KINO MÜNCHEN FILM AKTUELL ARCHIV FORUM LINKS SITEMAP
Dokfest 2002 - Expeditonen ins Ungewisse  
 
 
 
 

Im Toten Winkel - Hitlers Sekretärin
André Heller, Othmar Schmiderer, Österreich 2001, 90 Min.

   
 
 
 
  "Ich hätte ihnen lieber etwas Schöneres zum Abschied geschenkt", sagt der Führer zu seiner blutjungen Sekretärin und reicht ihr eine Zyankalikapsel. Mehr als 50 Jahre danach erzählt Traudl Junge von ihrer Arbeit für Hitler, dem Attentat, dem surrealen Tanz auf dem Vulkan während der letzten Tagen im Bunker.

Di 81-Jährige ist eine begnadete Erzählerin. Der 25-minütige Monolog, der den eindrucksvollen Höhepunkt dieser Dokumentation bildet, ist ein außergewöhnliches Zeitdokument. Da sitzt eine Frau, die sich intensiv mit der Vergangenheit auseinandergesetzt hat und mit der Frage nach der eigenen Schuld. Kein Wort der Rechfertigung kommt über ihre Lippen. Anschaulich berichtet sie, was sie sah, dachte, fühlte. Was hier vor der laufenden Kamera passiert, hat fast die psychologischen Dimensionen einer Beichte. Jahrzehnte hat sie wenig über diese Zeit gesprochen. Anfangs hatte niemand Interesse an ihren Aufzeichnungen. Nur G.W. Pabst hat sie für seinen Film DER LETZTE AKT 1955 als Beraterin hinzugezogen. Jetzt strömen die Worte unaufhaltsam aus ihr heraus, bis sie erschöpft zusammensinkt. Hinter den geschliffenen Formulierungen spürt man den unerträglichen Druck, der sich über Jahrzehnte aufgebaut hat. "Ich frage es mich noch heute: Wie es sein kann, dass ich nicht gespürt habe, dass dieser höfliche Mann ein solches Ungeheuer gewesen ist." Abgeschottet im engsten Kreis, sei sie zu nahe dran gewesen am Zentrum des Geschehens: Im toten Winkel der Geschichte. Und der Zuschauer stellt sich die Frage, wo wohl sein persönlicher toter Winkel verborgen liegen mag.

André Heller und Othmar Schmiderer waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ein ungeheurer Glücksfall. Dankenswerter Weise verzichten sie auf großes Equipment. Da ist nur diese gepflegte Dame in ihrer winzigen Einzimmerwohnung in Schwabing und erzählt. Keine Archivaufnahme zerstört die Bilder, die vor dem geistigen Auge des Zuhörers aufsteigen: Hitler, der seine treu ergebenen Hündin Blondie Kunststückchen vorführen lässt. Hitler, der niemals Blumen in seinem Zimmer haben will, weil er nichts Totes um sich haben mag. Hitler, der sich nur ungern von Menschen berühren lässt. Die Banalität des Bösen wird greifbar.

Schließlich berichtet sie von dem Tag, an dem sie die volle Wucht der persönlichen Verantwortung traf. Jahre nach Kriegsende kam sie an einer Gedenktafel für Sophie Scholl vorbei: "Da hab ich gespürt, dass es keine Entschuldigung ist, wenn man jung ist." Das Gefühl, nichts gewusst zu haben von dem millionenfachen Mord und darum frei von Schuld zu sein, zerbricht. Seither hat sie der jungen Frau, die sie einmal war, nicht verzeihen können.

Heller und Schmiderer dokumentieren auch Traudel Junges Reaktionen auf den ersten, dreistündigen Zusammenschnitt. Gebannt hängt sie an ihren eigenen Lippen. Viel zu anekdotisch sei das erzählte, sagt die Zeitzeugin kritisch. All die Geschichten seien angesichts der ungeheuerlichen Taten völlig unwichtig. Mit der gekürzten Fassung des Films ist sie dann zufrieden.

Traudl Junge stirbt einen Tag nach der Premiere auf der Berlinale. Kurz zuvor hat sie noch mit den Filmemachern gesprochen: "Ich glaube, ich beginne mir nun zu verzeihen", hat sie gesagt.

Nani Fux

  top
   
 
 
[KINO MÜNCHEN] [FILM AKTUELL] [ARCHIV] [FORUM] [LINKS] [SITEMAP] [HOME]