04.01.2018

Ning Ying, Filmemacherin der chinesischen »6. Generation«

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
I Love Beijing erzählt vom Zerbröckeln des modernen Lebens

Die Peking-Trilogie: Drei Filme der chine­si­schen Regis­seurin Ning Ying in der Reihe Neues Asia­ti­sches Kino im Werk­statt­kino

Von Johanna Pauline Maier

In den 90er Jahren entstand in Reaktion auf die radikale Moder­ni­sie­rung Pekings eine Trilogie der chine­si­schen Regis­seurin Ning Ying, bestehend aus den Filmen For Fun (1993), On the Beat (1995) und I Love Beijing (2001). Die Peking-Trilogie ist ein außer­ge­wöhn­li­ches Dokument über einen sozio­ö­ko­no­mi­schen Übergang, der sich über drei Gene­ra­tionen erstreckt: Vom Fußgänger zur Polizei auf dem Fahrrad bis hin zum Taxi­fahrer. Vom italie­ni­schen Neorea­lismus und der fran­zö­si­schen Nouvelle Vague beein­flusst, entschied sich Ning Ying dafür, Doku­men­tar­film und Fiktion zu mischen, was als formales Element alle drei Filme verbindet. Dennoch verlagern sich die Perspek­tive und die Film­sprache der Regis­seurin — als wären die Filme selbst genauso Teil der Trans­for­ma­tion, von der sie erzählen. Die 1959 geborene Ning Ying studierte u.a. mit Zhang Yimou und Chen Kaige an der Film­aka­demie in Peking.

Noch während ihres Studiums ging sie nach Europa und arbeitete als Regie­as­sis­tentin für Bernardo Berto­luccis China-Epos Der letzte Kaiser. Zurück in China begann Ning Ying, ihre eigenen Filme zu drehen, und ist dort inzwi­schen eine auch kommer­ziell erfolg­reiche Regis­seurin.

For Fun

Der erste Film der Trilogie eröffnet mit einer Kame­ra­fahrt durch die Straßen von Peking, die von einem Lied aus der Drei­gro­schen­oper beglei­te­tist − ein humor­voller Hinweis auf die gren­züber­schrei­tende Perspek­tive der Regis­seurin auf das neue China: Ein alter Mann wird gezwungen, sich von seiner lebens­langen Arbeit als Haus­meister des örtlichen Peking­opern­hauses zurück­zu­ziehen. Er hat auf einmal viel Zeit und wandert auf der Suche nach neuen Beschäf­ti­gungen durch die Stadt. Doch diese ist ihm in all den Jahren seines Lebens im Theater fremd geworden. In einem Park trifft er auf eine Gruppe älterer, 
streitsüch­tiger Amateur­sänger und beginnt, die Männer zu einer eigenen Truppe zu orga­ni­sieren – wohl­ge­merkt mit sich selbst als Chef. In ihrem einfachen, realis­ti­schen Stil mit einem präzisen 
und doch liebe­vollen Blick zeichnet Ning Ying ihre Figuren und deren komplexe Bedürf­nisse.

»Ich inter­es­siere mich für diese Momente der Gegenwart, die dabei sind zu verschwinden. 
Sie sind dabei, sogar aus unserer Erin­ne­rung zu verschwinden. Lebens­weisen, die es seit 
Tausenden von Jahren gibt, sind in wenigen Jahren durch eine von Massen­me­dien und 
Konsum geprägte Kultur ausge­grenzt und ausgelöscht worden.« (Ning Ying)

On The Beat

Mit dem Fahrrad durch­queren ein Polizist und sein junger Kollege ein Stadt­viertel aus Altstadt-
gassen und den daran angren­zenden, impo­santen Wolken­krat­zern. Sie setzen die Ordnung um, 
die ihnen anver­traut wurde. Das moderne städ­ti­sche Leben präsen­tiert sich als eine bloß­ge­stellte 
Reihe von Verhand­lungen zwischen Menschen, die versuchen, sich ihre eigenen Schick­sale an-zueignen, und einer Staats­ma­schine, die in die intimsten Ange­le­gen­heiten des Alltags eingreift. 
Ning Ying schafft es, den Effekt der Ideologie auf den einzelnen Bürger sanft einzu­fangen − 
von jungen Poli­zisten, die durch die Stadt­viertel patrouil­lieren, über alte Frauen, die die Fort
pflanzung ihrer Nachbarn über­wa­chen, bis zu Eltern, die versuchen, ihre Kinder zu‹ passenden ›Mitglie­dern der Gesell­schaft zu formen.

Ning Ying arbeitet hier ausschließ­lich mit Laien­dar­stel­lern. Das Fehlen von Musik und dra
matischen Effekten gibt schnellen Einstel­lungen, Gesten und Wort­wech­seln eine besondere, 
spontane Kraft. Dieser Realismus des Alltäg­li­chen im quasi­do­ku­men­ta­ri­schen Stil ist eine 
starke künst­le­ri­sche Wahl in einem Land wie China und betrifft ebenso die Tonarbeit:

»Ich glaube, dies ist einer der ersten chine­si­schen Filme, dessen Ton direkt mit dem Bild 
aufge­nommen wurde. Das war mir damals ein sehr wichtiges Anliegen. Es war aber auch 
deshalb sinnvoll, da ich die Laien­dar­steller nach dem Dreh schlecht bitten konnte, noch 
einmal alles genauso zu wieder­holen. Der Großteil der chine­si­schen Film­pro­duk­tionen 
wurde damals nach­ver­tont.« (Ning Ying)

Man fragt sich, wie dieser Film ins Ausland gelangt ist. Ange­sie­delt zwischen Rossel­lini und 
Tati, ist dieser preis­ge­krönte zweite Film der Peking-Trilogie eine erfri­schende, subtil subver­sive Darstel­lung Pekings Mitte der 90er Jahre

I Love Beijing

Dezi ist ein junger Taxi­fahrer aus Peking. Seinem Taxi zu folgen gleicht einer Stadtrund
fahrt durch Peking. Die wech­selnden Passa­giere in seinem Wagen bilden einen Mikro­kosmos 
der urbanen Szene – mitunter über­steigt das auch Dezis Vers­tändnis. Seine Kapazität für 
Frauen hat jedoch keine Grenzen. Er wagt sich durch eine sommer­lange Serie von kurzen Be
ziehungen mit Frauen aus allen Gesell­schafts­schichten: einer provin­zi­ellen Kellnerin, einer 
beliebten Radio-Mode­ra­torin, einer Lehrerin und einem Bauern­mäd­chen vom Land. Auf dem 
Weg wird er betrogen, verwirrt, benutzt und sogar ein wenig geliebt.

Die Kamera wandert von einem Ort zum anderen, von einer Frau zur anderen, von einer 
Idee zur nächsten, ganz den Fantasien des Fahrers folgend. Es ist das Zerbrö­ckeln des modernen Lebens, das so darge­stellt und illus­triert wird, seine Inkohä­renz, seine Unordnung, seine 
Sinn­lo­sig­keit. Die Musik selbst, in west­li­chen Klängen, akzen­tu­iert den Eindruck des Verlusts 
kultu­reller Refe­renzen in einer Stadt, in der Baustellen und Kräne die Haupt­merk­male der 
urbanen Land­schaft geworden sind.

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Neues Asia­ti­sches Kino: Ning Ying – die Peking-Trilogie
11.-17. Januar 2018, Werk­statt­kino München
Eintritt: 6 €
Das Programm wird von der Filme­ma­cherin Johanna Pauline Maier kuratiert. Die Absol­ventin der HFF München studierte von 1999 bis 2001 an der Film­aka­demie in Peking und drehte in dieser Zeit Video­ma­te­rial über die Trans­for­mie­rung der Stadt, das sie nun mit 15 Jahren Abstand wieder aufge­griffen hat. Der daraus entstan­dene Film Fragmente einer Reise nach China (AT) wird im Rahmen der Reihe ebenfalls gezeigt. Johanna Pauline Maier ist bei den Vorfüh­rungen anwesend und wird Fragen zu den Filmen beant­worten.

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