| Frankreich/Lettland/D 2026 · 142 min. · FSK: ab 12 Regie: Andrey Zvyagintsev Drehbuch: Simon Lyashenko, Andrey Zvyagintsev Kamera: Mikhail Krichman Darsteller: Dmitriy Mazurov, Iris Lebedeva, Varvara Shmykova, Boris Kudrin, Yuriy Zavalnyouk u.a. |
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| Dunkelheit nicht nur in der Familie... | ||
| (Foto: Cannes · Anna Matveeva) | ||
„Wann hast du zuletzt dein Haus geputzt?“ Es ist eine dieser scheinbar beiläufigen Fragen, in denen sich eine ganze Weltordnung offenbart. Männer arbeiten, Frauen lieben. Männer verdienen das Geld, Frauen kümmern sich um das Haus, die Kinder und möglichst auch noch um das emotionale Wohlbefinden ihrer Ehemänner. So einfach sind die Verhältnisse. Jedenfalls in jener russischen Gesellschaft, die Andrei Swjaginzew in seinem neuen Film Minotaurus mit einer Präzision seziert, die einem gelegentlich den Atem nimmt. Denn was hier zunächst wie ein Ehedrama aus besseren Kreisen beginnt, entwickelt sich zu einer schonungslosen Bestandsaufnahme eines Landes, in dem die Gewalt längst zum gesellschaftlichen Organisationsprinzip geworden ist. Und in dem der Krieg nicht erst mit dem Überfall auf die Ukraine beginnt.
Gleb (Dmitriy Mazurov) ist ein erfolgreicher Unternehmer, lebt mit seiner Frau Galina (Iris Lebedeva) und dem gemeinsamen Sohn Seryozha (Boris Kudrin) in einem großzügigen Haus am Wasser. Die Räume sind weit, die Einrichtung geschmackvoll, die Landschaft von beinahe unwirklicher Schönheit. Alles scheint seinen Platz zu haben, die Menschen ebenso wie die Dinge. Doch unter der makellosen Oberfläche brodelt es längst. Glebs Unternehmen gerät unter Druck, Mitarbeiter verlassen nach dem russischen Angriff auf die Ukraine das Land, andere muss er auf staatliche Anordnung für die sogenannte Spezialoperation abstellen. Vierzehn Männer, die von einem Tag auf den anderen aus dem Betrieb und ihrem bisherigen Leben verschwinden sollen. „Dem Land sind wir doch scheißegal“, lautet eine jener Wahrheiten, die hier zwar ausgesprochen werden dürfen, aber keinerlei Konsequenzen haben.
Und während draußen ein Krieg beginnt, der offiziell keiner sein darf, entdeckt Gleb, dass seine Frau ihn betrügt.
Swjaginzew, der mit Leviathan (2014) und Loveless (2017) zwei der eindringlichsten russischen Filme der vergangenen Jahrzehnte geschaffen hat, kehrt nach neun Jahren mit einem Werk zurück, das seine bisherigen Themen nicht nur aufgreift, sondern mit einer neuen politischen Dringlichkeit versieht. Wieder geht es um den Zerfall familiärer Beziehungen, um die Verflechtung von Macht und Korruption, um eine Gesellschaft, deren moralische Fundamente längst ausgehöhlt sind. Doch diesmal fallen die private und die politische Katastrophe beinahe vollständig und zeitgleich ineinander.
Dass sich Swjaginzew für die Geschichte der ehelichen Untreue von Claude Chabrols Die untreue Frau (1969) inspirieren ließ, ist dabei mehr als eine cinephile Referenz. Wie bei Chabrol wird das bürgerliche Milieu zum Schauplatz eines Verbrechens, das nicht als Ausnahme erscheint, sondern als beinahe folgerichtiger Ausdruck seiner gesellschaftlichen Verhältnisse. Nur dass die französische Bourgeoisie hier durch eine russische Unternehmerelite ersetzt wird, deren Wohlstand und Selbstverständnis auf einer ebenso selbstverständlichen Akzeptanz von Hierarchien beruhen. Wer Macht besitzt, hat recht. Wer sie verliert, muss sich unterwerfen.
Es ist Kino, das in seiner unerbittlichen Beobachtungsgabe immer wieder an Tschechow erinnert. Nicht, weil Swjaginzew dessen melancholische Menschenfreundlichkeit teilen würde, sondern weil er wie der große russische Dramatiker die gesellschaftlichen Verhältnisse aus den kleinen Gesten, den beiläufigen Gesprächen und den vermeintlich nebensächlichen Kränkungen heraus entwickelt. Menschen reden miteinander, ohne einander zuzuhören. Sie leben zusammen, ohne sich zu kennen. Und sie klammern sich an gesellschaftliche Rollen, deren Sinn längst verloren gegangen ist. Gleb ist dabei keineswegs ein außergewöhnliches Monster. Gerade das macht ihn so erschreckend. Er ist ein Mann, der sich für anständig hält, weil er arbeitet, seine Familie versorgt und seinen Verpflichtungen nachkommt. Dass diese Ordnung auf der Unterwerfung anderer beruht, kommt ihm nicht in den Sinn. Als sie zusammenbricht, bleibt ihm nur jene Sprache, die er überraschend souverän beherrscht: die der Gewalt.
Swjaginzew erzählt diese Eskalation mit einer Kälte, die nichts mit Gleichgültigkeit zu tun hat. Seine Kamera, erneut geführt von seinem langjährigen Weggefährten Michail Kritschman, hält Abstand, beobachtet die Menschen in sorgfältig komponierten Räumen, lässt sie in der Architektur ihrer eigenen Existenz gefangen erscheinen. Und dann gibt es Bilder, die plötzlich alles zusammenführen, was der Film bis dahin fast schon radikal auseinanderdividiert hat: Etwa wenn Gleb damit beschäftigt ist, die Spuren eines Mordes zu beseitigen, und im Hintergrund ein Zug mit Panzern vorbeifährt: Der private und der staatliche Krieg, das individuelle Verbrechen und die organisierte Gewalt werden in einer einzigen Einstellung miteinander amalgamiert. Ein Bild von geradezu unheimlicher, gandenlosen Präzision, das keiner weiteren Erklärung bedarf.
Überhaupt sind die Landschaften bei Swjaginzew niemals bloße Landschaften. Das Wasser, die Wälder, die schweren Wolken über den Häusern; sie sind Teil einer Welt, in der sich das Unheil längst angekündigt hat. Wolken sind hier eben nicht nur Wolken. Die Natur ist von einer Schönheit, die umso schmerzhafter wirkt, je mehr die Menschen in ihr ihre Menschlichkeit verlieren.
Besonders beklemmend und zutiefst erschütternd ist eine Szene, in der zum Krieg eingezogene Männer zusammenstehen. Willenlos, ergeben, beinahe wie Tiere auf dem Weg zur Schlachtbank. Niemand protestiert, niemand stellt die Verhältnisse infrage. Nur eine Frau bricht zusammen, schreit ihre Verzweiflung heraus. Für einen kurzen Moment durchbricht ihr Schrei die allgemeine Erstarrung. Doch auch er wird nichts ändern. Die Männer werden gehen, der Krieg wird weitergehen, und die Zurückbleibenden werden versuchen, das alles irgendwie in ihre Vorstellung von Normalität einzupassen. „Wir beten für euch.“ heißt es irgendwann; auch das ist eine Antwort auf die Katastrophe; vielleicht sogar die bequemste.
Wie tief die gesellschaftliche Verrottung und Verrohung reicht, zeigt Swjaginzew nicht zuletzt dort, wo der Staat ins Spiel kommt. Als die Polizei einem Verbrechen auf die Spur kommt, scheint die rechtsstaatliche Ordnung für einen Moment noch zu funktionieren. Doch dann genügt ein Eingriff von oben, ein Bürgermeister, der den richtigen Mann kennt, und die Ermittlungen werden zurückgepfiffen. Die Beweise mögen noch so eindeutig sein. Entscheidend ist nicht, was geschehen ist, sondern wer es getan hat. Korruption erscheint hier nicht als bedauerliche Fehlentwicklung eines ansonsten funktionierenden Systems, sie ist das System.
Dazu passt jene beinahe groteske Restaurantszene, in der sich die wohlhabende industrielle Elite versammelt und selbst die Bestellung einer Pizza Margherita zum Ausdruck einer bemerkenswerten Gleichförmigkeit wird. Alles ist austauschbar, alles gleicht sich, selbst dort, wo Individualität und Wohlstand demonstriert werden sollen. Diese Menschen haben sich eingerichtet in einer Welt, deren Regeln sie weder verstehen noch infrage stellen müssen, solange sie von ihnen profitieren.
Die vielleicht bitterste und zugleich hellsichtigste Pointe aber hebt sich Swjaginzew für die Beziehung zwischen Gleb und Galina auf. Denn die Frau, die unter den Erwartungen an ihre Rolle als perfekte Ehefrau und Mutter leidet, ist keineswegs einfach das moralische Gegenbild ihres Mannes, wie es zu Anfang noch scheint. Sie weiß um seine Schuld und sie vergibt ihm. Nicht, weil sich die Verhältnisse grundsätzlich geändert hätten, sondern weil sie sich gerade nicht ändern sollen. Weil Gleb getan hat, was ein Mann ihrer Vorstellung nach tun muss. Weil die Wiederherstellung der familiären Ordnung wichtiger erscheint als die Frage, auf welchem Verbrechen sie beruht und welche emotionale Vorgeschichte sie hat. Auch Liebe und Leidenschaft wird hier plötzlich zu einem austauschbaren Wert, nicht anders als die Pizza im Restaurant.
Hier erreicht Swjaginzews Analyse toxischer Männlichkeit dann auch ihre eigentliche, sehr subtile Schärfe. Denn diese wird nicht allein von Männern hervorgebracht und verteidigt. Sie reproduziert sich ebenso durch jene Frauen, die unter ihr leiden, ihre Regeln aber dennoch verinnerlicht haben. Die Gewalt wird entschuldigt, weil sie als notwendiger Bestandteil männlicher Stärke erscheint. Die Unterwerfung wird zur Liebe umgedeutet, das Verbrechen zur Pflichterfüllung. Was für eine Gesellschaft soll aus solchen Beziehungen hervorgehen? Und wie sollte ein Staat, dessen Bürger schon im Privaten Gewalt mit Verantwortung verwechseln, im Politischen zu anderen Lösungen finden?
Dennoch ist Minotaurus nicht ganz so dicht, nicht so widersprüchlich und ambivalent wie Swjaginzews Meisterwerk Leviathan oder auch Loveless. In beiden Filmen schien sich hinter jeder noch so präzisen Beobachtung ein weiterer Abgrund aufzutun. Ihre Figuren entzogen sich immer wieder den Deutungen, die man ihnen gerade noch zuweisen wollte. Minotaurus hingegen ist stärker konstruiert, analytischer, beinahe von einer filmischen Mathematik durchdrungen, in der jedes Motiv auf ein anderes verweist und jedes Bild seinen Platz in einer übergeordneten Gleichung besitzt. Das ist keineswegs ein Einwand gegen Swjaginzews Drama, sondern eher eine Beobachtung, die sich auch auf andere herausragende Filme der Gegenwart übertragen ließe. Ich denke an The Zone of Interest von Jonathan Glazer oder, auf ganz andere Weise, an Alejandro González Iñárritus Digger. Auch dort wird das Kino zunehmend zu einer Versuchsanordnung, in der gesellschaftliche Mechanismen nicht nur dargestellt, sondern mit beinahe wissenschaftlicher Präzision freigelegt werden. Der Preis dafür ist eine gewisse Eindeutigkeit, da die Figuren zu Bestandteilen einer Analyse werden, die ihre Ergebnisse bereits zu kennen scheint.
Doch Swjaginzew besitzt die außergewöhnliche Fähigkeit, diese Konstruktion durch die Kraft seiner Bilder, durch das Schweigen seiner Figuren und durch das genaue Gespür für die Abgründe menschlicher Beziehungen immer wieder in lebendiges Kino zu verwandeln; auch durch vermeintliche Nebensächlichkeiten wie das Color Grading der familiären Innenräume, die an die zunehmende „Verdunklung“ des Familiendomizils in Breaking Bad erinnern. Dass Minotaurus seine politische Diagnose neben solchen subtilen Mitteln gleichsam so unerbittlich formuliert, hat schließlich auch mit dem historischen Moment zu tun, in dem dieser Film entstanden ist: Swjaginzew lebt inzwischen im Exil. Eine schwere Covid-Erkrankung hatte ihn 2021 beinahe das Leben gekostet, elf Monate verbrachte er im Krankenhaus. Dass er überhaupt noch einmal einen Film drehen konnte, grenzt fast an ein Wunder. In Cannes, wo Minotaurus mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde, richtete er sich in seiner Dankesrede direkt an Wladimir Putin und forderte ein Ende des Blutvergießens in der Ukraine. Im September wurde er in Russland als „ausländischer Agent“ eingestuft, was nicht viel anders als eine „Fatwa“ ist, also ein Todesurteil ideologischer Machart.
Man muss die biografischen und politischen Umstände nicht kennen, um die Wucht von Swjaginzews Films zu spüren. Aber sie verleihen ihm eine zusätzliche Dimension. Minotaurus ist nicht einfach die Abrechnung eines Exilanten mit seiner Heimat. Es ist der Versuch, zu verstehen, wie eine Gesellschaft an einen Punkt gelangen konnte, an dem Gewalt nicht mehr als moralischer Ausnahmezustand empfunden wird, sondern als selbstverständliches Mittel, die bestehende Ordnung aufrechtzuerhalten.
Der Minotaurus der griechischen Mythologie hauste in einem Labyrinth und verschlang die Menschen, die ihm geopfert wurden. Bei Swjaginzew ist das Labyrinth längst zur gesellschaftlichen Normalität geworden. Und das Ungeheuer wartet nicht irgendwo in dessen Mitte. Es sitzt am Esstisch, führt ein Unternehmen, liebt seine Familie und glaubt, alles richtig gemacht zu haben. Das ist dann auch das eigentlich Erschreckende an diesem großen, bitteren Film: Nicht, dass seine Menschen keinen Ausweg finden. Sondern dass sie längst aufgehört haben, nach einem zu suchen.