entstan­dene Drama The Depths ist voller Anspie­lungen auf das Yakuza-Genre und zeigt den Hang, den Hamaguchi immer wieder auch zum großen Kino verspürt (Fr. 22.01. und So. 24.01.).

An Jacques Rivettes Thea­ter­filme erinnert wiederum der über vier­stün­dige Inti­macies, bei der sich die Proben zum Stück mit den Nach­richten über die Ereig­nisse im Nach­bar­land Korea mischen. Theater und Film, Doku­men­ta­tion und Fiktion gehen inein­ander über – die ganze Facette des Lebens (Sa. 23.01.).

Einen Ausflug ins Mystery-Genre wagt schließ­lich der knapp eins­tün­dige Touching the Skin of Eeriness. Mani­pu­la­tion, Mord und Modern Dance gehen hier eine unheil­brin­gende Laison ein. Zu entdecken am Do. 21.01., Di. 26.01. und Mi. 27.01.

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Neues asia­ti­sches Kino – Werkschau Hamaguchi Ryusuke. 21. bis 27.01.2016. Werk­statt­kino, Fraun­ho­ferstr. 9, 80469 München. Mehr Infor­ma­tionen zu allen Filmen und das voll­s­tän­dige Interview gibt es hier.

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