13.04.2006
artechocks kleines Bestiarium der Kinogeher — Folge 1

Der Gestörte

Von Michael Haberlander

Lang ist die Liste der Menschen, die unseren Kino­be­such stören können. Schwätzer, Raschler, Rempler gehören zu den verbrei­tetsten. Bedeutend seltener, dafür aber um so bizarrer ist der Gestörte.

So unan­ge­nehm wie sie sind, so unver­meidbar sind Kinos­törer. Da eine direkte Konfron­ta­tionen mit ihnen oft sehr unschön abläuft, gilt für den Film­freund als oberste Maxime Vermei­dung und Umgehung. Darüber hinaus hilft vor allem ein ordent­li­ches Maß an Indolenz, um nicht zu sehr vom Film­ge­nuss abgelenkt zu werden.

Während also der durch­schnitt­liche Zuschauer im Fall einer Störung wahlweise still in sich hinein leidet, gleich­gültig darüber hinweg­geht oder konkrete Maßnahmen zur Been­di­gung der Störung in Angriff nimmt, kann der Gestörte nur (»nur« im doppelten Wortsinn) eines tun; er fühlt sich gestört. Sein Gestört­sein bringt er dabei durch mannig­fache Akti­vi­täten zum Ausdruck.

Im Minu­ten­takt dreht er sich etwa nach dem Störer um und wirft ihm bitter­böse Blicke zu. Der Effekt solch tödlicher Blicke ist in einem dunklen Kino natur­gemäß äußerst gering.

Ist der Gestörte in Beglei­tung, wird auf diese intensiv einge­redet, wobei unklar bleibt, ob hier Abhilfe oder Zuspruch erwartet wird. Das Fehlen einer Beglei­tung ist für den Gestörten dabei kein Hinde­rungs­grund, seiner Empörung wortreich Luft zu machen. Gege­be­nen­falls versucht er sich kurz­fristig mit ihm fremden Sitz­nach­barn zu verbünden.

Die bevor­zugte Stimmlage des Gestörten ist dabei das Halblaute und seine Empörung ist nie an eine konkrete Person (wie den Störer) adres­siert. Ein halblaut in den Raum gespro­chenes »Also eine solche Frechheit!« weißt somit untrüg­lich auf einen Gestörten hin.

Schließ­lich erfasst den Gestörten eine sonder­bare Unruhe, worauf er beginnt, unab­lässig seine Sitz­po­si­tion zu ändern, aus uner­sicht­li­chen Gründen in seinen Taschen zu wühlen und er versucht schließ­lich sich gegen die störenden Einflüsse durch Klei­dungs­stücke oder sonstige Uten­si­lien abzu­schirmen.

In der Summe führt dieses Verhalten des Gestörten dazu, dass er zu einem größeren Störer wird, als derjenige, von dem die ursprüng­liche Störung ausging.

Unter allen Umständen sollte man vermeiden, einen Gestörten in diesem Zustand darum zu bitten, doch etwas ruhiger zu sein. Die Reaktion des Gestörten könnte überaus heftig ausfallen.

Zum Glück trifft man den Gestörte verhält­nis­mäßig selten an, so dass das Zusam­men­treffen zweier Gestörter extrem unwahr­schein­lich ist. Welchen drama­ti­schen Teufels­kreis ein solches Treffen in Kraft setzen würde, lässt sich unschwer ausmalen.

Michael Haber­lander