05.01.2016

»Ich habe viel geweint und noch mehr getrunken«

Jules und Jim
Sehnsucht nach Nordkorea: Dear Pyongyang (2005)

Die dritte Ausgabe der Filmreihe »Neues asia­ti­sches Kino« zeigt das Werk der korea­ni­schen Japanerin Yang Yonghi

Von Dunja Bialas

Japan, Korea, Nordkorea: drei Länder, deren Geschichte komplex mitein­ander verwoben ist. Die 1964 geborene Filme­ma­cherin Yang Yonghi, dem die Filmreihe »Neues Asia­ti­sches Kino« ab dem 12. Januar 2017 im Münchner Werk­statt­kino eine Werkschau widmet (Yang Yonghi ist zu Gast!), könnte leicht als Ikone dieser geschicht­lich-geogra­phi­schen Kompli­ziert­heit durch­gehen. Ihre Biogra­phie wurde von der ostasia­ti­schen Geschichte geschrieben: 1964 im japa­ni­schen Osaka als Kind von korea­ni­schen Eltern geboren, wurde sie von ihren Eltern wie eine Nord­ko­rea­nerin erzogen und kam an die berüch­tigte, von Nordkorea finan­zierte Korea Univer­sity von Tokyo.

Ihre Eltern wiederum kamen unter der japa­ni­schen Kolo­ni­al­herr­schaft, die von 1910 bis 1945 andauerte, nach Japan. Sie gehören damit zur größten ethni­schen Minder­heit des Landes, den in Japan lebende Koreanern, kurz »Zainichi«. 1965, als sich die Verhält­nisse zwischen Nord- und Südkorea beruhigt hatten und sich mit Japan norma­li­sierten, bekamen sie wie alle anderen Zainichi von der japa­ni­schen Regierung angeboten, entweder die nord­ko­rea­ni­sche Staats­bür­ger­schaft anzu­nehmen und auszu­reisen, oder aber als Südko­reaner weiterhin in Japan zu bleiben. Die Eltern blieben und stillten ihre Sehnsucht nach der Heimat, die noch nicht Nordkorea hieß, als sie sie verlassen mussten, mit einem eigen­ar­tigen Projekt: Sie schickten ihre drei ältesten Söhne, denen sie überdies die Diskri­mi­nie­rung der Zainchi in Japan ersparen wollten, für den sozia­lis­ti­schen Aufbau für immer nach Pjöngjang.

Yang Yonghi findet, dass sie sagen­haftes Glück hatte, wie sie in einem CNN-Portrait sagt. Das Schicksal meinte es nur deshalb so anders mit ihr, weil sie die einzige Tochter war. Sie schaffte es nach ihrer nord­ko­rea­ni­schen Hoch­schul­aus­bil­dung bis nach New York, wo sie an einer privaten Uni Film studierte. Seitdem widmet sie ihr Leben ihrer komplexen Fami­li­en­ge­schichte, hat ihre Brüder in Nordkorea besucht und sich wegen ihrer Filme 2006 ein Einrei­se­verbot von Kim Jong-il einge­han­delt. Ihre ersten beiden Doku­men­tar­filme erzählen von ihrer Spuren­suche nach den verloren gegan­genen Brüdern, und der Leere, die ihr Leben durch den Verlust erfahren hat.

Zehn Jahre brauchte sie, um ihr Filmdebüt Dear Pyongyang fertig zu stellen. Der Film zeigt die schwie­rige Annähe­rung an den Vater, versucht, dessen wie blind erschei­nende Ideologie zu verstehen, der die eigene Familie ausein­an­der­brachte, als wäre diese Korea und er der Kalte Krieg. Um das Land kennen­zu­lernen, das ihr Vater von der Ferne verehrte, reiste sie immer wieder nach Nordkorea, besuchte ihre Brüder und fing auf Video rare Einblicke in das unter Kim Il-sung völlig isolierte Land ein (Fr. 13.1. in Anwe­sen­heit der Filme­ma­cherin, Wdh. Mo. 16.1.). »Ich habe viel geweint und sehr viel getrunken«, sagt sie in dem Interview, das Susanne Mi-Son Quester, Intia­torin der Filmreihe, vorab mit ihr geführt hat. Ein absolutes Must-see der Werkschau.

Sona, the Other Myself widmet sich ihrer Nichte Sona, die in Pjöngjang aufwächst, und die für Yang Yonghi eine Projek­ti­ons­fläche wird: Wie wäre ihr Leben verlaufen, wäre auch sie in Pjöngjang gelandet, wie ihre Brüder? Eine Zeitreise in ein anderes Leben, die doku­men­tiert, wie aus einem normalen Kind ein sozia­lis­ti­scher Staats­bürger wird (Sa. 14.1. in Anwe­sen­heit der Filme­ma­cherin, Wdh. Di. 17.1.).

Mit dem Einrei­se­verbot riss der Fami­li­en­faden ab, Yang Yonghis nächster Film wurde folge­richtig eine Fiktion. Our Homeland basiert auf dem realen Wieder­sehen mit ihrem Bruder Seong-ho, der nach Japan reisen durfte, um sich wegen eines Gehirn­tu­mors behandeln zu lassen. Die Fiktion arbeitet deutlich heraus, was ein Doku­men­tar­film nur schwer preisgibt: Der Weg des Bruders ist mehr als vorge­zeichnet. Der Weg der Schwester hingegen führt sie dorthin, wohin sie gehen möchte: Sie ist frei.

(Do. 12.1. und So. 15.1. in Anwe­sen­heit der Filme­ma­cherin, Wdh. Mi. 18.1.)

+ + +

Neues asia­ti­sches Kino – Werkschau Yang Yonghi
12. bis 18.01.2017. Werk­statt­kino, Fraun­ho­ferstr. 9, 80469 München. Eintritt: 6 Euro. Mehr Infor­ma­tionen zu den Filmen und das ganze Interview mit der Filme­ma­cherin gibt es hier.

top